Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Ventura

Locarno-Tagebuch: Tag 7: Der Wille zur Kunst (cont’d)

Fil­me, die betont gelang­weilt auf die Welt bli­cken und des­in­ter­es­siert agie­ren, stel­len oft mei­ne Geduld auf eine har­te Pro­be. War­um soll­te ich an einem Film Inter­es­se zei­gen, der so offen­kun­dig kein Inter­es­se gene­rie­ren will?

Zwei Fil­me des gest­ri­gen Tages stell­ten mich auf ganz unter­schied­li­che Wei­se auf die Pro­be. Per­fi­dia ist eine Stun­de lang ein Mus­ter­stück an fil­mi­schem Des­in­ter­es­se. Zwar wun­der­schön foto­gra­fiert und mit Mario Oli­vi­e­ri als dem Vater des Prot­ago­nis­ten exzel­lent besetzt aber durch­wegs igno­rant und leb­los. Das ändert sich aller­dings lang­sam, der zuvor so apa­thi­sche Haupt­cha­rak­ter Ange­lo wird zum han­deln­den Akteur und beginnt sein Leben selbst zu bestim­men, ein sel­te­ner Fall von cha­rac­ter deve­lo­p­ment hier im Fes­ti­val. Was folgt ist ein cir­ca halb­stün­di­ges Fina­le voll Emo­ti­on und Huma­nis­mus (?), das nicht davor zurück­schreckt Fra­gen zu stel­len (und zwar durch­aus sub­til). In die­ser letz­ten hal­ben Stun­de wird der Film sei­nen Bil­dern gerecht und das stimmt dann doch versöhnlich.

Cava­lo Dinheiro

Lis­ten Up Phil­ip hin­ge­gen trägt sei­ne des­in­ter­es­sier­te und gelang­weil­te Atti­tü­de wie ein Pfau vor sich her. Kein Wun­der, dass die­ser Film in Sun­dance Pre­miè­re fei­er­te, denn dort passt er auch hin. Mir fällt gar kein pas­sen­der Ver­gleich ein, um zu ver­deut­li­chen, wie sehr die­ser Film den Geist des gegen­wär­ti­gen ame­ri­ka­ni­schen Inde­pend­ent­ki­nos atmet (unab­hän­gig davon, was man davon hal­ten mag). Das liegt nicht bloß an Jason Schwartzman, son­dern auch an einer aukt­oria­len Erzäh­ler­stim­me, die ein wenig an Woo­dy-Allen-Fil­me erin­nert, an Groß­auf­nah­men mit wackeln­der Hand­ka­me­ra und dem intel­lek­tu­el­len Geha­be, der Cha­rak­te­re, die natür­lich in Brook­lyn leben und Bücher schrei­ben. Der Film ist mehr oder weni­ger eine Scha­blo­ne, und prin­zi­pi­ell wäre das ver­ach­tens­wert, aber Lis­ten Up Phil­ip trägt die­se Atti­tü­de wie einen Orden auf der Brust. Ent­we­der es liegt am über­di­men­sio­nier­ten Ego des Regis­seurs Alex Ross Per­ry oder an, für Ame­ri­ka­ner unty­pi­schen, Selbst­iro­nie. Wie dem auch sei, man muss die­sem auf­ge­bla­se­nen Geha­be ganz ein­fach Respekt zol­len und da der Film auch ganz pas­sa­bel geschrie­ben ist, samt eini­gen guten Gags, kann man ihn ohne wei­te­res zu den bes­se­ren Fil­men im Wett­be­werb zäh­len, wenn es auch nicht ganz für die Spit­ze reicht.

