Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Korrespondenz mit der Zeit: Ein Langzeitgespräch mit Philipp Hartmann

Vor fast einem Jahr am Ran­de des Film­fests Ham­burg lern­te ich den Fil­me­ma­cher Phil­ipp Hart­mann ken­nen. Zuerst woll­te ich über sei­nen Film Die Zeit ver­geht wie ein brül­len­der Löwe schrei­ben, aber dann kam mir die Idee, dass man doch ein Lang­zeit­ge­spräch füh­ren könn­te. Es begann ein Mai­l­aus­tausch, der sich zwar haupt­säch­lich um sei­nen Film dreht, aber immer wie­der auch vom Ver­ges­sen han­delt, vom Ver­ges­sen des Kon­takt­hal­tens, Ver­ges­sens des Films, Ver­ges­sen der Zeit.

Wäh­rend unse­rer Kor­re­spon­denz reis­te der Fil­me­ma­cher durch ganz Deutsch­land, um sei­nen Film auf einer gro­ßen Kino­tour zu beglei­ten. Die­se Ein­drü­cke ver­fol­gen sei­ne Gedan­ken zu sei­nem eige­nen Werk spür­bar. Letzt­lich dreht sich das Gespräch viel­leicht mehr um die Zeit selbst als um die­sen Film über die Zeit. Jedoch tref­fen sich die bei­den in der gleich­zei­ti­gen Unend­lich­keit und der Flüch­tig­keit ihres Daseins.

Die Gedich­te zwi­schen den Fra­gen und Ant­wor­ten sind L’Hor­lo­ge und L’En­ne­mi von Charles Bau­de­lai­re und wur­de von mir ergän­zend nach­träg­lich hinzugefügt.

Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe

Hal­lo Philipp,

es freut mich, dass du dich auf die­se Idee einer Kor­re­spon­denz bezüg­lich dei­nes Films und des Fil­me­ma­chens im All­ge­mei­nen ein­las­sen willst. Es hat etwas län­ger gedau­ert, da ich der­zeit als Regie­as­sis­tent bei einem Film mit­wir­ke, in der Fer­tig­stel­lung eines eige­nen Films bin und die Vien­na­le unmit­tel­bar bevor­steht. Mich inter­es­siert sehr wie dei­ne Kino­tour läuft. Du reist ja mit dei­nem Film Die Zeit ver­geht wie ein brül­len­der Löwe durch ganz Deutsch­land und bist der­zeit in mei­ner Hei­mat im Süden. Wie sind die Reak­tio­nen? Sind die Häu­ser gut gefüllt?

Erst ges­tern war mir dein Film wie­der ganz prä­sent. Es gab plötz­lich ein herbst­li­ches Gewit­ter in Wien und irgend­wie muss­te ich dann dar­an den­ken, wie in dei­nem Film-in der für mich bewe­gends­ten Sze­ne-die Zeit und das Wet­ter plötz­lich das­sel­be bedeuten…es ist, wenn die­ser spa­ni­sche Spruch, dass alles was hier pas­siert die Zeit ist, vom Regen weg­ge­wischt wird und du in einer unheim­li­chen Erkennt­nis fest­stellst, dass Zeit und Wet­ter im Spa­ni­schen aus dem sel­ben Wort kom­men. Wie ist das für dich mit dem Film zu rei­sen? Kannst du dich so an die Zeit des Films klam­mern oder ist die schon zu weit ent­fernt? Im Film kommt bei mir die Idee an, dass alles nur ein Augen­blick ist, alles ist schon ver­gan­gen, wenn es dir bewusst wird…sozusagen die Flüch­tig­keit von Glück, aber auch die Flüch­tig­keit von Leid. Es ist sehr inter­es­sant, dass du dich aus­ge­rech­net mit Film die­sem The­ma näherst. Ich emp­fin­de zwar Zeit als den natür­li­chen Motor von Film, aber damit spei­cherst du ja gewis­ser­ma­ßen die Momen­te. Du kannst sie immer wie­der anse­hen, sie blei­ben. War das eine Idee hin­ter dem Film, die­se Kol­li­si­on aus Flie­ßen von Zeit und dar­an Festhalten?

Vie­le Grü­ße aus dem gewitt­ri­gen Wien,

Patrick

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L’Hor­lo­ge

Hor­lo­ge! dieu sinist­re, effra­yant, impassible,
Dont le doigt nous men­ace et nous dit: «Sou­vi­ens-toi!
Les vibran­tes Dou­leurs dans ton coeur plein d’effroi
Se plan­te­ront bien­tôt com­me dans une cible;

The Clock

Impas­si­ve clock! Ter­ri­fy­ing, sinis­ter god,
Who­se fin­ger threa­tens us and says: «Remem­ber!
The qui­ve­ring Sor­rows will soon be shot
Into your fear­ful heart, as into a target;

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Lie­ber Patrick,

sor­ry, es hat eine gan­ze Wei­le gedau­ert, bis ich Dir nun end­lich ant­wor­te. Die Tour durch 66 Kinos bean­sprucht doch mehr Zeit als gedacht. Aber so hat es den Vor­teil, dass ich inzwi­schen vie­le Erfah­run­gen gesam­melt habe und dir ein biss­chen erzäh­len kann, wie es läuft. Ich habe inzwi­schen fast die Hälf­te der Kinos abge­klap­pert und es macht nach wie vor rie­si­gen Spaß! Von den Besu­cher­zah­len ist es sehr unter­schied­lich– manch­mal Sind es 100, Manch­mal auch nur vier oder fünf. Wenn die Zah­len mehr­mals nach­ein­an­der ein­stel­lig blei­ben, ist das etwas frus­trie­rend, Aber was immer gilt: Es ist jeden Abend inter­es­sant und ein gro­ßer Luxus, Neue Men­schen, neue Orte ken­nen zu ler­nen und mit dem Publi­kum über den Film zu sprechen.

