Mémoire Volontaire: Filmmomente 22

Wir haben gemein­sam Flüch­ti­ges erinnert.

Ronny Günl

Viel­leicht noch nicht zu spät

Mee­res­rau­schen, sal­zi­ger Wind und schwan­ken­de Schat­ten­bil­der las­sen in Hele­na Witt­manns Human Flowers of Fle­sh Sekun­den in Minu­ten und Stun­den in Tagen ver­flie­ßen. Die Besat­zung eines Segel­schiffs begibt sich auf eine Rei­se ohne Ziel über das Mit­tel­meer. Sie trei­ben von Hafen zu Hafen, doch kei­ne Irr­fahrt. Als zöge sie ein fer­ner Ort außer­halb der Sicht über die Reling an, steu­ert das Schiff gen Süden. Ein­ge­webt in wort­kar­ges See­manns­garn streckt sich Witt­manns Film in alle Rich­tun­gen, wie beim Erwa­chen nach einem Däm­mer­schlaf. Aus­ge­rech­net in Mar­seil­le, der Stadt gestran­de­ter Rei­sen­der, bemerkt die Prot­ago­nis­tin Ida das ver­bor­ge­ne Ziel. Dar­auf­hin fin­det der Film in der alge­ri­schen Hafen­stadt Sidi bel Abbès, ver­kör­pert durch Denis Lavant als Galoup aus Clai­re Denis Beau tra­vail, gewis­ser­ma­ßen zu sei­nem eige­nen Ursprung. Ver­lor sich auf dem Weg bis dort­hin jeg­li­che Vor­stel­lung von Zeit, wird sie wie von einem Schau­er zwi­schen den Schul­tern plötz­lich von hin­ten ein­ge­holt und umschlossen.

Der Film erreicht sein Ende und ver­harrt doch an einer Schwel­le, in jener Wei­se wie Ida, gespielt von Ange­li­ki Papoulia, für einen Augen­blick im Inne­ren eines Cafés vor dem Fens­ter mit Blick nach Außen inne­hält. Schaut man durchs Glas, erkennt man im Vor­bei­strö­men der Men­schen die ver­ge­hen­de Zeit, der man sich ent­zo­gen hat. Eine Erfah­rung die sich sowohl im Asia-Restau­rant um die Ecke als auch im Kino machen lässt. Joy­ce Wie­lands Film Reason over Pas­si­on, unlängst zuse­hen im Öster­rei­chi­schen Film­mu­se­um, macht sich dies zu eigen, indem er gera­de aller Zer­streu­ung ent­ge­gen durch einen mono­to­nen, rhyth­mi­schen Signal­ton den Takt vor­schreibt. Dazwi­schen, kur­ze Auf­blen­den einer Rei­se durch das ver­schnei­te Kana­da. In hel­ler Erwar­tung des nächs­ten Tons beginnt man wie von Sin­nen zu zäh­len. Die Ver­nunft tri­um­phiert über die Sehn­sucht und wird zum Irr­sinn. Wie lang ein Film dau­ert, lässt sich wohl kaum unmit­tel­ba­rer beschreiben.

Dass gewis­se Fil­me zu lang sei­en, ist im ver­gan­ge­nen Jahr hör­ba­rer denn je gewor­den. Schein­bar muss sich die Zeit im Kino wie­der loh­nen. Die Zeit ist wert­voll und darf nicht ver­schwen­det wer­den, schon gar nicht für schlech­te Fil­me. Mit zu viel Zeit im Kino könn­te man viel­leicht auf fal­sche Gedan­ken kom­men. Statt­des­sen erzählt uns die Rolex-Wer­bung als Spon­sor der Aca­de­my Awards vor Beginn eines jeden Films, war­um wir ins Kino gehen. Wir müs­sen wis­sen, was gut und das rich­ti­ge Maß ist. Als neu­lich mei­ne Uhr auf­grund der lee­ren Bat­te­rie wäh­rend eines Films ste­hen blieb, wun­der­te ich mich, wie viel Zeit ver­gan­gen sein mag. Etwas war abhan­den gekom­men, ohne dass es fehl­te. Oder fehl­te etwas, ohne dass es abhan­den gekom­men war? So wie im ver­gan­ge­nen Jahr bekann­te oder weni­ger bekann­te Iko­nen ver­star­ben, müss­te man mög­li­cher­wei­se anstatt Toten­kult zu betrei­ben, zunächst ihre hin­ter­las­se­ne Leer­stel­le begrei­fen. Inso­fern ist es viel­leicht noch nicht zu spät.

Bianca Jasmina Rauch

Aus dem Leben gerissen

Immer wie­der kom­me ich auf sie zurück. Unbe­wusst ver­lei­he ich ihnen einen mys­ti­schen Cha­rak­ter, der in ihrer fer­nen Nähe zum Umbruch schlum­mert: die 70er Jah­re. Gesell­schaft­li­che Umbrü­che schrei­ben sich stets auch auf der per­sön­li­chen Ebe­ne ein. Erst kürz­lich stell­te ich ver­blüfft fest, dass der Beginn der 70er mei­nem Geburts­jahr viel näher ist als das Hier und Jetzt. Viel­leicht ist die fer­ne Nähe also doch eher eine nahe Fer­ne. War­um ich ver­blüfft bin dar­über? Weil die 70er aus heu­ti­ger Sicht doch so weit weg aus­se­hen. Ich ver­spü­re das unstill­ba­re Bedürf­nis, die­ses Jahr­zehnt des Umbruchs zu fas­sen, Bil­der die­ser Zeit in ihrer Bedeu­tung zu begrei­fen. Viel­leicht hof­fe ich so auch mich, mei­ne Eltern, die Welt – oder was ich eben dafür hal­te – bes­ser zu ver­ste­hen. Jetzt ist die Ver­gan­gen­heit vor­bei, sie kann nicht mehr auf die Wei­se began­gen wer­den, mit der man zeit­le­bens durch sie ging. Die Ver­gan­gen­heit exis­tiert nur mehr in unse­ren Erzäh­lun­gen – schön, nebu­lös, trau­ma­tisch oder ein­fach: unabwendbar.

