Reihe Teil 8- Die fabelhafte Welt der Amélie- Audrey Tautou

Als nächstes also Die fabelhafte Welt der Amélie aus dem Jahr 2001
Viele unserer bisherigen „Helden“ oder „Antihelden“ haben sich eine eigene Realität geschaffen, gegen bestehende Ordnungen rebelliert, waren Außenseiter in der Gesellschaft-viele von ihnen gar Verbrecher. Doch niemand treibt es so weit wie Amélie Poulain, gespielt von Audrey Tautou im modernen französischen Klassiker. Die schüchterne Arbeiterin in einem Pariser Café erschafft sich regelmäßig ihre eigene Fantasiewelt; sie betreibt also eine Realitätsflucht, die der ihres „Erschaffers“ Jean-Pierre Jeunet genauso nahe liegen dürfte, wie der des Publikums, dem sie ein paar Mal vielsagend zulächelt. Eigentlich lebt Amélie bis zum Ende des Films überhaupt nicht in der realen Welt.
Der Unterschied bei ihr liegt darin, dass sich die ganze Geschichte darum dreht, ist es doch das Portrait einer Träumerin, die dringend an sich selbst denken muss; mehr noch liegt der Unterschied in der Rezeption und in der Inszenierung. Doch eines nach dem anderen:
Sympathie baut sich schnell auf für diesen hübschen und doch unauffälligen Hauptcharakter, einem Schutzengel für die Menschen in ihrer Umgebung. Sie ist
Kreativ
Schüchtern
Einsam
Verträumt
Verloren
Wenn sie das Leben all der Menschen in ihrer Umgebung umkrempelt und verbessert oder Schuften die gerechte Strafe erteilt, dann fühlt man mit ihr, weil um sich ein Hauch von Gerechtigkeit weht. Natürlich beginnen wir uns um sie zu kümmern; sie ist die Unschuld und sie hat etwas Besseres verdient, denn sie bringt uns zum Lachen, zum Weinen und zum Träumen. In einer unvergesslichen Szene hilft sie einem blinden Mann über die Straße und erzählt ihm voller Inbrunst anschaulichst von seiner Umgebung, bis sie den entzückten Mann an der U-Bahn Station stehenlässt. 
Wie kann dieses aufgeweckte, gutherzige Mädchen (das ist sie mehr als eine Frau) so einsam sein? Es ist wieder so weit: Wir identifizieren uns mit ihr. Dabei könnte die Charakterzeichnung-einmal bloßgestellt- einfacher nicht sein. Eine Angst (in diesem Fall Kontaktangst), die der Held mit zahlreichen Hindernissen überwinden muss, um Glück zu finden. Das klassische Muster von Hitchcock’s Vertigo (Höhenangst) über Nolan‘s Batman Begins (Angst vor, ja, Fledermäusen) bis hin zu Hooper’s The King’s Speech (Angst vor öffentlichem Reden). 
James Stewart hat Höhenangst-Vertigo
Dabei fällt auf, dass wohl ganz Montmartre besetzt ist von neurotischen Seelen, die trauernd auf eine Erleuchtung warten. Das ist die Traumwelt, die Jeunet für uns erschaffen hat und sie liegt so nahe. Jeunet ist ein Meister dieser Traumwelten und dieser Film kam 2001 nicht aus dem heiteren Himmel. Mit Die Stadt der verlorenen Kinder oder Delicatessen hatte er schon ähnliche, wenn auch weltfremdere und düsterere Welten erschaffen.
Die Stadt der verlorenen Kinder
Vieles ist sein Casting und seine Inszenierung. Tautou ist ein wahrer Glücksgriff gewesen. (Zumal bedenkt werden muss, dass eigentlich die wunderbare Emily Watson schon feststand in der Rolle.); sie strahlt Natürlichkeit, Traurigkeit und Hoffnung aus. Dinge, die somit nicht mehr erzählt werden müssen, die man als Zuseher sofort aufsaugt, wenn Jeunet sie in einer seiner zahlreichen Naheinstellungen präsentiert. Alles ist in Grün und Rot und Gelb; Madame Poulain verschwindet mit ihrem gleichfarbigen Kostüm förmlich im Szenenbild. Das unterstreicht natürlich ihre Unauffälligkeit, ihr sogar bildlich festgehaltenes „Auflösen“ in der Umgebung, aber vielmehr  sorgt es für Harmonie in unseren Augen. Wir werden indirekt auch in diese Welt gezogen und verlieben uns in Amélie, weil es praktisch nur „beauty-shots“ von ihr gibt. Die Symmetrie in Form und Farben ist beachtenswert und ist zumeist nur aus asiatischen Filmen, wie zum Beispiel dem virtuosen Oldboy von Park-Chan Wook zu sehen. 
