Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Interview: DFFB-Direktor Ben Gibson – „Der Schock des Realen“

Am 18.9.1966 wur­de die Deut­sche Film- und Fern­seh­aka­de­mie Ber­lin (dffb) als ers­te eigen­stän­di­ge Film­hoch­schu­le in der Bun­des­re­pu­blik gegrün­det. Wil­ly Brandt hielt die Eröff­nungs­re­de. Der Grün­dung gin­gen vier­jäh­ri­ge zähe Aus­ein­an­der­set­zun­gen um Stand­ort und Per­so­na­li­en vor­aus. Als Direk­to­ren-Dop­pel­spit­ze tra­ten schließ­lich Heinz Rath­sack und Erwin Lei­ser an. Lei­ser ver­ließ die dffb nach kur­zer Zeit. Heinz Rath­sack lei­te­te die Aka­de­mie bis 1989. 

Die dffb kann sich u.a. ‹rüh­men›, dass sie bei der aller­ers­ten Auf­nah­me­prü­fung 1966 Rai­ner Wer­ner Fass­bin­der ablehn­te, dass Hol­ger Meins dort gemein­sam mit Wolf­gang Peter­sen stu­dier­te, und dass sie ein­mal von einem Direk­tor, Hart­mut Bitom­sky, gelei­tet wur­de, der bei sei­nem Amts­an­tritt (2004) eigent­lich schon seit über 30 Jah­ren Haus­ver­bot hat­te. Noch immer gilt sie als Deutsch­lands poli­tischs­te Film­hoch­schu­le, sie soll­te ein­mal „ein Bau­haus des Films“ (Heinz Rath­sack) wer­den und pro­fes­sio­na­li­sier­te sich schließ­lich unter dem Slo­gan „Low Bud­get, High Ener­gy“ (Rein­hard Hauff). Seit Anfang die­ses Jah­res hat sie einen neu­en Direk­tor, den Bri­ten Ben Gib­son. Gib­son hat­te sich als Pro­du­zent von Autoren­fil­mern wie Derek Jar­man oder Terence Davies einen Namen gemacht und über vie­le Jah­re die Lon­don Film School gelei­tet hat. Für das Jubi­lä­ums­jahr hat er das Mot­to „Shock Of The Real“ erfunden.

Ben Gibson
Ben Gib­son

Mit die­sem Slo­gan fügt sich Gib­son – viel­leicht nicht ohne Bruch, aber das kann auch von Vor­teil sein – in die Tra­di­ti­on der dffb ein und klingt dabei kaum anders als Grün­dungs­di­rek­tor Heinz Rath­sack, der bereits 1973 äußer­te, dass es nicht Auf­ga­be sei, „die herr­schen­de Pro­duk­ti­ons­pra­xis bewusst­los zu repro­du­zie­ren, son­dern dass die­se Aus­bil­dung Ver­än­de­run­gen mög­lich machen soll. Das Aus­bil­dungs­ziel ist, die herr­schen­de Pro­duk­ti­ons­pra­xis zu verändern.“

Es ist erstaun­lich, wie ähn­lich die Über­le­gun­gen von Ben Gib­son zur Zukunft der dffb klin­gen. Das Inter­view mit Ben Gib­son führ­ten Ralph Eue und Fabi­an Tiet­ke im Juli 2016 in Berlin. 

Umfang­rei­che Infor­ma­tio­nen zur dffb, sowie Mög­lich­keit der Online-Sich­tung von ins­ge­samt 70 dffb-Pro­duk­tio­nen aus den ver­gan­ge­nen 50 Jah­ren sind zu fin­den auf der von der Deut­schen Kine­ma­thek erar­bei­te­ten Web­site.

Eine Retro­spek­ti­ve mit dffb-Fil­men wird im Früh­jahr 2017 im Ber­li­ner Kino Arse­nal zu sehen sein.

