Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Le Champignon des Carpathes von Jean-Claude Biette

Radio­ac­ti­vi­ty is in the air for you and me

Text: Leo­nie Jenning

Die meis­ten Din­ge wer­den für das mensch­li­che Auge durch Licht sicht­bar. Was wir sehen, ist eine Refle­xi­on von Ober­flä­chen – ein Abbild der Wirk­lich­keit, auf das wir als Men­schen in der Lage sind zu reagie­ren. Dabei über­se­hen wir aber oft, dass hin­ter die­sem Abbild etwas exis­tiert, das sich unse­rer sinn­li­chen Wahr­neh­mung ent­zieht. Sobald die­se für uns unsicht­ba­ren Kräf­te auf sicht­ba­re Mate­rie ein­wir­ken und die­se merk­lich ver­än­dern, erken­nen wir, dass unse­re visu­el­le Ord­nung Ris­se bekommt; und uns wird klar: Wir kön­nen die Welt nicht mit unse­rem blo­ßen Auge zusam­men­hal­ten. Wir erle­ben uns viel mehr als frag­men­ta­ri­schen Ein­druck eines grö­ße­ren Gan­zen, das sich, wenn über­haupt, nur an den Gren­zen des Erfahr­ba­ren bemerk­bar macht.

Die­se Erkennt­nis kann ver­schie­dens­te Reak­tio­nen her­vor­ru­fen: Man­che Men­schen ver­lie­ren sich selbst, ande­re lösen sich auf, und wie­der ande­re kön­nen in der Ohn­macht nichts stär­ker wahr­neh­men, als sich selbst.

Wir wis­sen: Das Kino ist das Medi­um der Sicht­bar­keit. Wenn wir einen Film schau­en, ver­schlie­ßen wir zwar für einen Moment die Augen vor unse­rem eige­nen Hori­zont, erwei­tern aber gleich­zei­tig durch die fil­mi­schen Mit­tel unser Sehen bis ins Unend­li­che. Dar­in erscheint die Welt in mon­tier­ten Zusam­men­hän­gen oft ein­deu­ti­ger als in ihrem tat­säch­li­chen, chao­ti­schen Zustand. Die Wirk­lich­keit ist aber nicht nur unüber­sicht­lich, son­dern auch von einem per­ma­nen­ten Ver­schwin­den betrof­fen: Lang­sam und unkon­trol­liert löst sich Mate­rie auf und ver­wan­delt sich in Ener­gie. Im kata­stro­pha­len Ernst­fall kann das zur radio­ak­ti­ven Ver­strah­lung gan­zer Gebie­te füh­ren. Radio­ak­ti­ve Strah­lung ist nicht sinn­lich wahr­nehm­bar, kann jedoch mit Mate­rie in Kon­takt tre­ten und deren Ato­me und Mole­kü­le der­art ver­än­dern, dass der unauf­halt­sa­me Zer­fall des Lebens auf unna­tür­li­che Wei­se beschleu­nigt und die Fol­gen der Ein­wir­kung sicht­bar wer­den. Am 26. April 1986 ereig­ne­te sich in Tscher­no­byl der ers­te Super-GAU – eine Atom­ka­ta­stro­phe. Der Reak­tor des Block 4 des ukrai­ni­schen Atom­kraft­werks „W. I. Lenin“ explo­dier­te und hun­dert­tau­sen­de Men­schen muss­ten die Regi­on um Tscher­no­byl ver­las­sen. Vie­le erkrank­ten an Krebs oder leb­ten fort­an in stän­di­ger Angst vor den gesund­heit­li­chen Folgen.