Und was mir inter­es­sant erscheint im Bezug auf das The­ma Zeit: die­se Rei­se, die eigent­lich ein Wahn­sinn ist– jeden Tag in einer neu­en Stadt, jeden Tag Züge neh­men und von A nach B rei­sen, jeden Tag in einem neu­en unge­wohn­ten Bett übernachten–entpuppt sich als eine unglaub­lich ruhi­ge, inten­si­ve und ent­schleu­nig­te Erfah­rung. Ich füh­le mich fast wie im Urlaub, Das ein­zi­ge was ich zu tun habe, ist abends mei­nen Film anzu­sa­gen und hin­ter­her ein biss­chen dar­über zu spre­chen. Ansons­ten genie­ße ich es, nichts zu tun, wäh­rend der Film läuft, mich in den Foy­ers der Kinos umzu­se­hen, mit Leu­ten zu spre­chen, die ich tref­fe, und die meist sehr inter­es­sant und sym­pa­thisch sind (- klar, wer ein klei­nes Pro­gramm­ki­no aus Lei­den­schaft betreibt ohne den Anspruch damit reich zu wer­den, muss sym­pa­thisch und inter­es­sant sein) und inter­es­san­te neue Orte ken­nen zu ler­nen. Klar, dass dar­aus natür­lich der nächs­te Film ent­steht. Die Kame­ra ist immer dabei und ich samm­le alles, was mir vor die Lin­se kommt. Was dar­aus ent­steht– kei­ne Ahnung. Das wird die Zeit bezie­hungs­wei­se die Akku­mu­la­ti­on von Mate­ri­al irgend­wann zeigen.

Was aber wirk­lich das schöns­te an der Tour ist, ist den Luxus zu haben, mit zu bekom­men, was das Publi­kum denkt, wer was bei­zu­tra­gen hat und wer wel­che Erfah­run­gen gemacht hat. Das ist eine Erfah­rung die ich glau­be ich in Zukunft nicht mehr mis­sen möch­te: Das direk­te Feed­back durch mei­ne Zuschau­er. Daher ist so eine Kino­tour ver­mut­lich eine ganz ande­re Erfah­rung, als wenn der Film nor­mal im Ver­leih lie­fe und ein anony­mes Publi­kum in einer anony­men Stadt kei­ne Chan­ce hat, mit mir dar­über zu spre­chen und erstaun­li­cher­wei­se (oder auch nicht erstaun­li­cher­wei­se) sind die Reak­tio­nen fast durch­weg posi­tiv. Obwohl, oder viel­leicht auch gera­de weil, der Film alles ande­re als Main­stream und ein­fach ist. Auch das ist eine schö­ne Erfah­rung, denn sie straft die­je­ni­gen Kino­be­trei­ber lügen, die mir abge­sagt haben mit dem Argu­ment, der Film sei zu schwie­rig für ihr Publi­kum. Die­ses scheint also doch nicht so doof zu sein, wie man­che Kino­be­trei­ber glauben…

Und noch ein Nach­trag zu der von dir ange­spro­che­nen Sze­ne aus mei­nen Film. Auf einer Eisen­bahn steht der Spruch „Das ein­zi­ge, das hier ver­geht, ist die Zeit». Ein Jahr spä­ter hat­te der Regen den Spruch abge­wa­schen, obwohl es in der Gegend in Boli­vi­en wo ich das gefilmt hat­te, eigent­lich fast nie reg­net. Die­se Tat­sa­che wird auch im Film erwähnt. Und neu­lich auf einem Fes­ti­val erzähl­te mir eine Zuschaue­rin, dass sie in der Woche zuvor in Boli­vi­en gewe­sen sei und dass inzwi­schen jemand den Spruch wie­der hin geschrie­ben habe. Auch so las­sen sich Zeit und Wet­ter austricksen…

In die­sem Sin­ne– ganz herz­li­che Grü­ße aus dem grau­en, herbst­li­chen Hamburg.

Dein

Phil­ipp

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Lie­ber Philipp,

nun muss­te ein zufäl­li­ges Tref­fen auf der Ber­li­na­le unser Gespräch wie­der akti­vie­ren. Ich ent­schul­di­ge mich sehr dafür, denn mein aus­blei­ben­des Schrei­ben hat sehr wenig mit einem feh­len­den Inter­es­se zu tun, son­dern viel­mehr mit der Zeit selbst, die in unse­rem Fall kei­ne Dring­lich­keit inne­hat­te und daher ein­fach nur vor­bei­strich. Aber das soll sich hier­mit von mei­ner Sei­te ändern, denn wenn es etwas Dring­li­ches gibt, dann doch über die Zeit selbst nach­zu­den­ken, solan­ge man sie noch hat und daher auch über dei­nen Film.

Wie du mir erzählt hast bist du (fast?) am Ende dei­ner Tour ange­langt. War es für dich wei­ter fas­zi­nie­rend oder wur­de es eher ermü­dend dei­nen Film zu zei­gen? Bei allem, was du mir so geschrie­ben hast über das Rei­sen, die Wahr­neh­mung und die Zeit kom­me ich nicht umher auch an Chris Mar­ker zu den­ken. Die per­sön­li­chen Ver­knüp­fun­gen in dei­nem Film schei­nen mir auch eine gewis­se Ver­wandt­schaft zu besitzen…dennoch kommt es mir immer so vor, dass man sich sowie­so sehr von sol­chen Vor­bil­dern ent­fernt, wenn man ein per­sön­li­ches Kino macht. Schwirrt er dir den­noch im Kopf herum?

Was du da beschreibst, hat ja letzt­lich auch viel damit zu tun wie ein Film lebt. Jetzt spre­chen vie­le Fil­me­ma­cher immer davon, dass ein Film ein eige­nes Leben bekommt. Du aber beglei­test die­ses eige­ne Leben, machst dich selbst zu einem Teil davon. Könn­te man sagen, dass du und der Film ein gemein­sa­mes Leben habt? Es ist ja dei­ne Zeit, die den Motor des Films bil­det und womög­lich hat es sich in der Zeit die­ser Tour umge­dreht? Das sind nur wil­de Gedan­ken zuge­ge­ben, aber sie kom­men mir, wenn ich mir die­sen roman­ti­schen Weg anse­he, den du mit dei­nem Film gegan­gen bist. Ist das nicht auch ermü­dend? Reicht es dir nicht mit dem Film, willst du dich nicht davon trennen?

