Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Der Lago Maggiore

Locarno 2014: Ein Blick zurück

Nach ein paar Tagen Ruhe und einer Staf­fel House of Cards (unter ande­rem) um einem Beweg­bild-Cold-Tur­key vor­zu­beu­gen, hier nun mein Abschluss­be­richt vom Film­fes­ti­val Locar­no 2014. Die Gele­gen­heit möch­te ich dazu nut­zen, eini­ge der gese­he­nen Fil­me näher zu bespre­chen, wozu mir wäh­rend des Fes­ti­vals lei­der die Zeit und Ener­gie fehl­te. Im Mit­tel­punkt ste­hen dabei die neu­en Fil­me, wohin­ge­gen ich weder über die Fil­me der diver­sen Retro­spek­ti­ven, noch über das Wet­ter schrei­ben werde.

Kristen Stewart und Juliette Binoche in
Sils Maria

Sils Maria von Oli­vi­er Assayas

Die­se viel­leicht größ­te per­sön­li­che Ent­täu­schung des Fes­ti­vals habe ich in mei­nem Tage­buch mit nur weni­gen Zei­len bedacht. Nach eini­ger Bedenk­zeit, kann ich mit Oli­vi­er Assay­as‘ neus­tem Film zwar noch immer nicht anfreun­den, aber zumin­dest mei­ne Hal­tung zum Film arti­ku­lie­ren. Vor­weg möch­te ich erwäh­nen, dass ich ein gro­ßer Fan des Regis­seurs bin. In sei­nen bes­ten Fil­men ver­mag er es gleich­sam jugend­li­ches Lebens­ge­fühl ein­zu­fan­gen, und eine poli­ti­sche Bot­schaft zu ver­mit­teln. Sei­ne Fil­me zeich­nen sich for­mal durch sei­ne unkon­ven­tio­nel­len Schnit­te und sei­ne hoch­be­weg­li­che Kame­ra aus, die eine inti­me Atmo­sphä­re schaf­fen. Wie­der­keh­ren­de The­men, die alle irgend­wie zusam­men­hän­gen, wie Jugend, Revo­lu­ti­on, Dro­gen Rock’n’Roll, Sexua­li­tät, Auto­bio­gra­phi­sches und sein dyna­mi­scher Stil ergän­zen sich groß­ar­tig. In Sils Maria fehlt mir all das. Zuge­ge­ben, es geht, grob gesagt um Gene­ra­tio­nen­kon­flik­te, aber die Art und Wei­se wie Assay­as die­se Kon­flik­te behan­delt, unter­schei­det sich stark von sei­nen frü­he­ren Fil­men. Anstatt sich den Cha­rak­te­ren anzu­nä­hern und die Bezie­hun­gen der drei Frau­en (groß­ar­tig gespielt von Juli­et­te Bino­che, Kris­ten Ste­wart und Chloe Grace Moretz) in inti­mer Atmo­sphä­re durch­zu­ex­er­zie­ren, wid­met sich Assay­as zu oft dem Schwei­zer Alpen­pan­ora­ma und lässt sei­ne Schau­spie­le­rin­nen kam­mer­spiel­ar­tig agie­ren, ohne jedoch aus der Raum­dy­na­mik zwi­schen der Wei­te der Ber­ge und der Enge der Berg­hüt­ten und Hotel­bars einen Mehr­wert zu zie­hen. Das ist zwar auch schön, aber weder ist Assay­as beson­ders talen­tiert dar­in Berg­pan­ora­men zu foto­gra­fie­ren (wie oben erwähnt ist Inti­mi­tät sei­ne Stär­ke, und die steht in star­kem Wider­spruch zur Grö­ße und Wer­te eines Berg­pan­ora­mas), noch gehe ich in einen Assay­as-Film um mir die Alpen anzu­se­hen. Das Assay­as durch sei­ne kam­mer­spiel­ar­ti­ge Insze­nie­rung die Hand­lung for­mal spie­gelt, las­se ich nicht