Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Still aus Jan Soldats 'Hotel Straussberg'

Interview mit Jan Soldat: Kontrolliertes Einlassen

Jan Sol­dat gehört zu den inter­es­san­tes­ten deut­schen Doku­men­ta­ris­ten der Gegen­wart. Er por­trä­tiert Men­schen, die sich sexu­ell abseits gesell­schaft­li­cher Nor­men ver­or­ten, auf Augen­hö­he und in gegen­sei­ti­gem Ein­ver­ständ­nis. Sei­ne Fil­me ver­stel­len eben­so­we­nig wie sie aus­stel­len, las­sen die Por­trä­tier­ten für sich spre­chen und ermög­li­chen so ein unbe­fan­ge­nes Ken­nen­ler­nen – es ist eine empa­thi­sche Distanz, die letzt­lich auf Nähe hin­aus will. Eine zwei­tä­gi­ge Prä­sen­ta­ti­on von Fil­men des 31-jäh­ri­gen Regis­seurs im Wie­ner Stadt­ki­no bot die Geleg­ne­heit zum Gespräch über Sol­dats künst­le­ri­schen Wer­de­gang, sei­ne per­ma­nen­te Arbeit an der eige­nen Metho­de und die Fra­ge nach Ver­ant­wor­tung im Doku­men­tar­film. Das Inter­view wur­de am 14. April auf der Wie­se des Hel­den­plat­zes geführt.

Still aus Jan Soldats 'Hotel Straussberg'
Still aus Jan Sol­dats ‹Hotel Straussberg›

Andrey Arnold: Mir ist ges­tern auf­ge­fal­len, dass du beim Q&A nach den Scree­nings ein Metal-Band­shirt anhat­test. Der Schrift­zug war kaum zu ent­zif­fern, wel­che Band war das?

Jan Sol­dat: Wol­ves in the Thro­ne Room.

Bist du selbst Metal-Fan?

Nicht wirk­lich, aber ich kom­me aus der Rich­tung – mei­ne Kum­pels haben von Grind­core über Black und Death alles gehört. Doom fand ich auch noch cool!

War das in dei­ner Jugendzeit?

Schon auch noch Anfang 20. Ich habe mir das live immer rein­ge­zo­gen, war jeden Frei­tag bei einem Metal-Kon­zert. Speed, Thrash, alles Mög­li­che, es war immer eine Band am Start. In mei­nem Freun­des­kreis waren vie­le Metal­ler, und zum Weg­ge­hen fand ich das gut, zuhau­se habe ich es aber nie gehört, außer viel­leicht mal ein biss­chen Burz­um oder Dim­mu Bor­gir. Wol­ves in the Thro­ne Room höre ich erst seit einem Jahr, ich fin­de die ein­fach krass. Inhalt­lich und for­mal ist das völ­lig unty­pisch für Black Metal, wie ein Exor­zis­mus der Gen­re-Flos­keln. Im Ver­gleich zu etwas wie Burz­um ist ihre Musik total beja­hend, sie hat eine gei­le posi­ti­ve Ener­gie. Ich wuss­te anfangs gar nicht, wor­über die sin­gen, aber man spürt, ohne es zu wis­sen, dass es etwas ganz Natur­ver­bun­de­nes ist. Das sind ja Bio­bau­ern, die am Rand der Gesell­schaft leben und dort die­se Mucke machen. Das merkst du auch in den Bil­dern, die sie besin­gen, das sind vor­wie­gend mys­ti­sche Natur­bil­der. Ich fand es span­nend, dass es so posi­tiv ist.

Warst du frü­her eher an Musik inter­es­siert als an Film?

Nein, das war ein­fach nur mein Umfeld, als ich auf­ge­wach­sen bin. Ich kann dir auch nicht sagen, war­um, aber in Chem­nitz, im Erz­ge­bir­ge, gibt es eine extrem kras­se Metal­sze­ne. Ich selbst war eher Gruf­tie, habe Gothic und Indus­tri­al gehört, aber wir waren alle immer auf Kon­zer­ten. Das hat aber nichts mit mei­nem fil­mi­schen Wer­de­gang zu tun. Ich habe ja frü­her auch Mathe­ma­tik stu­diert, spä­ter Maschi­nen­bau, und dann habe ich mir irgend­wann gedacht, ich mache jetzt einen Kurzfilm.