Oldboy
Die Musik von Yann Tiersen hat daran natürlich auch einen nicht unerheblichen Anteil. Jeunet lässt uns auch zu ihr, wenn sie nicht in ihrer Traumwelt ist. Wir sind bei Amélie, wenn sie weint und wenn sie wütend ist. Wir spüren förmlich ihre Angst. Ein offensichtlicher Faktor in diesem Annäherungsprozess an die Hauptperson ist auch das Präsentieren ihrer Kindheit. In vorherigen Beiträgen habe ich oft darauf hingewiesen, dass es keine Hintergrundgeschichten für Identifikation braucht. Nun könnte man meinen, dass Amélie mich das Gegenteil lehrt, aber dem ist leicht zu widersprechen. Jeunet’s von Kreativität und Ironie sprudelnder Blick auf das Leben dieser Hauptperson bricht nämlich mit den gängigen Mustern, er ist fast eine Parodie auf diese. Dies ist am deutlichsten erkennbar, wenn die Mutter von Amélie stirbt, als sich eine Frau in den Selbstmord stürzt und unglücklich auf ihr landet. Diese Schicksalsschläge und die damit verbundene Charakterbildung liegen immer in der Hand des Regisseurs. Scorsese zum Beispiel wählt gerne einen fast surrealistischen Ansatz mit ein oder zwei Szenen aus der Kindheit, um einen Einblick zu gewähren, er erzählt nicht zu Ende, aber er gewährt einen Blick tief genug, um zu verstehen (In neueren Beispielen: The Aviator oder The Departed).
Als Gegenstück zu Heath Ledger in The Dark Knight, bei dem die Person des Schauspielers mit in die Rolle spielte, ist bei Amélie zu beobachten, dass ihre Person in das wahre Leben spielt. Es ist wohl davon auszugehen, dass Audrey Tautou ähnlich einem Bond-Darsteller das ganze Leben diese Rolle mit sich tragen wird. Zu perfekt passt ihr Gesicht auf diese Geschichte. Mehr noch hat dieser Film einen ganzen Lebensstil beeinflusst; es ist eine Ode an die Kreativität, an die kleinen Freuden des Lebens, einer Generation, die wieder lernen will Briefe zu schreiben. Die Geschichten von um die Welt reisenden Gartenzwergen ist ein gutes Beispiel dafür, wie dieser Film Einzug in unsere Kultur gefunden hat. Nicht nur, gab es Nachahmer in aller Welt, sondern auch im Film Up in the Air von Jason Reitman gibt es direkte Anspielungen darauf. Die Drehorte sind zu Touristenattraktionen geworden, angeblich sind sogar die Mieten in Montmartre unmittelbar nach Veröffentlichung des Films gestiegen. Und bei allen Farben und Klängen und wilden Kamerafahrten und wundervollen Ideen hat man diesem Erfolg hauptsächlich seinem Charakter zu verdanken.
Die fabelhafte Welt der Amélie ist kein Film, der sich unbedingt nahe an der Realität bewegt; es ist ein Fest für Träumer und dadurch wird er automatisch zur selbstreflexiven Aufarbeitung des Kinos und seines Wesens. Die ursprüngliche Faszination an Bildern, an ihrer Sogwirkung wird hier gefeiert. Das Gefühl, wenn man als Kind das Kino verlassen hat und immer noch im Film lebte. Ich selbst ging (zweifelsohne) mit einem Laserschwert durchs Einkaufszentrum, schoss mit Pfeil und Bogen vom Rücksitz aus Mama’s Auto und schlief nachts in einem Bunker ein. Es gibt nicht viele Filme, die dieses Gefühl wieder lebendig werden lassen. Einer davon ist allerdings gerade im Kino: Hugo von Martin Scorsese. Ansehen!
Als nächstes Bill Murray und Lost in Translation.