gel­ten, denn die Meta­ebe­ne wird ohne­hin schon inhalt­lich (über-) stra­pa­ziert: Die geal­ter­te Star­schau­spie­le­rin Maria Enders (Bino­che) soll eine Rol­le im glei­chen Stück über­neh­men, dass sie einst berühmt gemacht hat. Nun soll sie aber nicht die jun­ge Ver­füh­re­rin Sig­rid, son­dern die älte­re Hele­na, die schließ­lich von Sig­rid in den Selbst­mord getrie­ben wird, mimen. Der Kon­flikt im Stück, wird durch den Kon­flikt zwi­schen Enders und ihrer Assis­ten­tin (Ste­wart) bezie­hungs­wei­se ihrem jun­gen Co-Star Jo-Ann Ellis (Moretz) dupli­ziert. Auf dem Papier klingt die­se Kon­stel­la­ti­on tat­säch­lich viel­ver­spre­chend, so war ich auch nicht wei­ter ver­wun­dert, als der Film nach sei­ner Pre­miè­re in Can­nes mit Lob über­schüt­tet wur­de. Heu­te kann ich dar­über nur mehr den Kopf schüt­teln, denn die Insze­nie­rung ist flach und blut­los, Bino­che geht voll auf in ihrer Rol­le als geal­ter­ter Star, ihr gegen­über ver­su­chen Moretz und Ste­wart ihr bes­tes, ihre Cha­rak­te­re haben aber nicht annä­hernd die Tie­fe wie Maria Enders. Wer­den die Span­nun­gen in der Figu­ren­kon­stel­la­ti­on wenigs­tens noch rudi­men­tär in der fil­mi­schen Umset­zung berück­sich­tigt, so wer­den Raum­dy­na­mi­ken (und da bie­tet sich gera­de die Gegen­über­stel­lung von Alpen­land­schaft und Thea­ter­büh­ne an) geflis­sent­lich über­gan­gen. Auch der Medi­en­rum­mel um Jo-Ann Ellis und der Tod von Mari­as Men­tor Wil­helm Mel­chi­or, dem Autoren des Stücks wer­den nur neben­bei gestreift – kurz, Assay­as schöpft das Poten­zi­al des Sujets nicht annä­hernd aus. Nicht nur, dass die­sen Film wohl auch ein Las­se Hall­ström pas­sa­bel über die Büh­ne hät­te brin­gen kön­nen und es dafür kei­nen Assay­as gebraucht hät­te, alles in allem, ist der Film ganz ein­fach ein­falls­los. Ein kon­se­quent durch­ge­ar­bei­te­tes Dra­ma, das hand­werk­lich so kon­ven­tio­nell daher­kommt, dass man es eigent­lich kaum kri­ti­sie­ren kann, aber auch kei­ner­lei Raum für gro­ße Ideen lässt. Ein Film, wie ihn auf­stre­ben­de euro­päi­sche Regis­seu­re machen, wenn sie das ers­te Mal nach Hol­ly­wood gehen und für das gro­ße Geld ihre Krea­ti­vi­tät opfern. Assay­as‘ inter­na­tio­na­le Fil­me ran­gier­ten in mei­ner per­sön­li­chen Wer­tung bis jetzt ohne­hin schon am unte­ren Ende, aber selbst in Clean und Boar­ding Gate behielt er ein Min­dest­maß an Rebel­li­on und for­ma­ler Expe­ri­men­tier­freu­dig­keit. Die ist ihm in Sils Maria abhan­den­ge­kom­men. In ein­zel­nen Momen­ten fühlt man die­se Ener­gie unter der Ober­flä­che bro­deln (z.B. als Ste­wart nach durch­zech­ter Nacht unter Metal-Beschal­lung eine Berg­stra­ße ent­lang­fährt, schließ­lich aus­steigt und kotzt), das ist aber zu wenig um über die Ent­täu­schung hinwegzutrösten.