Expressionistische Schatten in
Cava­lo Dinheiro

Locar­no zeig­te sich ges­tern übri­gens wie­der bei Kai­ser­wet­ter. Muss wohl dar­an lie­gen, dass Pedro Cos­tas neu­es­ter Film Cava­lo Din­hei­ro zum ers­ten Mal gezeigt wur­de. Um Patrick eifer­süch­tig zu machen, nütz­te ich natür­lich die erst­mög­li­che Gele­gen­heit mir den Film anzu­se­hen. Ehr­lich gesagt hat­te ich ein wenig Angst, dass mir der Stil von Patricks per­sön­li­chem Hel­den, von dem ich bis­her nur des­sen Bei­trag im Omni­bus­film Cen­tro His­to­ri­co kann­te, nicht gefal­len wür­de (und er mich in hohem Bogen hin­aus­wer­fen wür­de). Die­se Befürch­tun­gen waren Gott sei Dank unbe­grün­det, denn Cava­lo Din­hei­ro ist ohne Zwei­fel einer der bes­ten Fil­me am Fes­ti­val. Das liegt wohl dar­an, dass Pedro Cos­ta sich nicht ohne Grund zu einem gro­ßen Namen im Gegen­warts­ki­no gemau­sert hat, und sei­ne Kol­le­gen Mas­ca­ro, Rejt­man, Green und wie sie alle hei­ßen, nicht. Cava­lo Din­hei­ro ist nach lan­gen Tagen, an denen ich den Mut zur Inno­va­ti­on, den Mut zur Kühn­heit, den Wil­len zur Kunst in den Wett­be­werbs­bei­trä­gen ver­misst habe, end­lich wie­der voll davon. Das hebt ihn, und auch Diaz‘ Mula sa kung ano ang noon vom Rest der Fil­me ab, die ich bis­her gese­hen habe. Hier geht es nicht dar­um etwas zu sagen, son­dern etwas zu sagen. Die­sen Kunst­wil­len, den ich bei Cos­ta und Diaz erwar­tet hat­te, auch bei ande­ren Fil­me­ma­chern zu fin­den, Neu­ent­de­ckun­gen zu machen, war das eigent­li­che Ziel mei­nes Locar­no-Besuchs und zumin­dest in die­ser Hin­sicht hat mich das Fes­ti­val (bis jetzt) her­be ent­täuscht. So schrei­be ich nun wie­der über genaue jene Fil­me­ma­cher, die man ohne­hin kennt, und von denen man ohne­hin erwar­ten konn­te, dass sie ein gro­ßes Werk ablie­fern. Zwar kann ich Cava­lo Din­hei­ro nicht im Gesamt­werk Cos­tas ein­ord­nen, aber immer­hin wur­de mein Inter­es­se „geweckt“ (bri­ti­sches Understatement).

Pedro Costa im Zwielicht
Pedro Cos­ta

Nach Cava­lo Din­hei­ro beginnt der Him­mel wie­der zu wei­nen (wahr­schein­lich weil es schon wie­der aus war), ich mache mich einst­wei­len auf den Weg zu einem Kurz­film­pro­gramm, in dem ich zwei Fil­me für erwäh­nens­wert fin­de. Zum einen, Thom Ander­sens Film­essay The Tony Lon­go Tri­lo­gy, in der Sze­nen aus drei Fil­men des Mini­rol­len-Dar­stel­lers Tony Lon­go zu einer lus­ti­gen und iro­ni­schen Mélan­ge mon­tiert wer­den. Zum ande­ren, Fabri­ce Aran­gos Pris dans le Tour­bil­lon, eine Ode an diver­se Hüte und ande­re Kopf­be­de­ckun­gen in der Film­ge­schich­te. Bei­de Essays sprü­hen vor Esprit, und laden nicht nur zum Film­ra­ten ein, son­dern bie­ten auch gute Unter­hal­tung. Das war’s auch schon, denn The Hundred-Foot Jour­ney ist kei­ne Erwäh­nung wert – kli­schee­be­la­de­ner Foodporn.

PS: Wenn die Son­ne scheint, lässt sich’s hier aus­hal­ten… Schön lang­sam geht mir das Wet­ter aber auf den Wecker.