Sambizanga von Sarah Maldoror

Notiz zu Sambizanga von Sarah Maldoror

Bei der Betrach­tung revo­lu­tio­nä­ren Kinos, soge­nann­ten Drit­ten Kinos heu­te, stellt sich immer wie­der die Fra­ge, was vom Geist der Agi­ta­ti­on in die heu­ti­ge Zeit und in ande­re Kul­tu­ren über­schwappt. Im Fall von Sam­bizan­ga, dem zwei­ten Lang­spiel­film von Sarah Mal­dor­or, deren Arbei­ten der­zeit an unter­schied­li­chen Orten in Wien (mumok kino, Öster­rei­chi­sches Film­mu­se­um und Depot) zu sehen sind, bleibt weni­ger der mit­rei­ßen­de, von der Mos­kau­er Schu­le gepräg­te Mon­ta­ge­fluss zwi­schen Zärt­lich­keit und Gewalt, Frie­de und Unge­rech­tig­keit kle­ben, son­dern ein bei­na­he traum­ar­tig ver­setz­ter Musik­rausch gegen Ende des Films. Als Ant­wort auf die größt­mög­li­che Trau­er und Wut nach dem will­kür­li­chen Mord an einem Mann durch die PIDE in einem Gefäng­nis, zeigt Mal­dor­or ein spon­ta­nes Fest. Fröh­lich­keit wie aus dem Him­mel gefal­len. Tanz, Musik, man wippt mit der char­man­ten Live-Band. Eben noch die kör­per­li­che Erfah­rung einer ras­sis­ti­schen, kolo­nia­lis­ti­schen Unge­rech­tig­keit, dann das ent­spann­te Glück des Zusammenseins.

Mal­dor­or bewegt sich durch die tan­zen­den Kör­per, ent­fernt sich wie­der, man ver­gisst oder nimmt auf, man lässt die Zeit etwas wir­ken, man braucht sie auch nach der Bru­ta­li­tät, fragt sich, ob das was man sieht eine uto­pi­sche Vor­stel­lung ist, ein Traum, Bil­der aus der Ver­gan­gen­heit oder gar ein lako­ni­scher Kom­men­tar zur feh­len­den Reak­ti­on des eige­nen Vol­kes. Schließ­lich löst es sich auf, als jemand mit­ten in den Fei­er­lich­kei­ten vom scho­ckie­ren­den Tod des Man­nes erzählt („sie haben ihn zu Tode ver­prü­gelt.“) und einer der Anfüh­rer der Bewe­gung, die das Fest orga­ni­siert spricht: Die­ser Moment wäre trau­rig, aber er wäre auch ein Grund zur Freu­de, da der unge­rech­te Tod die­ses Man­nes von nun an in den Her­zen Ango­las wei­ter­le­ben wür­de. Jeder Tote berei­che­re die muti­gen, auf­stre­ben­den Her­zen. In die­sem Augen­bli­cken lehnt sich der Film wohl aus einem Fens­ter, das uns bis heu­te tief berüh­ren kann, weil es noch nie geöff­net wurde.

Dar­über hin­aus ein sinn­li­ches Bild einer mög­li­chen Geschichts­schrei­bung im Prä­senz. Das Gefühl einer Eman­zi­pa­ti­on, die nicht auf Äußer­lich­kei­ten aus ist, son­dern auf Grund­sätz­li­ches. Dazu Kla­ge­schreie einer ver­lo­re­nen Har­mo­nie gestemmt von einem uner­schüt­ter­li­chen Glau­be an die Macht des fil­mi­sches Bil­des. Der Bil­der­strang der Sanft­heit ver­kör­pert durch das Fami­li­en­glück und der Bil­der­strang der Gewalt ver­kör­pert durch den Ein­bruch der Kolo­ni­al­macht ver­lau­fen par­al­lel, auf­ein­an­der zu, von­ein­an­der weg und tren­nen sich schließ­lich im Hor­ror eines Todes. Aus die­sem Unglück führt tat­säch­lich nur dann ein weg zurück zur Par­al­le­li­tät, wenn die Gewalt sich in Sanft­heit auf­löst, wenn man vor Trau­er feiert.