Das ominöse Boot in
Vent­os de Agosto

Vent­os de Agos­to von Gabri­el Mascaro

Einem der Film, dem ich eben­falls zu weni­ge Zei­len gewid­met habe, ist Gabri­el Mas­ca­ros Vent­os de Agos­to. Der Film wur­de immer­hin mit einer loben­den Erwäh­nung der Jury bedacht und ist von Pres­se wie Publi­kum durch­wegs posi­tiv auf­ge­nom­men wor­den. Auch hier fra­ge ich mich, war­um? Vent­os de Agos­to ist ein Film so sehr von sei­ner eige­nen Cool­ness über­zeugt, dass er dar­über völ­lig ver­gisst, dass neben Cool­ness auch Fak­to­ren wie Kohä­renz, Dra­ma­tur­gie und Visi­on einen guten Film aus­zeich­nen. Der Film ist voll von Sze­nen, die zum Schmun­zeln, wie Stau­nen ein­la­den und es ist gut, dass es Fil­me­ma­cher mit der­ar­ti­gem Esprit und Ein­falls­reich­tum gibt. Dafür aber dar­auf zu ver­zich­ten, die­se Ideen in ein gro­ßes Gan­zes ein­zu­bin­den, Ver­knüp­fun­gen her­zu­stel­len, nicht nur ober­fläch­li­che Bot­schaf­ten mit­zu­ge­ben, und eine künst­le­ri­sche Stel­lung zu bezie­hen, ist fatal. So blei­ben zwar täto­wier­te Schwei­nen, Coca-Cola-Dosen und Sex auf Kokos­nüs­sen in Erin­ne­rung, aber die auf­ge­setz­te Hips­ter-Dead­pan-Komik und die „sieh mich an, ich bin ein Kunstfilm!“-Allüren im (Ton-) Schnitt kön­nen nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass man Selbst­re­fle­xi­vi­tät nicht ohne Sub­ti­li­tät ein­set­zen soll­te. Gegen eine Fort­füh­rung insze­na­to­ri­scher Tra­di­tio­nen der Stumm­filmslap­stick­ko­mik ist an und für sich nichts ein­zu­wen­den (ganz im Gegen­teil), aber dann bit­te nicht bloß als Gim­mick, wie in Vent­os de Agos­to oder auch in Dos Dis­pa­ros, son­dern ein­ge­bet­tet in ein künst­le­ri­sches Gesamt­kon­zep­te (wie man das macht, kann man z.B. bei Elia Sulei­man sehen), sonst wirkt es auf­ge­setzt, ja selbstgefällig.

