Il Cinema Ritrovato 2026: Notiz zu The Dislocation of Amber von Hussein Shariffe

Text: Urs Kamber

Um die Bil­der wie­der­zu­fin­den, muss­ten sie erst ver­schüt­tet wer­den. Auf einer Wüs­ten­in­sel ste­hen wei­ße Mau­er­res­te, die Rui­nen einer Stadt, wie ver­kalk­te Tropf­stein­ge­bil­de, und man möch­te all jene ande­ren Städ­ten dar­in wie­der­erken­nen, deren Bil­der der Zer­stö­rung um die Welt gin­gen und gehen. Noch nicht ganz dem Boden, aber der Ver­gan­gen­heit gleichgemacht.

Wie ein gött­li­cher Blick kreist die Kame­ra in der Luft, bevor das Bild über­blen­det auf ebe­ne Erde. Lan­ge Schwenks tas­ten die Rui­nen auf ihre Ver­gan­gen­heit ab, als sie zur Stadt namens Sua­kin gehör­ten, flo­rie­ren­der Han­del vor der Küs­te Sudans.

Die Bil­der fin­den den Wie­der­glanz des Lichts auf der Was­ser­ober­flä­che, und die flim­mern­de Luft am Strand. Zwei Kame­le (oder das­sel­be Dro­me­dar zwei­mal) lau­fen durchs Bild, mit leich­ter Ver­zö­ge­rung über­blen­det, als wäre das Auge lang­sam vor Hitze.

Stets ist rezi­ta­ti­ver Gesang zu hören, hyp­no­tisch, melan­cho­lisch, ein Brum­men unter der Erd­ober­flä­che. Die Kame­ra ertas­tet die Schrift­zei­chen, die die Wän­de und Fens­ter­stür­ze zieren.

Ver­schie­dent­lich regt sich hart­nä­cki­ges Leben in den Rui­nen: ein Skor­pi­on, der durch den Sand krab­belt, oder ein Gesicht – von fern in einem Fens­ter erblickt, mit einem Zoom wie ein Peit­schen­schlag her­an­ge­rückt – das schmerz­ver­zerrt him­mel­wärts blickt. Eine Grup­pe Men­schen, (Der­wi­sche?) im Kreis tan­zend. Ein Mann in wei­ßem Gewand und Fez, der eine Stan­dar­te mit tür­ki­scher Flag­ge mit sich führt, kur­ze Zeit spä­ter fin­det die Kame­ra ihn wie­der, staub­be­deckt unter Trüm­mern lie­gend. Und dann der Tross ver­schlepp­ter Skla­ven, in Ket­ten auf die unge­wis­se Zukunft harrend.

In sol­chen Sze­nen wird die lan­ge und unheil­vol­le Geschich­te der zer­stör­ten Stadt her­auf­be­schwo­ren. Bis­wei­len wird sie in her­me­ti­scher Meta­pho­rik ver­klärt, wie in jener Ein­stel­lung, in der ein Segel­boot zwi­schen den Knien einer lie­gen­den nack­ten Frau im Was­ser Kurs auf sie zunimmt. 

Die Toch­ter des Regis­seurs erzählt, wie gerührt sie war vom neu­en Glanz der Restau­rie­rung; die­se ent­stand im Rah­men der Lehr­aus­bil­dung jun­ger Restau­ra­teu­rIn­nen des Cimathe­que – Alter­na­ti­ve Film Cent­re in Kai­ro. Für den Film ist die Zukunft damit vor­erst gesichert.