Locarno-Tagebuch: Tag 7: Der Wille zur Kunst (cont’d)

Filme, die betont gelangweilt auf die Welt blicken und desinteressiert agieren, stellen oft meine Geduld auf eine harte Probe. Warum sollte ich an einem Film Interesse zeigen, der so offenkundig kein Interesse generieren will?

Zwei Filme des gestrigen Tages stellten mich auf ganz unterschiedliche Weise auf die Probe. Perfidia ist eine Stunde lang ein Musterstück an filmischem Desinteresse. Zwar wunderschön fotografiert und mit Mario Olivieri als dem Vater des Protagonisten exzellent besetzt aber durchwegs ignorant und leblos. Das ändert sich allerdings langsam, der zuvor so apathische Hauptcharakter Angelo wird zum handelnden Akteur und beginnt sein Leben selbst zu bestimmen, ein seltener Fall von character development hier im Festival. Was folgt ist ein circa halbstündiges Finale voll Emotion und Humanismus (?), das nicht davor zurückschreckt Fragen zu stellen (und zwar durchaus subtil). In dieser letzten halben Stunde wird der Film seinen Bildern gerecht und das stimmt dann doch versöhnlich.

Cavalo Dinheiro

Listen Up Philip hingegen trägt seine desinteressierte und gelangweilte Attitüde wie ein Pfau vor sich her. Kein Wunder, dass dieser Film in Sundance Premiere feierte, denn dort passt er auch hin. Mir fällt gar kein passender Vergleich ein, um zu verdeutlichen, wie sehr dieser Film den Geist des gegenwärtigen amerikanischen Independentkinos atmet (unabhängig davon, was man davon halten mag). Das liegt nicht bloß an Jason Schwartzman, sondern auch an einer auktorialen Erzählerstimme, die ein wenig an Woody-Allen-Filme erinnert, an Großaufnahmen mit wackelnder Handkamera und dem intellektuellen Gehabe, der Charaktere, die natürlich in Brooklyn leben und Bücher schreiben. Der Film ist mehr oder weniger eine Schablone, und prinzipiell wäre das verachtenswert, aber Listen Up Philip trägt diese Attitüde wie einen Orden auf der Brust. Entweder es liegt am überdimensionierten Ego des Regisseurs Alex Ross Perry oder an, für Amerikaner untypischen, Selbstironie. Wie dem auch sei, man muss diesem aufgeblasenen Gehabe ganz einfach Respekt zollen und da der Film auch ganz passabel geschrieben ist, samt einigen guten Gags, kann man ihn ohne weiteres zu den besseren Filmen im Wettbewerb zählen, wenn es auch nicht ganz für die Spitze reicht.

Expressionistische Schatten in
Cavalo Dinheiro

Locarno zeigte sich gestern übrigens wieder bei Kaiserwetter. Muss wohl daran liegen, dass Pedro Costas neuester Film Cavalo Dinheiro zum ersten Mal gezeigt wurde. Um Patrick eifersüchtig zu machen, nützte ich natürlich die erstmögliche Gelegenheit mir den Film anzusehen. Ehrlich gesagt hatte ich ein wenig Angst, dass mir der Stil von Patricks persönlichem Helden, von dem ich bisher nur dessen Beitrag im Omnibusfilm Centro Historico kannte, nicht gefallen würde (und er mich in hohem Bogen hinauswerfen würde). Diese Befürchtungen waren Gott sei Dank unbegründet, denn Cavalo Dinheiro ist ohne Zweifel einer der besten Filme am Festival. Das liegt wohl daran, dass Pedro Costa sich nicht ohne Grund zu einem großen Namen im Gegenwartskino gemausert hat, und seine Kollegen Mascaro, Rejtman, Green und wie sie alle heißen, nicht. Cavalo Dinheiro ist nach langen Tagen, an denen ich den Mut zur Innovation, den Mut zur Kühnheit, den Willen zur Kunst in den Wettbewerbsbeiträgen vermisst habe, endlich wieder voll davon. Das hebt ihn, und auch Diaz‘ Mula sa kung ano ang noon vom Rest der Filme ab, die ich bisher gesehen habe. Hier geht es nicht darum etwas zu sagen, sondern etwas zu sagen. Diesen Kunstwillen, den ich bei Costa und Diaz erwartet hatte, auch bei anderen Filmemachern zu finden, Neuentdeckungen zu machen, war das eigentliche Ziel meines Locarno-Besuchs und zumindest in dieser Hinsicht hat mich das Festival (bis jetzt) herbe enttäuscht. So schreibe ich nun wieder über genaue jene Filmemacher, die man ohnehin kennt, und von denen man ohnehin erwarten konnte, dass sie ein großes Werk abliefern. Zwar kann ich Cavalo Dinheiro nicht im Gesamtwerk Costas einordnen, aber immerhin wurde mein Interesse „geweckt“ (britisches Understatement).

Pedro Costa im Zwielicht
Pedro Costa

Nach Cavalo Dinheiro beginnt der Himmel wieder zu weinen (wahrscheinlich weil es schon wieder aus war), ich mache mich einstweilen auf den Weg zu einem Kurzfilmprogramm, in dem ich zwei Filme für erwähnenswert finde. Zum einen, Thom Andersens Filmessay The Tony Longo Trilogy, in der Szenen aus drei Filmen des Minirollen-Darstellers Tony Longo zu einer lustigen und ironischen Melange montiert werden. Zum anderen, Fabrice Arangos Pris dans le Tourbillon, eine Ode an diverse Hüte und andere Kopfbedeckungen in der Filmgeschichte. Beide Essays sprühen vor Esprit, und laden nicht nur zum Filmraten ein, sondern bieten auch gute Unterhaltung. Das war’s auch schon, denn The Hundred-Foot Journey ist keine Erwähnung wert – klischeebeladener Foodporn.

PS: Wenn die Sonne scheint, lässt sich’s hier aushalten… Schön langsam geht mir das Wetter aber auf den Wecker.