War Film in dei­nem Umfeld zu der Zeit stär­ker präsent?

Immer, aber nicht als Kunst. Ich hab mir haupt­säch­lich Main­stream-Scheiß ange­guckt, viel Männer-Actionkino.

Hast du dir da schon aus­ge­malt, dass du spä­ter mal Fil­me machen wirst?

Nein, das hat kei­ne Her­lei­tung. 2006 woll­te ich ein­fach Kame­ra machen und etwas fil­men. Und seit­dem habe ich Fil­me gemacht.

War dei­ne Bewer­bung an der Film­hoch­schu­le in Pots­dam auch eher Zufall?

Ich habe den Kurz­film damals ja mit einem Kum­pel zusam­men gemacht, das war eher so Splat­ter-Zeug. Auf­schnei­den und so, das fan­den wir irgend­wie cool. Viel Kot­zen auch, Kot­ze fres­sen. (lacht) Und das hät­te ich wohl auch wei­ter­ge­macht, aber dann kam das Arbeits­amt und hat gesagt, ich muss mich bewer­ben. Ich habe mich also für irgend­wel­chen Scheiß bewor­ben, eine Medi­en­ge­stal­ter-Aus­bil­dung, Medi­en­tech­nik – das war irgend­wie greif­bar, ich wuss­te noch gar nicht, dass es Film­hoch­schu­len gibt. Dann hat man mich da abge­lehnt, und mein Kum­pel mein­te: Du bist doch gut genug für die Film­hoch­schu­le! Dann habe ich mich halt dort bewor­ben, und die haben mich genom­men. Zu dem Zeit­punkt wuss­te ich nur: Ich habe jetzt schon zwei Stu­di­en­rich­tun­gen abge­bro­chen und will jetzt etwas machen, das mir Spaß macht. Geplant war es aber nicht.

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«Die sechs­te Jahreszeit»

War der Zugang zu Film an der Hoch­schu­le für dich erst­mal ein Schock, also etwas ganz ande­res als das, was du davor gewohnt warst?

Als Jugend­li­cher habe ich ja nur Action­ki­no geschaut, aber bis zur Auf­nah­me an die Film­hoch­schu­le habe ich schon sehr viel Art­haus- und Welt­ki­no gese­hen und war dann eigent­lich ein biss­chen ent­setzt, dass das dort vie­le nicht kann­ten, auch Pro­fes­so­ren. Und man muss ja nicht alles geil fin­den, aber über ein bestimm­tes deut­sches Kino wur­de dann immer gelacht, was ich schon selt­sam fand.

Über wel­ches Kino?

Wenn man jetzt die Kate­go­rie Ber­li­ner Schu­le haben will: Ist ja egal, wie man dazu steht, aber das ist ja trotz­dem wich­ti­ges zeit­ge­nös­si­sches deut­sches Kino gewe­sen. Da haben die so ver­ächt­lich drauf geguckt, und ich dach­te mir, das ist ja noch mit das stärks­te deut­sche Kino, das du hast! Oder thai­län­di­sches, phil­ip­pi­ni­sches Kino, das kann­ten die nicht, und ich dach­te, da bin ja erst im Art­haus-Main­stream, das ist ja noch nichts total Absurdes.

Hast du Spiel­film oder Doku­men­tar­film studiert?

Es gibt dort ein Grund­stu­di­um: Ein Jahr Doku­men­tar­film, ein Jahr Spiel­film, und die letz­ten drei Jah­re kannst du machen, was du willst – eigent­lich kannst du schon in den ers­ten bei­den Jah­ren machen, was du willst, aber die Rich­tun­gen sind vor­ge­ge­ben. Ich hat­te bis dahin viel­leicht zwei Doku­men­tar­fil­me gese­hen in mei­nem Leben, und ich wuss­te nicht, was das sein soll, wenn man da so Leu­ten zuguckt. Anschei­nend war mir das rich­tig fremd, ich bin immer ein­ge­pennt, weil ich das so lang­wei­lig fand. (lacht)

Hast du dir aus dem her­aus gedacht, du machst das jetzt anders und bes­ser? Wann kam für dich der Punkt, an dem Doku­men­tar­film für dich wich­ti­ger wur­de als Spielfilm?