Lie­be Grüße,

Patrick

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Le Plai­sir vapor­eux fui­ra vers l’horizon
Ain­si qu’u­ne syl­phi­de au fond de la coulisse;
Chaque instant te dévore un morceau du délice
À chaque hom­me accor­dé pour tou­te sa saison.

Nebu­lous plea­su­re will flee toward the horizon 
Like an actress who dis­ap­pears into the wings; 
Every instant devours a pie­ce of the pleasure 
Gran­ted to every man for his enti­re season.

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TRAILER – DIE ZEIT VERGEHT WIE EIN BRÜLLENDER LÖWE from phil­ipp hart­mann on Vimeo.

Lie­ber Patrick,

kein Pro­blem – das ist ja das Schö­ne an der Zeit, sie ver­geht zwar, aber manch­mal kann man sie auch ein­fach zurück dre­hen und da wie­der anset­zen, wo man vor einer Wei­le auf­ge­hört hat.

Was in die­sem Fall auch durch­aus Sinn macht, denn es hat sich auch nach der zwei­ten Hälf­te der Tour (ja, sie ist „offi­zi­ell“ zu Ende, aber es kom­men noch ein paar ver­ein­zel­te Ter­mi­ne, hof­fent­lich auch noch ein paar mehr und viel­leicht noch eine Tour durch Öster­reich und die Schweiz) nichts dar­an geän­dert, was ich Dir beim letz­ten Mal schrieb. Des Rum­rei­sen mit mei­nem Film, das Spre­chen über ihn und das Erfah­ren von Reak­tio­nen, Rück­mel­dun­gen und von Gefüh­len, die der Film beim Publi­kum aus­löst, war bis zum letz­ten, dem 66., Ter­min eine Freu­de und eigent­lich nie anstren­gend oder ermü­dend. Dazu ist das doch ein zu gutes Gefühl, eben, wie Du sagst, zu beglei­ten, mit zu bekom­men, wie der Film sein eige­nes Leben bekommt. Das tat er, zumin­dest in mei­nem Fall, in der Tat. Und zwar jeden Abend aufs Neue. In jeder Vor­stel­lung ent­stand der Film gewis­ser­ma­ßen aufs Neue. Denn nie ist ein Gespräch über den Film das glei­che wie am Abend vor­her. Selbst wenn bestimm­te Fra­gen sich natür­lich wie­der­ho­len, so ist es doch eigent­lich jedes Mal eine neue Fra­ge, je nach dem, von wem und in wel­chem Kon­text sie gestellt wird. Und für mich als Macher des Films war es oft sehr über­ra­schend und schön, zu mer­ken, dass der Film ganz unab­hän­gig von mir und mei­nen Inten­tio­nen ein Eigen­le­ben bekommt, in dem ich selbst noch vie­les ent­de­cken und ler­nen kann. Nur ein Bei­spiel: eine Ver­an­stal­tung einer evan­ge­li­schen Erwach­se­nen­bil­dungs­ein­rich­tung, die den Film und mich ein­ge­la­den hat­ten. Obwohl ich mit der Kir­che nicht wirk­lich viel zu tun habe und auch mein Film auf den ers­ten Blick The­men wie Reli­gi­on, Glau­be, Gott nicht direkt behan­delt, war es für mich sehr inter­es­sant und berüh­rend, zu hören, wel­che reli­giö­sen, oder bes­ser: mit Reli­gi­on ver­bun­de­nen, Gedan­ken und Gefüh­le eini­ge Stel­len in mei­nem Film bei den Besu­chern auslösten.

So bese­hen ja – ich habe vier Mona­te lang ein sym­bio­ti­sches Dasein mit mei­nem Film geführt. Wobei – eigent­lich gar nicht mit dem Film, son­dern eher mit sei­ner Prä­sen­ta­ti­on – den Film selbst habe ich mir wohl­weiß­lich wäh­rend der vier Mona­te nur ein­mal bei der Pre­miè­re und ein­mal bei der letz­ten Vor­stel­lung des Films im Film­club mei­nes Bru­ders selbst mit ange­schaut. Aber klar, man führt in der Zeit ein sehr merk­wür­di­ges Leben, wenn man es so kon­zen­triert und aus­schließ­lich betreibt, wie ich es getan habe. Man lebt mit sei­nem Film und das ist dann ein sehr mono­ga­mes Leben. Außer über den Film zu spre­chen und mir noch ein biss­chen die Städ­te anzu­schau­en, wo ich war, und vor allem die Kinos und ihre Macher genau­er zu erkun­den, habe ich nicht viel gemacht. Kei­ne Arbei­ten neben­her, oft nicht mal E‑Mails abge­ru­fen. Das hat aber auch etwas ganz tol­les. Nicht nur weil man ja irgend­wie die Früch­te ern­tet, die man die gan­zen Jah­re der Her­stel­lung des Films gesät hat. Auch weil eben die­se Kon­zen­tra­ti­on auf eine Sache anstatt auf Mul­ti­tas­king sehr gut tat. Den­noch – klar. Irgend­wann soll­te es dann doch mal wei­ter gehen und man muss den Film los­las­sen, den Rest sei­nes ja wei­ter ent­ste­hen­den Eigen­le­bens nicht unbe­dingt en detail mit­ver­fol­gen wol­lend. So sit­ze ich nun an einem neu­en Pro­jekt, bzw. gleich zwei­en. Eins davon – da gehts dann zumin­dest gedank­lich doch noch­mal zurück – ein Film über die Kinos, die ich auf mei­ner Rei­se besucht habe.

