Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

mala parte

Lilia­na Cava­ni im Öster­rei­chi­schen Film­mu­se­um, Jänner/​Februar 2024

Text: San­dro Huber

Es gibt nicht vie­le Orte. Die West­bahn­hof­hal­le ist manch­mal einer, das Film­mu­se­um ist ein ande­rer. Als Kino ist es unsicht­bar, des­halb kann man dar­in sehen. Zum Bei­spiel bei der Werk­schau von Lilia­na Cava­ni in die­sem mil­den Febru­ar, der zum Fla­nie­ren ein­lädt. Wien hält sich gern für die Rivie­ra, die Luft fehlt ihm nicht, es hat Maria am Gesta­de, die Kärn­ter­stra­ße geht nach Süden. Die Ita­lie­ne­rin­nen kom­men gern, auch ins Film­mu­se­um, nicht ganz so vie­le wie letz­tes Jahr zu Paso­li­ni. Unter­ti­tel gibt es oft nur auf Eng­lisch, das ist nicht schlimm.

Im Film­mu­se­um gibt es genug zu tun, die Prei­se dafür blei­ben leist­bar, auch zwei­mal für den­sel­ben Film. So kann man etwas ler­nen. Drei Stock­wer­ke dar­über in der Alber­ti­na kos­tet es das Dop­pel­te, den Leih­ga­ben gelang­weil­ter Mil­li­ar­dä­re dabei zuzu­se­hen, wie sie dadurch an Wert gewin­nen, oder in den erz­her­zog­li­chen Prunk­räu­men sich ein wenig zu deh­nen, bit­te eige­ne Mat­te mit­zu­neh­men, sofern nicht gera­de geschlos­se­ne Gesell­schaf­ten statt­fin­den. Dank pri­va­ter Gel­der gehört das Künst­ler­haus nun auch dazu. Die Zei­chen ste­hen wie­der auf Reprä­sen­ta­ti­on. Bald wird man in Mai­land sein, so es nicht schon zu spät ist wie 1968. Was sich durch­setzt, sind nicht die Can­ni­ba­li, laut Sound­track as hap­py and wild and free as a man was meant to be[1], son­dern alte und neue Paläs­te, Struk­tu­ren, zu deren Errich­tung Orga­ni­sa­tio­nen nötig sind, deren Grö­ße allein den Ein­zel­nen ver­neint. Bau­ten, die ohne Staat oder Schlim­me­res nicht gehen. Es über­rascht nicht, die­se Stra­ßen mit Toten gepflas­tert zu sehen. Dazu bräuch­te es kei­nen nie­der­ge­schla­ge­nen Auf­stand, kein Ver­bot der Regie­rung sie zu begra­ben, der Ver­kehr allein wür­de rei­chen. Der Ruß an den Fas­sa­den von Ämtern und Ban­ken zeigt außen an, was innen Töd­li­ches am Werk ist. Im Innen­hof eines Gebäu­des mit Frei­trep­pe, Wach­pos­ten und Eisen­git­ter, das sich auf Befehl im Boden ver­senkt, steht eine Augus­tus-Büs­te, ein Kopf allein so groß wie ein gan­zer Mensch. Staats­ober­haupt, Bau­herr, Pon­ti­fex Maxi­mus. In Rom waren Reli­gi­on und Staat eins, noch bis 1870. Ein Jahr­hun­dert spä­ter scheint in Mai­land, Resi­denz­stadt seit Dio­kle­ti­an, die Tren­nung ver­kraf­tet: Das Fres­ko in der Kir­che zeigt Gepan­zer­te, der Legat mit roten Schu­hen geht seg­nend der Stra­ßen­rei­ni­gung vor­an. Die Lei­chen blei­ben lie­gen. Sie kön­nen nicht mehr wider­spre­chen. Es wür­de sie auch nie­mand ver­ste­hen, denn sie hät­ten nichts zu befeh­len. Death to all who touch the rebels‘ bodies steht an den Wän­den. Man ver­steht die Anord­nung. Abbassa­te­vi sagt das Kind in der Offi­ziers­ja­cke in der Sau­na, und die Nack­ten gehor­chen. „Die Grund­ein­heit der Spra­che – die Aus­sa­ge – ist der Befehl oder das Kenn­wort, die Paro­le. Anstatt den gesun­den Men­schen­ver­stand