Wie gelingt uns ein Blick in die erleb­te Ver­gan­gen­heit, der nicht dazu dient, ver­klär­te Nost­al­gie vor­zu­schie­ben, son­dern die Din­ge in neu­es Licht zu rücken? Ich spre­che nicht von Fak­ten, son­dern von Erfah­run­gen, vom sub­jek­tiv gepräg­ten Blick ins Ges­tern. Annie Ernaux wid­met ihr Schrei­ben die­sen Bli­cken ins Ges­tern, ins Vor­ges­tern, ins Vor­vor­ges­tern. Für Les années Super‑8 ver­ba­li­siert sie ihren heu­ti­gen Blick auf Bil­der aus ihrem Fami­li­en­ar­chiv, Beginn: 1972. Erst in dem Augen­blick, in dem die Schrift­stel­le­rin Auf­nah­men ihrer selbst fünf Jahr­zehn­te spä­ter kom­men­tiert, gewin­nen die­se aus dem Leben geris­se­ne und bis heu­te auf Zel­lu­loid gebann­ten Momen­te an Bedeu­tung. Heu­te ver­knüpft sie Frag­men­te aus der Ver­gan­gen­heit zu einer logi­schen Struk­tur, damals war sie vom Lauf der Din­ge selbst und von dem, was sie bis dahin erlebt hat­te, ein­ge­nom­men. Bedeu­tung lässt sich spä­ter, mit dem siche­ren Wis­sen über kom­men­de Erfah­run­gen, leich­ter erschlie­ßen, dabei hät­ten wir ein Ver­ständ­nis unse­rer Selbst oft gern schon früher. 

Die­ser Frau, die kom­men­tiert, wur­de die­ses Jahr der Lite­ra­tur­no­bel­preis ver­lie­hen, die­se Frau, die schüch­tern lächelnd in die Kame­ra blickt, schreibt zu die­sem Zeit­punkt nur heim­lich. Heu­te zir­ku­lie­ren ihre Wor­te welt­weit. Rück­wir­kend fügt sich alles wie Puz­zle­teil­chen in ihre Bio­gra­fie, die aber auch ganz anders hät­te kom­men kön­nen. Ich bli­cke die­se Frau an, wie ich manch­mal Kin­der­fo­tos von mir selbst anse­he, und den­ke „sie ahn­te nichts“. Aber wer war „sie“ eigent­lich? Für die heu­ti­ge Ernaux scheint ihr ver­gan­ge­nes Ich nicht mehr so rät­sel­haft. In Les années Super‑8 ana­ly­siert und erklärt sie sich selbst, auch die Leer­stel­len. Ein prä­gnan­ter Moment zeigt die Anfang-30-jäh­ri­ge leicht nach vor­ne gebeugt und mit einem Stift in der Hand an einem Schreib­tisch sit­zend, der von meh­re­ren beschrie­be­nen Blät­tern Papier bedeckt ist. Sie wirkt, als wäre sie unter­bro­chen wor­den. Der Blick der gehei­men Schrift­stel­le­rin in die Kame­ra strahlt Geduld und erns­te Ent­schlos­sen­heit aus. Mit einen Zoom nähert sich das Bild ihrem durch die gerin­ge Sät­ti­gung blass wir­ken­dem Gesicht, als woll­te es sich ihrem Inne­ren nähern. Wir hören nicht, was der Mann hin­ter der Lin­se, ihr Part­ner, mög­li­cher­wei­se sagt. Wäh­rend einer dar­auf fol­gen­den, zwei­ten Auf­nah­me der­sel­ben Situa­ti­on lächelt sie zag­haft, wor­auf die Kame­ra mit einer kur­zen wacke­li­gen Bewe­gung zu ihren Tex­ten schwenkt. Aus dem Off erzählt die wis­sen­de, erfah­re­ne Ernaux, dass sich ihr jün­ge­res Selbst nicht trau­te, die Kame­ra zu füh­ren, dass sie sich als Frau von dem tech­ni­schen, wert­vol­len Gerät zurück­hielt. Mit dem Kom­men­tar scheint sich die­se Schüch­tern­heit, das damals noch tief schlum­mern­de, inak­ti­ve Selbst­be­wusst­sein, in die­ser leicht gebeug­ten Hal­tung und dem Lächeln erken­nen zu geben. Ich fra­ge mich, ob ich selbst auch so an mei­nem Schreib­tisch sitze?

Wie wür­de ich im Jahr 2072 mein 30-jäh­ri­ges Ich kom­men­tie­ren, wenn mir Goog­le-Fotos eine Kom­pi­la­ti­on mit dem Titel „Back to the 20s“ vor­schlägt? Wür­de ich mich über­haupt an irgend­et­was erin­nern kön­nen, was in mir vor­ging? Wür­de ich Mit­leid, Stolz, Sehn­sucht beim Anblick mei­nes 2022er-Ichs emp­fin­den? Was wür­de ich jetzt anders machen, wenn ich die­se Gedan­ken der Zukunft schon ken­nen wür­de? Wür­de ich jet­zi­ge Momen­te mit einem ähn­lich bedeu­tungs­schwan­ge­ren Bestimmt­heit wie Annie Ernaux über­zeugt col­la­gie­ren kön­nen? Die gegen­wär­ti­ge Ernaux scheint die ver­gan­ge­ne Ver­si­on ihrer Selbst mit dem Erfah­rungs­schatz der Jah­re und der erlang­ten Fähig­keit, über ihre Sehn­süch­te und Ängs­te spre­chen zu kön­nen, bes­ser zu ken­nen. Die gegen­wär­ti­ge Ver­si­on holt die See­le ihres ver­gan­ge­nen Ichs her­vor, die sie auf die­sen Bil­dern erblickt. 

Die Frau, die wir auf den Bil­dern sehen, reprä­sen­tiert einen See­len­zu­stand, der genau­so der Ver­gan­gen­heit ange­hört wie ihr Kör­per vor der Lin­se. Mit ihrem Kom­men­tar ver­sucht Ernaux die Dicho­to­mie von Kör­per und See­le zu bre­chen und ihr Selbst als Ergeb­nis von Erfah­run­gen und Situa­tio­nen, von gesell­schaft­li­chen Struk­tu­ren und Zustän­den zu beschrei­ben. Ver­wo­ben ist all das mit­ein­an­der, enger und kom­pli­zier­ter als die gerad­li­ni­gen Strei­fen des Stick­pull­overs, den die Anfang-30-Ernaux auf der Auf­nah­me trägt. Ein Indi­vi­du­um ver­strickt in die eng­ma­schi­gen Struk­tu­ren unse­rer Gesell­schaft. Ver­ste­he ich die 70er jetzt bes­ser? Ernaux’ Film bil­det einen wei­te­ren Mosa­ik­stein in mei­nem men­ta­len 70er Kalei­do­skop, das die Zei­ten immer mehr ver­schwim­men, Nähe zu Fer­ne und Fer­ne zu Nähe wer­den lässt, und irgend­wo dazwi­schen sind die 90er, irgend­wo da vor­ne 2023 und ich möch­te am liebs­ten über­all mitschwimmen.