Und noch ein Gedan­ke zum Rei­sen: für mich hat die Art, des Fil­me Machens, und die Art, die Welt wahr zu neh­men, die dahin­ter steht, viel mit dem Blick zu tun, den man als Rei­sen­der hat. Mit der Offen­heit, auch der Zeit, die man sich nimmt, sich auf Din­ge, auf Neu­es ein­zu­las­sen. Einer Neu­gier, sich auf Din­ge über­haupt einzulassen…

Chris Mar­ker ist sicher jemand, der mich – und dadurch auch die­sen Film – beein­flusst hat und das immer noch tut. Spe­zi­ell Sans Sol­eil ist ein Film, den ich sehr mag und der bzw. des­sen Mach-Art teil­wei­se direkt Inspi­ra­ti­on für eini­ge Stel­len im Brül­len­den Löwen waren. Ande­rer­seits ist es glau­be ich, wie Du sagst – wenn man einen so per­sön­li­chen Film macht (oder ver­mut­lich auch bei ande­rer Art von Fil­men), und wenn man sich die Zeit nimmt, die es braucht, um den Film rei­fen zu las­sen, dann ent­fernt man sich ver­mut­lich irgend­wann auch recht bald wie­der von Vor­bil­dern und Inspi­ra­ti­ons­quel­len. Und fin­det sei­nen eige­nen Weg, der dann viel­leicht noch vie­les aus der Inspi­ra­ti­on durch Vor­bil­der Ent­stan­de­ne ent­hält, dies aber auf eine eige­ne Wei­se sich aneig­net und wei­ter führt. So etwas wie eine Syn­the­se aus Mar­ker und Hart­mann kommt dann viel­leicht in mei­nem Fall bei raus. Wobei in der Syn­the­se sicher noch mehr Ein­flüs­se ent­hal­ten sind, von denen ich viel­leicht zum Teil selbst gar nichts weiß, weil sie indi­rek­ter und unbe­wuss­ter wirken…

So weit – vie­le Grü­ße – aus dem Zug, ich rei­se schon wie­der durchs Land…

Phil­ipp

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Lie­ber Philipp,

nun ist wie­der eini­ge Zeit ver­gan­gen, aber dies­mal ganz bewusst, denn das beginnt mir zu gefallen.

Eine Sache bezüg­lich dei­nes Films ging mir durch den Kopf in den letz­ten Tagen, in denen ich mich inten­siv mit dem Poten­zi­al und der Spe­ku­la­ti­on in Doku­men­ta­ri­schen Arbei­ten beschäf­tigt habe. Es ist die Fra­ge nach der Idee, die ich bei einem so auto­bio­gra­fi­schen Zugang sehr span­nend fin­de. In dei­nem Film geht es- wie ich fin­de- sehr stark um dei­ne eige­ne und die all­ge­mei­ne Sterb­lich­keit, es ist ein wenig wie Coc­teau gesagt hat, dass Film bedeu­tet, dem Tod bei der Arbeit zuzusehen…(ich emp­fin­de den Brül­len­den Löwen viel­leicht als etwas grau­sa­mes und not­wen­di­ges). Aber wie gehst du da vor? Gab es zuerst das The­ma oder gab es die Kame­ra und dich und die Zeit war ein­fach da? Wenn ja, was zieht dich zur Zeit? Es ist natür­lich auch schreck­lich ver­ein­facht zu sagen, dass es in dei­nem Film nur um die Zeit oder nur um das Altern geht, das stimmt ja so nicht. Aber ent­wi­ckelst du eine Ord­nung vor dem Dreh oder erst danach? Wie ist es mit dem For­mat? Bist du jemand, der sieht, um zu den­ken oder der denkt, um zu sehen?

Vie­le Grü­ße aus Wien,

Patrick

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Trois mil­le six cents fois par heu­re, la Seconde
Chu­cho­te: Souviens-toi!—Rapide, avec sa voix
D’in­sec­te, Main­ten­ant dit: Je suis Autrefois,
Et j’ai pom­pé ta vie avec ma trom­pe immonde!

Remem­ber! Sou­vi­ens-toi! pro­di­gue! Esto memor!
(Mon gosier de métal par­le tou­tes les langues.)
Les minu­tes, mor­tel folât­re, sont des gangues
Qu’il ne faut pas lâcher sans en extrai­re l’or!

Three thousand six hundred times an hour, Second
Whis­pers: Remember!—Immediately
With his insect voice, Now says: I am the Past
And I have sucked out your life with my filt­hy trunk!

Remem­ber! Sou­vi­ens-toi, spend­thrift! Esto memor!
(My metal throat can speak all languages.)
Minu­tes, bli­the­so­me mor­tal, are bits of ore
That you must not release wit­hout extra­c­ting the gold!

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Lie­ber Patrick,

Ja, gefällt mir auch – auch wenn ich lie­ber gleich ant­wor­te – sonst geht es unter… Ich glau­be, das geht immer gleich­zei­tig Hand in Hand, das Sehen und das Den­ken. Und nicht immer kann man sagen, was von bei­den was bedingt. Klar, eine Idee, wenn auch eine vage, steht meist am Anfang – die war bei mir aber recht ein­fach: der eige­nen Sterb­lich­keit und der Ver­gäng­lich­keit, dem immer bru­ta­ler wer­den­den Ver­ge­hen – Ablau­fen – der Zeit einen Film ent­ge­gen zu set­zen. Und dann fängt man an, zu lesen, zu schau­en, zu den­ken, zu reden und nach und nach ent­wi­ckeln sich von allei­ne ein gan­zer Hau­fen kon­kre­te­re Ideen. Aus denen dann nach und nach ein Film wird. Zum Teil waren das Ideen, die wir dann gedreht haben (meist mit einer gewis­sen Offen­heit, spon­ta­nen Ein­fäl­len und Zufäl­len gegen­über) und zum Teil fand ich Din­ge, die ich vor­her schon gedreht hat­te, die nun im neu­en Zusam­men­hang plötz­lich anders pass­ten. Ein Sam­mel­su­ri­um an Vor­ge­hens­wei­sen, das ver­mut­lich genau­so dis­pa­rat war wie der Film von der Form her ist. Und das viel­leicht auch des­halb – weil das ver­mut­lich „mensch­li­cher“ ist als irgend­ein star­res Kon­zept – so orga­nisch funktioniert…

Vie­le Grüße!

Phil­ipp

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Lie­ber Philipp,

wie­der ist eini­ge Zeit ver­stri­chen. Wie geht es dir? An was arbei­test du zur Zeit?