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Hele­ne Schwarz (© Hel­mut Herbst)

Der Grün­dungs­di­rek­tor der dffb, Heinz Rath­sack, hat bei der Grün­dung der Deut­sche Film- und Fern­seh­aka­de­mie Ber­lin (dffb) im Sep­tem­ber 1966 das Bau­haus als sein Vor­bild genannt. In wel­chem Umfang sehen Sie eine sol­che Visi­on in der jetzt fünf­zig­jäh­ri­gen Geschich­te ein­ge­löst? Und stellt das für Sie, als neu­er Direk­tor seit Anfang die­ses Jah­res, der Bau­haus-Gedan­ke eine blei­ben­de Refe­renz auch für die Zukunft dar?

Gib­son: Ich weiß nicht, was die genau­en Grün­de für Herrn Rath­sack waren, das Bau­haus her­auf­zu­be­schwö­ren, aber tat­säch­lich schät­ze ich das Bau­haus sehr. Ande­rer­seits sehe ich an der dffb, so wie sie heu­te exis­tiert, sehr wenig von dem rea­li­siert, was das Bau­haus aus­ge­macht hat. Für mich besteht einer der zen­tra­len Punk­te der Bau­haus-Idee dar­in, dass auch die sozia­len Bezie­hun­gen mit­be­dacht wer­den, wenn es dar­um geht, unter­schied­li­che intel­lek­tu­el­le und hand­werk­li­che Instink­te und Kennt­nis­se an einem Ort zusam­men­zu­brin­gen. In der dffb, so wie sie sich im Moment dar­stellt, lebt in gewis­ser Wei­se eine aris­to­kra­ti­sche Vor­stel­lung von Kunst­pro­duk­ti­on fort, die dar­in besteht, dass einer eine künst­le­ri­sche Idee hat und ande­re die­se Idee umset­zen. Im Bau­haus ging es dage­gen dar­um, dass jeder auch in die hand­werk­li­chen Details so sehr ein­ge­bun­den ist, dass sich ein ganz­heit­li­ches Den­ken und Prak­ti­zie­ren von Hand­werk und Kunst orga­nisch ein­stellt. Im Bau­haus hieß es doch auch: es ist schwie­ri­ger und nütz­li­cher eine her­vor­ra­gen­de Tee­kan­ne zu ent­wi­ckeln als ein mit­tel­mä­ßi­ges Gemälde. 

Was heißt das für eine Film- und Fern­seh­aka­de­mie im Jahr 2016?

Eine Film­schu­le ist – wenn sie eine sinn­vol­le Arbeit macht – kein Trai­nings­la­ger für Nach­wuchs­kräf­te einer schon vor­han­de­nen Film­bran­che, son­dern zielt dar­auf ab, die­se Bran­che neu zu erfin­den und sie zu erset­zen. Man kann das mit fort­wäh­ren­der Unter­wan­de­rung machen oder als sub­stan­ti­el­les Pro­jekt. Wenn Sie sich etwa die Geschich­te der Pra­ger Film­schu­le (FAMU) anschau­en, so haben da bei­de Kräf­te zusam­men­ge­wirkt und letzt­lich einen Umsturz der natio­na­len tsche­chi­schen Kine­ma­to­gra­phie initi­iert. Im heu­ti­gen euro­päi­schen Kon­text wün­sche ich mir, dass sich in unse­rer Aka­de­mie künst­le­ri­sche Per­sön­lich­kei­ten ent­wi­ckeln, die hin­läng­lich qua­li­fi­ziert und gebil­det sind, um als Film-Macher eine anstän­di­ge Arbeit abzu­lie­fern, die aber auch dar­an mit­tun die­ses alte Argu­ment des Wider­spruchs von Kunst und Kom­merz zu dis­kre­di­tie­ren. Kürz­lich hör­te ich von Chris­toph Hoch­häus­ler, dass er gemein­sam mit einem Ver­tre­ter von Neue Con­stan­tin auf einem Podi­um saß, und der Con­stan­tin-Mann sich vor­stell­te als jemand aus dem Stall, wo die rich­ti­gen Fil­me ent­ste­hen. Ich mei­ne, die Rea­li­tät hat eine sol­che Hal­tung sowie­so schon wider­legt. Es ist eigent­lich Kräf­te­ver­geu­dung, sich wei­ter dar­an abzustrampeln.