Reihe Teil 7- The Dark Knight- Heath Ledger

Der nächste Film ist The Dark Knight von Christopher Nolan aus dem Jahr 2008.

„Welcome to a world without rules“ steht in großen Buchstaben über dem Poster, das Batman vor seinem brennenden Logo zeigt, welches in ein Gebäude hinein gebrannt wurde. Anarchie jetzt! Nie zuvor wurde derart konzentriertes Marketing, fokussiert auf einen einzelnen Charakter, den sagenumwobenen Erzfeind des Superhelden, den Joker, betrieben. Gotham (die fiktive Stadt im Batman-Universum) wurde bereits ein Jahr vor Kinostart etabliert, als eine real existierende Stadt in den USA. Zeitungen wurden verteilt. Es ging um die Wahl des Bürgermeisters, kleinere Verbrechen und weitere politische Themen. Aber irgendwer hatte mit bunten Farben Vandalismus in den Schlagzeilen und Werbeanzeigen betrieben. Filmkritikern wurden Torten geschickt mit mysteriösen Telefonnummern, im Internet gab es Spiele und das Lachen des Jokers begann sich zu verbreiten, bevor man auch nur annähernd wusste, wie er denn aussehen wurde.

In unserer Reihe ist der Joker ein Sonderfall. Er ist ein Charakter, den es schon gab, bevor es den neuen Film gab. Er war schon ein Mythos, bevor er die Leinwand betrat. Vielleicht einer der beliebtesten Schurken der Geschichte der erzählenden Bilder. Dennoch waren Millionen von Kinobesuchern mit The Dark Knight zum ersten Mal von der Aura des Jokers fasziniert. Das hat drei Gründe:

1.    Der Joker-als Bösewicht der Gegenwart
2.    Der Joker-als Mythos für einen tragischen Schauspieler
3.    Der Joker-als Stilübung für den größten Blockbusterregisseur unserer Zeit

„You wanna know how i got these scars?“; der Joker wird diese Frage offenlassen, er wird sie im Laufe des Films verschieden beantworten. Immer tragisch, mit dem Hang zum völligen Wahnsinn. Eine Antwort auf eine Welt, in der alles, was anders und böse ist immer nach Erklärungen schreit. Wenn man längere Zeit erschöpft ist, dann erfindet man einen Begriff dazu und alles ist gut, wenn Terroristen U-Bahnen in die Luft springen, dann gibt es immer Motive, wenn Kinder mit Waffen Kinder töten, dann waren es die Videospiele oder die Eltern. Uns macht nichts mehr Angst, wir können doch alles klären. Und wir fühlen uns sicher. Psychologie und Politik sind sozusagen zur neuen Kirche verkommen. Ein moralischer Überlebenskampf, der uns in der Nacht schlafen lässt und am Tag leben lässt. Das Kino ist schon seit langer Zeit auf diesen Zug aufgestiegen. Und zwar aufgrund von scheinbaren Zuschauerdruck. Wenn man-so die Annahme-die Motivationen plausibel darstellt, dann kann man sich sämtliche Ausbrüche und Verrücktheiten erlauben. Also ist das Kino überbevölkert mit trinkenden Vätern, sterbenden Müttern, vergewaltigenden Onkeln und ertrunkenen Schwestern. Natürlich haben gerade im europäischen oder unabhängigen Film immer wieder Filmemacher mit diesen Klischees gespielt. Aber im Mainstream-Kino gelten sie bis heute als Manifest. Der Zuseher soll ja unterhalten werden und nicht schockiert. The Dark Knight riskiert es trotzdem. Die einzige Erklärung zum Verhalten des Jokers kommt aus dem Mund von Michael Caine: „Some people just want to watch the world burn.“ Und das macht uns Angst, das macht den Joker so unheimlich faszinierend. Wir wollen wissen: WARUM? Er bleibt

Unberechenbar
Anders
Unpolitisch
Frei

Anarchistisch

Nolan kann sich das erlauben, weil der Joker mehr eine installierte Figur, als ein menschlicher Charakter ist, weil es in einem Comicuniversum andere Regeln gibt. Aber es ist erstaunlich, dass diese näher an der Realität zu sein scheinen, als viele hochmotivierte Dramen, die jede kleine menschliche Regung motiviert sehen wollen. Können wir uns in diesem Clown, in diesem Psychopathen und Massenmörder tatsächlich auch wiederfinden? Ja, weil er uns alles offenlässt, weil wir seinen Hintergrund selbst gestalten und mangels Alternativen werden wir unbewusst unseren eigenen Hintergrund auf dieser Figur abbilden. Wir wissen, dass es nur eine Comicfigur ist und lassen uns komplett auf ihr Spiel ein. Und in dieser Comicwelt ist es so unheimlich attraktiv einfach zu tun, was einem scheinbar gerade einfällt. (ganz zu Schweigen davon, dass der Joker-ganz im Gegensatz zu seiner eigenen Aussage-minutiös geplante, hochintelligente Verbrechen begeht.) Wir lieben Michael Douglas in Falling Down,  wir lieben es in GTA sinnlos mit Cabrios über Passanten zu fahren und wir lieben Filme, weil sie keine Konsequenzen haben.