zu defi­nie­ren, also das Ver­mö­gen, das die Infor­ma­tio­nen zen­tra­li­siert, soll­te man eher jene scheuß­li­che Fähig­keit defi­nie­ren, die dar­in besteht, Befeh­le aus­zu­ge­ben, zu emp­fan­gen und zu über­mit­teln. Die Spra­che ist nicht ein­mal dazu da, um geglaubt zu wer­den, son­dern um zu gehor­chen und Gehor­sam zu ver­schaf­fen. […] Das wird recht deut­lich an Ver­laut­ba­run­gen der Poli­zei oder der Regie­rung, in denen man sich nur wenig um Wahr­schein­lich­keit oder Wahr­haf­tig­keit bemüht, son­dern deut­lich sagt, was man zu beach­ten hat und was man sich mer­ken soll. Die Gleich­gül­tig­keit die­ser Erklä­run­gen gegen­über jeder Glaub­wür­dig­keit grenzt oft an Pro­vo­ka­ti­on.“[2] Rebels = Gar­ba­ge wird spä­ter an den Wän­den ste­hen, als die nicht begra­be­nen Kör­per begin­nen zu ver­we­sen. Wahr ist, was wahr gemacht wird. Rebels. Make. You. Vomit. Auch das stimmt. Die Bür­ger sit­zen im Park, hal­ten sich Taschen­tü­cher vor die Nase, lesen Bücher. Die Ord­nung ist wie­der­her­ge­stellt. Die öffent­li­che Sicher­heit beruht auf der Mit­ar­beit aller demo­kra­ti­schen Kräf­te heißt es im Fern­se­hen. Wider­spruch ist zweck­los, erkennt Anti­go­ne schon bei Sopho­kles Die Erde, mit der sie dem aus­ge­spro­che­nen Ver­bot zuwi­der­han­delnd ihren Bru­der bedeckt, um dem Recht der stum­men Toten Genü­ge zu tun, besteht nicht aus Wor­ten, und sie tut es außer­halb der Stadt, abseits der Büh­ne, auf die nur Berich­te über ihre stum­me Ges­te drin­gen. Doch Rede und Wider­re­de sind die Bedin­gung der Tra­gö­die wie der Demo­kra­tie, das Wort­lo­se muss ein­ge­holt wer­den für die Polis. Den Chor gilt es zu über­zeu­gen, sein Sei­ten­wech­sel beschließt das Schick­sal des Tyran­nen. Film ist weni­ger red­se­lig. 1968 gibt Anti­go­ne im Ver­hör Non­sen­se-Ant­wor­ten, zeich­net Fische, ein­mal singt sie. Sie wird sich ent­schul­di­gen müs­sen, sie ist ohne sich zu ver­ab­schie­den aus dem Haus gegan­gen, sagt ihre Mut­ter bei Likör und Kuchen zur Mili­tär­po­li­zei. Wo ist Ihr Sohn jetzt? – Oh, er hat­te kein Glück. Man kann sich den­ken, was das heißt, ähn­lich wie die Ange­bo­te der net­ten Her­ren in Anzü­gen und Son­nen­bril­len, die ihrer Gefan­ge­nen Cham­pa­gner anbie­ten: Haben Sie Slo­gans? Wie kom­mu­ni­zie­ren Sie mit der Mas­se? Wir wer­den zu einem Dia­log fin­den, da mache ich mir kei­ne Sor­gen. Dia­log ist eine Dro­hung, das fürst­li­che Renais­sance-Zim­mer kei­ne Deko­ra­ti­on. Ver­hält­nis­se bestehen fort, wie Gebäu­de, Vor­ga­ben, die jedes Jahr­hun­dert neu erfüllt. Wie viel Zwangs­ar­beit es dafür braucht, Skla­ve­rei. Die Ver­ach­tung des „käl­tes­ten aller kal­ten Unge­heu­er“ (Nietz­sche)[3] für sei­ne Bür­ger, Bewoh­ner, Unter­ta­nen, Insas­sen, Pro­ban­den steckt schon in den Wän­den. Was sol­len sol­che beto­nier­ten Hal­len ande­res ent­hal­ten als Kaser­nen oder Insti­tu­te, die Men­schen­ver­su­che machen? Zement: noch so eine römi­sche Erfin­dung. Impe­ri­en sind Bau­un­ter­neh­men. Ihre Ver­las­sen­schaf­ten defor­mie­ren die Hin­ter­blie­be­nen, so sie sich nicht dar­aus befrei­en. Ohne Hil­fe