Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Lissabonner Kleinigkeiten: Driften im Dezember

Mal eine klei­ne Aus­zeit von dem stän­di­gen Polit­ge­flüs­ter. Wie sieht’s denn mit den Men­schen da drau­ßen aus? Am Abend fah­re ich im 20er-Bus in Rich­tung Woh­nung. Die Abend­stun­de ist das Prä­ro­ga­tiv der Busfahrer*innen. Da wird das Radio ger­ne laut auf­ge­dreht. Unter ande­rem kann man dann eine Gesprächs­sen­dung oder die Dire Straits hören. Es stört nie­man­den. Im Gegen­teil. Die „Mmmmmh“-Frau, eine schon län­ge­re Bekannt­schaft von mir, für die ich mit der Zeit eine heim­li­che Sym­pa­thie ent­wi­ckelt habe, ist auch im Bus. Sie sitzt oft im vor­de­ren Vie­rer und tele­fo­niert eigent­lich immer. Sie sagt dabei aber nie etwas, son­dern macht sono­re, bestä­ti­gen­de „Mmmmmh“-Laute – ent­spannt, klang­voll, fast ero­tisch. Ich fra­ge mich, was auf der ande­ren Sei­te des Hörers gesagt wird. Viel­leicht spricht die ande­re Per­son ohne Ende, viel­leicht ist sie ein­fach eine gute Zuhörerin.

An einem ande­ren Tag beob­ach­te ich vier Jugend­li­che beim Cri­cket­spie­len auf einem umfunk­tio­nier­ten Hang als Spiel­feld. Auf mar­mor­nen Grund anstatt einer fein geschnit­te­nen Wie­se und ein Denk­mal als Wicket im Rücken des Schlag­manns. Öffent­li­cher Raum, den­ke ich, braucht nicht immer einen Käfig. Dann las­se ich von die­ser Idee beim Vor­bei­ge­hen an Bau­zäu­nen, die Fuß­we­ge will­kür­lich abschnei­den, schnell wie­der ab. 

Zu einer ande­ren Zeit don­ne­re ich im 42er die Maria Pia empor. Von rechts rollt see­len­ru­hig aus Rich­tung Cam­po de Ouri­que ein alter nacht­blau­er Vol­vo den Hügel her­un­ter und spurt sich vor uns ein. Ich bin mir sicher, es ist José Mour­in­ho, der den Vol­vo lenkt. Ich mel­de es einem fuß­ball­be­geis­ter­ten Freund in Eng­land. Er sagt: “A very endea­ring car for a mil­lionaire foot­ball mana­ger to be driving.” 

Das lässt mich an das Lis­sa­bon­ner Phä­no­men des unge­frag­ten Auto-Ein­wei­sens auf öffent­li­chen Park­plät­zen den­ken – vor allem vor Fuß­ball­sta­di­en oder Super­märk­ten. In einer Stadt, wo es nur im Zen­trum Park­raum­be­wirt­schaf­tung gibt und die Ver­kehrs­po­li­zei meist nur bei Unfäl­len in Erschei­nung tritt, wird oft wie wild mit den Hän­den geru­dert, ges­ti­ku­liert und ran­giert. Eine vir­tuo­se und gleich­zei­tig son­der­ba­re Cho­reo­gra­phie, die von Obdach­lo­sen und Dro­gen­ab­hän­gi­gen als Ein­kom­mens­quel­le genutzt wird, die zwar kein*e Fahrer*in will und doch etwas bringt: even­tu­ell ein wenig Klein­geld, even­tu­ell ein kur­zes Gespräch mit einem Men­schen. Bes­ser als einen Apfel ange­bo­ten zu bekom­men, den die eige­nen Zäh­ne nicht mehr bei­ßen kön­nen. Ein ande­rer unter­neh­me­ri­scher Cha­rak­ter fragt ger­ne im Bus nach Klein­geld, Ziga­ret­ten oder Blei­stif­ten. Mich frag­te er ein­mal nach Chic­lets, ich hat­te aber nur impor­tier­te Air­wa­ves. Der hohe Minz­ge­halt über­rasch­te ihn und gefiel ihm sehr.

Auf Lis­sa­bons Stra­ßen ist es sel­ten lang­wei­lig. Ein­mal bog der Bus in die Kur­ve zwi­schen Cal­vá­rio (ers­te) und Alcân­ta­ra-Ter­ra (zwei­te) Sta­ti­on. Wir saßen zu dritt in der hin­ters­ten Rei­he und schau­ten aus dem Rück­fens­ter. Als wir an der Hal­te­stel­le ste­hen­blie­ben, sahen wir hin­ter uns einen gestran­de­ten sil­ber­grau­en Klein­wa­gen, aus des­sen Motor­hau­be zuerst Rauch und dann Stich­flam­men her­aus­quol­len. Schließ­lich wur­de es bizarr: Einen Mann heiz­te die­se Situa­ti­on so sehr an, dass er sich vor das Auto stell­te, sein grau­es T‑Shirt aus­zog, es von sich warf und anfing, vor dem Auto zu tan­zen. Aus­drucks­tanz am Asphalt vor Feu­er, wie­der rudern die Arme, Atti­tü­de gen Auto. 

Was bräuch­te es dann, dass es hier ein­mal lang­wei­lig ist? Hat die­se Büh­ne aus öffent­li­chem und pri­va­tem Raum auch ein­mal Sai­son­pau­se? Die Abend­essens­zeit gegen neun Uhr ist mit­un­ter besinn­lich, auch sonn­tags zum Hoch­amt um halb elf sind die Stra­ßen see­len­ru­hig. Nur manch­mal hört man dann die Flö­te eines Mes­ser­schlei­fers aus der Fer­ne erklin­gen. Mit spit­zem Ton lädt er zum Schär­fen ein.