Oft ist eine überdeutlich gezeichnete Motivation auch Folge einer zu ausführlichen Arbeit mit Schauspielern, die Angst vor der Rolle haben und alles mit dem Kopf steuern wollen, bevor sie sich wirklich in die Rolle fallen lassen. Heath Ledger scheint sich für die Rolle völlig aufgegeben zu haben. Als das Casting bekannt wurde, gab es in Fankreisen eigentlich nur eine Reaktion: Stirnrunzeln. Casanova, Ritter aus Leidenschaft oder Brokeback Mountain sind nicht gerade Visitenkarten für einen brutalen Psychopathen. Schnell reagierte man bei Warner und es gab Berichte über einen Schauspieler, der sich völlig in die Rolle einarbeitet, der sich tagelang in Hotelzimmer verschanzt, um an der Stimme des Jokers zu arbeiten, der allen am Set mit seinem Auftreten Angst einflößt…eigentlich das Übliche. Dass Jack Nicholson praktisch der direkte Vorgänger von Ledger in der Rolle des Jokers war, half auch nicht gerade in Sachen Erwartungshaltung. Nicholson’s völlige over-the-top Performance in Tim Burton’s quietschbunter Comicwelt, hat Kultstatus.

Was dann passierte, ist bekannt. Am 22.Januar 2008 wurde Heath Ledger tot in seinem Hotelzimmer aufgefunden. Wie sich später herausstellte starb er an einer Medikamentenüberdosis. Die Filmwelt war entsetzt. Als später der erste längere Trailer zum Film im Internet auftauchte, sah man die völlige Verwandlung, der sich der Australier unterzog. Eigentlich war mit dem ersten Trailer klar, dass er den Joker auf ein neues Level heben würde. Film würde ihn in gewisser Weise unsterblich machen. (erzählt das mal seinem Kind, das ohne Vater aufwachsen muss)  Natürlich profitierte der Film von Ledger. Nicht nur bezüglich des Einspielergebnisses, sondern auch bezüglich der Rezeption. Als Zuschauer begann mit erhöhter Konzentration zuzusehen, wenn Ledger ins Bild kam, man wollte (wieder unterbewusst) sozusagen erkennen, warum er gestorben ist, man wollte in seine Seele schauen und natürlich hat man oft die Rolle vergessen und den Schauspieler gesehen. ABER: Das gelang einem kaum, weil Ledger den Joker derart zelebrierte, dass man einfach nur nüchtern dem Schauspieler gratulieren muss und es bedauern muss, dass so viel Talent, so früh verloren gegangen ist. Der Oscar, den es dafür posthum gab, ist ein weiterer verzweifelter Versuch Hollywoods sterbliche, fehlerhafte Personen unsterblich zu machen. Aber die Rolle war größer als der Schauspieler und da das das Verdienst von Ledger ist, war er Hollywood einen großen Schritt voraus.

In The Dark Knight wird der Bösewicht inszeniert wie ein Held. Christopher Nolan hat sich völlig auf den Charakter eingelassen und hat erfolgreich riskiert den eigentlichen Helden weit weniger heldenhaft erscheinen zu lassen, als den Gegenspieler. Und das ist brillant kalkuliert, weil er weiß, dass sein Held immer genauso stark sein würde, wie der Bösewicht. Er lässt die beiden Widersacher ja sogar über diese Thematik reflektieren. Sie brauchen sich gegenseitig. Keiner der beiden kann ohne den anderen. Im Vorgänger Batman Begins inszenierte Nolan eine Sequenz, in der Batman zwischen Containern im Hafen zum ersten Mal für Ordnung sorgt. Er selbst ist dabei kaum zu sehen, nur die Reaktion seiner Feinde. Man bekommt Respekt und sieht die Kraft dieses „Superhelden“ (der Begriff wirkt bei Nolan immer so billig…) The Dark Knight beginnt mit einer ähnlichen Sequenz. Einem Banküberfall und wir sehen den Joker nicht, hören aber viel über ihn und spüren seine Macht. Die Ansage Nolans: Jetzt kommt ein gleichwertiger Konkurrent. Wie schmal ist die Linie zwischen Verbrecher und dem Kampf gegen das Verbrechen? Das die Eröffnungssequenz an Heat von Michael Mann erinnert ist kein Zufall. Auch hier werden Verbrecher und Polizist auf einer Ebene präsentiert.
Immer wieder zeigt er den Joker untersichtig, er zeigt die Angst der Opfer; die Angst einer ganzen Gesellschaft. Er zeigt Kriminelle, die noch schlechter sind, als der Joker; er zeigt einen humorvollen Psychopathen (Stichwort: Krankenhaus); einen Mann der keine Angst hat. Plötzlich nimmt sich Nolan Zeit, es wird leise und er lässt uns die Freiheit spüren, als der Joker seinen Kopf aus einem fahrenden Polizeiauto streckt. Manchmal scheint er sogar Recht zu haben mit seinen wilden Argumentationen. Wo Batman eine Maske trägt, sehen wir beim Joker zumindest ein geschminktes Gesicht.  Hans Zimmer fügt eine neue Note in seinen sonst fast identischen Soundtrack zum Vorgänger ein. Der Joker sitzt auf einem Verhörstuhl. Halb im Schatten, halb im Licht. Er lässt ihn nicht sterben, er zeigt einen Verrückten. Seine Welt steht auf dem Kopf und Nolan zeigt uns wie das aussieht. Weil wir dann auch so denken würden?