von außen wird das nicht gehen. Anti­go­nes part­ner in crime, mit dem sie kein Wort spricht, scheint ein sol­cher ret­ten­der Gesand­ter. Die denun­zia­ti­ons­lüs­ter­nen Pas­san­ten wis­pern, er spre­che Ost­go­tisch oder Van­da­lisch. Jeden­falls kein Römer. Gemein­sam tra­gen die bei­den Tote in eine Höh­le, geben ihnen Trau­ben und Quell­was­ser mit auf die Rei­se. Kei­ne gebau­te Umwelt, dafür mensch­li­che Ritua­le, nicht aus der Vor­ge­schich­te, wie Paso­li­ni sie sich dach­te, son­dern aus noch ande­ren Räu­men, Anti-Geschich­te, An-Orga­ni­sches, An-Archi­tek­tur, bedeu­tet Orga­ni­sa­ti­on doch immer Herr­schaft. Im sel­ben Jahr schickt auch Paso­li­ni in Teo­re­ma einen wort­kar­gen Frem­den nach Mai­land, qua­si Jesus als Sex­bom­be, der eine ver­knö­cher­te Indus­tri­el­len­fa­mi­lie, geschicht­lich am Ende, zur Explo­si­on bringt. Bei Cava­ni, weni­ger reich an Illu­sio­nen, lässt die Bour­geoi­sie sich auf sol­che Spie­le nicht ein: Anti­go­ne, die Rebel­lin aus dem Inne­ren, und der Frem­de ohne Her­kunft wer­den ohne Pro­zess liqui­diert. Doch nach der Erschie­ßung fol­gen ande­re in Blue­jeans ihrem Bei­spiel. Schwer vor­stell­bar. Beim Ver­las­sen des Kino­saals, selbst ein Hohl­raum in einer ehe­ma­li­gen Bas­tei, das heißt Stadt­mau­er, Bela­ge­rung, Kano­nen, wirkt die Stadt näher an die Wirk­lich­keit gerückt. Taxis fah­ren an der ehe­ma­li­gen Hof­pfarr­kir­che vor­bei, die immer noch aus Stein besteht, der weiß reno­vier­ten Natio­nal­bi­blio­thek am Josef­platz, wo sich die Cäsa­ren auf­ge­klärt geben. Joseph II. grüßt vom Pferd her­ab, wenigs­tens er noch mit ehr­li­cher Pati­na. Wenigs­tens an ihm klebt noch das Blut. Neu­er Putz wird dar­an nichts ändern, das biss­chen Licht­spiel wird den Michae­ler­trakt mit sei­nen Brun­nen, Öster­reichs Macht zur Lan­de und zur See, nicht in eine Lust­spiel­ku­lis­se ver­wan­deln. „Beklem­men­de Städ­te, deren Bou­le­vards kot­zi­ge Sphinx- und Medu­sen­häup­ter, antik-heid­ni­sche Göt­zin­nen schmü­cken, geket­te­te weib­li­che und männ­li­che Skla­ven, voll her­vor­quel­len­der Euter und Mus­keln, vol­ler unter Lap­pen und Gewin­den ver­steck­ter, war­ten­der Geschlech­ter nie­der­ge­zwun­ge­ner Tita­nen einer ande­ren Zeit­rech­nung, daß die­se Städ­te heu­te als die kul­tur­träch­ti­gen Euro­pas gel­ten und gera­de ange­sichts die­ser ver­steint gebann­ten Ver­skla­vung Frau­en und Män­ner so dis­ku­tie­ren, als wäre die­se Mas­si­v­ar­chi­tek­tur blo­ße Pap­pe. Die­se Pracht­bou­le­vards euro­päi­scher Städ­te fei­ern mit ihrem Lich­ter­glanz, ihren magi­schen Näch­ten die Unter­wer­fung, den Sieg der moder­nen Welt über die alte, aus der Figu­ren wie Kundry her­über­wei­sen und stumm machen. Die unse­li­gen Häup­ter heben sich zum: Die­nen … Die­nen!, das im her­ein­bre­chen­den Mor­gen lei­se ver­ebbt.“[4] Wen wirft die Aus­tria mit stei­ner­nem Gesicht recht­erhand in den Staub, lin­ker­hand ins Was­ser? Der Trakt wird 1889 mit indus­tri­el­len Tech­ni­ken der Grün­der­zeit erbaut nach einem Plan Fischer von Erlachs von 1726. Neo­ba­rock. Ver­wer­fun­gen, die anhalten.

