Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

L’écran pétrifié (Etalagen VI)

Im Vor­bei­fah­ren: Eine zurück­ge­setz­te Fas­sa­de, nur weni­ge Meter breit, die sich durch ihre Linie zwi­schen hel­lem und dunk­lem Putz vom Rest des nach links ver­lau­fen­den Hau­ses abgrenzt. Rechts dane­ben baut sich die her­vor­ste­hen­de Brand­mau­er des benach­bar­ten Hau­ses auf, sodass stets ein Schat­ten in die­se Ecke fällt, wo sich hin­ter einem Kau­gum­mi-Auto­ma­ten ein paar zer­knüll­te Bier­do­sen sam­meln. Obwohl es so aus­sieht, als han­de­le es sich um ein eigen­stän­di­ges Gebäu­de, gehört die­ser unschein­ba­re Ver­schnitt, ein­ge­klemmt zwi­schen einem Elek­tro­nik- und einem Instru­men­ten­ge­schäft, die bei­de mit einer über­bor­den­den Aus­la­ge auf­war­ten, trotz­dem zum Haus, das bis zur Kreu­zung reicht, blickt man für einen Moment nach oben und erkennt dort den naht­lo­sen Über­gang zwi­schen den Fens­tern sowie den knapp her­vor­ste­hen­den Sim­sen. Direkt unter dem Sims der ers­ten Eta­ge befin­det sich ein Fens­ter mit höl­zer­nem Rah­men und mil­chi­gen Schei­ben, dahin­ter nichts zu erken­nen; lin­ker­hand neben dem Fens­ter ein klei­ner wei­ßer Kas­ten, der wie ein Laut­spre­cher für eine Alarm­an­la­ge aus­sieht. Unmit­tel­bar dar­un­ter ist ein groß­flä­chi­ger Rah­men gefliest, der das Geschäfts­lo­kal ein­fasst. Die Bor­dü­re des Rah­mens wird durch senf­gel­ben gebrann­te Rand­flie­sen gebil­det, in die sich dop­pelt­lan­ge sand­far­be­ne Flä­chen­flie­sen ver­tei­len. Auf ihre Ober­flä­che sind unre­gel­mä­ßi­ge Ver­fär­bun­gen durch den Ruß der Stra­ße zu erken­nen, die auf frü­he­re Rekla­me hin­deu­ten. Bis zum Über­gang des Jah­res 2019 zu 2020 war hier ein blau­es Leucht­schild mit der Auf­schrift »brief­mar­ken mün­zen« sowie ein klei­ner Über­stand mit einer Mar­ki­se ange­bracht. Seit­dem sam­meln sich immer mehr has­tig gezeich­ne­te Tags in rosa, blau und schwarz auf der nun lee­ren Flä­che, manch einer von ihnen ist bereits wie­der ver­blasst. Im Zen­trum die­ser stei­ner­nen Lein­wand, die nach unten hin von einem brö­ckeln­den Sockel abge­schlos­sen wird, liegt der noch­mals zurück­ge­setz­te Ein­gang, an den sich sogleich der Aus­la­ge­be­reich nach rechts anschließt. Es gibt ein Roll­git­ter, das die­se Front gegen Ein­brü­che schüt­zen soll, aller­dings ist es geöff­net, was auf die Nut­zung des ver­wais­ten Lokals schlie­ßen lässt. Mög­li­cher­wei­se schlüpf­te weni­ge Momen­te zuvor noch jemand durch die abge­wetz­te grau­blaue Tür, deren trü­be Schei­be eben­so wenig über das Dahin­ter ver­rät. Im ehe­ma­li­gen Schau­fens­ter dane­ben sta­peln sich Kar­tons mit pol­ni­schen und rus­si­schen Auf­schrif­ten von Spi­ri­tuo­sen, sodass sie jeden mög­li­chen Ein­blick ver­hin­dern, fast zufäl­lig, in ihrer Deckung aber doch bestimmt, bis an die Decke, wo ein gel­bes Schild für Sam­mel­sys­te­me und Prüf­ge­rä­te des Her­stel­lers »Safe« wirbt. Nichts ist so sicher wie das ver­schwin­dend Bestimm­ba­re die­ses Ortes, das sich gera­de durch eine Bewe­gung dar­an vor­bei ins Ima­gi­nä­re drängt, dort auf­löst; so prägt sich ver­meint­lich Gese­he­nes ins Gedächt­nis ein, als hät­te man nicht glau­ben kön­nen, was man sah, nennt es unschein­bar, und sucht es ver­geb­lich Jahr für Jahr.

(Otta­krin­ger Straße)