It’s all pretty unsatisfactory: À vendredi, Robinson von Mitra Farahani

Viel­leicht auch wegen ihrer Lie­be zu Beet­ho­ven und des­sen Trau­er­marsch konn­te ich Mitra Faraha­nis Kino-Robin­so­na­de über Jean-Luc Godard und Ebra­him Gole­stan lan­ge Zeit nur als Lamen­to über den Ver­lust gro­ßer Künst­ler betrach­ten. Immer­hin star­ben bei­de kurz nach Fer­tig­stel­lung des Films, der oft als eine post­hu­me Arbeit Godards betrach­tet wird. Als ich den Film zum ers­ten Mal gese­hen habe, stand er sozu­sa­gen im Schat­ten (oder Licht) des aus dem Leben geschie­de­nen Godards. In sei­ner Hin­wen­dung an des­sen spie­le­ri­sche Schnitt­fol­gen (in Gesprä­chen beton­te die Regis­seu­rin, dass es ohne­hin er gewe­sen wäre, der sein Image kon­trol­lier­te und hüte­te wie kaum ein ande­rer, der die­sen Film insze­nier­te) und die schlicht berüh­ren­den Sze­nen rela­tiv ein­sa­mer alter Män­ner, die sich die Fil­me anse­hen, die sie geliebt haben und über ihre zer­fal­len­den Kör­per rät­seln, wider­spricht der Film einer sol­chen Form der trau­ern­den Begeg­nung kei­nes­wegs. Er ist auch ein Archiv zwei­er Men­schen am Ende ihres Lebens.

Gole­stan zusam­men mit sei­ner Part­ne­rin in einem Her­ren­haus in Sus­sex mit einem Trep­pen­haus wie aus alten bri­ti­schen Hor­ror­fil­men und Godard, der sich mit Dashiell Ham­mett und einer Taschen­lam­pe in Rol­le in sein Bett legt, begin­nen eine nie­mals nicht for­cier­te Online-Kor­re­spon­denz. Im Wesent­li­chen besteht die dar­in, dass Godard durch­aus rät­sel­haf­te Bil­der und Zita­te schickt und Gole­stan dar­über sin­niert. Gole­stan schickt ernst­haf­te Brie­fe, Godard ein paar Schat­ten. Das passt ganz gut, hat­te Gole­stan ja bereits in den 1970ern mit dem Fil­men auf­ge­hört und dreh­te Godard dage­gen bis ans Ende sei­nes Lebens und womög­lich dar­über hin­aus. Der eine ist immer noch auf der Suche nach einer Spra­che und der neu­en Wahr­heit, die die­se Spra­che ent­hält, der ande­re ver­sucht immer noch, die Welt zu begrei­fen mit der Spra­che, die ihm gege­ben wur­de. Zwei par­al­le­le Leben, zwei ver­schie­de­ne Spra­chen. Berüh­ren sie sich oder hat Euklid zumin­dest für die Men­schen recht? Beson­ders inter­es­sant dar­an ist, dass Gole­stan ein wenig zum Zuschau­er wird und Godard zum Kino. Ganz wird die­ser Abs­trak­ti­ons­bo­gen nicht gespannt, trotz­dem ist À vendre­di, Robin­son auch ein Film über die Arbeit am Sehen, am Verstehen.

Immer frei­tags, so wird behaup­tet, kom­men die Emails, Frei­tag, der Wil­de von Dani­el Defoe, ein Bewoh­ner der ein­sa­men Insel. «I made him know his name should be Fri­day, which was the day I saved his life; I call’d him so for the memo­ry of the time.» Manch­mal sieht man auch ein biss­chen All­tags­le­ben, die klei­nen, beschwer­li­chen Wege im Haus, Tele­fo­na­te und eine schö­ne Sze­ne, in der Godard einen stark ver­dünn­ten Rot­wein trinkt und über das Kino spricht. Das alles muss zwangs­läu­fig Fik­ti­on sein, weil eine Kor­re­spon­denz immer eine her­ge­stell­te, viel­leicht ersehn­te, nie aber tat­säch­lich Nähe bedeu­tet. Das hat Gefühl und Komik und sicht­bar wird auch ein Rin­gen um das eige­ne intel­lek­tu­el­le Erbe, ein selt­sam trau­ri­ges «Wohin mit all dem Wis­sen?», das sich nur in dem auf­lö­sen kann, was die bei­den ihr Leben lang ver­folgt haben: Bil­der, Worte.

In den anhal­ten­den bezie­hungs­wei­se immer wie­der auf­kei­men­den Debat­ten über die Tren­nun­gen von Künst­ler und Werk geht es meist um die Fra­ge, ob ein Werk bedeu­tend sein kann, wenn der Künst­ler dahin­ter salopp gesagt kein guter Mensch ist. So sehr ich die­se Pro­blem­stel­lung in vie­len Fäl­len nach­voll­zie­hen kann, so befremd­lich erscheint sie mei­ner nai­ven Annah­me, dass die Künst­le­rin hin­ter der Arbeit unbe­dingt deren Reich­tum in sich tra­gen muss. Auch des­halb möch­te ich immer mög­lichst viel über die­je­ni­gen wis­sen, die etwas geschaf­fen haben, was mir gefällt. Das hat mit dem zu tun, was Gole­stan im Film «die schö­nen Men­schen» nennt, die etwas schaf­fen oder Revo­lu­tio­nen star­ten. Mit Pathos for­mu­liert: Dass es die­se Arbei­ten gibt, lässt mich an die Men­schen glau­ben und dann möch­te ich die Men­schen ken­nen, die die­se Arbeit voll­bracht haben. Ob ich bei der Begeg­nung ent­täuscht wer­de oder nicht spielt kaum eine Rol­le. Eigent­lich will ich näm­lich gar nichts über die Per­so­nen erfah­ren. Ich will viel­mehr, dass ihr Bild zu ihrem Werk passt. Ich will ihre Fik­tio­nen ken­nen­ler­nen. Die Ein­sam­keit in die­sem Film ist bei­spiels­wei­se eine sol­che Fik­ti­on. Ich muss nicht an sie glau­ben, um sie zu verstehen.