Eine Woche spä­ter, beim nächs­ten Besuch im Unsicht­ba­ren Kino, aber auch acht Jah­re spä­ter und zehn Jah­re frü­her, vor unge­fähr fünf­und­sech­zig Jah­ren im Wien der Fünf­zi­ger, in Il por­tie­re di not­te, gibt es kei­ne unschul­di­gen Höh­len mehr. Die Donau ist nur­mehr eine gute Stel­le, um miss­lie­bi­ge Zeu­gen zu erträn­ken. Als die bei­den Lie­ben­den ihren Schutz ver­las­sen, um sie zu über­que­ren, wer­den sie auf der alten Reichs­brü­cke mit den stäh­ler­nen Stre­ben erschos­sen, wäh­rend die kup­fer­nen Kir­chen­glo­cken läu­ten. „Schutz“, meint eine ver­bar­ri­ka­dier­te Jung­ge­sel­len­woh­nung im Karl-Marx-Hof, den vor neun­zig Jah­ren das Mili­tär beschos­sen hat. Kle­ri­ka­le Reak­ti­on und schwe­re Artil­le­rie gegen das Rote Wien. Dies­mal rei­chen sub­ti­le­re Mit­tel, das Ver­der­ben ist längst im Inne­ren ange­kom­men. Rascher noch als ‘34 den Kano­nen, ‘38 dem Füh­rer erlie­gen die Nach­ba­rin, der Greiß­ler, alle Ver­bün­de­ten den ver­füh­re­ri­schen Ange­bo­ten des SS-Absol­ven­ten­ver­eins. Wie­der­se­hen macht Freu­de. Ich kann dir nicht hel­fen, weißt du … ich war­te ja noch auf mei­ne Kriegs­pen­si­on! ver­leug­net sich der Freund selbst am Tele­fon. Der Gemein­de­bau, die Genos­sen, die „kom­men­de Welt“, deren Bau­volk sie sein woll­ten: ein ver­rot­te­ter Kada­ver, eine ange­grau­te Kathe­dra­le, eine Hoff­nung, die sich selbst ver­riet wie die Sozia­lis­tin Lucia im Lager zur SS über­lief, um nackt ver­bo­te­ne Chan­sons von der Diet­rich vor­zu­sin­gen, vom eige­nen Begeh­ren kor­rum­piert. Ihr dor­ti­ger Lieb­ha­ber Max, einst Herr über Leben und Tod, arbei­tet jetzt aus Scham, wie er zugibt, als Nacht­por­tier im Hotel zur Oper. Die dämm­ri­ge Hal­le, die dunk­len Win­kel, das gehei­me Bespre­chungs­zim­mer wir­ken eben­so aus­ge­höhlt davon, zu vie­len anrü­chi­gen Ange­bo­ten nach­ge­ge­ben zu haben, durch­zo­gen von Schie­be­rei­en und Spit­ze­lei­en eines Poli­zei­staat, der nicht mit Fürst Met­ter­nich begann und nicht mit Reichs­statt­hal­ter Schi­rach unter­ging, wie die gan­ze Stadt. Gespens­ti­sche Stil­le. Affä­ren im Hin­ter­grund. Gele­gent­li­ches Flüs­tern. Die Kir­che scheint abwe­send, doch das Pro­blem ist nicht erle­digt, es steckt in den Räu­men: ihren men­schen­frem­den Dimen­sio­nen, dem Hal­len der Schrit­te, dem zere­mo­niö­sen Geha­be der Mes­sing­lam­pen, den geheim­nis­krä­me­ri­schen Beto­nun­gen selbst des Staub­ab­wi­schens. Natür­lich ist der alte Zim­mer­kell­ner ein­ge­weiht. Eine Stadt für Jesui­ten, Diplo­ma­ten, Spio­na­ge, Geheim­jus­tiz, Hin­ter­zim­mer­po­li­tik, den Kai­ser und den Schwarz­markt. Wider­stand­los schei­nen die Nazis sich durch Archi­ve zu bewe­gen, um belas­ten­de Akten zu ver­nich­ten. Alte Seil­schaf­ten bewäh­ren sich auch ohne schrift­li­che Ver­trä­ge. Gut hal­ten sich auch die Bril­lan­ten, in der Oper an den Häl­sen und Orden eines Publi­kums, das eben­so unbe­wegt wie die Zau­ber­flö­te den Unter­gang meh­re­rer Impe­ri­en betrach­tet hat, von den Ver­hee­run­gen unbe­rührt, nur ein wenig älter gewor­den seit­dem, und im Hotel an den Ohren der alten Grä­fin, die sich, selbst im Pelz, den Pagen ins Bett kom­men lässt. Der kommt schon, aber waschen will er sich nicht mehr dafür. Euro­pa ist nicht gut für den Cha­rak­ter. Von Wien ist wenig zu sehen, Mozart-Erin­ne­rungs­räu­me, wenig Him­mel. Dem ste­hen die ver­ruß­ten Muse­en im Weg, Paläs­te mit Ein­schuss­lö­chern, Minis­te­ri­en, in denen nicht nur der ers­te Welt­krieg vor­be­rei­tet wur­de. Kolos­se, deren Lei­chen­duft und glit­zern­de Kno­chen wie Par­füm und Juwe­len der Grä­fin, die glän­zen­den Ange­bo­te der SS die See­len betö­ren. Ein Blick in die Aus­la­gen der Inne­ren Stadt nach der Vor­stel­lung bestä­tigt das Fort­wir­ken des Lich­ter­glan­zes. Magi­sche Näch­te, auch wenn nicht gera­de Opern­ball ist. Ein Schau­spie­ler hat ein­mal ver­sucht, die­sen „Ball der Bäl­le“ im Füh­rer-Kos­tüm zu besu­chen, die Poli­zei hat ihn dar­an gehin­dert. War­um eigent­lich? Die dort aus­ge­führ­ten Juwe­len müss­ten sich doch noch an ihn erin­nern, sie haben ja auch den Kai­ser nicht ver­ges­sen. Max und Lucia, die ihre Affä­re wie­der­auf­neh­men und ein­an­der nicht aus­lie­fern wol­len, unter­schei­det von den ande­ren nur, dass sie fest­hal­ten an der Form der Kor­rup­ti­on, der sie ein­mal ver­fal­len sind, statt sich durch The­ra­pie und Kathar­sis, wie es das SS-Tri­bu­nal als psy­cho­ana­ly­tisch inspi­rier­te Selbst­hil­fe­grup­pe vor­lebt, selbst zu ent­las­ten. Kei­ne Unschuld, aber zumin­dest Scham und Kon­se­quenz, außer­dem die Wei­ge­rung an wei­te­ren Ver­bre­chen mit­zu­wir­ken. Des­halb wer­den sie liquidiert.

