Ma ma he qi tian de shi jian von Li Dongmei

Für gewöhn­lich wird Gleich­zei­tig­keit im Kino mit schnel­len Schnit­ten, Par­al­lel­mon­ta­gen oder gar Split-Screens erzählt. Li Dong­mei dage­gen beweist in ihrem inter­na­tio­nal kurz als Mama gehan­del­ten Film, dass es viel­mehr ein Bewusst­sein für die unter­schied­li­chen Strö­me der Zeit braucht. So han­delt das auto­bio­gra­fi­sche Werk (wie die meis­ten auto­bio­gra­fi­schen Stof­fe) von der Erin­ne­rung. Zurück­ver­setzt in das länd­li­che und zuge­ge­be­ner­ma­ßen recht zeit­los wir­ken­de Chi­na der 90er Jah­re, zeigt sich in lan­gen und tota­len Ein­stel­lun­gen das Leben in einem Dorf, in dem die 12jährige Xia­oxi­an mit ihrer Fami­lie lebt. Die­se Bil­der und das tra­gi­sche Ereig­nis rund um die Mut­ter von Xia­oxi­an basie­ren (wie man so sagt) auf dem ech­ten Leben von Li Dong­mei, sie gehö­ren also in die Zeit der Vergangenheit.

Gleich­zei­tig ent­fal­tet der Film durch sei­ne immense Sen­si­bi­li­tät für die kleins­ten Bewe­gun­gen und Töne, die Über­gän­ge zwi­schen Licht und Dun­kel­heit, Regen und Son­ne, Wind und Stil­le ein star­kes Bewusst­sein für die Gegen­wart oder Gegen­wär­tig­keit. Aus dem Off zwit­schern und schrei­en zahl­rei­che Vögel, man hört den Don­ner und ent­fern­te Fahr­zeu­ge. Damit glie­dert sich Mama ein in die vie­len Fil­me die­ses Jah­res, die die Welt durch die Kame­ra hin­durch­flie­ßen las­sen statt sie ein­zu­fan­gen. Zwar ist die­ses mit unter­schied­li­chen Schub­la­den­be­grif­fen bezeich­ne­te Vor­ge­hen nichts Neu­es, es fällt aber auf, dass es sich in Fil­men wie Mama oder auch The Works and Days (of Tayo­ko Shio­ji­ri in the Shio­ta­ni Basin) von C.W. Win­ter und Anders Edström etwas löst von der Gezwun­gen­heit und pole­mi­schen Über­spit­zung, die es etwa in den Fil­men Albert Ser­ras erfährt. Nein, hier geht es um das Leben nicht um die Kunst.

Die drit­te Zeit­ebe­ne betrifft jene Zeit, die ver­geht. Sie ist gemein­hin wich­tig im Kino, wes­halb das Kino auch (müh­se­lig davon immer wie­der zu schrei­ben, aber man muss anschei­nend) nicht für die zeit­aus­lö­schen­de Wahr­neh­mung des Inter­nets geeig­net ist. Mama lässt die Hand­lung gesche­hen und zeigt dabei weni­ger die Hand­lung als die ver­ge­hen­de Zeit. Das erin­nert etwas an frü­he Fil­me von Hou Hsiao-hsi­en wie Dust in the Wind oder Sum­mer at Grandpa’s. Die Kame­ra bleibt ten­den­zi­ell etwas wei­ter ent­fernt, lässt den Räu­men Raum zu atmen.

So brin­gen die Män­ner des Dor­fes die ster­ben­de Mut­ter in das nächs­te Kran­ken­haus. Der Weg ist end­los weit und führt über unweg­sa­mes Gelän­de durch Wäl­der in der Dun­kel­heit. Li Dong­mei lässt die Bil­der ste­hen und macht uns klar, dass das Ver­ge­hen von Zeit auch töd­lich sein kann. Wir sehen unwirk­li­che Lich­ter im Wald, Sil­hou­et­ten, die sich durch die Nacht zwän­gen. Wir sehen kei­ne Nah­auf­nah­men. Was eigent­lich pas­siert, erzählt sich ohne Dra­ma. Man spürt, dass die Natur einer eige­nen Zeit­lich­keit folgt. Der Bach plät­schert unab­hän­gig von den Erin­ne­run­gen, die Bäu­me wie­gen sich gleich­gül­tig im Wind, auch wenn jemand gebo­ren wird. Das mag nicht wie eine beson­de­re Erkennt­nis wir­ken, es aber am eige­nen Leib zu erfah­ren, ist wert­voll. Zumal sich der­art lang­sam eine dicke Schicht über die erzähl­ba­re Erin­ne­rung legt. Sie bedeckt die Ereig­nis­se unter einem Rau­schen der Welt; man könn­te die­se Schicht bei­na­he als „Ver­ges­sen“ bezeich­nen, aber es geht weni­ger um den Ver­lust von Erin­ne­rung als einen sanf­ten Wech­sel in der Hier­ar­chie von Erin­ne­run­gen. Was wich­tig ist, ist nicht das Trau­ma, son­dern alles, was um das Trau­ma schwebte.

Eine wei­te­re Zeit­lich­keit betrifft jene der Wie­der­ho­lung, man könn­te sie auch All­tag nen­nen. Mama schenkt den fami­liä­ren Ritua­len alle Auf­merk­sam­keit: das schweig­sa­me Essen, das Kochen, die Arbeit auf dem Feld, das Ler­nen der Kin­der. Dadurch ent­steht glei­cher­ma­ßen der Ein­druck ver­ge­hen­der und still­ste­hen­der Zeit. Die Din­ge sind, was sie sind, sie wer­den nicht, sie waren nicht, sie sind. Die Frau­en sit­zen auf Stüh­len und fächern sich Wind zu. Das Leben ist müh­sam, aber man lebt es.