À vendre­di, Robin­son ist ein Film, der mit eini­gen Mühen in der Mon­ta­ge das her­stellt, was ande­re durch blo­ßes Reden oder weni­ge Pho­to­gra­phien ver­mit­teln, Ein­drü­cke eines Lebens und einer Arbeit, Ges­ten, die sich ver­bin­den mit der Vor­stel­lung einer Gewis­sen­haf­tig­keit oder Radi­ka­li­tät oder Demut oder eines Wage­muts. Dass es die Mon­ta­ge ist, die zumin­dest im Deut­schen nicht nur dem Frei­tag ent­ge­gen­steht, son­dern eben auch die­sen bei­den Fil­me­ma­chern ent­spricht, führt zu einem ver­stell­ten Blick, einem Bewusst­wer­den der sprach­li­chen Mit­tel des Films, die ihren Gegen­stän­den stets beson­ders nah und fern zugleich blei­ben. So ganz führt nichts zusam­men, es blei­ben Mög­lich­kei­ten. Das mag für die einen unsa­tis­fac­to­ry sein, wie Godard man­tra­ar­tig Ham­mett zitiert, für die ande­ren aber gera­de die Schön­heit die­ser Kunst­form aus­ma­chen. Etwas ent­zieht sich hier andau­ernd dem Wirk­li­chen, man tas­tet eher, so wie Kin­der, wie Godard ein­mal sagt, die auch nicht nach dem War­um fra­gen würden.

Kürz­lich habe ich mir den Film wie­der ange­se­hen und zwar so, wie man­che womög­lich Rat­ge­ber­li­te­ra­tur lesen. Ich habe ihn in klei­nen Dosen betrach­tet, um etwas zu ler­nen, ich weiß nicht was. Gele­gent­lich erschre­cke vor den Toten, die so betrach­tet wer­den, als wären sie noch leben­dig, es könn­te auch das gewe­sen sein, was mich zurück zu die­sem Film geführt hat. Als wäre es selbst­ver­ständ­lich, dass die Men­schen ver­ges­sen wer­den und die Fil­me noch ein biss­chen blei­ben, wer weiß für wie lan­ge. Dabei ist mir auf­ge­fal­len, dass ich bis dato kaum auf die künst­le­ri­schen Inter­ven­tio­nen von Faraha­ni reagiert habe. Eigent­lich ist Inter­ven­ti­on das fal­sche Wort. Ich mei­ne viel­mehr ihre Struk­tur, ihren Zugang. Das Bau­en einer Kor­re­spon­denz, die anders nicht gesche­hen wäre, ist ein sol­cher Zugang. Die­se Ges­te ist sehr bemer­kens­wert, denn die meis­ten Fil­me­ma­che­rin­nen träu­men eher von ihren eige­nen Kor­re­spon­den­zen als von jenen, die sie ermög­li­chen könn­ten. Das ist ein biss­chen so, als hät­te sie einen Weg gefun­den, die Bewoh­ner des Elfen­bein­turms dazu zu brin­gen, die Fens­ter zu öffnen.

Das Neben­ein­an­der, das immer mehr ein Inein­an­der wird (etwa als Gole­stan sich in sei­ne Kam­mer zurück­zieht, bevor ein Schnitt Godard zeigt, der sich ins Bett legt, als hät­ten die bei­den kurz die Iden­ti­tät gewech­selt) ist Faraha­nis Zugang. Auch die Ein­sam­keit kommt aus ihrem Film. Die Schrul­lig­keit. Die Wider­bors­tig­keit. Sie haben nur gele­gent­lich das Steu­er­rad adjus­tiert, ansons­ten wäre es der Film die­ser bei­den Män­ner, behaup­tet die Regis­seu­rin. Die­se Beschei­den­heit kann nicht davon ablen­ken, dass À vendre­di, Robin­son eigent­lich ein Film über Spra­che ist und nicht über die­se bei­den Män­ner. Wie kann kom­mu­ni­ziert wer­den? Zwi­schen Men­schen, Fil­men, Tex­ten, Musik und in ver­schie­de­nen Spra­chen. Zita­te schal­len durch die Häu­ser, sie ver­har­ren kurz, ver­puf­fen sogleich oder hal­len nach, es kommt dar­auf an, wer sie hört. Was bleibt, wenn nichts mehr gesagt oder sich nicht ver­stan­den wird? «Wer ich bin? Ich bin ein Dich­ter. Was ich tue? Ich schrei­be. Und wie ich lebe? Ich lebe.», zitiert Gole­stan aus La Bohè­me von Puc­ci­ni und der Film zeigt genau das.

Ich wün­sche mir die Fik­tio­nen die­ser Leben her­bei, um etwas zu erfah­ren, was Gewicht hat. Die Spra­che schafft das, sie stellt sich zwi­schen mich und die Erfah­rung und lässt mich zugleich inten­si­ver erfah­ren. Das mag für man­che unsa­tis­fac­to­ry sein, aber es ist wahr.