Ein paar Tage spä­ter, eini­ge Jah­re sind ver­gan­gen, geht es wei­ter mit La Pel­le. Nea­pel 1943. Man nähert sich dem Pro­blem. Dies­mal ste­hen Poli­zis­ten im Weg, um einen Ball in der Hof­burg vor Unmut zu beschüt­zen. Das ist nicht neu. Die Absper­run­gen sind aus Metall. Herr­schaft besteht aus Erz, auch wenn die zuge­hö­ri­gen Her­zö­ge nicht mehr regie­ren. Vor der Michae­ler­kir­che, auf deren Wind­fang der Erz­engel balan­ciert, mit nur einer Fuß­spit­ze den nie­der­ge­wor­fe­nen Leib­haf­ti­gen hin­ab- und sich abstößt, ste­hen noch eini­ge Pol­ler aus Stein, noch nicht auf Befehl im Boden ver­senk­bar, ver­bun­den mit eiser­nen Ket­ten. Sie klir­ren nicht im Wind, dafür sind sie zu schwer. Hand­ar­beit. Mas­si­ve Schutz­zau­ber, falls Feu­er und Schwert nicht rei­chen. Doch Nea­pel wird nicht ver­tei­digt. Zum ers­ten Mal in tau­send Jah­ren hat die Stadt die frem­den Herr­scher, dies­mal waren es Deut­sche, sel­ber ent­fernt, um die Sie­ger zu begrü­ßen, dies­mal sind es US-Ame­ri­ka­ner. Doch folgt kein male­ri­sches Pan­ora­ma, wie sich die Stadt am Golf lan­den­den Armeen dar­bie­tet, dem Blick der Sie­ger unter­wirft. Statt­des­sen Gäss­chen, Innen­hö­fe, die in Höh­len über­ge­hen, Gän­ge, Trep­pen wie Ter­mi­ten­bau­ten ins Inne­re der Paläs­te getrie­ben, wo Innen und Außen unun­ter­scheid­bar wer­den, Alb­träu­me wie von Pira­ne­si, halb Bau­stel­le halb Rui­ne. „In sol­chen Win­keln erkennt man kaum, wo noch fort­ge­baut wird und wo der Ver­fall schon ein­ge­tre­ten ist. Denn fer­tig­ge­macht und abge­schlos­sen wird nichts. Poro­si­tät begeg­net sich nicht allein mit der Indo­lenz des süd­li­chen Hand­wer­kers, son­dern vor allem mit der Lei­den­schaft für Impro­vi­sie­ren. Dem muß Raum und Gele­gen­heit auf alle Fäl­le gewahrt blei­ben. Bau­ten wer­den als Volks­büh­ne benutzt. Alle tei­len sie sich in eine Unzahl simul­tan beleb­ter Spiel­flä­chen. Bal­kon, Vor­platz, Fens­ter, Tor­weg, Trep­pe, Dach sind Schau­platz und Loge zugleich. Noch die elends­te Exis­tenz ist sou­ve­rän in dem dump­fen Dop­pel­wis­sen, in aller Ver­kom­men­heit mit­zu­wir­ken an einem der nie wie­der­keh­ren­den Bil­der nea­po­li­ta­ni­scher Stra­ße, in ihrer Armut Muße zu genie­ßen, dem gro­ßen Pan­ora­ma zu fol­gen. Eine hohe Schu­le der Regie ist, was auf den Trep­pen sich abspielt.“[5] Der Man­gel an Außen­auf­nah­men mag dem Dreh geschul­det sein. Natür­lich sieht Nea­pel 1980 nicht mehr aus wie im Krieg, die Kir­chen sind wie­der­auf­ge­baut, Fas­sa­den instand­ge­setzt dank staat­li­cher Gel­der, von denen viel im mafiö­sen Unter­grund ver­si­ckert ist. Es geht nicht um den Anschein, son­dern um das, was gleich bleibt. Außer­dem ist der Golf ver­mint. Oben besteht die Stadt aus Vul­kan­stein, den sie unter sich abbaut, immer wie­der stür­zen Vier­tel ein. Es blei­ben genug Höh­len für Fried­hö­fe, Ver­ste­cke, für Heh­le­rei­en. Wenn die Bos­se nicht hier die deut­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen ver­ste­cken, um sie gemäs­tet den Sie­gern per Kilo zu ver­kau­fen, dann woan­ders, im Bor­dell oder in Paläs­ten. Es gibt Ver­bin­dun­gen, gehei­me Tun­nel, durch man­che pas­sen nur Kin­der. Von dem Pan­zer, den zwei schon kor­rum­pier­te GIs ihnen ver­kau­fen wol­len, las­sen die flin­ken Hän­de nichts über als einen Ölfleck. Das waren nur zwei, die ande­ren wer­den fol­gen. Ame­ri­ka­ner sind zwar kei­ne Ost­go­ten oder Van­da­len, aber im Ver­gleich mit der baro­cken Raf­fi­nes­se Nea­pels doch Bar­ba­ren. Die Adels­pa­läs­te sind nicht weni­ger kaputt als die ärm­lichs­ten Behau­sun­gen, nicht weni­ger kor­rupt. Mora­li­scher Ver­fall. Nea­pel zer­setzt den soli­den ame­ri­ka­ni­schen Cha­rak­ter wie einen gestoh­le­nen Pan­zer. Aus ganz Euro­pa kom­men die déca­dents, die gelernt haben Marx statt Oscar Wil­de zu zitie­ren, um den Armen sexu­ell zur Sei­te zu ste­hen. Es wird getanzt. „Rück­stand der letz­ten und Vor­spiel der fol­gen­den Fei­er­ta­ge ist die­se Musik. Unwi­der­steh­lich durch­dringt der Fest­tag einen jeden Werk­tag. Poro­si­tät ist das uner­schöpf­lich neu zu ent­de­cken­de Gesetz die­ses Lebens. Ein Gran vom Sonn­tag ist in jedem Wochen­tag ver­steckt und wie­viel Wochen­tag in die­sem Sonn­tag!“[6] Das gilt auch im Krieg. Bei einer ade­li­gen Pri­vat­ver­an­stal­tung, halb heid­ni­sches Ritu­al, halb schwu­ler Rave, gebiet ein jun­ger Mann eine Figur mit rie­si­gem Phal­lus. Dress­code: halb nackt, halb Mili­tär. Ein Lust­ge­winn, nicht absto­ßen­der als die GIs, die dafür bezah­len ihren hete­ro­se­xu­el­len Trie­ben zu erlie­gen. Nea­pel macht sich den Krieg zu eigen und ver­dient daran.