Ich glau­be, der kam erst im Haupt­stu­di­um, als ich gemerkt habe, dass mei­ne Spiel­fil­me extrem gewollt sind und auch nicht die Kraft haben von mei­nen Doku­men­tar­fil­men. Das hat übri­gens nichts mit mei­nem Geschmack zu tun. Ich gucke zuhau­se trotz­dem noch haupt­säch­lich Spiel­fil­me, Doku­men­tar­fil­me viel mehr auf Fes­ti­vals. Aber mein Machen ist davon erst­mal unab­hän­gig, ich habe ein­fach gemerkt, dass mir das selbst mehr zu lie­gen scheint. Man­che Leu­te mögen ein, zwei Kurz­spiel­fil­me von mir und sagen: Du kannst doch gut insze­nie­ren! Das hat mich aber nicht inter­es­siert. Schau­spiel­ar­beit hat mich nicht inter­es­siert, Dreh­buch­schrei­ben hat mich auch nicht interessiert.

War­um nicht?

Ich glau­be, das hat etwas mit Kal­kül zu tun, dass man etwas her­stellt. Im Rück­schluss auf den Doku­men­tar­film hat­te ich das Gefühl: Das ist doch rei­cher! Ich erfah­re etwas, ich kann mehr tei­len, ich kann jeman­den ken­nen­ler­nen, über­rascht wer­den. Beim Spiel­film habe ich die Abs­trak­ti­on nicht ver­stan­den, und da ist immer eine Abs­trak­ti­on, egal, wie offen ein Regis­seur ist und wie sehr er mit doku­men­ta­ri­schen Mit­teln arbei­tet – was auch immer das hei­ßen soll. Dass ich da jetzt eine Geschich­te erzäh­le, habe ich irgend­wann über die Jah­re nicht mehr begrif­fen. Dra­ma­tur­gie ist ja etwas, das irgend­was vor­an­bringt, und das fand ich eklig. Das Doku­men­ta­ri­sche war frei­er. Dass man da einen Men­schen hat wie Klaus in Der Unfer­ti­ge – da funk­tio­niert es am bes­ten von mei­nen bis­he­ri­gen Fil­men, fin­de ich – dass die­ser Mensch da ist und sich ein­fach öff­net und greif­bar wird: Das will ich machen, da will ich wei­ter dar­an arbeiten.

«Der Unfer­ti­ge»

Jetzt könn­te man natür­lich den Ein­wand brin­gen, Doku­men­tar­film ist auch nur eine Kon­struk­ti­on. Der Unbe­re­chen­bar­keits­grad ist höher, aber du musst ja trotz­dem dein Mate­ri­al zusam­men­fü­gen, da triffst du Ent­schei­dun­gen, du triffst die Ent­schei­dung, was du drehst und was nicht. Bei dei­nen Fil­men spü­re ich einer­seits, dass es zwar immer eine Such­be­we­gung ist, du lotest etwas aus und es ent­steht etwas in der Zusam­men­ar­beit mit den Figu­ren, die auch mit­be­stim­men, wie der Film am Ende aus­sieht, aber gleich­zei­tig scheinst du eine sehr fes­te Hal­tung zu haben, oder zumin­dest eine kla­re Vor­stel­lung davon, wie ein Doku­men­tar­film nicht aus­zu­se­hen hat. Hat sich das bei dir erst lang­sam ent­wi­ckelt oder hast du dich auch theo­re­tisch damit auseinandergesetzt?