Vor dem Obdachlosenasyl in
L’A­b­ri

L’Abri von Fer­nand Melgar

Doku­men­tar­fil­men wird in Locar­no, wie bei den meis­ten ande­ren gro­ßen Fes­ti­vals, wenig Auf­merk­sam­keit gewid­met. Im Gegen­satz zu Expe­ri­men­tal- und Ani­ma­ti­ons­film, fin­det man aber doch eini­ge weni­ge Ver­tre­ter die­ser Gat­tung. Ein her­aus­ra­gen­des Bei­spiel war L’Abri, einer mei­ner per­sön­li­chen Favo­ri­ten. Mei­nes Erach­tens ist der Film im all­ge­mei­nen Tru­bel etwas unter­ge­gan­gen. Selbst die hei­mi­sche Pres­se schenk­te Cure – The Life of Ano­ther mehr Beach­tung als dem Schwei­zer Bei­trag L’Abri. Nepo­tis­mus­vor­wür­fe sind hier ohne­hin fehl am Platz, denn sei­nen Platz im Wettb­werb hat sich L’Abri red­lich ver­dient. Neben einem poli­tisch und gesell­schaft­lich hoch­bri­san­ten The­ma wie Armut und Zuwan­de­rung, konn­te der Film auch mit sei­ner Form über­zeu­gen. L’Abri bleibt dabei trotz sei­nes heiß­dis­ku­tier­ten und emo­tio­nal-gela­de­nem The­ma stets dif­fe­ren­ziert und hat auch über die Schwei­zer Lan­des­gren­zen hin­aus Bedeu­tung. Denn das Obdach­lo­sen­asyl in Lau­sanne, dass Mel­gar einen Win­ter lang stu­diert, könn­te man so auch in diver­sen ande­ren euro­päi­schen Groß­städ­ten vor­fin­den. Obdach­lo­sig­keit und Immi­gra­ti­on (wenn ich mich rich­tig erin­ne­re kommt im gesam­ten Film kein ein­zi­ger gebür­ti­ger Schwei­zer Obdach­lo­ser zu Wort) sind eng mit­ein­an­der ver­knüpft und laden zu ein­sei­ti­ger Bericht­erstat­tung ein. Paro­len wie „Aus­län­der raus!“ hört man aber eben­so ver­geb­lich, wie Plä­doy­ers für schran­ken­lo­se Zuwan­de­rung. Dafür ist Mel­gar, wie mir scheint, zu intel­li­gent. Viel­mehr lässt er die Betrof­fe­nen selbst zu Wort kom­men, in lan­gen Gesprä­chen zwi­schen den Obdach­lo­sen, in denen der Fil­me­ma­cher unsicht­bar bleibt, zei­gen sich deren Lebens­welten und (zer­bro­che­nen) Träu­me. Wie Mel­gar es geschafft hat das Ver­trau­en die­ser Men­schen zu bekom­men ist beein­dru­ckend und viel­leicht der ent­schei­den­de Fak­tor für den Erfolg des Films. Auf der ande­ren Sei­te kom­men auch die Ange­stell­ten des Asyls zu Wort. Jene Ange­stell­ten, für die die Hil­fe­su­chen­den nicht bloß sta­tis­ti­sche Kenn­zah­len, son­dern mensch­li­che Wesen sind, und die Nacht für Nacht die Regeln bie­gen und Men­schen von der Stra­ße holen, für die sie, laut Regle­ment, eigent­lich gar kei­nen Platz haben. Nach für Nacht blei­ben aber auch ein paar ver­lo­re­ne See­len vor den ver­schlos­se­nen Toren des Asyls zurück, und Nacht für Nacht lässt sich nur erah­nen welch gro­ße men­ta­le Belas­tung das Aus­wahl­ver­fah­ren für die Tür­ste­her sein muss. Da wer­den Fami­li­en zer­ris­sen und mit­tel­lo­se Men­schen bei eisi­gen Tem­pe­ra­tu­ren in Todes­ge­fahr gebracht. Der Film bie­tet kei­ne Lösung an, aber lädt zum Nach­den­ken ein. Zum Nach­den­ken über sozia­le Ver­ant­wor­tung und die Stel­lung Euro­pas in der Welt. Gleich­zei­tig ist L’Abri ein durch­wegs hete­ro­ge­nes Werk, dass die Gren­zen der doku­men­ta­ri­schen Form aus­tes­tet. Zwi­schen­durch gibt es Pha­sen in denen man sich fragt, ob die Prot­ago­nis­ten nicht doch Schau­spie­ler sind. Die Bebil­de­rung der Arbeits­ab­läu­fe im Asyl wie­der­um füh­ren die gro­ße Tra­di­ti­on des Ciné­ma Veri­té und Direct Cine­ma fort. In die­ser Hin­sicht war der zwei­te Doku­men­tar­film­bei­trag The Iron Minis­try sogar noch radi­ka­ler, aller­dings wirk­te der durch sei­ne for­ma­le Stren­ge bei­na­he zu distan­ziert und obser­va­tiv. L’Abri hin­ge­gen fühlt mit den Men­schen und wehrt sich gegen die Ste­ri­li­tät, die einer sol­chen Milieu­stu­die leicht anhaf­ten kann.