© Film Kino Text

Eh-Jae Kim

»Es gibt Leu­te, die Spu­ren hin­ter­las­sen. Es gibt Leu­te, die ver­schwin­den einfach.«

So beginnt eine Sze­ne zwi­schen dem Fil­me­ma­cher Peter Liech­ti und Anni Kug­ler, einer alten Dame, in sei­nem Film Hans im Glück. Als ich mich zurück­er­in­ne­re, gilt mein ers­ter Gedan­ke der alten Frau, die von Liech­ti ver­langt, dass er sich bit­te an sie erin­nern soll. Liech­ti gibt vor, ein Foto von ihr zu schie­ßen, sie setzt dafür ein brei­tes, etwas zu gro­ßes Lächeln auf. Als das Foto gemacht scheint – die Kame­ra läuft die gan­ze Zeit und zeich­net das Gespräch der bei­den auf –, ver­än­dert sich ihr Gesicht, sie erzählt aus ihrem Leben. So hat­te ich es in Erinnerung.

Als ich die Film­sze­ne nach eini­gen Wochen wie­der sehe, ist es doch ganz anders. In Hans im Glück begibt sich Peter Liech­ti zu Fuß auf eine Rei­se, um sich das Rau­chen abzu­ge­wöh­nen. Er filmt den Besuch bei sei­nen Eltern, sei­ne Groß­mutter und nun Anni Kug­ler, die alte Dame, immer mit dem Wunsch etwas von ihnen fest­zu­hal­ten. Es sind inti­me Bil­der auf dem Sofa, im Wohn­zim­mer. Dass Liech­ti vor­gibt, ein Foto von Anni Kug­ler zu machen, wäh­rend sie ihr gro­ßes Lächeln für die Kame­ra auf­setzt, soweit hat­te ich es rich­tig in Erin­ne­rung. Die Kame­ra sei aus, sie dür­fe nun erzäh­len. Von einem Moment auf den ande­ren fällt ihr Lächeln, wie ein Vor­hang, und mit ihm ihre Stim­me um eine hal­be Okta­ve. Sie erzählt mit einer Dring­lich­keit, die Men­schen haben, die sich ihre Wor­te von der See­le reden, von ihrem Leben im Alter: »Es ist ein kolos­sal ein­sa­mes Leben, ein blö­des Leben. Ich möch­te halt sterben.«

Die ers­te Wan­de­rung Liech­tis ist fast vor­bei und auf der letz­ten Stre­cke reflek­tiert er das Gespräch: »Zum Abschied hat sie mich bei der Hand genom­men. Dass ich sie auch wirk­lich ernst neh­me, muss ich ihr ver­spre­chen. Dar­auf war ich nicht gefasst. Nicht auf die­se plötz­li­che Ein­dring­lich­keit.« Das Gefühl von Scham legt sich über sei­ne Erin­ne­run­gen. Die Scham färbt auch auf mich ab und ich wun­de­re mich: Wie kam es zu die­ser Ver­schie­bung bei mir? Anni Kug­ler will sich nicht erin­nert wis­sen, sie will ernst­ge­nom­men wer­den. Es ist der Fil­me­ma­cher, der mit den Por­traits sicher­ge­hen will, dass man die Men­schen nicht vergisst.

Im Nach­ruf auf Peter Liech­ti fin­det sich bei Revol­ver ein Inter­view­aus­schnitt, in dem er über die­se Sze­ne spricht: »Ich glau­be das ist ein sehr zen­tra­ler Punkt beim so genannt Doku­men­ta­ri­schen, bei der Arbeit, nicht? Wie geht man mit Prot­ago­nis­ten um? Ich mag das nicht, immer die­ses Gesül­ze dar­um, wie man sorg­fäl­tig sein muss, wie man freund­lich sein muss und so wei­ter und so wei­ter. Es gibt das Wort Ver­ant­wor­tung, und das ist das ein­zi­ge was zählt. Kein ein­zi­ger Prot­ago­nist weiß wirk­lich, was ent­steht wenn er Ja sagt zu einer Aufnahme.«

Wie der Anspruch auf wahr­heits­ge­mä­ße Dar­stel­lung, des­sen Illu­si­on sich Liech­ti nicht hin­gibt, so ist viel­leicht auch der Wunsch nach einer wahr­haf­ti­gen Erin­ne­rung an einen Men­schen in die­ser Sze­ne einer, der uner­reich­bar bleibt, aber den Liech­ti für den kur­zen Moment frönt. Es ist ein sehr beru­hi­gen­der Gedan­ke, dass das Fil­men die Zeit kon­ser­vie­ren kann. Über­malt daher der Wunsch die­ser Bewah­rung die tat­säch­li­chen Wor­te Anni Kug­lers in mei­nen Erin­ne­run­gen? Und dann der Schreck und die Scham, dass man sich dem Bewah­ren so hin­ge­ge­ben hat, dass man sich nur an den eige­nen Wunsch zu erin­nern erin­nert, statt an die tat­säch­li­chen Wor­te der Per­son vor der Kamera.

Sebastian Bobik

Dekla­ra­tio­nen der Liebe

Wenn ich zurück­den­ke an Momen­te aus Fil­men, die mir die­ses Jahr in Erin­ne­rung geblie­ben sind, fal­len mir nur sol­che ein, die ich im Kino erlebt habe. Ich habe die­ses Jahr sehr vie­le Fil­me zuhau­se gese­hen und vie­le davon waren bes­ser als jene, die ich im Kino sah. Doch das ändert nichts dar­an, dass mir beson­ders Momen­te hän­gen blei­ben, die im Dun­keln vor der gro­ßen Lein­wand in Anwe­sen­heit Ande­rer statt­ge­fun­den haben.

Es sind vor allem zwei ein­zel­ne Momen­te aus Fil­men an die ich öfter den­ke. Sie umklam­mern das Jahr in gewis­ser Wei­se: Einen Moment erleb­te ich im Jän­ner, den ande­ren im Novem­ber. Wenn ich mich recht erin­ne­re, erleb­te ich bei­de im Gar­ten­bau­ki­no in Wien, dem größ­ten Ein­saal­ki­no der Stadt. Womög­lich spielt das auch eine Rolle.

Bei­des sind Augen­bli­cke, in denen eine Art “Rea­li­tät” oder “Leben­dig­keit” in einen Film her­ein­bricht. Ich habe das Gefühl, in die­sen kur­zen Ges­ten die Fil­me­ma­cher hin­ter der Kame­ra, wirk­lich als Per­son zu spüren.

Der ers­te Moment ist ein ein­fa­cher. Er ent­springt einem Film, der manch­mal auf­grund sei­ner Leicht­fü­ßig­keit droht, davon­zu­ren­nen, genau wie sei­ne Prot­ago­nis­ten es tun. Die Rede ist von Paul Tho­mas Ander­sons Lico­ri­ce Piz­za.