Nein, das ent­wi­ckel­te sich immer in der Rück­schau auf die Fil­me. Ich habe mir den fer­ti­gen Film ange­se­hen und mich gefragt: War mir das jetzt zu eng, habe ich die Men­schen begrenzt? Ich habe mich oft schlecht gefühlt – es stellt sich ja immer die Fra­ge, was neh­me ich denen, wie sehr enge ich sie ein? Wie du sagst: Die Kon­struk­ti­on fin­det auch statt, sie fin­det aber weni­ger statt als im Spiel­film. Ich wür­de das gar nicht for­mal unter­schei­den, oder von der Metho­de her. Nach dem Film Geliebt habe ich mir zum Bei­spiel gedacht, Inter­views sind falsch und feige.

War­um?

Das habe ich damals auch nicht ver­stan­den. Ich kann es nicht genau sagen, jeden­falls habe ich das abge­spei­chert. Viel­leicht, weil mir Inter­views extrem leicht gefal­len sind, weil ich mich viel mit Kom­mu­ni­ka­ti­on aus­ein­an­der­ge­setzt habe. Irgend­wie hat­te ich das in mir drin. Rück­wir­kend fin­de ich das auch Quatsch. Ich habe dann nur noch beob­ach­tet, habe aber bald gemerkt, dass die Begren­zung aufs Beob­ach­ten­de auch Schwach­sinn ist, weil ich den Per­so­nen ganz viel von der Ver­gan­gen­heit neh­me, die du ja auch benen­nen kannst, wenn du möch­test. Die Situa­ti­on mit Man­fred und Jür­gen aus Ein Wochen­en­de in Deutsch­land fin­de ich an sich auch ok so, da hat man ja auch einen kur­zen Moment, wo über die Ver­gan­gen­heit gespro­chen wird. Das ist wie ein Pen­deln, mal gehe ich zu weit weg, mal wie­der näher ran. Bei Der Unfer­ti­ge passt die Balan­ce ganz gut, fin­de ich, wenn es dar­um geht, wie man sich über ein beob­ach­ten­des Gespräch, das kein Inter­view ist, einen Men­schen nähern kann. Das mit dem Abstand der Kame­ra, was du kon­kre­te Hal­tung nennst, hat sich über die Jah­re ent­wi­ckelt, damit füh­le ich mich wohl, damit ist der Film für mich stim­mig. Cine­ma Veri­té oder Direct Cine­ma, das habe ich hin­ge­gen nie so rich­tig gepeilt.

Du hast also einen ganz prak­ti­schen Zugang.

Ich woll­te ein­fach erfah­ren, was für mich ok ist. Aber den Ulrich-Seidl-Ein­fluss sieht man durch, das ist klar. Bei Geliebt hat­te ich Tie­ri­sche Lie­be kurz davor gese­hen. Egal was man davon hält, irgend­was dar­an hat mich inter­es­siert. Ich fin­de auch ent­ge­gen dem, was alle sagen, dass das, was er macht, etwas sehr Wür­de­vol­les hat. Gera­de sei­ne frü­hen Doku­men­tar­fil­me sind noch ganz huma­nis­ti­sche Fil­me, bei den spä­te­ren Spiel­fil­men ist es was ande­res. Es gab auch immer wie­der ande­re Fil­me­ma­cher, die mich beein­flusst haben. Romu­ald Kar­ma­kar zum Bei­spiel, der über das Erfah­ren zeigt, was ihm wich­tig ist, gera­de in Land der Ver­nich­tung. Er weiß, was er will, ohne zu wis­sen, was inhalt­lich pas­siert, das fand ich span­nend. Oder Tho­mas Hei­se – wir sind inhalt­lich schon unter­schied­lich, aber mit ihm füh­le ich mich auch sehr ver­bun­den, etwa über sei­nem Film Stau mit den Neo­na­zis. Da hast du das Gefühl, der nimmt die trotz sei­nes Unver­ständ­nis­ses ernst. Das fand ich ganz toll, auch dass die dann so rot wer­den vor der Kame­ra, als er fragt: „Hast du eine Freun­din?“ Von da her habe ich geguckt und Bücher gele­sen, etwa Sün­den­fall: Die Grenz­über­schrei­tun­gen des Fil­me­ma­chers Ulrich Seidl, oder das Kar­ma­kar-Buch von Olaf Möl­ler. Dar­über ler­ne ich ja auch, zu ana­ly­sie­ren oder mich in ein Ver­hält­nis zu set­zen. Manch­mal ver­su­che ich dann auch, Sachen metho­disch ähn­lich zu machen. Im Fuhr­werk-Ver­lag gibt es von Eva Hohen­ber­ger die­se gan­zen Wirk­lich­keits­theo­rie-Schrif­ten, das habe ich auch zu lesen ver­sucht, aber da kom­me ich nicht dahin­ter, das ist mir zu gedacht, da tut mir der Kopf weh. Da heißt es dann, der Film hat sowie­so nichts mehr mit der Rea­li­tät zu tun, das ist alles nur eine Kon­struk­ti­on mei­ner sub­jek­tiv erfah­re­nen Rea­li­tät. Wenn ich nur noch dar­über nach­den­ken wür­de, wür­de ich wahr­schein­lich gar kei­nen Film machen.