Im klas­si­schen Kino ist es ganz ein­fach. Es gibt kei­ne chao­ti­sche Gleich­zei­tig­keit, son­dern immer nur ein Davor und ein Danach, eine kla­re Abfol­ge von Ereig­nis­sen. Nicht nur zieht jedes Bild das nächs­te nach sich, son­dern die Bil­der bedin­gen sich gegen­sei­tig unmit­tel­bar. Kein Bild, das auf ein ande­res folgt, könn­te für sich allein, ohne das ihm Vor­an­ge­gan­ge­ne, als sol­ches bestehen. Das Davor und das Danach ist sinn­stif­tend für den Moment. Wir sehen und ein Bild nach dem Ande­ren wird sicht­bar. Nichts zer­fällt. Die Sze­nen bau­en auf­ein­an­der auf, bis sich schließ­lich die gan­ze Geschich­te in ihrem Ende auflöst.

Alles, was bis dahin in den Bil­dern pas­siert, ist über­schau­bar und von Men­schen­hand arran­giert, was dem Publi­kum ein trü­ge­ri­sches Gefühl von Kon­trol­le ver­mit­telt. Gebannt davon, bleibt man vor den Bild­schir­men und Lein­wän­den sit­zen, ver­sun­ken in das Gefühl von zwei­fels­frei­er Ein­sicht in die Leben, die es so – in die­ser Ein­deu­tig­keit – nie gege­ben hat. Es fällt schwer, den Blick von dem end­lo­sen, sich wie­der­ho­len­dem Bil­der­fluss, dem Strom abge­bil­de­ter Kata­stro­phen abzu­wen­den. Der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Paul Viri­lio beschreibt die­ses Sehen mit ver­schlos­se­nen Augen als ein »War­ten auf das Unerwartete«.

Fünf Jah­re nach der Kata­stro­phe wur­de in den kon­ta­mi­nier­ten Gebie­ten von Tscher­no­byl ein Pilz ent­deckt, der Strah­lung absor­biert. Ein schwar­zer Pilz, der sich von Radio­ak­ti­vi­tät ernährt, indem er die Strah­lung auf­nimmt und in Ener­gie umwan­delt. Mitt­ler­wei­le ist der radio­tro­phe Pilz von Tscher­no­byl Teil eines NASA-For­schungs­pro­jekts, das unter­sucht, ob er zur Lösung des Radio­ak­ti­vi­täts­pro­blems bei­tra­gen und Men­schen vor der gefähr­li­chen Strah­lung schüt­zen kann.

Ein Jahr vor die­ser wis­sen­schaft­li­chen Ent­de­ckung, fin­det Marie in dem Film Le Cham­pi­gnon des Car­pa­thes von Jean-Clau­de Biet­te einen ähn­li­chen Pilz am Fuße des Eif­fel­turms, ver­bor­gen unter einer tie­fen Schnee­de­cke. Maries Geschich­te spielt in einer Zeit nach einer ver­hee­ren­den nuklea­ren Kata­stro­phe. Um sie her­um kämp­fen die Men­schen ums Über­le­ben und gegen die Unge­wiss­heit, wann die Strah­lung sie errei­chen wird oder ob es viel­leicht schon längst zu spät ist. Nach ihrem Fund zu Beginn des Films schützt Marie den Pilz neun­zig Minu­ten lang vor dem Licht. Sie erklärt ihrem Bru­der: »Dies ist ein sehr sel­te­ner Pilz. Er erscheint bei außer­ge­wöhn­li­chen atmo­sphä­ri­schen Stö­run­gen, die durch Kata­ly­sa­to­ren aus­ge­löst wer­den. Tief­grei­fen­de Ver­schie­bun­gen in der natür­li­chen Ord­nung. Er wird in der Käl­te gebo­ren, aber ein­mal gepflückt, kann er sich an jede Tem­pe­ra­tur anpas­sen. Es gibt nur eine Sache, die er nicht mag: das Licht. Er besitzt außer­ge­wöhn­li­che Eigen­schaf­ten: Er kann Wun­den hei­len, vor töd­li­chen Krank­hei­ten schüt­zen und das Leben ver­län­gern.« Ob das wirk­lich so ist, bleibt im Film unge­klärt. – Der Glau­be an die unsicht­ba­re Kraft des Pil­zes und die ver­zwei­fel­te Hoff­nung auf Hei­lung und Schutz, macht den licht­emp­find­li­chen Pilz zum Dreh- und Angel­punkt der Geschichte.

