Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Le Théâtre des Matières von Jean-Claude Biette

Und so, über Grä­ber vorwärts!

Text: Leo­nie Jenning

Unmit­tel­bar nach dem Herz­still­stand sinkt die Kör­per­tem­pe­ra­tur, und die Aus­trock­nung beginnt. Die Kör­per­funk­tio­nen wer­den ein­ge­stellt und Haut und Schleim­häu­te nicht mehr mit Feuch­tig­keit ver­sorgt. Die Horn­haut der Augen trübt sich. Nach kur­zer Zeit tritt die Lei­chen­star­re ein. Das Sta­di­um der Ver­we­sung setzt ein, sobald die Zel­len kei­nen Sau­er­stoff mehr erhal­ten und begin­nen sich selbst auf­zu­zeh­ren. Die Zell­struk­tu­ren lösen sich auf und die inne­ren Orga­ne ver­flüs­si­gen sich. Ein bis zwei Tage nach dem Herz­still­stand ent­wi­ckeln sich die Fäul­nis­pro­zes­se. Die­se brei­ten sich inner­halb einer Woche über den gan­zen Kör­per aus. Dabei spal­ten Pil­ze und Bak­te­ri­en orga­ni­sche Ver­bin­dun­gen des Gewe­bes, und Gase blä­hen die Weich­tei­le des Kör­pers auf.

Irgend­wann ist es vor­bei. Und wenn es soweit ist und alles vor­bei ist, stirbt zwar der Kör­per, aber die See­le lebt wei­ter – so sagt man jeden­falls. Aber eigent­lich ist es genau umge­kehrt: Die See­le stirbt, und der Kör­per lebt wei­ter. Wäh­rend der tote Kör­per durch Zer­set­zungs­pro­zes­se in orga­ni­sche Sub­stan­zen zer­legt wird, die als Nähr­stof­fe für ande­re Lebe­we­sen die­nen, besie­deln bereits inner­halb weni­ger Tage Käfer, Insek­ten und Lar­ven den Kada­ver. – Die letz­te Ver­wand­lung: Der Mensch wird zu Kompost.

Aber fan­gen wir am Anfang an: Wir Men­schen erbli­cken als wehr­lo­se Babys das Licht der Welt, ent­wi­ckeln uns zu selbst­stän­di­gen Erwach­se­nen, bis die Zel­len ab dem drei­ßigs­ten Lebens­jahr lang­sam anfan­gen zu altern, um nach dem Able­ben in kom­pos­tier­ba­res Mate­ri­al zu zer­fal­len und letz­ten Endes gefres­sen zu wer­den. So oder so ähn­lich blüht es jedem, der ein­mal gebo­ren wur­de. Die­ser Zustand des Nicht-mehr-Daseins, obwohl das Mate­ri­al des Kör­pers in gewis­ser Wei­se in ande­rer Form über­dau­ert, hält viel län­ger an als das Dasein. Die meis­te Zeit sind wir tot. Und die Zeit, die wir nicht tot sind, äußert sich als eine kur­ze dra­ma­ti­sche Ener­gie­ent­la­dung auf dem Pla­ne­ten Erde. Die­se dau­ert durch­schnitt­lich fünf­und­sieb­zig Jah­re von mitt­ler­wei­le 4,5 Mil­li­ar­den Jah­ren Erd­zeit. Ein Leben – ein leuch­ten­der Komet, der sofort wie­der verglüht.

Es gibt ver­schie­de­ne Metho­den, um die­ses Auf­blit­zen Ein­zel­ner für die Nach­welt fest­zu­hal­ten. Zum Bei­spiel auf einem Film. Das auf­ge­nom­me­ne Abbild eines Men­schen wird dabei für die Ewig­keit auf­be­rei­tet. Der Ort des Gesche­hens, die Dun­kel­kam­mer muss voll­kom­men abge­dun­kelt sein, um das bereits belich­te­te Mate­ri­al nicht erneut zu belich­ten. Nach­dem der Film ent­wi­ckelt ist, wer­den die abge­lich­te­ten Per­so­nen letzt­lich durch den Licht­ein­fall der Pro­jek­to­ren, oder die Licht­quel­len der Moni­to­re unend­lich oft abspiel­bar und somit unsterb­lich. Immer wie­der: Leuch­ten­de, zwei­di­men­sio­na­le Kör­per auf der Lein­wand, ver­strickt in dra­ma­ti­sche Zusam­men­hän­ge, die nicht ihre Leben sind.