Ein jun­ger Mann fin­det sich auf einer Poli­zei­sta­ti­on wie­der. Er ist 15 Jah­re alt. Er wur­de kurz zuvor abge­führt, ohne zu wis­sen wes­halb. Die jun­ge Frau, unge­fähr 25 Jah­re alt, mit der er unter­wegs war und vor deren Augen er abge­führt wur­de, läuft momen­tan vol­ler Sor­ge zu ihm. Der Film war zuvor eine viel­leicht roman­ti­sier­te Idyl­le gewe­sen. Er erzählt von einem unglei­chen Duo im San Fran­cis­co der 1970er, das ver­su­chen muss, die vie­len (oft ver­wir­ren­den) Gefüh­le zu navi­gie­ren, die sie für­ein­an­der emp­fin­den. Der Moment, in dem plötz­lich die Poli­zei auf­taucht und unse­ren Prot­ago­nis­ten in einem Auto abführt, bricht uner­war­tet in den Film und zum ers­ten Mal regt die Gefahr der Welt ihr häss­li­ches Haupt in der Erzählung.

Nun sitzt Gary (so heißt der jun­ge Mann) auf einer Poli­zei­sta­ti­on. Die Kame­ra betrach­tet ihn aus gewis­ser Distanz, wie er auf einer Bank in einem hel­len, wei­ßen Gang sitzt. Hin­ter ihm sehen wir gro­ße Glas­tü­ren. Das hel­le Som­mer­licht flu­tet das Bild. Er sitzt allei­ne und war­tet unge­wiss auf das, was als nächs­tes mit ihm gesche­hen soll. Doch wäh­rend man als Zuschau­er bereits ver­sucht her­aus­zu­fin­den, wo die Geschich­te als nächs­tes hin­füh­ren könn­te, wird Gary so plötz­lich wie er fest­ge­nom­men wur­de, wie­der frei­ge­las­sen. Er ist noch völ­lig ver­wirrt, traut sich nicht ein­mal auf­zu­ste­hen. Mitt­ler­wei­le ist Ala­na (so heißt die jun­ge Frau) ange­kom­men. Sie erblickt ihn durch eine Glas­tür und winkt ihn zu sich. Er steht auf, kommt auf die Kame­ra und Ala­na zu.

Jetzt kommt der Moment, an den ich mich in den letz­ten Mona­ten und Wochen regel­mä­ßig erin­ne­re: Gary ver­lässt die Poli­zei­sta­ti­on durch die Glas­tür. Die Kame­ra folgt ihm nicht und dreht sich auch nicht um. Es wird auch nicht geschnit­ten auf eine ande­re Per­spek­ti­ve. Statt­des­sen bewegt sie sich nur leicht und wir sehen in der Spie­ge­lung der Glas­tür, was als nächs­tes pas­siert: Gary und Ala­na fal­len ein­an­der erleich­tert in die Arme. Sie ist den Trä­nen nahe. Bei­de sind ent­las­tet. Der Moment ist zur Gän­ze über die­se Spie­ge­lung eingefangen.

Schon im Kino hat mich die­se Ges­te und ihre Ein­fach­heit irgend­wie bewegt. Es fühlt sich an wie eine Bri­se. Der Film selbst atmet. Eine unglaub­li­che Leben­dig­keit offen­bart sich mir in die­ser klei­nen Ges­te: Ich sehe vor mir ein Set vol­ler Pro­fis, die einen Hol­ly­wood Film dre­hen. Am Dreh­tag, an dem die­se Sze­ne gedreht wird, gibt es einen geplan­ten Gegen­schuss, in dem sich die Figu­ren umar­men. Viel­leicht eine halb­na­he Ein­stel­lung oder sogar ein Clo­se-Up, um die Gesich­ter der Erleich­te­rung ein­zu­fan­gen. Doch an dem Tag sieht Paul Tho­mas Ander­son die Spie­ge­lung und spon­tan ent­schei­det er sich, alles in einer Bewe­gung zu fil­men, ohne Schnitt. Zumin­dest ist es so in mei­ner Vor­stel­lung pas­siert. Für mich ist die Spie­ge­lung in der Glas­tür ein Moment von Leich­tig­keit und Frei­heit. Die­se Ges­te ist für mich ver­wandt mit der Aus­sa­ge Grif­fiths, dass es im Kino nicht genug Bäu­me gibt, die im Wind wehen und mit der Renoirs, dass man am Set immer eine Tür offen las­sen müs­se, damit die Welt in den Film fin­den kön­ne. Es ist etwas, dass ich in vie­len Fil­men heu­te vermisse.

Auch der zwei­te Moment ist ein Her­ein­bre­chen der Welt in den Film. Der Film heißt The Novelist’s Film und ist einer von drei Fil­men, die Hong Sang-soo die­ses Jahr prä­sen­tier­te. Der Groß­teil des Films läuft dabei in recht bekann­ter Manier ab, wenn man mit sei­nen Fil­men ver­traut ist. In den letz­ten Minu­ten erscheint plötz­lich ein Film im Film, den wir zu sehen bekom­men. Die Schau­spie­le­rin Kin Min-hee wen­det sich an die aus der Hand geführ­te Kame­ra. Sie hält ein paar selbst­ge­pflück­te Blu­men und lächelt. Wir hören hin­ter der Kame­ra eine Stim­me spre­chen. Sie sagt die Wor­te “I love you”. Der Film geht wei­ter und erst nach etwas Zeit mer­ke ich, was ich gera­de gese­hen habe. Es ist nicht mehr die Welt der Fik­ti­on, son­dern es scheint tage­buch­ar­ti­ges Film­ma­te­ri­al zu sein. Die Per­son vor der Kame­ra ist nicht die fik­ti­ve Schau­spie­le­rin, die von Kim Min-hee in die­sem Film ver­kör­pert wird, son­dern die tat­säch­li­che Per­son. Die Stim­me hin­ter der Kame­ra ist jene von Hong Sang-soo selbst. Das Lie­bes­be­kennt­nis ist ein tat­säch­li­ches, dass nicht durch Fik­ti­on gefil­tert ist. Wer die Lie­bes­ge­schich­te der Bei­den ein biss­chen über die letz­ten Jah­re mit­be­kom­men hat (schließ­lich war es eine Art “Skan­dal”), weiß Bescheid. Als ich das merk­te, wur­de der Film lang­sam unscharf, wäh­rend sich in mei­nen Augen Trä­nen sam­mel­ten. Ich geste­he, dass mir der rest­li­che Film nicht so stark in Erin­ne­rung geblie­ben ist wie die­se eine klei­ne Ges­te. Die­se jedoch hallt immer noch nach.

Es sind zwei zärt­li­che Ges­ten der Lie­be im Kino, die mir aus die­sem Jahr in Erin­ne­rung blei­ben. Viel­leicht liegt das dar­an, dass mir oft scheint, der Welt fehlt es an Zärt­lich­keit und an sol­chen Dekla­ra­tio­nen der Lie­be. Viel­leicht wer­de ich sie nächs­tes Jahr auch schon wie­der ver­ges­sen haben.