Vom „Glücksar­se­nal des Kaput­ten“ nea­po­li­ta­ni­scher Tech­nik hat Alfred Sohn-Rethel geschrie­ben, der die Stadt in den Zwan­zi­gern besucht hat, erstaunt von der Fin­dig­keit ihrer Bewoh­ner im Umfunk­tio­nie­ren vor­ge­ge­be­ner Mecha­nis­men und dem anar­chi­schen Funk­tio­nie­ren alles des­sen, was hier nicht ord­nungs­ge­mäß funk­tio­niert. „An weni­ge ihrer vor­ge­zeich­ne­ten Zweck­ver­wen­dun­gen nur mehr gebun­den, erfährt die Tech­nik hier die son­der­bars­ten Ablen­kun­gen und geht mit eben­so über­ra­schen­den wie über­zeu­gen­den Wirk­sam­kei­ten in einen ihr völ­lig frem­den Lebens­grund ein. Von der zur erhöh­ten Glo­rie der Madon­na erstrah­len­den Osram­bir­ne war schon die Rede. Als ein wei­te­res Bei­spiel mag der Rad­mo­tor die­nen, der, aus den Zwän­gen des zer­schmet­ter­ten Motor­rads gelöst, mit sei­nen um eine leicht exzen­tri­sche Ach­se wir­beln­den Dre­hun­gen in einer Lat­te­ria die Sah­ne schlägt. Auf sol­che unge­ahn­te Wei­sen leis­tet die moder­ne Tech­nik den Übun­gen die­ses mit elek­tri­scher Stra­ßen­bahn und Tele­fon selt­sam über­le­ben­den 17. Jahr­hun­derts die aus­ge­zeich­ne­te Hil­fe­stel­lung und dient so über­all der Frei­heit die­ses Lebens über sie aufs Unfrei­wil­ligs­te noch zur Folie. Die Mecha­nis­men kön­nen hier das zivi­li­sa­to­ri­sche Kon­ti­nu­um nicht bil­den, zu dem sie aus­er­se­hen; Nea­pel dreht ihnen das Gesicht auf den Rücken.“[7] 1943 zei­gen die­se Spie­le ihr ande­res Gesicht. Nea­pel dreht die nai­ven GIs auf den Rücken und lässt sie dafür bezah­len. Euro­pa ist Kaputt, wie Mala­par­tes Roman von der Ost­front heißt, mora­lisch, phy­sisch, und ver­dient dar­an, die eige­ne Haut zu ver­kau­fen. Auch Kin­der wer­den pro­sti­tu­iert, um zu über­le­ben. Von ihren eige­nen Müt­tern. „Es gab nichts mehr in Nea­pel, nichts mehr in Euro­pa, alles war beim Teu­fel, alles zer­stört. Woh­nun­gen, Kir­chen, Kran­ken­häu­ser, Müt­ter, Väter, Söh­ne, Tan­ten, Groß­müt­ter, Vet­tern, alles ‚kaputt‘. Ich lach­te, es schmerz­te mich sogar im Magen, so hef­tig lach­te ich, so bit­ter lach­te ich.“[8] Am Ende bricht der Vesuv aus. Das sind Kräf­te, die von innen kom­men. Durch den Asche­re­gen geht die prin­cipes­sa, tritt mit herr­scher­li­cher Selbst­ver­ständ­lich­keit in ein elen­des Häus­chen. Ist der schüch­ter­ne Jun­ge ihr Gelieb­ter oder bloß Unter­tan, Opfer einer spon­ta­nen Ein­ge­bung, wie sie Fürs­ten haben? Unter dem Man­tel trägt sie nur ein Des­sous, wäh­rend die Ame­ri­ka­ner im Feu­er­re­gen Ret­tung flie­gen. Natür­lich gibt sich der Bursch ihr hin. Nie­mand bleibt unschul­dig. Mehr ist vom befrei­ten Nea­pel nicht zu lernen.