Weiter geht es mit Die fabelhafte Welt der Amélie und Audrey Tautou.

Reihe Teil 6- Blood Diamond-Leonardo DiCaprio

Als nächstes nun also Blood Diamond von Edward Zwick aus dem Jahr 2006.

Auffällig bei diesem Film sind zwei Dinge. Seine große Beliebtheit bei allen Zusehern, die mit der Aussage „So müssen Filme sein. Der ist unterhaltsam und hat Inhalt“ verbunden ist und die Feststellung, dass Leonardo DiCaprio ja ein „richtig guter“ Schauspieler ist, der sich verändert hat und endlich auch harte Jungs spielen kann. Beide Feststellungen sind gelinde gesagt fragwürdig.

Die politische Message bezüglich der Diamantenindustrie und ihren grausamen Folgen, die der Film mit sich trägt, ist sicher nicht zu leugnen. Es ist ihm auch hoch anzurechnen, dass er in den entsprechenden Szenen nicht vor Brutalität zurückschreckt. Allerdings dient das am Ende doch alles, als recht löchriges Cover für einen reinen Unterhaltungsfilm, eine actionreiche Diamantenjagd vor einem ungewöhnlichen und atemberaubenden Setting mit bombastischer Musik, einer mit scharfen Dialogen geschliffenen Liebesgeschichte, einer Leuterung des Helden, die schon die Frage nach der Blindheit, mit der dieser bislang durch seine Heimat gegangen ist, aufwirft; ein Indiana-Jones artiges Filmgebilde also, das sich eben statt übersinnlichen Elementen an der harten Realität bedient. Wenn man so will, ist Blood Diamond also der unehrliche, kleine Bruder von Spielbergs großer Abenteuersaga. Und es gibt nur einen Grund, warum man diese Unehrlichkeit vergisst: Leonardo DiCaprio als Danny Archer.

Alles an ihm ist authentisch. Er spricht mit rhodesischen Akzent, geht durch diese Welt, als hätte er noch nie etwas anderes gesehen. Er hat gelernt seine Einsamkeit zu verbergen, er ist Zyniker. Man kann seine ganze Geschichte in seinem Körper lesen. Eine Performance für die Ewigkeit zwischen Angriffslust und verletzter Seele, die dem Superstar wie auf den Leib geschrieben ist. Besonders beeindruckend ist dabei der Balanceakt-und dieser hebt den Film auf ein höheres Level- zwischen sympathischem Glücksritter und selbstverliebtem Arschloch. Seine Darstellung ist ehrlich und deshalb finden wir uns in ihr wieder. Er hat die Hoffnung schon aufgegeben, eigentlich ist seine Reise nur eine Reise in den Tod. Er glaubt nicht daran den schwarzen Kontinent jemals verlassen zu können. Mit dem Opfer, das er am Ende des Films bringt, tut er vielleicht eine der wenigen guten Taten seines Lebens. Aber man glaubt an seine Aufrichtigkeit. Er ist

Egozentrisch

Selbstbemitleidend
Draufgängerisch
Zynisch

Hoffnungslos

Und dennoch voller Energie? Er klammert sich an etwas, das ihn aus seiner Welt entkommen lassen könnte, aus seinem Gefängnis. Etwas, dass es nicht gibt, etwas dass er nicht haben kann. So wie die Rache in 21 Gramm, das Zepter in The Score, die Perfektion in Black Swan, die Liebe zu einer Gummipuppe in Lars und die Frauen. Nur Christian Bale in American Psycho hat dieses Etwas nicht; er ist schon lange darüber hinaus? Der moderne, uns faszinierende Kinocharakter greift also nach den Sternen. Nach wie vor ist das der Stoff aus dem Filme sind: Träume. Nur heute wissen wir (zumindest manchmal), dass es eben nur Träume sind. Und genauso geht es den Charakteren, DiCaprio ist ein Verbündeter mit dem Zuseher. Wir verstehen ihn, weil er uns zu verstehen scheint.