Schau­en wir uns ein­fach an, was in die­sem Jahr in Deutsch­land gesche­hen ist: als völ­li­ge Über­ra­schung für jeden, der das fil­mi­sche Gesche­hen in Euro­pa und auf ande­ren Märk­ten beob­ach­tet, taucht ein Film wie Toni Erd­mann auf, der extrem auf die Autoren­po­si­ti­on setzt, die­se offen­siv ver­mark­tet und damit Erfolg hat.

Das ist aber nicht neu. Das haben ande­re zuvor auch schon getan und haben sich damit lei­der nicht durchgesetzt.

Mein bio­gra­phi­scher und kine­ma­to­gra­phi­scher Hin­ter­grund ist ja das, was ein­mal zum New Bri­tish Cine­ma wur­de. Regis­seu­re wie Derek Jar­man, Terence Davies oder auch Isaac Juli­en haben sich in ihrer Anfangs­zeit nie als Erneue­rer auf dem Feld des bri­ti­schen Films ver­stan­den. Und umge­kehrt wur­den sie von Sei­ten der natio­na­len Film­in­dus­trie als Abschaum ange­se­hen, unbri­tisch oder was Sie sonst noch wol­len. Es war eine frucht­ba­re Atmo­sphä­re gegen­sei­ti­ger Abnei­gung. Wenn Sie heu­te jeman­den nach den wich­tigs­ten bri­ti­schen Fil­me­ma­cher der letz­ten Jahr­zehn­te fra­gen, wer­den Sie mit Sicher­heit auch die Namen Jar­man, Davies und Juli­en hören. Die­se Iro­nie der Geschich­te gefällt mir natür­lich sehr.

Ich glau­be, es ist ein popu­lä­res Miss­ver­ständ­nis an vie­len Film­schu­len, dass Stu­die­ren­de an einer Schu­le ankom­men, und sagen: „ich weiß schon, was es bis­her an deut­schen oder ita­lie­ni­schen oder bri­ti­schen oder fran­zö­si­schen Fil­men gab, ist dürf­tig, aber jetzt kom­me ich …“. Abge­se­hen von der pro­ble­ma­ti­schen Selbst­über­schat­zung zeugt das auch von fal­schen Zielen. 

Im Zusam­men­hang Ihrer Beru­fung als Direk­tor der dffb haben Sie mehr­fach das Wort Kon­ser­va­to­ri­um gebraucht. Was mei­nen Sie damit?

In mei­ner Vor­stel­lung könn­te die dffb so etwas wie ein Kon­ser­va­to­ri­um sein, was ein ziem­lich struk­tu­rier­ter Rah­men ist und eine wirk­lich umfas­sen­de Erfah­rung. Das könn­te das Grund­stu­di­um sein. Dar­an könn­te ein gemein­sa­mes Stu­dio für Expe­ri­men­te und Zusam­men­ar­beit als Haupt­stu­di­um anschließen.

Ich bin der Mei­nung, dass ein Regis­seur, der nicht viel Zeit mit Kame­ra­lin­sen und der Kunst der Kame­ra ver­bracht hat und sechs Fil­me pro Woche sieht und eine Men­ge Fil­me sel­ber macht und mög­li­cher­wei­se schei­tert, ein­fach kei­ne wirk­li­che hand­werk­li­che Grund­la­ge hat, um ein guter Regis­seur zu wer­den. Ich sehe es schlicht nicht als unse­re Auf­ga­be an, die vagen Annah­men der Stu­die­ren­den über ihre Zukunft zu pfle­gen und dass sie viel­leicht eines nicht all­zu fer­nen Tages Genies sein wer­den, wenn man sie nur ihrer Intui­ti­on fol­gen lässt.

Wenn an einem Kon­ser­va­to­ri­um für Musik jemand sagt „Ich mag es nicht, mei­ne lin­ke Hand zu benut­zen, ich spie­le die Vio­li­ne lie­ber so“, dann sagt doch auch jemand: „In Ord­nung, aber war­um machst Du das nicht, nach­dem Du gelernt hast, was Du mit Dei­ner lin­ken Hand gemacht hät­test.“ Das ist sinn­stif­ten­der. Die­ses Den­ken, dass wir selbst­ver­ständ­lich bei der Vio­li­ne anwen­den, nicht auch auf Film anzu­wen­den, ist mei­ner Mei­nung nach ein­fach respekt­los gegen­über mehr als 100 Jah­ren Filmhandwerk.