Wäh­rend in I Can­ni­ba­li der Kor­rup­ti­on zumin­dest das stum­me Bild einer Unschuld ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den konn­te, von Höh­len, fri­schem Was­ser und Trau­ben, und in Il por­tie­re di not­te zumin­dest ein Grad der eige­nen Ver­hee­rung gehal­ten wer­den konn­te als letz­te Selbst­be­haup­tung – auch wenn bei­de Paa­re am Ende vom Staat respek­ti­ve einer Orga­ni­sa­ti­on mit staats­ähn­li­chen Ambi­tio­nen liqui­diert wer­den –, ist in der Stadt aus Höh­len, Kir­chen und Paläs­ten nichts mehr hei­lig. Vesuv ist ein Gott, sagt der Men­schen­händ­ler­boss. Ein böser Gott, der es Asche reg­nen lässt und bit­ter lacht, gemacht aus dem schlech­ten Teil, mala par­te, aus dem Nea­pel gebaut ist. Und Nea­pel ist Euro­pa, auch heu­te. Vie­les bleibt beim Alten. Die ret­ten­de Ankunft der Bar­ba­ren, wie nach einem Gedicht von Kava­fis schon die Römer erwar­te­ten, scheint nicht abseh­bar, und selbst wenn – beweist Mala­par­te – wür­de das Impe­ri­um sie nur in sei­nen Unter­gang hin­ein­zie­hen, wie Wien es 1914 mit Euro­pa getan hat. Seit­dem ist der Kai­ser unbe­wusst. Auch ein Besuch des Schahs, der wie 1967 in Ber­lin den Poli­zei­staat sicht­bar wer­den lässt, scheint nicht zu erwar­ten. Muss wie­der der Vesuv aus­bre­chen, um zu ent­sie­geln, was unterm „Basi­lis­ken­blick einer satu­rier­ten Reak­ti­on“[9] all­zu leicht erstarrt erscheint? Schö­ne Aus­la­gen sind wie­der chic, Pan­zer­glas, pri­va­te Sicher­heits­diens­te ste­hen davor. Not all cigars are crea­ted equal. Spend your time royal­ly steht am Kohl­markt mit Blick auf die Hof­burg. Seit 1968 sind nicht nur in Paris die Stra­ßen asphal­tiert wor­den, durch die der Geist von Baron Haus­mann weht. Dem­entspre­chend wenig Pflas­ter­stei­ne sind zur Hand. Die Toten lie­gen jetzt woan­ders. Einst­wei­len bleibt nur der kal­te Wind. Das ist gut, er hält davon ab, sich ein­zu­rich­ten, hält einen in der Wirk­lich­keit wie die Fil­me Cava­nis. Schlecht ist nur, dass nach der Spät­vor­stel­lung nicht nur die Film­bar geschlos­sen ist und Leu­ten ohne Obdach keins mehr geben kann – wie gut, dass es Insti­tu­tio­nen ohne Wach­per­so­nal gibt! – , son­dern auch die Kir­chen. Man könn­te sonst hin­über­ge­hen nach St. Ste­phan, wo jetzt auch Gott­fried Heln­wein ange­kom­men ist. Sein Fas­ten­tuch vorm Hoch­al­tar soll an das Turi­ner Grab­tuch erin­nern, immer­hin jahr­hun­der­te­lang im Besitz der Augus­ta Dinas­tia di Savoia, der noch der Gro­ße Faschis­ti­sche Rat bei der Abset­zung des Duce Ehr­erbie­tung erwies. 1996 hat er noch die Mut­ter­got­tes als Eva Braun gemalt, die den Füh­rer gebärt, umstan­den von der SS. Da war die Erin­ne­rung an den Sozia­lis­mus noch frisch, das ließ Abstand hal­ten. Näher, mein Gott, zu Dir. Auch das ist nicht neu, wie das meis­te, Cava­nis Fil­me, die Archi­tek­tu­ren, die sie zeigt, dar­um nicht weni­ger wirk­lich. Undi­ne Gruen­ter sagt von der Archi­tek­tur in der Stadt, sie bezeu­ge die „Gleich­zei­tig­keit vie­ler Zei­ten in der Gegen­wart“. Zuwei­len muss sie natür­lich frei­ge­legt wer­den, wenn die Toten sonst nicht mehr zu sehen sind, wie die alten Fil­me. Das ist sehr rea­le Arbeit, auch am Abend und am Wochen­en­de. Fil­me­ma­chen, Fil­me­zei­gen, Fil­me­se­hen. Der Saal war meis­tens voll, das ist gut. Ande­re haben frei. Vorm Palais Palffy ste­hen jun­ge Leu­te, rau­chen, lachen. Rote Samt­ho­sen, gol­de­ne Blu­sen, Son­nen­bril­len, offe­ne Hem­den, Fächer, schwar­ze Schu­he. Um die Tür bil­det sich eine Aura von Geheim­nis. Was ver­birgt sich? Wer kommt rein? Wer gehört dazu? Das Film­mu­se­um ist da anders. Das Pro­gramm ist bekannt, die Tür steht offen und jeder Platz kos­tet gleich­viel. „Die Aus­stel­lung fin­det auf der Lein­wand statt.“ In der Augus­ti­ner­stra­ße 1. Gehen Sie hin, es ist nicht weit.