Aber Ver­ant­wor­tung spielt bei dir eine gro­ße Rol­le, oder? Bei dir ste­hen ja immer Men­schen im Mit­tel­punkt und nicht irgend­wel­che gesell­schaft­li­chen Zusam­men­hän­ge oder Orte. Weil bei dir auch Nackt­heit und Kör­per­lich­keit immer prä­sent ist, hast du das Gefühl, dass du anders her­an­ge­hen musst, eine ande­re, grö­ße­re Ver­ant­wor­tung hast?

Es gibt schon Unter­schie­de in der Inti­mi­tät, wo ich sagen wür­de: Die­sen Film kannst du über­all zei­gen, den kannst du auch ins Netz setz­ten, einen ande­ren nicht. Aber das hat nichts mit der Nackt­heit an sich zu tun, son­dern damit, wie die Leu­te, die in den Fil­men vor­kom­men, dazu ste­hen. Des­halb kom­men die Fil­me ja auch nur im Kino, die kom­men nicht auf DVD her­aus und sind nicht im Inter­net zu sehen. Dass man noch einen Schutz­raum hat, dass die­se Bil­der den Men­schen nicht weg­ge­nom­men wer­den, ist wich­tig. Das ist immer wie­der eine bewuss­te Ent­schei­dung von mir, aber auch im Ein­ver­neh­men mit den Leu­ten, die ich fil­me. Ob sich die Ver­ant­wor­tung grund­sätz­lich unter­schei­det zu Fil­men mit ande­ren The­men, bezweif­le ich. Ich fin­de es ja auch schon grenz­wer­tig, wenn dir jemand etwas erzählt in einem Film, das ist immer intim. Da habe ich auch mei­ne Pro­ble­me damit, aber wahr­schein­lich wür­de ich es eher öffent­lich machen und mich woh­ler füh­len, weil damit kei­ne Stig­ma­ti­sie­rung in dem Sin­ne ver­bun­den ist, wie wenn man Geliebt auf DVD raus­bringt. Dann ist klar, das wer­den ein­fach irgend­wel­che Leu­te sehen, die wer­den das auch umkeh­ren, zer­schnei­den und als Gegen­pro­pa­gan­da benut­zen, und die Men­schen aus dem Film viel­leicht noch auf der Stra­ße zusam­men­hau­en. Da gibt es schon Gren­zen. Du hast ja auch gese­hen: Meis­tens sind kei­ne Namen im Abspann, manch­mal schon, aber das hat immer etwas mit den Men­schen zu tun, ob sie das wol­len oder nicht. Das alles ist aber nicht immer The­ma – es wird benannt, und dann ist es auch meis­tens klar, das merkst du schon im Vor­hin­ein. Mei­ne Haupt­ver­ant­wor­tung liegt glau­be ich dar­in, dass ich mir Leu­te suche, die auch wirk­lich dre­hen wol­len, dann kann erst­mal nichts schief­ge­hen. Der Klaus hat­te zum Bei­spiel ein sehr star­kes Bedürf­nis, sich zu zei­gen und sich über den Film als Skla­ve zu pro­du­zie­ren, und da war dann rela­tiv klar, das kann gar nicht kip­pen. Das habe ich ein­fach gespürt, weil wir das bei­de zusam­men gemacht haben. Aber bei Hotel Straussberg war es schwie­ri­ger, den Film gemein­sam zu tra­gen: Das hat man es mit einer Grup­pe von Men­schen zu tun, und alle sind unter­schied­lich. Man­che schwan­ken oder wol­len ihr Gesicht nicht in Deutsch­land zei­gen. Da wird’s dann kri­ti­scher. Man merkt es ja auch in dem Film, die Kame­ra arbei­tet ganz anders, weil ich mich einer Grup­pe natür­lich auch in einem ande­ren Tem­po annä­hern muss.