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Ulrich Gre­gor (© Hel­mut Herbst)

Liegt es nicht in der DNA der dffb begrün­det, dass sol­che Vor­stel­lun­gen eher Wider­stand hervorrufen?

Es ist das Ange­bot einer pro­duk­ti­ven Rei­bungs­flä­che. Ich glau­be ein­fach, dass man in einer Insti­tu­ti­on wie der dffb auch ver­pflich­tet ist, der 120-jäh­ri­gen Geschich­te unse­rer Kunst und unse­res Medi­ums Respekt zu zol­len. In älte­ren Küns­ten hat das eine viel grö­ße­re Selbst­ver­ständ­lich­keit. Es gibt Bün­de, Gil­den, Zünf­te. Ab dem Zeit­punkt, da Sie in die­sen Kreis ein­tre­ten gehö­ren Sie dazu, erst als Novi­ze, spä­ter als Mit­glied, irgend­wann als Senior. 

Gibt es über sol­che The­men, die einer­seits film­di­dak­tisch sind, dar­über hin­aus aber auch berufs­stän­di­sche Fra­gen berüh­ren und das Feld von Tra­di­ti­on und Fort­schritt, Kon­ti­nui­tät und Bruch beackern einen Aus­tausch zwi­schen den Filmschulen?

Ich habe bis­lang an drei Film­schu­len in drei Län­dern (Eng­land, Aus­tra­li­en, Deutsch­land) gear­bei­tet und vor­her ande­re Din­ge gemacht. Ich sehe mich nicht als Exper­ten für Film­schu­len, aber als ich für die Film­schu­le in Aus­tra­li­en ein Arbeits­pa­pier über Lehr­plä­ne für unse­re Stu­di­en­gän­ge geschrie­ben habe und es an eine Bekann­te in Hong­kong geschickt habe, mein­te sie, dass das noch nie­mand gemacht hät­te. Alle behal­ten ihre Didak­tik und päd­ago­gi­schen Ansät­ze für sich und nie­mand redet wirk­lich darüber.

Gibt es bestimm­te fil­mi­sche Kon­zep­te, die Sie an der dffb stär­ken möch­ten? Auf­grund Ihrer Vor­ge­schich­te sind Sie stark ver­an­kert im bri­ti­schen und euro­päi­schen Autoren­film. Wie wird sich das in Ihrer Amts­zeit niederschlagen. 

Es kos­tet ja inzwi­schen nichts mehr, sich zum Autoren­film zu beken­nen. Ich erin­ne­re mich vage an eine Über­le­gung von Godard, dass es schlecht ist, sich als Fil­me­ma­cher als etwas Bes­se­res zu sehen als einen ein­fa­chen Arbei­ter oder Hand­wer­ker. Er sagt dann auch noch, unge­fähr, dass man sich als Autor leicht über den Geset­zen ste­hend wähnt, als König, der für ande­re Köni­ge arbei­tet und auch selbst einer ist. Ich ste­he dem Begriff „Autor“ inso­fern eher skep­tisch gegen­über, als er zu einer sehr ver­kürz­ten Vor­stel­lung gewor­den ist: Das Indi­vi­du­um als allei­ni­ger und auto­no­mer Schöp­fer. Min­des­tens seit Freud und Marx wis­sen wir, dass das Indi­vi­du­um nur eine Schnitt­men­ge sehr unter­schied­li­cher Kräf­te und Ener­gien ist. So betrach­tet, ist der Begriff des Indi­vi­du­ums selbst bei­na­he schon obso­let. Ich fin­de, jede Aus­ein­an­der­set­zung dar­über, wofür das Kino da ist, soll­te im Café der Film­schu­le geführt wer­den unter den Stu­die­ren­den und unse­re Auf­ga­be ist es, bei­den Sei­ten so vie­le Infor­ma­tio­nen und Argu­men­te wie mög­lich zu lie­fern, um die Aus­ein­an­der­set­zung zu ermög­li­chen. Wenn irgend­je­mand die­se Dis­kus­si­on je gewin­nen soll­te, stün­de es wirk­lich schlecht ums Kino.

