Mal eine kleine Auszeit von dem ständigen Politgeflüster. Wie sieht’s denn mit den Menschen da draußen aus? Am Abend fahre ich im 20er-Bus in Richtung Wohnung. Die Abendstunde ist das Prärogativ der Busfahrer*innen. Da wird das Radio gerne laut aufgedreht. Unter anderem kann man dann eine Gesprächssendung oder die Dire Straits hören. Es stört niemanden. Im Gegenteil. Die „Mmmmmh“-Frau, eine schon längere Bekanntschaft von mir, für die ich mit der Zeit eine heimliche Sympathie entwickelt habe, ist auch im Bus. Sie sitzt oft im vorderen Vierer und telefoniert eigentlich immer. Sie sagt dabei aber nie etwas, sondern macht sonore, bestätigende „Mmmmmh“-Laute – entspannt, klangvoll, fast erotisch. Ich frage mich, was auf der anderen Seite des Hörers gesagt wird. Vielleicht spricht die andere Person ohne Ende, vielleicht ist sie einfach eine gute Zuhörerin.
An einem anderen Tag beobachte ich vier Jugendliche beim Cricketspielen auf einem umfunktionierten Hang als Spielfeld. Auf marmornen Grund anstatt einer fein geschnittenen Wiese und ein Denkmal als Wicket im Rücken des Schlagmanns. Öffentlicher Raum, denke ich, braucht nicht immer einen Käfig. Dann lasse ich von dieser Idee beim Vorbeigehen an Bauzäunen, die Fußwege willkürlich abschneiden, schnell wieder ab.
Zu einer anderen Zeit donnere ich im 42er die Maria Pia empor. Von rechts rollt seelenruhig aus Richtung Campo de Ourique ein alter nachtblauer Volvo den Hügel herunter und spurt sich vor uns ein. Ich bin mir sicher, es ist José Mourinho, der den Volvo lenkt. Ich melde es einem fußballbegeisterten Freund in England. Er sagt: “A very endearing car for a millionaire football manager to be driving.”
Das lässt mich an das Lissabonner Phänomen des ungefragten Auto-Einweisens auf öffentlichen Parkplätzen denken – vor allem vor Fußballstadien oder Supermärkten. In einer Stadt, wo es nur im Zentrum Parkraumbewirtschaftung gibt und die Verkehrspolizei meist nur bei Unfällen in Erscheinung tritt, wird oft wie wild mit den Händen gerudert, gestikuliert und rangiert. Eine virtuose und gleichzeitig sonderbare Choreographie, die von Obdachlosen und Drogenabhängigen als Einkommensquelle genutzt wird, die zwar kein*e Fahrer*in will und doch etwas bringt: eventuell ein wenig Kleingeld, eventuell ein kurzes Gespräch mit einem Menschen. Besser als einen Apfel angeboten zu bekommen, den die eigenen Zähne nicht mehr beißen können. Ein anderer unternehmerischer Charakter fragt gerne im Bus nach Kleingeld, Zigaretten oder Bleistiften. Mich fragte er einmal nach Chiclets, ich hatte aber nur importierte Airwaves. Der hohe Minzgehalt überraschte ihn und gefiel ihm sehr.
Auf Lissabons Straßen ist es selten langweilig. Einmal bog der Bus in die Kurve zwischen Calvário (erste) und Alcântara-Terra (zweite) Station. Wir saßen zu dritt in der hintersten Reihe und schauten aus dem Rückfenster. Als wir an der Haltestelle stehenblieben, sahen wir hinter uns einen gestrandeten silbergrauen Kleinwagen, aus dessen Motorhaube zuerst Rauch und dann Stichflammen herausquollen. Schließlich wurde es bizarr: Einen Mann heizte diese Situation so sehr an, dass er sich vor das Auto stellte, sein graues T‑Shirt auszog, es von sich warf und anfing, vor dem Auto zu tanzen. Ausdruckstanz am Asphalt vor Feuer, wieder rudern die Arme, Attitüde gen Auto.
Was bräuchte es dann, dass es hier einmal langweilig ist? Hat diese Bühne aus öffentlichem und privatem Raum auch einmal Saisonpause? Die Abendessenszeit gegen neun Uhr ist mitunter besinnlich, auch sonntags zum Hochamt um halb elf sind die Straßen seelenruhig. Nur manchmal hört man dann die Flöte eines Messerschleifers aus der Ferne erklingen. Mit spitzem Ton lädt er zum Schärfen ein.