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«Geliebt»

Wie vie­le Fil­me hast du eigent­lich schon gemacht?

Vier­zig oder so, ich weiß nicht genau. Das sind ein­fach ganz vie­le Fünf-Minu­ten-Sachen dabei.

Dass man sich in so kur­zer Zeit ein so unüber­schau­ba­res Oeu­vre erar­bei­tet, impli­ziert einen ganz eige­nen Arbeits­pro­zess. Bis­her hast du vor­nehm­lich kür­ze­re Fil­me gedreht, mitt­ler­wei­le sind auch mit­tel­lan­ge dabei. Woher rührt die­se Arbeits­wei­se? Woll­test du auch mal einen län­ge­ren Film, einen 90-Minü­ter machen, oder ist es für dich ganz nor­mal, eher epi­so­disch zu arbei­ten? Teil­wei­se hat dein Schaf­fen auch etwas Seri­el­les, weil du immer wie­der die­sel­ben Leu­te auf­suchst, neue Per­spek­ti­ven auf sie eröff­nest, auf gewis­se Aspek­te näher eingehst.

Ganz banal gesagt: Es war immer schon so, das da etwas war, was ich fil­men woll­te. Die Län­ge hat sich immer an die Situa­ti­on gebun­den. Wenn ich wuss­te, ein bestimm­tes Event geht nur zwei oder zwei­ein­halb Tage, war klar: Das wird maxi­mal ein Drei­ßig­mi­nu­ten­film, und kein Lang­film. Gin­ge zwar auch, da gibt es bestimmt auch Bei­spie­le dafür, aber im Prin­zip hat sich die Län­ge bei mir dar­an ori­en­tiert. Ich dach­te mir, wenn ein Lang­film raus­kommt, kommt eben ein Lang­film raus, und wenn’s fünf Minu­ten wer­den, wer­den es eben fünf Minu­ten. Aber klar: Die Fil­me wer­den jetzt tat­säch­lich immer län­ger, weil ich mich auch immer mehr auf die Leu­te ein­zu­stel­len ver­su­che. Dann wird das natür­lich rei­cher. Bei Geliebt war ja erst­mal ein öko­no­mi­scher Fokus da durch die Schu­le. Ich hat­te nur 50 Minu­ten 16mm-Mate­ri­al, also 5 Rol­len, und da war klar, im Ver­hält­nis zum Roh­ma­te­ri­al wer­den das am Ende maxi­mal 20 Minu­ten. Des­halb muss­te ich mich auch kon­zen­trie­ren, des­halb ist der Film auch so auf die Bezie­hung fokus­siert, was ich gut fin­de, aber wenn ich das jetzt bear­bei­ten wür­de, wür­de ich offe­ner her­an­ge­hen, weil dann mehr The­men, mehr Situa­tio­nen und mehr Räu­me erschlos­sen wer­den können.

Der Unfer­ti­ge war dein Abschluss­film an der Film­hoch­schu­le. Du hast also einen Groß­teil dei­ner Fil­me im Hoch­schul­kon­text gedreht?

Nein – die meis­ten mei­ner bis­he­ri­gen Fil­me sind wäh­ren der Hoch­schul­zeit ent­stan­den, haben aber nichts mit der Schu­le zu tun. Ich habe die Fil­me immer gemacht, weil ich sie machen woll­te, und habe sie auch mehr­heit­lich allei­ne umge­setzt. Ich habe stu­diert, die Fil­me aber neben­her für mich gemacht. Ich hat­te auch kei­ne Bera­tung an der Schu­le. Der Unfer­ti­ge ist nur ein Diplom­film, weil ich ihn mir habe anrech­nen las­sen, damit ich den Abschluss bekomme.