Jason Schwartzman in
Lis­ten Up Philip

Lis­ten Up Phil­ip von Alex Ross Perry

Kate­go­ri­siert man Lis­ten Up Phil­ip als typi­schen „Sun­dance-Film“ so liegt man mit die­ser Ein­ord­nung nicht ganz falsch. Lis­ten Up Phil­ip ist die Quint­essenz eines ame­ri­ka­ni­schen Indies (was auch immer das sein soll). Nur eine sehr beschränk­te Anzahl die­ser Fil­me schafft es auf die gro­ßen euro­päi­schen Fes­ti­vals, noch weni­ger wer­den zu kom­mer­zi­ell erfolg­rei­chen Hit­fil­men und dür­fen sich im Fol­ge­jahr im Oscar­glanz son­nen. Lis­ten Up Phil­ip wird letz­te­res Schick­sal wohl erspart blei­ben, dazu feh­len dem Film eini­ge wich­ti­ge Merk­ma­le, wie zum Bei­spiel ein sym­pa­thi­scher Prot­ago­nist, posi­ti­ve Cha­rak­ter­ent­wick­lung und ein Hap­py End (geschwei­ge denn über­haupt ein zufrie­den­stel­len­der Abschluss). Aber wie­der zurück zu Sun­dance: Es hat sich mitt­ler­wei­le eine gan­ze Indus­trie eta­bliert, die mit mit­tel­mä­ßig gro­ßem Bud­get und ein, zwei gro­ßen Namen halb­tra­gi­sche, halb­ko­mi­sche Spiel­fil­me pro­du­ziert, in denen es meist um (geschei­ter­te) Künst­ler oder Exzen­tri­ker geht. Gibt es ein ent­schei­den­des Attri­but, dass man die­sen Fil­men zuschrei­ben könn­te, so wäre es wohl „Quir­ki­ness“ (frei über­setzt: Schrul­lig­keit). Lis­ten Up Phil­ip ist auf der Quir­ki­ness-Ska­la sehr weit oben ange­sie­delt. Das liegt zum einen am namens­ge­ben­den Prot­ago­nis­ten, einem Schrift­stel­ler, der gera­de an sei­nem zwei­ten Roman schreibt und sich durch eine aus­ge­präg­te aso­zia­le und eigen­bröt­le­ri­sche Ader aus­zeich­net, und zum ande­ren an der Ästhe­tik des Films, die die im Moment so belieb­te Dead­pan-Komik mit einer Pri­se Wes Ander­son, einem aukt­oria­len Erzäh­ler und sehr viel kit­schi­gem Licht kom­bi­niert. Dass der Film in Brook­lyn spielt, ist eine Selbst­ver­ständ­lich­keit. Auf dem Papier klingt die­se Mischung grau­en­er­re­gend, nicht dass an ame­ri­ka­ni­schem Indie per se etwas aus­zu­set­zen wäre, aber die For­mel wird, so scheint es, gna­den­los über­stra­pa­ziert – so sehr über­stra­pa­ziert, dass man sie eigent­lich nicht mehr ernst neh­men kann.

Der ame­ri­ka­ni­sche Indie ist alles in allem einem rea­lis­ti­schen Pos­tu­lat unter­wor­fen, das heißt man ver­sucht in der Regel eine Geschich­te zu erzäh­len, wie sie auch im ech­ten Leben vor­kom­men könn­te, wenn tat­säch­lich ein­mal solch schrul­li­ge Cha­rak­te­re auf­ein­an­der­tref­fen wür­den. In Lis­ten Up Phil­ip ist das anders, man kann dem Film ein­fach nicht mehr abneh­men, dass der Ungustl Phil­ip sich unter die Fit­ti­che des nicht min­der unsym­pa­thi­schen Star­au­tors Ike Zim­mer­mann (ein gran­dio­ser Jona­than Pryce) begibt, eine Pro­fes­so­ren­stel­le annimmt, und sich unter Anlei­tung Zim­mer­manns schließ­lich dazu ent­schei­det ein Leben als ein­sa­mes Genie zu füh­ren. Man kann dem Film ganz ein­fach nicht abneh­men, dass die­ser prä­po­ten­te Groß­kotz tat­säch­lich gut ist, in dem was er tut, und nicht bloß ein Auf­schnei­der. Man erwar­tet nicht, dass gera­de so ein Mensch tat­säch­lich Erfolg hat – so vie­le ver­gan­ge­ne Fil­me haben uns das Gegen­teil gelehrt und Cha­rak­te­re wie Phil­ip ent­we­der auf den har­ten Boden der Rea­li­tät fal­len, oder eine Erleuch­tung samt Lebens­wand­lung erfah­ren las­sen. Lis­ten Up Phil­ip tut dies alles nicht und wird so zum Mär­chen, zum per­ver­tier­ten ame­ri­ka­ni­schen Traum, zum Hips­ter-Mani­festo – gro­ße selbst­re­fle­xi­ve und iro­ni­sche Erzählkunst.