Mir sind wie­der Gedan­ken zu dei­nem Film gekom­men, die ich ger­ne mit dir tei­len wür­de und zu denen du viel­leicht etwas sagen kannst. Es geht dabei irgend­wie um den Druck der Zeit, die Plötz­lich­keit, mit der Zeit manch­mal sein wah­res Gesicht offen­ba­ren kann, wenn man so will der Speer der Zeit, der uns Wun­den zufü­gen kann. Film scheint mir die­sen Speer benut­zen zu kön­nen und gleich­zei­tig kann Film ihn kon­trol­lie­ren, ja abstump­fen. In dei­nem Film scheint es eine sanf­te Bru­ta­li­tät mit der Zeit zu geben. Ein wenig wie der von uns schon bespro­che­ne Regen…ist der Brül­len­de Löwe für dich ein Bild von Gewalt?

Und damit in Ver­bin­dung steht auch eine Angst, die ich in mir selbst habe. Es ist so ein Drang in zwei Rich­tun­gen in mir. Der eine Teil möch­te am liebs­ten sei­ne eige­ne Zeit leben, immer­zu sei­nen Rhyth­mus fin­den und sich um nichts küm­mern müs­sen, die Zeit sozu­sa­gen beherr­schen (auch wenn man das nicht kann). Der ande­re Teil ist ins­be­son­de­re in Bezug auf Film sehr ehr­gei­zig, geht nach vor­ne, blickt die gan­ze Zeit in alle Rich­tun­gen (nur mög­lichst wenig nach hinten)…ich emp­fin­de das als Wider­spruch, der mich auch sehr kämp­fen lässt manch­mal. Wie ist das bei dir? Wie funk­tio­niert für dich die­ses sehr per­sön­li­che Suchen nach der Zeit, die­ses stän­di­ge Zurück­bli­cken, dass da ja auch ein­be­grif­fen ist mit dei­nem Leben als Fil­me­ma­cher? Oder emp­fin­dest du das gar nicht so?

Vie­le Grüße,

Patrick

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Sou­vi­ens-toi que le Temps est un joueur avide
Qui gagne sans tri­cher, à tout coup! c’est la loi.
Le jour décroît; la nuit aug­men­te; Souviens-toi!
Le gouf­fre a tou­jours soif; la cle­psyd­re se vide.

Remem­ber, Time is a gree­dy player
Who wins wit­hout chea­ting, every round! It’s the law.
The day­light wanes; the night deepens; remember!
The abyss thirsts always; the water-clock runs low.

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Lie­ber Patrick,

inter­es­sant, der Speer der Zeit (die Meta­pher kann­te ich noch nicht) und die Rol­le des Films… Ja, viel­leicht, Film als Ret­tung… Zumin­dest in Fil­men, die sich bewusst Zeit neh­men, auf Dau­er set­zen, der Schnell­le­big­keit und dem Speer das genaue Hin­schau­en und eben das Sich-alle-Zeit-der-Welt-Neh­men ent­ge­gen­set­zen, könn­te das stim­men, dass dar­in zumin­dest eine klei­ne Ret­tung ist.

Ob der Brül­len­de Löwe was mit Gewalt zu tun hat, weiß ich nicht. Da sieht jeder was ande­res drin und das gefällt mir. Man­che sagen, ein Löwe, der brüllt, macht Angst, bedroht. Ande­re sehen – wie die spa­ni­sche Über­set­zung – statt dem brül­len­den Löwen eher das Brül­len eines Löwen, und das ist, im Gegen­satz zum Gerun­di­um des brül­len­den Löwen etwas schnell Vor­über­ge­hen­des und dadurch weni­ger bedroh­li­ches. Oder eine Freun­din sprach neu­lich vom Brül­len­den Löwen als etwas bemit­lei­dens­wer­tes, weil sie eher an den alten frü­he­ren Rudel­kö­nig dach­te, der nun alt gewor­den von sei­nen Kol­le­gen fort­ge­jagt und in die Wüs­te geschickt wird, und nur noch kurz vor sich hin­faucht – gar nicht mehr bedrohlich…

Und wie das per­sön­lich ist – auch das ist schwer zu sagen. Wie in mei­nem Film zu sehen, schau ich ja doch recht viel zurück. Und sehe das Ver­gan­ge­ne durch­aus als Teil der Gegen­wart, weil es mich geprägt hat. Und so ist es weni­ger der Rhyth­mus und das zurück­bli­cken, was einen ängs­ti­gen und schre­cken, denn den Rhyth­mus kann man ja doch in gewis­sem Maße beein­flus­sen. eher das – auch dar­um geht es ja im Film – Wis­sen um die Macht­lo­sig­keit gegen­über der End­lich­keit. Und der Tat­sa­che, dass man – das schon – nicht genug rein bekommt in die weni­ge begrenz­te Zeit…

Jetzt sit­ze ich grad im Zug nach Ber­lin und die Zeit läuft ab, denn ich nähe­re mich Berlin…

Ende Okto­ber komm ich zur Vien­na­le – ich ver­mu­te, da sehen wir uns, oder?

Vie­le Grüße!

Phil­ipp

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Lie­ber Philipp,

schön, dass du zur Vien­na­le kommst, dort dürf­ten wir uns ziem­lich sicher sehen . Bist du denn auch in Ham­burg anzu­tref­fen? Ich ver­su­che dort auch wie­der anzu­rei­sen. Momen­tan bin ich in Deutsch­land und ab Herbst auch viel in Ungarn, weil ich selbst an einem Film arbei­te, der pas­sen­der­wei­se viel mit Ver­gäng­lich­keit zu tun hat. Es ist schön, dass die Orte, an denen wir sind, wenn wir uns schrei­ben, im Moment des Lesens die­ser Tex­te etwas Ver­gan­ge­nes sind. Also nicht die Orte selbst, aber unse­re Anwesenheit.