Wie wur­den dei­ne Fil­me an der Hoch­schu­le aufgenommen?

Geliebt natür­lich grenz­wer­tig, weil jeder an sei­ne eige­ne Gren­ze gekom­men ist mit dem The­ma. Da habe ich gemerkt, dass vie­le ziem­lich über­for­dert waren – aber ich auch, weil ich gar nicht wuss­te, wie ver­hal­te ich mich in so einem Hoch­schul­kon­text? Ich glau­be, da waren dann rela­tiv vie­le ruhig, als der Film auf der Ber­li­na­le lief und sich ein Erfolg ein­ge­stellt hat, aber hin­ten­rum habe ich schon gemerkt, vie­le hal­ten mich für ein biss­chen bescheu­ert. Es gab auch immer wie­der Leu­te, die mich sehr unter­stützt haben, aber im Gro­ßen und Gan­zen habe ich eher gelit­ten, weil ich das Gefühl hat­te, alle gucken mich komisch an. Ich glau­be, von vie­len Fil­men wis­sen sowohl mei­ne Mit­stu­den­ten als auch mei­ne Dozen­ten nichts. Obwohl: Spä­tes­tens, als ich für mei­ne Diplom­ar­beit mei­ne doku­men­ta­ri­sche Metho­de erläu­tert habe, die ich dafür „kon­trol­lier­tes Ein­las­sen“ genannt habe – die­sen Zwie­spalt, wie weit gehe ich rein, wie offen bin ich, die­ses Nähe-Distanz-Ding – spä­tes­tens dann haben sie sich die Fil­me ange­se­hen. Ich glau­be, Der Unfer­ti­ge fan­den sie auch alle ganz gut – also stim­mig, sich selbst ent­spre­chend. Man kann die ein­zel­nen Fil­me von mir ja nicht wirk­lich ver­glei­chen, ich fin­de die auch alle unter­schied­lich. Natür­lich hat jeder für sich eine ande­re Kraft, und da kann man dann noch schau­en, ist er jetzt ok als das, was er sein will? Es gibt ein Kino, wo ich hin will, und man­che Fil­me von mir fin­de ich schlech­ter als andere.

Vie­le dei­ner Fil­me sind ent­we­der im Allein­gang pro­du­ziert oder mit sehr klei­nen Teams. Resul­tiert das aus dei­nem Zugang, oder könn­test du dir auch mal eine Pro­duk­ti­on in einem grö­ße­ren Team vorstellen?

Geliebt wur­de ja mit einem grö­ße­ren Team gedreht, und auch mei­ne Kurz­spiel­fil­me waren immer 7 bis 12 Leu­te, was für mich schon viel zu viel ist. Was mich gestresst hat, ist auch die Behä­big­keit von so einem Appa­rat. Mich hat das Machen inter­es­siert, dass ich nicht war­ten und mich auch nicht erklä­ren muss. Daher hat­te ich irgend­wann kei­nen Bock mehr, beim Dreh mit jeman­dem zusam­men­zu­ar­bei­ten, weil die meis­ten dann doch ihre Mei­nung sagen – das soll nicht hei­ßen, dass mei­ne Mei­nung die bes­se­re ist, aber gera­de bei Geliebt war es für mich anstren­gend, dass da Beklem­mun­gen auf der ande­ren Sei­te spür­bar waren, wo ich mir dach­te, das will ich jetzt nicht wis­sen, wir gehen da jetzt hin und Fil­men mit den Leu­ten. Da will ich mich auch nicht psy­cho­lo­gi­sie­ren müs­sen oder erklä­ren, war­um ich den Film mache. Vor „Ein Wochen­en­de in Deutsch­land“ habe ich zudem geschaut, dass es noch direk­ter mei­ne Erfah­rung wird, wie ich das bei Kar­ma­kar zu beschrei­ben ver­sucht habe. Dass ich per­sön­lich etwas erfah­re und es noch direk­ter in der Kame­ra lan­det, das fand ich span­nend, und ich habe nicht ver­stan­den, war­um ich dafür noch jeman­den mit­neh­men muss. Beim Klaus war es ein­fach unnö­tig. Wenn die Kame­ra da steht, er auf dem Bett sitzt mit mir davor und wir reden, wie­so muss da jetzt ein Ton­mann oder ein Kame­ra­mann dabei sein, der uns viel­leicht ablenkt oder die Kon­zen­tra­ti­on der Bezie­hung verschiebt?