Sie haben sich wie­der­holt auf das berühm­te Godard-Zitat bezo­gen, dass es nicht dar­um gehe, poli­ti­sche Fil­me zu machen, son­dern Fil­me poli­tisch zu machen. Wor­auf wol­len Sie damit hinaus?

Die Fra­ge ums Poli­ti­sche beim Fil­me­ma­chen scheint mir tat­säch­lich wich­tig. Es kommt mir nur so vor, als wür­de meist sehr kurz­schlüs­sig, ja fast pro­pa­gan­dis­tisch damit ver­fah­ren. Wenn Poli­tik in Fil­men so ver­stan­den wird, dass Sie ein poli­ti­sches The­ma oder eine poli­ti­sche Idee her­neh­men und sich dann Figu­ren aus­den­ken, die als Stell­ver­tre­ter von gegen­sätz­li­chen Ansich­ten um einen Kon­flikt her­um poli­tisch han­deln, dann inter­es­siert mich das, nun ja, wenig. Was aus die­ser Hal­tung ent­steht, nen­ne ich Illus­tra­ti­ons­fil­me. Ich nen­ne sie auch betrü­ge­risch. Poli­tisch und filmisch.

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Klaus Wil­den­hahn & Rolf Dep­pe (© Hel­mut Herbst)

Die Akti­vi­tä­ten, mit denen die dffb im Jubi­lä­ums­jahr an die Öffent­lich­keit tre­ten wird, ste­hen unter der Paro­le „Shock Of The Real“. Wel­che Bedeu­tung hat Rea­lis­mus für Sie?

Ich glau­be, dass die Vor­stel­lun­gen von dem, was Rea­lis­mus kann und soll all­ge­mein sehr schlicht sind. Sowohl bei den Befür­wor­tern wie bei den Geg­nern des Rea­lis­mus: über­spitzt for­mu­liert, dass Rea­lis­mus ein Frei­brief für die Bequem­lich­keit ist, sich nicht mit for­ma­len Fra­gen zu beschäf­ti­gen; oder auch, dass Sti­li­sie­rung eine grö­ße­re Distanz zur Rea­li­tät beinhal­tet etc. Ich wür­de statt­des­sen gern an einen Punkt kom­men, wo Über­le­gun­gen zur eige­nen Posi­ti­on gegen­über einem Sujet selbst­ver­ständ­li­cher Teil der Arbeit als Fil­me­ma­cher sind. Ein Bei­spiel: Wenn Sie in ein Flücht­lings­la­ger gehen und dort dre­hen, reicht es nicht aus, dass sie ‹total nah dran› sind, son­dern sie müs­sen sich sel­ber eini­ge Fra­gen stel­len und zu beant­wor­ten ver­su­chen bevor Sie über­haupt die Kame­ra in Posi­ti­on brin­gen – denn Sie sind ja grund­sätz­lich hin­ter der Kame­ra, die ande­ren sind davor; Sie sind ein Euro­pä­er, ver­mut­lich aus der Mit­tel­schicht und bean­spru­chen, indem Sie hin­ter der Kame­ra sind, die Blick­ho­heit über ihr Gegen­über. All das tan­giert die Art ihres Fil­me­ma­chens und das gehört thematisiert. 

Sie haben in Bezug auf Ihre Arbeit in der Lon­don Film School betont, dass das Cur­ri­cu­lum dort inter­na­tio­nal ori­en­tiert war. Wür­den Sie das Arbeits­feld der dffb eher im inter­na­tio­na­len Kreis der Film­schu­len sehen und nicht so sehr im deutschen?