Dei­ne Gedan­ken sind sehr span­nend und nach­voll­zieh­bar. Ich ken­ne die­ses Gefühl vom Ver­gan­ge­nen als Teil der Gegen­wart, es ist ein wenig eine Sache von Geis­tern auch wenn mir das manch­mal etwas zu bemüht scheint im moder­nen Kino. Dein Film hat ja auch die­ses prous­tia­ni­sche Gefühl die­ser Unmög­lich­keit des „Jetzt“. Ich erin­ne­re mich (ja das ist auch prous­tia­nisch, weil man über Film viel­leicht gar nicht rich­tig ohne Proust spre­chen kann) an die­se Sequenz in der du nach dem „Jetzt“ suchst, nach der Gegen­wart, die immer schon vor­bei ist, aber ich fin­de, indem du die­se Ver­gäng­lich­keit fest­hältst und die­se End­lich­keit kämpfst du auch dage­gen an. Das ist kein beson­ders neu­er Gedan­ke, aber er ist in dei­nem Film sehr prä­sent (im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes) Aber du wirst ja in dei­nem Film auch zum Schat­ten, ein Schat­ten bevor du zumin­dest aus dem Film ver­schwin­dest. An die­ser Stel­le – auch wenn ich das sehr bewe­gend und gelun­gen fand beim Schau­en – wür­de ich dir wider­spre­chen, weil du ja den gan­zen Film schon für mich ein Schat­ten bist. Ich fin­de nicht, dass es mit dei­nem Schat­ten enden soll­te, son­dern damit beginnt das Kino ja erst. Alex­an­der Hor­wath, der hier das Film­mu­se­um in Wien lei­tet, spricht sehr viel von der Gegen­wär­tig­keit der Pro­jek­ti­on, er sagt, dass ein Film immer im Jetzt sei­ner Auf­füh­rung statt­fin­det. Es gibt Tage, da wache ich auf mit Zwei­feln an die­ser Fest­stel­lung, aber heu­te ist kein sol­cher Tag. Es scheint mir ein­fach zu hun­dert Pro­zent stim­mig zu sein. Die­se Gedan­ken über das Ver­gan­ge­ne als Teil der Gegen­wart sind für mich nicht nur in mei­ner und wie du mir mit­ge­teilt hast, auch in dei­ner Wahr­neh­mung zu fin­den, sie sind wahr­schein­lich ein essen­ti­el­ler Bestand­teil des Kinos und viel­leicht sind wir daher bei­de auch vom Kino fas­zi­niert. Wenn ich da an mei­ne zwei­te Lieb­lings­sze­ne in dei­nem Film den­ke, den Ampel­stopp, dann fin­det sie genau in die­ser Ver­ge­gen­wär­ti­gung des Ver­gan­ge­nen statt, es ist ein Stopp, ein kur­zes Aus­stei­gen aus den Regeln, den Regeln der Zeit, des immer wei­ter flie­ßen­den Ver­kehrs und gleich­zei­tig ist es eine Erin­ne­rung, die vor uns gegen­wär­tig wird, du hast dich in die­sem Fall für eine Reprä­sen­ta­ti­on der Erin­ne­rung ent­schie­den, war­um? Und mit die­ser Fahrt der Kame­ra erfah­re ich eine Zeit­lich­keit. Es ist wirk­lich ein „Jetzt“-Moment für mich gewesen.

Es gibt noch eine Fra­ge, die ich dir stel­len möch­te zu dei­nem Film. Sie scheint banal, aber viel­leicht ist sie es nicht. Es geht um dei­nen Titel­schrift­zug. Mir ist auf­ge­fal­len, dass er von rechts nach links durch das Bild fährt. War­um die­se Fahrt gegen die Leserichtung?

Vie­le Grüße,

Patrick

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Tan­tôt son­nera l’heu­re où le divin Hasard,
Où l’au­gus­te Ver­tu, ton épou­se encor vierge,
Où le Rep­en­tir même (oh! la der­niè­re auberge!),
Où tout te dira Meurs, vieux lâche! il est trop tard!»

Soon will sound the hour when divi­ne Chance, 
When august Vir­tue, your still vir­gin wife, 
When even Rep­en­tance (the very last of inns!), 
When all will say: Die, old coward! it is too late!»

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b2

Lie­ber Patrick,

gute Fra­gen! Die ins Schwar­ze treffen.

Der Ampel­stopp – ja, das ist ein Moment des jetzt. Zum einen natür­lich wegen des Inne­hal­tens an der Ampel – für die Minu­te oder wie lang auch immer sie rot ist, wird die Zeit ( – reprä­sen­tiert durch den linea­ren Ver­kehrs­fluss – ) ange­hal­ten. Ande­re Bewe­gun­gen lau­fen in ande­ren Rich­tun­gen zeit­gleich ab (die Kame­ra­fahrt, das Krei­sen um das Auto (Kreis­be­we­gung statt line­ar!) und nicht zuletzt das eben­falls line­ar sich bewe­gen­de Flug­zeug (aber im Gegen­satz zum Ver­kehrs­fluss auf ein Ziel hin – das Lan­den und dann ist die Bewe­gung zu Ende; was hier noch vor­her pas­siert, dadurch dass das – digi­ta­le – Flug­zeug ver­schwin­det und nicht mehr lan­det, gewis­ser­ma­ßen die End­lich­keit der Bewe­gung hin­ter­trei­bend, wenn man so will…). Zum ande­ren ist das ein jetzt Moment, weil es ja um die­ses Gefühl geht, was man (ich zumin­dest) mit 18 hat­te, was ja das Alter der Jungs ist, die hier die­ses alber­ne Spiel machen. Die­ses Gefühl von Die Welt liegt mir zu Füßen, ich hab alle Mög­lich­kei­ten, ewig Zeit und so wei­ter. Die­se unbe­darf­te, unbe­schwer­te Zuver­sicht, die allein aus dem Moment, aus der Zeit oder der Lebens­pha­se (die man gar nicht als sol­che im Sin­ne von eine Pha­se im Ablauf von eini­gen weni­gen Pha­sen ins­ge­samt wahr­nimmt) her­aus ent­steht und sich speist. Um die­ses Gefühl, um die­sen Jetzt-Moment ging es uns in die­ser Sze­ne. Mir und Jan Eich­berg, der ja die­se wie auch die ande­ren vier insze­nier­ten Minia­tu­ren im Film ent­wi­ckelt hat. Das Spiel des „Ampel­stopp“ übri­gens kann­te ich gar nicht. Das kommt von Jan aus sei­ner Jugend im Oden­wald. Da wo ich auf­ge­wach­sen bin, haben wir ande­ren Quatsch gemacht. Aber die­ses Gefühl des allei­ne im Augen­blick Leben, das dahin­ter steht, ist natür­lich das gleiche.