Aber wenn es die Situa­ti­on her­gibt, könn­te es für dich auch funktionieren?

Ich weiß nicht, ich mer­ke, ich bin da über­vor­sich­tig, weil mir das zu intim ist. Ich füh­le mich selbst immer extrem offen, und mir wird das dann auch schnell zu viel, da muss man wirk­lich auf einer Wel­len­län­ge sein. Bei den The­men, die ich behand­le, ist das immer schwie­rig gewe­sen. Ich habe schon Leu­te getrof­fen, die offen waren und inter­es­siert, aber trotz­dem war dann immer irgend­was, wo ich mich ein­ge­engt fühl­te, da bin ich sen­si­bel, glau­be ich. Wenn der dann immer da ist, kann ich trotz­dem nicht abschal­ten, wenn ich weiß, er denkt ins­ge­heim, dass die Leu­te, die wir fil­men, komisch sind. Da will ich, dass der weg ist (lacht).

Dei­ne Fil­me lau­fen haupt­säch­lich auf Fes­ti­vals und du sagst, dass du sie in den meis­ten Fäl­len auch nicht auf DVD her­aus­brin­gen willst. Wie steht es dann eigent­lich mit der Finan­zie­rung und Auswertung?

Gute Fra­ge. Gera­de bei Geliebt habe ich Ange­bo­te bekom­men für DVD-Ver­öf­fent­li­chung und Welt­ver­trieb, wo Geld für mich raus­kom­men wür­de, wo ich dann aber mer­ke, ich muss das jetzt aus prin­zi­pi­el­len Grün­den fal­len las­sen. Ich habe letz­tes Jahr einen lan­gen Doku­men­tar­film geschnit­ten und dafür Geld bekom­men, zudem bekom­me ich immer wie­der mal Vor­führ­ge­büh­ren, was aber rela­tiv wenig ist. Dann habe ich auch Geld ver­dient, weil ich an Hoch­schu­len war, etwa bei Tho­mas Hei­se, in sei­ner Klas­se in Wien. Dort habe ich in ver­schie­de­nen Kon­tex­ten über mei­ne Arbeit gere­det – Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen oder Sexua­li­tät im Film. Aber das Ver­kau­fen ist schon schwie­rig, vor allem, wenn nicht von Vor­ne­her­ein klar ist, was mit dem Film pas­siert. Wenn ich von Anfang an weiß, ich mache jetzt mit Arte einen Film, dann sieht er auch anders aus. Nicht wegen Arte, son­dern wegen mir, weil ich weiß, der Film kommt ins Fern­se­hen – dann wer­de ich ihn anders bau­en und den Klaus man­che Sachen nicht sagen las­sen. Ich mei­ne jetzt nicht ein­mal die Sache mit der Nackt­heit, damit hat Klaus ja kei­ne Pro­ble­me, aber in ande­rer Hin­sicht wür­de ich anders ent­schei­den. Ich könn­te auch um Film­för­de­rung ansu­chen, und viel­leicht wür­de das auch klap­pen, weil ich inzwi­schen vie­le Refe­ren­zen habe, aber ich habe es bis­her nicht getan, weil es ein­fach so ewig lan­ge dau­ert. Bei Hotel Straussberg haben mir die Leu­te ja einen Monat vor­her gesagt, du kannst kom­men, und da war noch nicht ein­mal klar, ob ich über­haupt dre­hen darf. Unter die­sen Bedin­gun­gen einen Antrag zu stel­len, und dann kippt das viel­leicht… Bis das Geld da ist, habe ich schon längst den Film fertig.