Und dann drängt sich die Fra­ge auf: Lebt die eine Schauspieler:in der Pro­jek­ti­on eigent­lich noch?

Bei­na­he zwang­haft notie­re ich mir die Namen der Darsteller:innen aus Fil­men und tip­pe sie, sobald ich vor mei­nem Rech­ner sit­ze, Buch­sta­be für Buch­sta­be in die Such­ma­schi­ne, um zu über­prü­fen, ob die Per­son, die ich eben auf der Lein­wand oder dem Bild­schirm gese­hen habe, noch ein Teil mei­ner Wirk­lich­keit ist.

Ah krass, ne, die ist schon tot. Und was ist mit ihm?

In einer Sze­ne des Films Le Thé­ât­re des Matiè­res von Jean-Clau­de Biet­te stürmt die Prot­ago­nis­tin Doro­thée in das Zim­mer ihres Lebens­ge­fähr­ten, den sie erst kürz­lich ken­nen­ge­lernt hat, und berich­tet ihm auf­ge­löst, dass ein alter Freund, von dem sie gele­gent­lich Geld­ge­schen­ke ent­ge­gen­nimmt, soeben in einem Lokal beim Din­ner ganz plötz­lich vom Stuhl gekippt und ver­stor­ben ist. „Und so, über Grä­ber vor­wärts“, ent­geg­net ihr neu­er Part­ner Her­mann, indem er Goe­the zitiert. Unbe­irrt von der bestürz­ten Doro­thée mono­lo­gi­siert Her­mann anschlie­ßend über die anste­hen­den Pro­ble­me sei­ner lau­fen­den Theaterproduktion.

Doro­thée, gespielt von der fran­zö­si­schen Schau­spie­le­rin Sonia Savian­ge, die zehn Jah­re nach der Film­pre­mie­re in Paris 1987 ver­starb, unter­bricht Her­mann in die­ser Sze­ne nach eini­ger Zeit und bit­tet ihn, ihr doch einen Tee zuzu­be­rei­ten, damit sie schla­fen gehen kann. Her­mann, gespielt von dem Schwei­zer Schau­spie­ler Mario Wal­ter Lip­pert, der im Jahr 1996 in einem klei­nen Ort an der Gren­ze zu Paris ver­starb, erwi­dert ihre Bit­te und setzt einen Topf Was­ser auf, lässt jedoch nicht von sei­nem The­ma der Arbeit am Thea­ter ab.