[1] Ennio Mor­rico­ne: Can­ni­bal Can­ta­ta II.

[2] Gil­les Deleu­ze, Felix Guat­ta­ri: Kapi­ta­lis­mus und Schi­zo­phre­nie II in Tau­send Pla­teaus. Mer­ve, S. 106.

[3] „Irgend­wo gie­bt es noch Völ­ker und Heer­den, doch nicht bei uns, mei­ne Brü­der: da gie­bt es Staa­ten. Staat? Was ist das? Wohl­an! Jetzt thut mir die Ohren auf, denn jetzt sage ich euch mein Wort vom Tode der Völ­ker. Staat heisst das käl­tes­te aller kal­ten Unge­heu­er. Kalt lügt es auch; und die­se Lüge kriecht aus sei­nem Mun­de: ‚Ich, der Staat, bin das Volk.‘“ (Fried­rich Nietz­sche: Also sprach Zara­thus­tra. dtv, S. 63.)

[4] Einar Schle­ef: Dro­ge Faust Par­si­fal. Suhr­kamp, S. 155.

[5] Wal­ter Ben­ja­min und Asja Lacis: Nea­pel in Denk­bil­der.

[6] Ebd.

[7] Alfred Sohn-Rethel: Das Ide­al des Kaput­ten. Wass­mann, S. 37f.

[8] Cur­zio Mala­par­te: Die Haut. Fischer, S. 131.

[9] Wal­ter Ben­ja­min: Über eini­ge Moti­ve bei Bau­de­lai­re. Suhr­kamp, S. 539