Fiona Berg

Bauch­grum­meln

Nach einem lan­gen Ber­li­ner Win­ter vor mei­nem eige­nen Bild­schirm mit aku­tem Licht- und Bewe­gungs­man­gel fin­de ich mich mal wie­der dem Fes­ti­val­tru­bel am Pots­da­mer Platz aus­ge­setzt, den ich doch gar nicht so sehr ver­misst habe. Ich las­se es des­halb lang­sam ange­hen, die Akkre­di­tie­rungs­frist hat­te ich sowie­so ver­pennt, und fan­ge im letz­ten Drit­tel des Fes­ti­vals an, Emp­feh­lun­gen zu sich­ten, die noch nicht aus­ver­kauft sind. Wäh­rend mein Bauch mich angrum­melt, um mir zu sagen, ich sol­le doch mal wie­der jog­gen gehen oder eine klei­ne Fas­ten­kur ein­le­gen, has­te ich gera­de noch recht­zei­tig zum Beginn von Flux Gour­met; ein Film über eine kuli­na­risch-sono­re Künst­le­rin­nen-Resi­denz erzählt von einem Jour­na­lis­ten, der über die Arbeit des ein­ge­la­de­nen Kol­lek­tivs berich­ten soll, das expe­ri­men­tel­le Sound-Per­for­man­ces von sich gibt, wäh­rend er von kör­per­li­chen Beschwer­den heim­ge­sucht wird und nicht ganz bei der Sache ist.

Mit dem Kopf woan­ders sein, die sozia­le Situa­ti­on, um einen her­um wahr­neh­men, den Kör­per spü­ren und dann doch wie­der auf das Gesche­hen zurück­ge­wor­fen wer­den. Das Kino hält uns zwar Rea­li­tät vor Augen oder nimmt uns mit in ande­re Wel­ten, unse­re Immersi­on ist jedoch nie kom­plett. So kann uns ein Bauch­grum­meln schon mal aus der Bahn wer­fen. Das kör­per­li­che und sozia­le Unwohl­sein mei­nes Gegen­übers auf der Lein­wand kann ich des­halb in die­sem Moment gut nach­voll­zie­hen. Gera­de im Dun­keln des Kinos ist alles äuße­re, was in die­se sen­si­ble Situa­ti­on dringt, ein Stör­fak­tor. Nicht nur die sich öff­nen­de Tür, das klin­geln­de Han­dy oder das Getu­schel neben­an. Auch das schlecht ver­dau­te, has­tig geges­se­ne Sand­wich, ein uner­war­te­ter Anruf oder das Gespräch von ges­tern Abend las­sen uns auch hier nicht unbe­rührt. Für unse­ren Erzäh­ler sind es die­se unsäg­li­chen Fla­tu­len­zen in einer unge­wohn­ten Umge­bung, die sein Unbe­ha­gen bis in die Schlaf­lo­sig­keit stei­gern. Gepaart mit sozia­len Anspan­nun­gen und hit­zi­gen Dis­kus­sio­nen bei Tisch über die Mög­lich­keit von Kunst und ihren Gren­zen, kata­ly­sie­ren sich in sei­nem Bauch alle sei­ne Sor­gen. Und am Ende wird sogar die kolo­sko­pi­sche Unter­su­chung zum Spek­ta­kel. Wäh­rend das Inne­re des Prot­ago­nis­ten nun die gan­ze Lein­wand aus­füllt, den­ke ich über die Par­al­le­le von Darm­trakt und Kino­raum nach. Die Abtas­tung die­ser Höh­len mit dem blo­ßen (Kamera)Auge ver­spricht Erkennt­nis. Es ist eine äußert sen­si­ble und vul­nerable Situa­ti­on, die in hohem Maße vom Außen bestimmt ist. Gefes­selt an den eige­nen Kör­per erwach­sen Emo­tio­nen und Affek­te, die ansons­ten viel­leicht ger­ne ver­drängt werden.

Es ist ein irr­wit­zi­ger (Darm)Spiegelungsmoment, in des­sen Erzäh­lung ich mich wie­der­fin­de. Die angeb­li­che Unmög­lich­keit etwas Luft zu las­sen, zu ent­span­nen und man selbst zu sein, reicht aus, um dem Prot­ago­nis­ten hier den gesam­ten Auf­ent­halt zu ver­sau­en. Wenn das Kopf­ki­no beginnt und das Bauch­ge­fühl über­hand gewinnt, sind wir ganz und gar in uns gefan­gen. Dies gilt es auf­zu­bre­chen, die Wahr­neh­mung zu öff­nen. Mein Bauch­grum­meln im Kino­saal lässt mich dabei zumin­dest nie ver­ges­sen, wo ich mich befin­de. Der Zugang zur Wirk­lich­keit, der nicht zu tren­nen ist vom Inne­ren, das sich hier bemerk­bar macht, ist durch­läs­sig wie mei­ne Darm­wand. Es kommt also auch im Kino dar­auf an, was ich mir zufüh­re und mir die Mög­lich­keit gibt, mei­ne Gedan­ken und Gefüh­le ange­mes­sen zu ver­dau­en. Und ein Spa­zier­gang nach einem tur­bu­len­ten Film ist dabei immer eine gute Idee.

Patrick Holzapfel

Oran­ge

Fran­cis Pon­ge hat den Kör­per einer Oran­ge, ihren Geschmack, Duft und ihre Far­be ein­mal mit Lam­pi­ons (lan­ter­ne véni­ti­en­ne) ver­gli­chen und wir soll­ten den Wor­ten eines solch gro­ßen Dich­ters auf kei­nen Fall mit der glei­chen halb­wa­chen Selbst­ver­ständ­lich­keit fol­gen, mit der wir sonst das meis­te igno­rie­ren, was auf uns ein­pras­selt. Die aus ihrem Inne­ren leuch­ten­den Irr­lich­ter, das wie aus sich selbst bren­nen­de, schmü­cken­de, in den Him­mel auf­stei­gen­de Signal einer Ver­lo­ren­heit, die nach Gebor­gen­heit sucht. Ein Lam­pi­on strahlt so dif­fus, dass man sich nie sicher sein kann, wo das Licht beginnt und wo es endet. Das also sah und schmeck­te und roch und schrieb (vor allem schrieb er) der Dich­ter rund um die, aus der, in die Oran­ge, die tat­säch­lich aus sich selbst zu leuch­ten scheint und die, wenn sie nicht gera­de zu den bemit­lei­dens­wer­ten, geschmack­lo­sen Was­ser­bäl­len gehört, die man in hie­si­gen Super­märk­ten erwer­ben kann, mit ihrem Duft gan­ze Hal­len in einen unwirk­lich sanf­ten Süß­traum ver­set­zen kann. Oran­gen sind Feu­er­bäl­le, die einen nicht ver­bren­nen, son­dern erwär­men. Man darf nicht ver­ges­sen, dass eine Far­be nach die­ser Frucht benannt wur­de. Nie­mand wür­de die oran­ge­nen Licht­strei­fen am abend­li­chen Wol­ken­him­mel oder die in den Wie­sen glü­hen­den oran­ge­nen Fackel­li­li­en beschrei­ben kön­nen, wäre da nicht die­se Frucht, die wahr­schein­lich über genue­si­sche Meer­we­ge nach Euro­pa kam.