Das wür­de ich so nicht sagen. Ich habe noch eini­ges auf­zu­ho­len, was die Infra­struk­tur für unab­hän­gi­ges Fil­me­ma­chen und auch das hie­si­ge Fern­se­hen angeht. Ich glau­be aber, dass Pro­du­zen­ten, Regis­seu­re und viel­leicht auch Dreh­buch­au­to­ren, sich zuneh­mend fra­gen, wie sie ihre Arbeit in einem ande­ren Rah­men als dem einer natio­na­len Kine­ma­to­gra­fie frucht­bar machen kön­nen. Die Vor­stel­lung einer natio­na­len Kine­ma­to­gra­fie ist in öko­no­mi­scher Hin­sicht viel­leicht noch eine gute Kate­go­rie, oder auch in Bran­chen­pu­bli­ka­tio­nen, aber sie bedeu­ten doch nichts mehr in Bezug auf eine Film­kul­tur oder für ein­zel­ne Filmemacher.

Die inter­na­tio­na­le Per­spek­ti­ve ist für die dffb sehr wich­tig. Aber nicht inter­na­tio­nal in dem Sin­ne, dass alle schlech­tes Eng­lisch spre­chen, son­dern in dem Sin­ne, dass wir Deutsch spre­chen müs­sen um Eng­lisch ver­stan­den zu wer­den. Das Para­dox ist im Grun­de: man muss ver­su­chen, inter­na­tio­nal zu arbei­ten von dort aus, wo man gera­de ver­or­tet ist. Erst dann wird die eige­ne Exis­tenz inter­na­tio­nal deutlich.

Was bedeu­tet die­se Inter­na­tio­na­li­tät für die Fil­me, die in den nächs­ten Jah­ren an der dffb ent­ste­hen? Rein­hard Hauff hat wäh­rend sei­ner Amts­zeit als Direk­tor der dffb (1993 ‑2005) den Slo­gan „Low Bud­get, High Ener­gy“ geprägt. Gehen Ihre Über­le­gun­gen in die glei­che Richtung?

Ich den­ke schon. War­um schau­en wir nicht, was wir in Sachen Low Bud­get-Fil­me (oder über unab­hän­gi­ges Fil­me­ma­chen gene­rell) von Buka­rest zum Bei­spiel ler­nen kön­nen. Ich weiß nicht, ob Buka­rest heu­te noch so sehr vor Ener­gie brennt wie vor ein paar Jah­ren, aber selbst wenn nicht, dann gibt es etwas Ähn­li­ches sicher bald anders­wo. Ich ver­ste­he Inter­na­tio­na­li­tät als die Bereit­schaft, ande­re Ein­flüs­se zu absor­bie­ren und für die eige­ne Pro­duk­ti­ons­wirk­lich­keit davon zu lernen. 

Ich glau­be in Deutsch­land ver­ste­hen vie­le nicht, dass hier etwas hoch­ge­wach­sen ist, das auf Dau­er schwer zu hand­ha­ben ist. Kein ande­res Land in der Welt pro­du­ziert fast schon stan­dard­mä­ßig Lang­fil­me in Film­schu­len. Eines mei­ner zen­tra­len The­men ist es, dass Stu­die­ren­de, die ein Pro­jekt für 600.000 EUR geplant und ent­wi­ckelt haben, tat­säch­lich aber nur 250.000 EUR zur Ver­fü­gung haben, sich u.U. ein­fach vier Mona­te hin­set­zen und das Script über­ar­bei­ten müs­sen, bis es als Script für einen 250.000-EUR-Film taugt.

Nahe­zu jeder Low Bud­get-Film, den ich in Deutsch­land sehe, ist kein Low Bud­get-Film, son­dern eher ein Ama­teur­film, weil nie­mand mit einem gege­be­nen Bud­get rich­tig umzu­ge­hen wuss­te. In mei­nen Augen muss das das Zen­trum der Leh­re sein: wie schrei­be ich einen Film so, dass die Ästhe­tik zum Bud­get passt. In ande­ren Län­dern ist das eine Selbst­ver­ständ­lich­keit. Es gibt einen gan­zen Strang der Film­ge­schich­te, aus dem man genau das für unse­re Art des Fil­me­ma­chens ler­nen kann. Aber in Deutsch­land gilt jemand als unhöf­lich, wenn er einem Fil­me­ma­cher sagt, dass er den Film, so wie er im Dreh­buch ange­deu­tet erscheint, nicht mit dem Bud­get dre­hen kann, das er nun mal zur Ver­fü­gung hat.