Le Complexe de Toulon von Jean-Claude Biette

Frankreich und Großbritannien trennt trotz ihrer geografischen Nähe nicht nur die Sprache, die Mentalität und die Geschichte, sondern – deutlicher könnte es nicht sein – auch der English Channel, der Ärmelkanal, zu dem die Franzosen nur La Manche sagen. Diesen überquert Jean-Christoph Bouvet als Chris Patsch in Jean-Claude Biettes Le Complexe de Toulon, ziemlich genau in der Mitte des Films. Vielleicht würde jene Überfahrt in einem anderen Film eine Randnotiz bleiben, hier steht sie nicht umsonst im Zentrum, und wird zudem zweimal wiederholt, um von einer Ausweglosigkeit in den Verhältnissen unterschiedlicher Menschen zu erzählen, die bei Biette stets von denselben Freunden verkörpert werden. Dabei handelt es sich aber nicht allein um Konflikte im Zwischenmenschlichen, auch nicht zwischen England und Frankreich, darüber ließe sich in einer langen Freundschaft hinwegsehen, vielmehr verlagert sich ein äußerliches Verhältnis ins Innere, beziehungsweise wendet sich ein inneres Problem nach außen. Der Komplex ist kompliziert.

Aber auch ganz einfach: Kehrt ein Franzose dem Land der Revolution gen Großbritannien den Rücken, dann ließe sich dahinter der lange Atem der Gegenrevolution wittern. Nicht nur zieht Chris die britische Demokratie der französischen vor, nach ihm hätten es Eichhörner schon erkannt, sondern er hasst auch das Theater (Racine, Molière, Corneille), stattdessen würde er lieber wieder in seiner britischen Punkband Planet Mars spielen würde. Biette drehte diesen Film fünfundzwanzig Jahre nach 1968, aber auch zweihundert Jahre nach der Belagerung von Toulon, einem essenziellen Ereignis beim Aufstieg Napoléon Bonapartes. Die britischen Alliierten hatten die Stadt im Frühjahr 1793 unter ihre Kontrolle gebracht und somit auch den wichtigsten Militärhafen des revolutionären Frankreichs. Erst im Dezember konnte die Stadt am Mittelmeer auf der anderen Seite des Landes unter einigen Opfern durch die Armée d’Italie angeführt von Napoléon zurückerobert werden. Wer mit den Briten gemeinsame Sache machte, wurde wenig später auf dem Champ de Mars in Paris hingerichtet, ganz egal welcher Nation er angehörte.

Ohne nur ein Wort über diese Geschichte zu verlieren, fragt sich Chris auf der Fernsehcouch sitzend, während sein Bruder Fredi mit kryptischen Metaphern seine Ex-Freundin umwirbt, was dessen »marsianische«, also unverständliche, Sprache soll. Es gibt also doch Probleme im Zwischenmenschlichen beziehungsweise in der Familie, die nur indirekt besprochen oder durch ein ruckelndes Video von Sacha Guitrys Quadrille vermittelt werden können. Kurz darauf bricht Chris nach Großbritannien auf. Aber was hat das mit der Geschichte zu tun? Vorerst gar nichts.

Denn eigentlich geht der Name des Toulon-Komplexes auf Charles Toulon zurück, der in Le Complexe de Toulon von Howard Vernon gespielt wird, und nicht auf die Stadt an der Côte d’Azur. Vernon: Stammspieler der Groupe Biette, zuvor regelmäßige Zusammenarbeit mit Jesús Franco, aufgewachsen als Mario Lippert in der Schweiz, ging erst nach Berlin, dann London, um schließlich nach Frankreich zu finden. Seine Rolle als Charles Toulon, nach den Berichten von Chris Bruder, der über ihn eine Biografie schreiben will: ist ebenfalls mehr oder weniger Brite, obwohl ihn sein Name zunächst als Franzose ausweist, darüber hinaus ist er ein sprachbegeisterter Schauspieler, nachdem er seine Karriere als Essayist aufgegeben hatte. So sind sich Charles (Vernon) und Chris (Bouvet) nicht gerade unähnlich. Zufällig erhält Chris ein Engagement in Toulons neuem Stück, weil er dringend einen Job benötigt, kann aber mit der Form des Theaters, das eigentlich keines mehr sein möchte, wenig anfangen. Es beschreibt Landschaften, anstatt in ihnen zu spielen.