Den Oran­gen aber haf­tet auch eine Bit­ter­keit an, die tief aus ihrem Inne­ren strömt. Viel­leicht hat es damit zu tun, dass sie nicht dort sind, wo sie her­kom­men. Die­se Bit­ter­keit ist es, die uns die Oran­ge so ver­traut erschei­nen lässt. Wir ken­nen sie aus uns selbst. Sie sam­melt sich in uns, weil alles endet und ver­geht, sie kommt mit der Nich­tig­keit des Her­an­rei­fens, des Wach­sens, des Stre­bens nach Licht und der Gewiss­heit, dass all das nur für den kaum zu erha­schen­den Augen­blick einer plötz­li­chen Jugend geschieht. Eine Jugend, die wir eigent­lich erst wahr­neh­men, wenn sie bereits vor­über ist. Es gibt weni­ge Anläs­se, die uns wirk­lich ver­ges­sen las­sen, dass es da die­se Bit­ter­keit in uns gibt. Einer von ihnen offen­bart sich (so iro­nisch ist die Natur), wenn man eine rei­fe Oran­ge von einem Baum pflückt, ihre Scha­le mit den Fin­ger­nä­geln abstreift, den per­fekt geform­ten, nie zu leich­ten und nie zu schwe­ren Frucht­kör­per in den Mund führt und hin­ein­beißt. So selt­sam es ist, die­se Sekun­de recht­fer­tig alles, die­se Sekun­de muss es sein, die jenen ent­geht, die behaup­ten, dass es kei­nen Sinn und kei­ne Freu­de im Leben gebe. 

Ich dach­te nicht, dass ich einen sol­chen Augen­blick ein­mal in einem Film sehen wür­de, jedoch war mir klar, dass wenn es so sein wür­de, es ein Film aus Por­tu­gal sein müss­te. Das hat nichts mit per­sön­li­chen kine­ma­to­gra­phi­schen Vor­lie­ben oder irgend­ei­ner natio­na­lis­ti­schen Agen­da zu tun, son­dern damit, dass die Oran­ge schon lan­ge mit die­sem Land am Ende Euro­pas ver­bun­den ist, so sehr, dass die Grie­chen die Frucht einst bur­to­gan nann­ten und die Ara­ber bor­tugan. Ein Mythos besag­te, dass der ursprüng­li­che Baum, der die Frucht in Euro­pa ein­führ­te, hun­der­te Jah­re in einem Gar­ten in Lis­sa­bon stand. Egal, ob man an der­lei Geschich­ten glaubt oder nicht, sie ver­mit­teln, dass die­se Frucht in Por­tu­gal näher ist an dem, was sie sein könn­te. Eine Lüge zwei­fel­los, vor allem, wenn sich die Indus­trie mit ihren ver­gif­te­ten Ver­su­chen zur Mas­sen­wa­re erklärt und mit jeder Natur wider­spre­chen­den Metho­den danach trach­tet, die bereits beschrie­be­ne Rei­fe­zeit zu ver­län­gern. Man schmeckt dann län­ger, aber es schmeckt nach nichts. Die Oran­ge wird nie wirk­lich sein, sie ver­harrt im Sta­di­um einer blas­sen Idee. Statt eines Lam­pi­ons eine bat­te­rie­ar­me Taschenlampe. 

Nichts der­glei­chen in Ter­ra Que Mar­ca von Raul Dom­in­gues. Die Erde dik­tiert den Raum die­ses Films und die Tages- und Jah­res­zei­ten bestim­men die Zeit. Die Land­wirt­schaft, die er zeigt, ist tra­di­tio­nell, sie arbei­tet mit, nicht gegen die Natur. Das­sel­be gilt für die Kame­ra, die sich bestän­dig die­ser Flüch­tig­keit des Schö­nen aus­lie­fert. Wie sicht­bar machen, was im Ver­fal­len wächst und im Wach­sen zer­fällt? Wie die Voll­endung einer Oran­ge fest­hal­ten? Im Film gibt es einen Oran­gen­baum. Ich gebe zu, dass ich ihn für jenen im Gar­ten von Lis­sa­bon hal­te, auch wenn der Baum irgend­wo nörd­lich von Lei­ria wächst. Er steht wie ein Sym­bol in der Land­schaft und weil er so steht, kann man kaum fas­sen, dass er ganz und gar wirk­lich ist. Irgend­wann begin­nen die Oran­gen in ihm zu flim­mern wie, ja wie Lam­pi­ons. Und ganz am Ende des Films, wenn man der rhyth­mi­schen, har­ten, kör­per­li­chen, erd­na­hen Arbeit von Bäue­rin­nen und Bau­ern, den zykli­schen Wegen und Kämp­fen der Erde gefolgt ist, gibt es die­se eine Sekun­de, in der eine Oran­ge von dre­cki­gen Hän­den müh­sam und lang­sam geschält wird und als der Bau­er dann in die Frucht beißt, spürt man eine Erlö­sung und der Film endet, weil es nichts mehr zu zei­gen gäbe, weil das alles ist, was es gibt. 

Es gibt Fil­me, die arbei­ten wie Oran­ge­ri­en, klei­ne stan­zo­ne per i cid­ri, die schön aus­ge­leuch­tet per­fek­te Bedin­gun­gen für ihre Prot­ago­nis­ten schaf­fen. Man fühlt sich wohl in die­sen Fil­men, es ist warm und duf­tet. Man fühlt sich so wohl, dass man ver­gisst, etwas mit­zu­neh­men und am nächs­ten Tag kann man allen erzäh­len, dass man in einer Oran­ge­rie war, aber man ist sich nicht­mal mehr sicher, ob es dort Früch­te gab oder nicht. Ter­ra Que Mar­ca aber steht auf dem Feld und war­tet auf die­sen einen Augen­blick, in dem man wirk­lich in eine Oran­ge bei­ßen kann. Der Film kann sich nicht sicher sein, ob die­ser Moment je kom­men wird. Aber er weiß, an wen er sich hal­ten muss, näm­lich an jenen, der jeden Tag an die­sem Baum vor­über­geht, jenem, der mit ihm lebt statt jenem, der nur dar­an denkt, die Oran­gen zu ver­kau­fen. Am Ende aber ist es so, dass ich all das hier zwar auf­schrei­ben und mir damit vor­spie­len kann, dass ich die­se Sekun­de, in der mei­ne Zun­ge und mein gan­zer Mund­raum von der Explo­si­on (l’ex­plo­si­on sen­sa­ti­on­nel­le) des Lam­pi­ons über­wäl­tig wer­den (es ist die glei­che Sekun­de, in der Ter­ra Que Mar­ca endet), nach­emp­fin­den kann, aber eigent­lich hin­ter­ge­he ich damit nur den lee­ren Durst in mir, der sich sehnt nach die­sem Biss, dem in mei­ne Mund­win­kel flie­ßen­den Frucht­fleisch, das mir für die­se eine Sekun­de erklärt, war­um ich am Leben bin.