Das führt auch schon zum vielerorts besprochenen Wandel des Schauspielers. Ein Wandel, der-wenn man seine Karriere mit derselben Ehrlichkeit betrachtet, mit der er an seine Rollen herangeht- schlicht und ergreifend keiner ist. Es hat sich schon immer so angedeutet. DiCaprio hat von Beginn Draufgänger gespielt, harte, aber verletzliche und sensible Charaktere. Er war schon immer gefährlich, unberechenbar und in der Lage den Zuschauer in Sekunden auf seine Seite zu gewinnen, um ihn dann zu schockieren. Viele sagen heute, dass die viermalige Kollaboration mit Regielegende Martin Scorsese (Gangs of New York, Aviator, Departed, Shutter Island) aus dem Teenieschwarm Leo, den ernstzunehmenden Schauspieler DiCaprio gemacht hat. Es hat sicherlich keinem der beiden geschadet, dass man sich gefunden hat und derart tolle Arbeiten produziert hat, aber ein herausragender Schauspieler war DiCaprio schon immer. In Filmen wie This Boy’s Life von Michael Caton-Jones oder Gilbert Grape von Lasse Hallström kann man einen grandiosen jugendlichen Schauspieler bewundern.

This Boy’s Life

Titanic von James Cameron etablierte dann ein Image rund um DiCaprio, das mit dem von heutigen Nachwuchsstars wie Robert Pattinson vergleichbar ist. Wenn man es sich genauer überlegt eine absolute Ungerechtigkeit. Erstens ist die Darstellung von Jack Dawson meilenweit von hölzernen Vampiren entfernt und zweitens hatte man es schon mit einem gestanden Schauspieler zu tun. Dass er trotz fast gleichzeitig erscheinenden Filmen wie Romeo&Julia von Baz Luhrmann oder Der Mann mit der eisernen Maske von Randall Wallace in der Lage war sich dieses Images zu entledigen, deutet nicht auf einen Wandel hin, sondern schlicht und ergreifend auf seine Klasse. Sein unberechenbares, vielschichtiges Spiel in The Beach von Danny Boyle läutete  ein Jahrzehnt ein, das ihn zum größten Schauspieler Hollywoods avancieren ließ.

The Beach

Seine größte Stärke liegt darin, dass man in seinem Spiel immer zugleich die Rolle, als auch DiCaprio selbst sieht. Diese Fähigkeit zeichnete auch schon Robert De Niro aus (im Gegensatz zum Beispiel zu Tom Cruise, der häufig nicht mehr in der Lage ist zu seiner Rolle zu werden, weshalb man in seinen Filmen immer nur Tom Cruise sieht). Es ist ein Eins werden mit der Rolle ohne seine eigene Charakteristik dabei zu vergessen. Die Folge davon ist Präsenz. Eine Präsenz, die mit jeder weiteren Rolle noch größer zu werden scheint.

Shutter Island

Natürlich ist Danny Archer in Blood Diamond ein härterer Charakter, als man das von Di Caprio bis dato gewohnt war. Inzwischen spielt er auch häufig in actionbetonten Filmen. Aber seine Vielfältigkeit wird er nicht verlieren, denn entweder taucht er immer wieder auch in Dramen wie Zeiten des Aufruhrs von Sam Mendes auf oder er nimmt diese Vielfalt einfach mit in seine Actionstar-Rollen und macht die Filme damit besser, als sie eigentlich sind.

Als nächstes The Dark Knight und Heath Ledger.

Reihe Teil 5- 21 Gramm- Das Ensemble des Schmerzes

Der nächste Film ist 21 Gramm von Alejandro González Iñárritu  aus dem Jahr 2003.

Alleine schon die absurde, vor Kitsch überbohrende, Telenovela-Idee, dass der Mann, der das Herz eines Unfallopfers implantiert bekommt, sich in dessen Frau verliebt, müsste ein Garant für einen schlechten Film sein. Dass es soweit nicht kommt verdankt 21 Gramm, seiner modernen, dynamisch-mexikanischen Inszenierung durch den Ausnahmeregisseur Iñárritu (Amores Perros, Babel, Biutiful), dem genial-verwobenen, fragmentarischen Drehbuch von Guillermo Arriaga und-und deshalb ist dieser Film auch Teil dieser Reihe-einem Schauspielensemble aus einer anderen Welt mit Sean Penn, Naomi Watts, Benicio del Toro, Charlotte Gainsbourg und Melissa Leo unter anderem.

Bislang haben wir uns einzelnen, ziemlich wahnsinnigen Protagonisten gewidmet. In 21 Gramm funktioniert die Identifikation kaum nur über eine Person, sie funktioniert über das Gesamtbild, über die Relation zueinander, über eine post-existentialistische Unmöglichkeit der Kommunikation, die sich aber beim mexikanischen Filmemacher immer auflöst in einer Katharsis, die zumindest vorübergehend die wahrhaftigen Werte des Lebens zum Vorschein kommen lässt. Trotzdem oder gerade deshalb finden wir uns wieder in seinen Charakteren: In ihrem Schmerz.