Um nachzudenken, man versteht immer noch nicht ganz worüber, womöglich über die Landschaften, flieht Chris nach London zu einem seiner alten Bandmitglieder. Dieser singt nur noch kläglich und verdient mittlerweile sein Geld mit Weinverkostungen samt französischen Sommelier, der den britischen Gästen Geschmack beibringt, ihnen goutiert, aber sich vor Chris über sie mokiert. Der Blick in Chris’ Vergangenheit ist auch ein Blick in sein kulturelles Unbehagen.

Charles und Chris erleben in ihrer Frankophilie und Anglophilie dasselbe auf umgekehrte Weise, was ihr Aufeinandertreffen am Ende des Films auf einer Parkbank bezeugt. Ob dies ebenso für die Cinephilie gelten mag? Biette macht keinen Hehl aus der Intellektualität seiner Filme. Womöglich kann sich diese besonders gut in ihrem freundschaftlich, vertrauten Umfeld entfalten, das man sich ähnlich wie die Abendessensszene der Theatergruppe in Le Complexe de Toulon vorstellen darf: Mithilfe ein paar Gläser Weins wird allerhand gefachsimpelt, geprahlt, geflunkert, gesungen und in der gemeinsamen Geschichte gemunkelt. Dann erklärt Biette kurzerhand selbst, worum es sich bei diesem Komplex handelt. Charles Toulon habe 1968 eine Vielzahl von Gesprächen beobachtet und dabei ein paranoides Sprechen erkannt, das in gepflegten Debatten stets pastoral, fast schon marsianisch (oder marxistisch?), auftritt, und mit einer eigenen Wahrheit, manche nennen sie Irrsinn, andere martialisch, aburteilt. Die Selbstbenennung dieses Phänomens dürfte dabei auf eine Eigenidentifikation hinweisen.

Nicht weniger trifft hier wohl auf Chris zu – englische Rockmusik statt französischer Politik. Auch wenn manchmal die Worte zu fehlen scheinen, schließlich bleibt es eine Fremdsprache, steckt aber wohl mehr hinter seiner England-Neurose. So sehr sogar, als könnte er der Überhand nehmenden Sehnsucht gar nicht ausweichen. Davon weiß die Cinephilie nur zu gut, vor allem jene, die an der Filmkritik geschult ist, wie dieser von Biette. Daran hängt die Notwendigkeit zur Aufklärung dieses Komplexes und der Vergegenwärtigung seiner anziehenden wie abstoßenden Kräfte. So behauptet Chris, dass sich Landschaften im Gegenteil zu Menschen nicht verändern würden, womit er nicht soziologisch von einer Gruppe, sondern biografisch von einem Individuum spricht, denn er sei immerhin nur zu 49 Prozent Marxist, aber zu 51 Prozent Freudianer. Oder anders gesagt: Lieber bleibt er Individualist als orthodoxer Mitläufer, was auch einiges über Biettes historischen Rückblick dahingehend aussagt.

Anzuprangern, wer Maoist, Leninist oder Mozartianer war, und vielleicht immer noch ist, mag über die Verzweiflung der Sprachlosigkeit hinweghelfen, in der sich beispielsweise Chris’ Bruder Fredi befindet, seit er seine Dissertation über Kants Demokratietheorie abbrach, um sich wieder einem anderen (fremden) Leben zu widmen, in das sich Chris zufällig einmischt. Fredi kann sich dabei nicht eingestehen, dass immer ein undokumentierter Teil bleibt, der sich Biografien oder Geschichten entzieht, deshalb aber Raum für Spekulationen bietet, auch davon handelt der Toulon-Komplex.