Robert, Maries Bru­der, beginnt als Elek­tri­ker in einem her­un­ter­ge­kom­me­nen Thea­ter, in dem ein alter, exzen­tri­scher Regis­seur, Jere­my Fair­fax, eine Shake­speare-Pro­duk­ti­on plant. Die­ser stellt ihn ein mit den Wor­ten: »Unser Leben ist zu kurz, als dass wir dar­in etwas ande­res als Ama­teu­re sein könnten.«

In weni­gen Wochen soll Ham­let auf­ge­führt wer­den, doch die Schau­spie­le­rin, die die Rol­le der Ophe­lia über­neh­men soll, ist schwer ver­strahlt und befin­det sich in ärzt­li­cher Behand­lung, wes­halb die Pro­ben nur bedingt wei­ter­ge­führt wer­den kön­nen. Robert – von der Wirk­lich­keit absor­biert und in den Bann des Thea­ters gezo­gen – hat Zugriff auf den Pilz sei­ner Schwers­ter und möch­te die tod­kran­ke Schau­spie­le­rin hei­len, um die Pro­duk­ti­on zu ret­ten. Es gelingt ihm aber nicht, weil das Miss­trau­en der Ärz­te gegen­über der Wirk­sam­keit des Pil­zes zu groß ist. Die behan­deln­de Ärz­tin, Madame Ambro­gi­a­no, spricht in den Tele­fon­hö­rer: »Men­schen ver­tra­gen sich nicht gut mit ande­ren Men­schen, und mit Pflan­zen.« Man könn­te den­ken, dass die unsicht­ba­re Bedro­hung die ein­zel­nen Men­schen nicht zu zwi­schen­mensch­li­cher, soli­da­ri­scher Klar­heit ver­lei­tet, son­dern viel­mehr zu Lügen und Intrans­pa­renz, um ihre eigen­nüt­zi­gen, exis­ten­ti­el­len Absich­ten zu kaschie­ren. Im töd­li­chen Zwei­fels­fall, wenn die Radio­ak­ti­vi­tät den Orga­nis­mus angreift und alles zusam­men­zu­bre­chen droht, beginnt die Auf­rich­tig­keit in den Her­zen der Men­schen zu ero­die­ren. Damit zer­fal­len nicht nur die Kör­per der Betrof­fe­nen, son­dern auch lang­sam, aber ste­tig ihre Bezie­hun­gen und sozia­len Struk­tu­ren. Ein­ge­hüllt in die kata­stro­pha­le Rea­li­tät ihres Zustands, unfä­hig, klar zu sehen und über­wäl­tigt von der Unmit­tel­bar­keit des Moments, sind die Men­schen der unsicht­ba­ren Strah­lung hilf­los aus­ge­lie­fert, bis das letz­te Bild des Films der Geschich­te Erlö­sung verspricht.

Das letz­te Bild zeigt, wie Marie und Robert am Meer ent­lang­lau­fen. Der Abspann rollt über die Bild­flä­che, wäh­rend das Ele­ment des Lebens und der Zustand stän­di­ger Ver­än­de­rung und Bezie­hung sich hin­ter der Schrift aus­brei­tet. Ein Bild nach all dem ihm vor­an­ge­gan­ge­nen, mit einer über­wäl­ti­gen­den Kraft: Die Undurch­sich­tig­keit des Mee­res löst letzt­lich die gan­ze Welt auf. Der Film und die wirk­li­che Welt ver­schmel­zen in ihrer Unab­ge­schlos­sen­heit und ent­zie­hen sich somit einem end­gül­ti­gen Ende.

Es wird wei­ter­ge­hen, wir wis­sen nur noch nicht wie.