Und die Schrift-Rich­tung ist eine gute Fra­ge zum rich­ti­gen Zeit­punkt. War glaub ich ein Gefühl – ich weiß gar nicht ob meins oder das des Gra­fi­kers, der die Titel gemacht hat. Oder viel­leicht auch nur Kon­ven­ti­on, weil man das halt so macht. Aber vor allem ver­mut­lich weil die Les­bar­keit wäre anders­rum natür­lich schwie­rig und der Film ist ja offen genug, da wür­de ich ger­ne nicht noch im Titel mehr Ver­wir­rung stif­ten. Ist ja nur gegen die Lese­rich­tung bei unbe­weg­tem, bewegt gehts nur so rum.

Aber die Fra­ge ist gut, weil es ja spä­ter noch­mal die Fotos von mei­nem Vater gibt, wo er auf Leer­stel­len und ver­meint­li­che Belang­lo­sig­kei­ten guckt und die lau­fen auch von rechts nach links und mir schien das da das „nor­ma­le“ zu sein. Und neu­lich sah ich den Film von hin­ter der Lein­wand bei einem Open-Air-Scree­ning auf Bett­la­ken und war ohne­hin ganz baff, wie anders der Film wird und fand bei der Sze­ne, dass sie von links nach rechts lau­fend (also eher das, was man als unna­tür­lich emp­fin­den wür­de) bes­ser wur­de. Ich dach­te schon, in Zukunft soll­te man ver­mut­lich nach dem Roh­schnitt immer erst­mal den Film sei­ten­ver­kehrt anschau­en und dann ent­schei­den, wann der Schnitt fer­tig ist…

So weit für heute.

Vie­le Grü­ße und bis bald in Wien und – ja, Film­fest Ham­burg bin ich ver­mut­lich auch wie­der unterwegs.

Phil­ipp

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Lie­ber Philipp,

ich habe gehört, dass der Regen, der gekom­men ist, den Som­mer noch nicht end­gül­tig weg­ge­spült hat.

Ich habe das Gefühl, dass sich unse­rer Kor­re­spon­denz mit der Zeit lang­sam dem Ende zuneigt. Sie müss­te natür­lich nie enden, viel­leicht soll­ten wir ein­fach immer wei­ter­ma­chen, aber ein Jucken in mei­nen Fin­gern for­dert lang­sam eine Ver­öf­fent­li­chung. Ich habe dei­nen Film in die­sen 10 Mona­ten 2mal gese­hen. Es war span­nend zu beob­ach­ten, was bleibt von ihm, was geht, was wie­der kommt…ich fra­ge mich, ob es gut ist, wenn ein Film ganz prä­sent bleibt oder ob das lang­sa­me Glei­ten in eine Dun­kel­heit auch wert­voll ist. Ich weiß es nicht. Dein Film teilt sich da sehr für mich. Man­ches bleibt wirk­lich ganz gegen­wär­tig, ande­res weiß ich über­haupt nicht mehr.

Wie also eine abschlie­ßen­de Fra­ge an dich for­mu­lie­ren mit dem Halb­wis­sen über einen Film, der sich gegen all die­sen fil­mi­schen und außer­fil­mi­schen Ein­drü­cke der letz­ten Mona­te erweh­ren muss, der da in einen Fluss gesprun­gen ist, an dem mein Leben hängt? Ich ver­su­che mich dar­an zu erin­nern, wie ich ihn das ers­te Mal gese­hen habe. Ich war in Wien in mei­ner klei­nen Woh­nung. Man muss auf dem Bett sit­zen, um das Bild zu sehen. Es war ein kal­ter Tag. Ich weiß noch, wo ich die Ver­pa­ckung der DVD abge­legt habe, weil sie dort sehr lan­ge lag. Sie lag auf der DVD von Uzak von Nuri Bil­ge Cey­lan. Ab Dezem­ber lag dort The man who fell to earth von Nico­las Roeg. Dei­ne DVD lag dar­un­ter. Im Win­ter habe ich ihn noch­mal gese­hen, ein Freund von mir war bei dei­ner Vor­füh­rung in Augs­burg. Ich kann mich auch erin­nern wie du mir die DVD gege­ben hast in Ham­burg im Cine­ma­xx (wie unpas­send für dei­nen Film). Ich kann mich nicht mehr an mei­nen Kör­per wäh­rend des Films erin­nern. Nur an Bil­der und Töne. Ist das eine Erfah­rung von Zeitlosigkeit?

Wie also eine abschlie­ßen­de Fra­ge an dich for­mu­lie­ren? Viel­leicht soll­te ich nicht. Natür­lich will ich wis­sen wie es dei­nem Pro­jekt geht, das du begon­nen hast wäh­rend der Kino­tour. Dar­über könn­test du mir schrei­ben, aber viel­leicht gibt es noch etwas ande­res, was dich beschäf­tigt. Viel­leicht soll­te ich här­ter fra­gen. Ich fra­ge mich zum Bei­spiel war­um dein Film nicht auf einem grö­ße­ren Fes­ti­val lief. Machst du dir über sowas Gedanken?

Vie­le Grüße,

Patrick

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Lie­ber Patrick,

das klingt schön für mich und ehrt mich – dass Du Dich nicht an Dei­nen Kör­per wäh­rend mei­nes Films erin­nern kannst und dass man­che Din­ge gegen­wär­tig blei­ben und man­che ver­schwin­den. Ich emp­fin­de das als Qua­li­tät des Sehens und glau­be gleich­zei­tig, dass das ver­mut­lich oft so und ist etwas posi­ti­ves. Und sagt den­noch ver­mut­lich nichts über die Qua­li­tät eines Films aus, son­dern nur über die Beschaf­fen­heit unse­res Bewusst­seins. Oder doch über die Qua­li­tät? So wie ich immer die The­se ver­tei­di­ge, dass man (oder zumin­dest ich selbst) nur in guten Fil­men ein­schla­fe. Und das übri­gens genau des­halb sehr ger­ne tue, weil die­ses Weg­glei­ten, das Ver­las­sen des Films und Über­ge­hens in einen ganz eige­nen Film – der manch­mal noch aus der Ton­spur und eige­nen Bil­dern eines begin­nen­den Träu­mens besteht – so inter­es­sant ist. Wer war es, der mal sag­te, dass man nur in Fil­men ein­schläft, denen man vertraut?