Simon Wiener

Sici­lia!

Sici­lia!, ein Film so voll Sprech­ge­sang, dass all jene oft vor­ge­brach­ten Behaup­tun­gen, in Straub-Huil­lets Fil­men wür­den Tex­te mono­ton, befremd­lich flach zitiert, sofort ver­flie­gen müss­ten. In einer Sze­ne wen­det sich die Mut­ter des Prot­ago­nis­ten zum Fens­ter hin, sich ihres Vaters erin­nernd, der, obwohl Sozia­list, bei der Pro­zes­si­on des San Giu­sep­pe jeweils zuvor­derst mit­ge­rit­ten war. Wie sie die­se Pro­zes­si­on da beschreibt, gerät ihr Spre­chen, ihr Dekla­mie­ren ganz zur Melo­die; in ihrer Erre­gung, ihrem Her­auf­be­schwö­ren einer Erin­ne­rung, hebt und senkt sich ihre Stim­me wie der Zei­ger eines Seis­mo­gra­phen, zeich­net ein schar­fes Reli­ef. Die Erin­ne­rung des Vaters tritt her­vor, nicht nur aus der Ver­gan­gen­heit und der Nacht, son­dern aus ihrer Stim­me. Sobald die Stim­me ange­setzt hat, fällt sie wie­der, und erst durch ihr Fal­len erken­nen wir sie als zuvor Her­vor­ge­tre­te­ne. Ihr Fal­len erst zeigt, wie stolz und selbst­si­cher sie doch ange­ho­ben hat, beleh­rend im Ton­fal­le viel­leicht; lei­se hat ein Vor­wurf dar­in mit­ge­schwun­gen, dem Sohn die­sen gross­ar­ti­gen Vater gegen­über­ge­stellt, Anfüh­rer der Pro­zes­si­on, ein Mann, wie es ihn heu­te nicht mehr gibt. Zugleich aber beschwich­tigt und besänf­tigt ihr Fal­len, etwas beschämt viel­leicht über jenes Beleh­ren­de, Vor­wurfs­vol­le; ihr Fal­len löst den Klam­mer­griff um Ver­gan­ge­nes, bezeugt ein sich Abfin­den mit Ver­gan­ge­nem als Ver­gan­ge­nem. Ist das Anhe­ben der Stim­me einer Annä­he­rung an den Vater gleich­ge­kom­men, so lässt ihr Fal­len vom Vater ab und nähert sich wie­der­um dem Sohn an. Der ste­te Wech­sel von hoher und tie­fer Stimm­la­ge ver­deut­licht nicht nur Anfang und Ende eines Sat­zes oder einer Satz­ein­heit, son­dern zeigt auch den Wech­sel zwei­er Per­spek­ti­ven und zwei­er Zei­ten, zwi­schen denen die Mut­ter sich hin- und her­ge­ris­sen sieht.

Ich muss bei die­ser Sze­ne vor dem Fens­ter an eine ande­re Sze­ne vor einem ähn­li­chen Fens­ter den­ken, mei­ne Lieb­lings­sze­ne aus Stage­coach, in der zwei uns unsym­pa­thi­sche Figu­ren im Gespräch sind: «Have you ever been in Vir­gi­nia?» – «I was in your fathers regi­ment». Auch bei Ford gibt es die­sen Sprech­ge­sang, eine Sprech­me­lo­die, geflech­tet durch Erin­ne­rung und Gegen­wart. «Your Fathers Regi­ment», sagt der mit Vor­ur­tei­len befan­ge­ne Hat­field, hebt dabei sei­ne Stim­me erst leicht an, lässt sie sogleich fal­len und über­rascht und ent­waff­net uns mit der Mil­de, mit der Besänf­ti­gung, die dem Fal­len inne­wohnt. Wir sind sofort bereit, ihm sei­ne Vor­ur­tei­le zu ver­zei­hen, ihn ernst zu neh­men, genau wie der Prot­ago­nist in Sici­lia! durch das Fal­len der Stim­me sei­ner Mut­ter besänf­tigt wird, bereit, ihr zu ver­zei­hen, wie sie ihn da stän­dig mit ihrem Vater ver­gleicht, die­sem so groß­ar­ti­gen Mann.

Max Grenz

Stil­le Veränderung

Sze­ne einer Begeg­nung. Nach einem unwahr­schein­li­chen Ken­nen­ler­nen im nächt­li­chen Dickicht der ame­ri­ka­ni­schen Wäl­der tref­fen die glück­lo­sen Sied­ler Coo­kie und King-Lu in der Knei­pe eines nahe­lie­gen­den Ortes erneut auf­ein­an­der. Um das unver­hoff­te Wie­der­se­hen zu fei­ern, lädt King-Lu Coo­kie in sein Zuhau­se ein. „It’s not much to look at, I know“, ent­schul­digt er sich, als sie die zusam­men­ge­flick­te Holz­hüt­te auf einer ein­sa­men Wald­lich­tung errei­chen. Drin­nen gießt er Coo­kie einen gro­ßen Schluck Hoch­pro­zen­ti­gen in die ein­zi­ge Tas­se des Haus­halts, er selbst trinkt aus der Fla­sche. „Here’s to … some­thing“, sie sto­ßen an.

Der unbe­hol­fe­ne Toast ver­hallt, eine Lee­re brei­tet sich zwi­schen den Unbe­kann­ten aus. Einen lan­gen Augen­blick ste­hen die bei­den unbe­hol­fen neben­ein­an­der, dann ver­lässt King-Lu sei­nen Gast mit der Auf­for­de­rung, er sol­le es sich gemüt­lich machen, wäh­rend er Feu­er machen gehe. Coo­kie bleibt allein zurück, er geht ein paar Schrit­te hin­ein, lässt den Blick schwei­fen. Sei­ne Bewe­gun­gen sind zöger­lich, auf der Suche nach Ver­traut­heit in der neu­en Umge­bung, als ein dump­fes Geräusch sei­ne Auf­merk­sam­keit nach drau­ßen lenkt. Er sieht King-Lu beim Holz­ha­cken, gerahmt durch die Sil­hou­et­te eines Fens­ters neben der Tür. Das gleich­mä­ßi­ge Schla­gen der Axt klingt zurück in den Innen­raum, wo Coo­kie sei­ne Hal­tung ver­än­dert hat. Auf ein­mal wirkt er gefasst, greift nach einem Besen an der Wand, den man zuvor kaum als sol­chen erken­nen konn­te. Fegend betritt Coo­kie die Ein­stel­lung von King-Lu, wo er den noch lee­ren Tür­rah­men ausfüllt.