Her­mann ist der Lei­ter und Regis­seur der Thea­ter­kom­pa­nie „Le Thé­ât­re des Matiè­res“, in die Doro­thée, nach­dem sie einen Ohn­machts­an­fall im Thea­ter vor­ge­täuscht hat, ohne Wei­te­res auf­ge­nom­men wird. Her­mann fin­det sie nach einer Thea­ter­vor­stel­lung bewusst­los auf einer Trep­pe der Sei­ten­büh­ne und ent­deckt sofort den kost­ba­ren Ring an ihrem Fin­ger. Da das Thea­ter chro­ni­sche Geld­pro­ble­me hat, kommt ihm die­se zufäl­li­ge Begeg­nung sehr gele­gen. Also sam­melt er sie von den Stu­fen auf und bringt sie eine Eta­ge nach oben – zu sich nach Hau­se. Nach­dem Doro­thée beteu­ert, wie gern sie im Thea­ter spie­len wür­de, enga­giert sie Her­mann sofort als Schau­spie­le­rin für das nächs­te Stück, eine Inter­pre­ta­ti­on von Fried­rich Schil­lers „Maria Stuart“. Die Thea­ter­kom­pa­nie, die die­ses Stück, wie auch alle ande­ren, unter pre­kä­ren Umstän­den erar­bei­tet, wird von Her­mann vor voll­ende­te Tat­sa­chen gestellt. Die Reak­tio­nen auf Doro­thées kurz­fris­ti­ge Ein­stel­lung in die Pro­duk­ti­on sind eher ver­hal­ten, was auch dar­an liegt, dass die Ver­hält­nis­se unter­ein­an­der zum Teil zer­rüt­tet sind und die Ner­ven der Ein­zel­nen blank lie­gen, denn Her­mann zahlt sein Ensem­ble sehr schlecht und ver­langt zugleich dem Ein­zel­nen sehr viel ab: Die Darsteller:innen müs­sen ver­schie­de­ne Auf­ga­ben, auch hin­ter den Kulis­sen über­neh­men, damit das Thea­ter­stück über­haupt auf die Büh­ne gebracht wer­den kann. Und so knab­bern sie wäh­rend der Pro­ben, bei denen sie nach ihren Neben­jobs sich die Näch­te um die Ohren schla­gen, an tro­cke­nen Baguettes und kämp­fen gegen zufal­len­de Augen­li­der. Ein per­ma­nen­ter Ausnahmezustand.

All das tun sie mit Sicher­heit nicht für das biss­chen Geld und auch nicht für den Thea­ter­lei­ter Her­mann, son­dern um die rie­si­gen Löcher in ihren lebens­hung­ri­gen Her­zen zu stop­fen und weil sie sich ihrer Lei­den­schaft ver­schrie­ben haben: dem Spiel. „Es gibt vie­le Schauspieler:innen, die ihre eige­nen Eltern umbrin­gen wür­den, um auf die Büh­ne zu kom­men“, klärt eine Schau­spie­le­rin der Thea­ter­kom­pa­nie Doro­thée bei einer Tas­se Kaf­fee in der Küche auf. Sie fol­gen ihrer wesent­li­chen Sehn­sucht nach Ver­wand­lung auf der Büh­ne bedin­gungs­los und wis­sen, dass es sich dabei ins­ge­heim auch um eine Art Todes­sehn­sucht han­delt, die sie antreibt. Denn nur hier auf der Büh­ne kön­nen sie zu sich selbst kom­men und das Bewusst­sein über die eige­ne Sterb­lich­keit in einer neu­en Form pro­duk­tiv machen.

„(…) der Mensch spielt nur, wo er in vol­ler Bedeu­tung des Wor­tes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt (…)“, schreibt Fried­rich Schil­ler 1795 in den „Brie­fen zur ästhe­ti­schen Erzie­hung des Men­schen“ fünf Jah­re bevor sein Dra­ma Maria Stuart in Wei­mar urauf­ge­führt wur­de und zehn Jah­re vor sei­nem Tod.

Im Spiel setzt der Mensch also alles auf eine Kar­te, in der Hoff­nung für weni­ge Momen­te selbst zum Mate­ri­al zu wer­den. Augen­bli­cke des Ich-Todes, der Ich-Tran­szen­denz, in denen öko­no­mi­sche und sozia­le Ver­hält­nis­se voll­kom­men außer Kraft gesetzt sind. Spie­len kann die Ret­tung aus der unmit­tel­bar-all­täg­li­chen Ohn­macht sein und die Mög­lich­keit, Teil von etwas Grö­ße­rem zu wer­den – etwa einem Film. Film­ma­te­ri­al hält fest und schafft neue Zusam­men­hän­ge. Der abge­lich­te­te Mensch gehört nicht mehr nur sich selbst, son­dern einer Geschich­te, die ihrer eige­nen Ver­gäng­lich­keit unter­liegt. Er wird tot und leben­dig zugleich.