Dein Gefühl scheint mir die­sem ähn­lich zu sein. Und das in Erin­ne­rung blei­ben von Bil­dern und Tönen scheint mir etwas sehr wert­vol­les zu sein. Viel­leicht so etwas ähn­li­ches wie Zeit­lo­sig­keit. Oder bewuss­te Zeit ohne Ablenkung.

Sol­che – für mich sehr schö­nen – Rück­mel­dun­gen über Ein­drü­cke, die mein Film aus­löst, habe ich in den letz­ten 11 Mona­ten auf Tour des Öfte­ren bekom­men. Eigent­lich täg­lich. Auch vor­her schon, auf ein paar der Film­fes­ti­vals wo ich war. Und die­se Rück­mel­dun­gen sind es, die mir beson­ders wich­tig sind. Sehr viel wich­ti­ger als ob der Film nun auf die­sem oder jenem Fes­ti­val läuft. Zumal man da ja weiß, wie absurd manch­mal die Ent­schei­dungs­pro­zes­se ablau­fen. Und zudem lief mein Film ja auf nicht vie­len (ins­be­son­de­re in Deutsch­land), aber auf eini­gen der wich­ti­gen und sym­pa­thi­schen Fes­ti­vals. Schon die Welt­pre­mie­re auf dem wun­der­ba­ren FICUNAM-Fes­ti­val in Mexi­ko war mehr als ich mir hät­te träu­men lassen…

So weit zu Dei­nen Fra­gen – ich glau­be mehr muss dem nicht hin­zu­ge­fügt wer­den, es sei denn, wir wol­len zeit­los bis in die Ewig­keit wei­ter kor­re­spon­die­ren. Aber viel­leicht muss das nicht sein und wir reden lie­ber in einer Wei­le wei­ter – z.B. über Kinos, wenn dann mein Film aus der Kino­tour – die Rei­se durch 75 Kinos – fer­tig ist. Und ich hof­fe, in Ham­burg beim Film­fest und/​oder wäh­rend der Vien­na­le sehen wir uns auf ein Bierchen…

Erst­mal dan­ke für Dein Inter­es­se und Dei­ne anre­gen­den Fragen!

Und vie­le Grüße!

Phil­ipp

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L’En­ne­mi

Ma jeu­nesse ne fut qu’un ténéb­reux orage,
Tra­ver­sé çà et là par de bril­lants soleils;
Le ton­ner­re et la plu­ie ont fait un tel ravage,
Qu’il res­te en mon jar­din bien peu de fruits vermeils.

Voi­là que j’ai tou­ché l’au­t­om­ne des idées,
Et qu’il faut employ­er la pel­le et les râteaux
Pour ras­sem­bler à neuf les ter­res inondées,
Où l’eau creu­se des trous grands com­me des tombeaux.

Et qui sait si les fleurs nou­vel­les que je rêve
Trou­ve­ront dans ce sol lavé com­me une grève
Le mys­tique ali­ment qui ferait leur vigueur?

— Ô dou­leur! ô dou­leur! Le Temps man­ge la vie,
Et l’ob­scur Enne­mi qui nous ron­ge le coeur
Du sang que nous per­dons croît et se fortifie!

The Ene­my

My youth has been not­hing but a ten­eb­rous storm, 
Pier­ced now and then by rays of bril­li­ant sunshine; 
Thun­der and rain have wrought so much havoc 
That very few ripe fruits remain in my garden.

I have alre­a­dy rea­ched the autumn of the mind, 
And I must set to work with the spa­de and the rake 
To gather back the inu­n­da­ted soil 
In which the rain digs holes as big as graves.

And who knows whe­ther the new flowers I dream of 
Will find in this earth washed bare like the strand, 
The mys­tic ali­ment that would give them vigor?

Alas! Alas! Time eats away our lives, 
And the hid­den Ene­my who gnaws at our hearts 
Grows by dra­wing strength from the blood we lose!

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PS: Einen Nach­trag könn­te ich noch lie­fern, er hat mit Zeit, mit dem Film und mit den wun­der­ba­ren Begeg­nun­gen zu tun, die ich auf der Tour hatte.

Neu­lich eine Schul­vor­stel­lung mei­nes Films mit 14 und 15 jäh­ri­gen Neunt­kläss­lern. 45 Minu­ten lang uner­war­tet guter Fra­gen vor einem ganz ande­ren Hin­ter­grund, alters­mä­ßig. Jugend­li­che, denen Tod und End­lich­keit noch gar kein The­ma ist. Und gera­de das war natür­lich für mich nicht nur hoch inter­es­sant, son­dern berei­chernd und natür­lich auch eine Zeit­rei­se in die eige­ne Vergangenheit.

Nach Schul­schluss dann noch ein lan­ges Gespräch mit einer Schü­le­rin, die von ihren Zukunfts­ängs­ten, von Ängs­ten vor Ver­än­de­rung und von Ängs­ten vor der fal­schen Ent­schei­dung, was ihren Weg nach dem Abitur angeht, berich­te­te. Auf eine unglaub­lich klu­ge und reflek­tier­te und auch trau­ri­ge Art, die mich sehr berührt hat. Und nach einem fast ein­stün­di­gen Gespräch, schon auf dem Flur, bei der Ver­ab­schie­dung, stell­te sich her­aus: ihr Vater ist mein Fuß­ball-Idol aus den acht­zi­ger Jah­ren! Auch das eine Zeit­rei­se und in die­ser wun­der­ba­ren Begeg­nung neben­bei noch eine Bestä­ti­gung, dass mein Idol wohl noch mehr rich­tig gemacht hat, als nur gut Fuß­ball zu spielen…

So, nun ist es genug, das nächs­te Gespräch, beim Bier zum Film­fest, füh­ren wir über Fußball!

Herz­li­che Grüße!

Phil­ipp

Wer den Film sehen möchte:

Auf der Web­sei­te www​.zeit​-film​.de gibt es aktu­el­le Ter­mi­ne und einen Kon­takt zur Bestel­lung der DVD.

Und auf Doc Alli­ance kann man den Film als VoD runterladen.