Ungerechtigkeit
Schicksal
Trauer
Verlorene Liebe
Krankheit

Tod

Hierbei wird keine leichte Kost transportiert. Dennoch gibt es Humor. Es liegt eine ungeheure Menschlichkeit im Verhalten der Charaktere. Die unbeholfenen Annäherungsversuche von Sean Penn’s Charakter, der mit charmanten Bemerkungen versucht sympathisch zu wirken, wo er doch psychopathisch wirken könnte. Der ein Arschloch und ein Engel gleichermaßen ist. Benicio del Toro’s Hiob-Charakter, der sein Leben umgekrempelt hat, um sich Jesus zu verschreiben, aber dann in seinem Glauben enttäuscht wird. Der die Bibel als Anleitung für Introvertiertheit liest, statt die eben so essentiellen Werte wie Familie und Liebe herauszufiltern. Gewissermaßen hat  Iñárritu mit Biutiful ein Spin-Off dieses Charakter’s gedreht: Javier Bardem als Uxbal.

Naomi Watts liebende, trauernde, verzweifelte Mutter, die sich in Drogen flüchtet, die sich in ihre Vergangenheit zu retten versucht, die sich Rache wünscht.

Keine schwarz-weiß Malerei, sondern echte Menschen und darin können wir uns wiederfinden, deshalb funktioniert dieser Film trotz allen Abgründen und Tiefen, aller Schwärze und Hoffnungslosigkeit, die sonst von so vielen Kinobesuchern verabscheut wird. (wie die Zuschauerzahlen zeigen) Für diese Art des Spiels braucht es Ausnahmeschauspieler. Einen herauszugreifen wäre falsch. Insbesondere im Kopf bleibt mir die Szene, in der Naomi Watts vom Tod ihrer Familie im Krankenhaus erfährt. Im Hintergrund ist Clea DuVall zu sehen, die die beste Freundin spielt. Sie kämpft einen Augenblick und muss dann fürchterlich weinen. Dieser Moment geht mir näher, als vieles andere im Film. Eine ähnliche Szene gibt es in Magnolia von Paul Thomas Anderson mit Philip Seymour Hoffman, der auch-eigentlich als Zuseher-fürchterlich ergriffen wird und weinen muss. Diese Charaktere, das sind wir. Der Zuschauer, der weinen muss. Warum? Weil wir wirklich involviert worden sind. Wenn schon Gefühl, dann echt.

Weitergehen wird es mit Blood Diamond und Leonardo DiCaprio.