Die Kom­po­si­ti­on erin­nert an die iko­ni­sche ers­te Ein­stel­lung von John Fords The Sear­chers, ins­be­son­de­re die har­te Tren­nung von Innen- und Außen­raum durch Licht und Schat­ten. Doch wäh­rend sich bei Ford am Ende die Unver­ein­bar­keit bei­der Räu­me bestä­tigt, fin­den sie hier auf über­ra­schend schlich­te Wei­se in der gemein­sa­men Haus­ar­beit zusam­men. Die alt­ein­ge­ses­se­nen Dicho­to­mien des Wes­terns zwi­schen Innen und Außen, Zivi­li­sa­ti­on und Wild­nis, weib­lich und männ­lich sind für ein paar Sekun­den außer Kraft gesetzt.

First Cow fei­er­te sei­ne Welt­pre­mie­re im Som­mer 2019 in den USA, lief dann im Febru­ar 2020 kurz vor Aus­ru­fung der Coro­na-Pan­de­mie unprä­miert im Wett­be­werb der Ber­li­na­le und wan­der­te den Rest des Jah­res durch die zuneh­mend zer­rüt­te­te Fes­ti­valland­schaft. 2021 folg­ten mit den all­mäh­li­chen Locke­run­gen im Früh­jahr eini­ge wenig lukra­ti­ve inter­na­tio­na­le Kino­starts sowie ein Strea­ming­an­ge­bot auf MUBI. In das deut­sche Kino­pro­gramm schaff­te es der Film erst Mit­te Novem­ber, für mich war es der zwei­te Kino­be­such im Janu­ar 2022. Eine Kar­rie­re wie das Leben sei­ner Prot­ago­nis­ten: ohne augen­fäl­li­ge Höhe­punk­te, im Schat­ten der gro­ßen Ereig­nis­se. Ein His­to­ri­en­film, der nur peri­pher auf die epo­cha­len Umbrü­che sei­ner Zeit blickt. Ein Wes­tern auf den Wegen des Ore­gon Trails, der nicht mit mythi­schen Hel­den an die Gren­ze der Fron­tier vor­stößt, son­dern bei Bewoh­nern einer der vie­len Sied­lun­gen ver­weilt, die im Fort­gang der Geschich­te wie­der spur­los ver­schwun­den sind. Eine Kame­ra, die nicht die Wei­ten der unbe­kann­ten Wild­nis zele­briert, viel­mehr sich in die unend­li­chen Abstu­fun­gen von Grün­tö­nen im Laub eines Bau­mes ver­tieft. In die­sen Bil­dern tre­ten die Mög­lich­kei­ten nach­hal­ti­ger Ver­än­de­rung her­vor, die sich nor­ma­ler­wei­se still und unbe­merkt im All­tag voll­zie­hen. Wäh­rend King-Lu das gehack­te Holz nach drin­nen trägt, ver­lässt Coo­kie selbst noch ein­mal kurz die Woh­nung. Er kommt zurück mit einem klei­nen Blu­men­strauß, den er in einer Vase an der Wand plat­ziert. King-Lu dreht sich von der Feu­er­stel­le zu ihm: „Looks bet­ter already.“

Ivana Miloš

Wild­wach­sen­de Grä­ser im Wind

© Elke Marhöfer

Es gibt so etwas wie wild­wach­sen­de Grä­ser im Wind. Gras, das bei­na­he schil­lert, tanzt, fun­kelt, Licht aus­strömt. Ich weiß, dass es da ist, ich habe es gese­hen. Das ist, was ich gefühlt habe. Das ist, was ich gese­hen habe. Es war Nacht und doch konn­te ich erken­nen, dass das Gras nie ruhig ver­harr­te, es zit­ter­te mit dem Élan jener, die von den Ele­men­ten bewegt wer­den, jener, die sich dem Wind hin­ge­ben und mehr von ihm wis­sen, als die, die es nicht tun. Es war Nacht auf einer Insel im Medi­ter­ran, jemand saß neben mir unter den Ster­nen, die Zwerg­ohr­eu­le heul­te ganz nah und ich weiß, ich weiß, dass das Gras immer noch im Wind schwank­te. Ich konn­te es sehen. Das Gras lag nie­mals ganz ruhig und genau­so war auch ich es nicht. Es war Nacht und ich saß auf Holz, ich beweg­te mich nicht und doch waren mei­ne Glie­der so nah dar­an, zu Hal­men zu wer­den, wie nie zuvor, am Ran­de von Wachs­tum und Bewe­gung, am Ran­de einer Ver­wand­lung in rei­nes Gefühl und einer Ver­schmel­zung mit dem Licht, welt­erschüt­tern­de Hal­me. Ich weiß, dass es immer weni­ger wild­wach­sen­de Grä­ser gibt. Ich weiß, dass die, für die ich emp­fin­de, in unse­rer Welt bedroht wer­den. Ich weiß, dass ich immer wis­sen möch­te, dass es so etwas gibt, wie Grä­ser, die im Wind erzittern. 

Film: Beco­ming Exc­tinct (Wild Grass) von Elke Marhöfer

David Perrin

Den schöns­ten Kino-Moment des letz­ten Jah­res habe ich Anfang Dezem­ber in mei­ner Woh­nung am Fens­ter ste­hend erlebt: Ein geräu­mi­ger Park im 15. Bezirk Wiens, die Luft ein Spiel aus wir­beln­den Schnee­flo­cken, die vom Wind immer wie­der empor­ge­tra­gen wur­den, so dass sie nie den Boden zu berüh­ren schie­nen. Die vie­len Pas­san­ten, die jeden Weg bevöl­ker­ten, lie­fen ziel­be­wusst durch den Park, ohne Augen für ihre Umge­bung, als ob ihr ein­zi­ges Vor­ha­ben war, so schnell wie mög­lich die Arbeit oder ihre Woh­nung zu errei­chen. Die Far­ben ver­san­ken in der All­täg­lich­keit des Win­ters; die Stim­mung trüb. Dann: Ein Kind mit roter Müt­ze und Schul­ta­sche, das ganz lang­sam den Park von einer Sei­te zur ande­ren im Rück­wärts­ge­hen durch­quer­te, und dabei sein Gesicht in die Höhe hielt, um die sanf­te Käl­te der Schnee­flo­cken auf sei­ner Haut zu spü­ren. (Oder so bil­de­te ich es mir ein.) Das kann ja auch Kino sein.