Ausnüchtern in
Gye­ongju

Ein asia­ti­scher Doppelpack

Die bei­den letz­ten Wett­be­werbs­fil­me, die ich gese­hen habe waren Ali­ve von Park Jung-bum und Gye­ongju von Zhang Lu. Die­se bei­den Fil­me ver­eint nicht nur ihre über­durch­schnitt­li­che Län­ge (drei bzw. zwei­ein­halb Stun­den), son­dern auch eine fil­mi­sche Phi­lo­so­phie, die sich in einer bestimm­ten Her­an­ge­hens­wei­se an den Fak­tor Zeit äußert. Denn die­se bei­den Fil­me sind nicht lang, weil sie eine epi­sche Geschich­te zu erzäh­len haben, son­dern spie­len über ver­gleichs­wei­se kur­ze Zeit­räu­me (bei Gye­ongju ist es gar bloß ein ein­zi­ger Tag) und beob­ach­ten in ers­ter Linie All­tags­hand­lun­gen. Dadurch, und das ist eine Stra­te­gie, die mir per­sön­lich sehr nahe steht, ent­ste­hen Ein­bli­cke in die Lebens­welt der Men­schen im Film. Ich habe mich im Lau­fe des Fes­ti­vals öfters über auf­ge­setz­te und plat­te Insze­nie­run­gen beschwert und tat­säch­lich muss­te ich mich nach Lav Diaz am Eröff­nungs­tag bis zu die­sem asia­ti­schen Dop­pel­pack gedul­den, um wie­der Lebens­rea­li­tät im Kino wahr­zu­neh­men (Pedro Cos­ta habe ich bewusst in die­ser Kate­go­ri­sie­rung aus­ge­spart). Gera­de­zu iro­nisch also, dass Haupt­cha­rak­ter Jung-chul von einer Aus­wan­de­rung auf die Phil­ip­pi­nen träumt. Es kommt nicht so weit und am Ende des Films befin­det sich Jung-chul gar in einer ver­zwei­fel­te­ren und aus­sichts­lo­se­ren Posi­ti­on als zuvor, doch das macht kei­nen Unter­schied, denn für die­se Art von Film ist nicht der Hand­lungs­bo­gen, son­dern die Hand­lun­gen an sich ent­schei­dend. Jung-chul fällt einen Baum. Jung-chul kocht Sup­pe. Jung-chul prü­gelt sich.

Gye­ongju ist die Idee eines „Hand­lungs­bo­gens“ von vorn­her­ein fremd. Noch mehr als in Ali­ve, wo es ja doch noch um etwas, das Über­le­ben, geht, ist Gye­ongju eine spi­ri­tu­el­le Wan­de­rung durch alte Tee­häu­ser und UNESCO-Welt­kul­tur­er­be. Anders als Jung-chul fällt Choi Hye­on weder Bäu­me, noch kocht er Sup­pe. Er ist Pro­fes­sor für Poli­tik­wis­sen­schaft und kein kör­per­li­cher Arbei­ter, sein Métier ist das abs­trak­te Den­ken und dem­ge­mäß sind sei­ne Hand­lun­gen auch geis­ti­ger Natur. In Ali­ve geht es ums phy­si­sche Über­le­ben. Das ist in Gye­ongju gesi­chert, hier geht es um eine spi­ri­tu­el­le und geis­ti­ge Suche – die Gegen­wart wird über die Ver­gan­gen­heit befragt und die Ant­wor­ten blei­ben unbe­frie­di­gend. Die­se abs­trak­te Dimen­si­on macht Gye­ongju zum bes­se­ren, zum muti­ge­ren Film und zu einem der bes­ten und mutigs­ten Fil­me des Festivals.