Reihe Teil 4-Black Swan-Natalie Portman

Der nächste Film kommt aus dem Jahr 2010; Black Swan von Darren Aronofsky. 
Man könnte die Liste jetzt konsequent fortführen und wieder auf den Wahnsinn, die verlorene Kontrolle der Hauptfigur eingehen. Aber anhand von Black Swan lassen sich noch ganz andere Auffälligkeiten darlegen.
Die Hauptrolle wird von Natalie Portman gespielt, die für diesen Film (trotz einiger Diskussionen bezüglich der Echtheit ihrer Tanzszenen) zu Recht den Oscar erhielt. Sie spielt Nina, eine verbissene Balletttänzerin, die im Schwanensee sowohl den weißen, als auch den schwarzen Schwan spielen soll. Wie bereits erwähnt spielt dabei wieder der Wahnsinn eine nicht zu kleine Rolle. Realitätsverlust wie ihn schon Christian Bale und Ryan Gosling in den besprochenen Rollen erlitten haben. Der Feind ist in ihr selbst. Sie verliert das Vertrauen in ihre eigene Wahrnehmung und auch der Zuseher verliert dieses Vertrauen. Eine schon immer faszinierende Ausgangsposition im Kino, die in den letzten zwei Jahrzehnten bis zur Ermüdung erprobt wurde und der Aronofsky in Black Swan auch keine neuen Facetten abgewinnen kann. Stattdessen flüchtet er sich in recht billigen Horror. Aber der Film und die Rolle haben noch mehr zu bieten.
      1. Die Mutterfigur
Zum ersten Mal hat eine der Rollen in unserer Reihe eine wichtige Beziehung zu einer anderen realen Person. Die Mutter ist das Gift in Nina’s Leben. Sie beeinflusst sie in allem was sie tut, lässt sie nicht los. Figuren, die sich aus den Fesseln ihrer eigenen Familie, Vater- oder Mutterfiguren befreien müssen, haben Konjunktur. Haneke’s Die Klavierspielerin oder Audiard’s Ein Prophet sind als Beispiele zu nennen. 
Mutter und Tochter in La pianiste (Haneke)
Dieses dramaturgische Stilmittel ist eine Variation des im Mainstreamkino üblichen Verlustes von eben jenen Eltern. Von Bambi, über Braveheart, hin zu Harry Potter. Die enge Wohnung wird in Black Swan wie ein Gefängnis inszeniert. Türen spielen eine wichtige Rolle, alles wird vom Weiß und Rosa verschlungen. Aber die mädchenhaften Farben dienen im Film als Fesseln. Hier schwingt auch bereits der ständig präsente sexuelle Unterton des Films mit. Der Clou in der Beziehung zwischen Mutter und Tochter, liegt in der Schwäche der Mutter. Es ist keine bösartige Mutter (auch wenn es manchmal so aussieht), sondern nur eine schwache Mutter, die nicht sieht, was ihre Tochter wirklich braucht, die sie nicht loslassen kann, weil sie selbst besessen ist von der Idee des Erfolges. Aber bitte ohne die Nebenwirkungen. Wir selbst schieben unser eigenes Verhalten gerne auf unsere Umwelt. Diesem Bedürfnis kommt der Film so leicht nach. Wir verstehen den Wahnsinn von Nina. Zumindest genug, um ihr weiter zu folgen.
      2.  Das Talent
Schon im ganz frühen Kino wurde ein bestimmtes Talent besonders bewundert. Mit Internetplattformen wie youtube ist diese Faszination im ganz großen Stil zurückgekehrt. Egal was, wenn es perfekt beherrscht wird, begeistert es zuzusehen. Ballett übt eine große Faszination aus (insbesondere bei derartiger Inszenierung). Niemals zuvor habe ich so viele Freunde über Tanzszenen nach einem Psychothriller reden hören. Und es ist auch nicht wichtig, ob Frau Portman die Szenen selbst getanzt hat, bis zu einem gewissen Grad getanzt hat oder gar nicht getanzt hat, weil es schlicht und ergreifend nicht auffällt. Es ist immer dieselbe Rolle, die wir vor uns sehen und damit muss man zum ersten Mal in der Reihe einen großen Kredit dem Regisseur geben, der an der Kreation der Rolle mit der Schauspielerin gleichwertig beteiligt war. 
Allerdings ist das typisch für Aronofsky, der seine Schauspieler an Grenzen bringt und auch mit deren Starmodus spielt. So verhalf er zum Beispiel in seinem Film The Wrestler Mickey Rourke zu einem Comeback aus dem Nichts. Dabei spielt die Person hinter der Rolle immer eine große Rolle. Natalie Portman war schon vor diesem Film eine bekannte und herausragende Schauspielerin, gewissermaßen „Everybody’s Darling“, eine Traumfrau in alternativen Szenen. Keine klassische Prinzessin oder Hollywooddiva und gerade deshalb attraktiv. Aber etwas hat ihr noch gefehlt, um in diesen so furchtbar überschätzten Kreis von großen Frauen in Hollywood zu kommen, der nichts mit Schauspielerei zu tun hat, sondern mit Publicity, mit der Wahl der Kleider und Männer. Und das war dieser Film. Was dieser Ruhm mit ihr macht, wird sich zeigen, aber zu ahnen ist nichts Gutes. Jedenfalls führt uns diese Beobachtung zu:
   
      3. Der doppelte Boden
Es ist nicht nur das Spiel mit der Person des Stars, die uns fasziniert, sondern auch die Doppelbödigkeit der Rolle innerhalb des Films. Natalie Portman ist nämlich nicht nur Nina, sondern eben auch der Schwan in Weiß und auch in Schwarz. In ihrem Fall ist das tatsächlich wörtlich zu nehmen und daher bietet sich dieser Film besonders an für jenes Spiel mit dem doppelten Boden. Portman scheint in Perfektion zu wechseln zwischen der guten Nina und der bösen Nina, der unterdrückten Nina und der nach Befreiung schreienden. Sich fallen lassen in eine Welt in der Lügen und Spiele dazu gehören. 
Wir kennen ihr Spiel nur zu gut. Es ist einerseits der Traum sich selbst zu verlassen, von heute auf Morgen wegzufliegen und ein anderer Mensch zu sein und andererseits die Not der Lügen, das Verstellen um respektiert zu werden, um nach vorne zu kommen, um uns selbst zu finden. Der Film treibt dieses Spiel gewissermaßen bis zur Verschmelzung aller Ebenen und es endet in Weiß. Wie ein leeres Blatt, auf dem man sich als eine Person entfalten kann? Dieser Film ist ein Selbstfindungspsychotrip und gerade deshalb dient er als ebensolcher auch für den Zuschauer, der jeden Tag diesen Trip über sich ergehen lässt, egal ob absichtlich oder unabsichtlich. Wirf eine Pille ein und entdecke dich selbst, schaue einen Film und entdecke dich selbst.
Weiter wird es gehen mit 21 Gramm von Alejandro González Iñárritu.