Musik schafft Bedeutung: Wagners Walkürenritt im Film

Im klas­si­schen Hol­ly­wood-Kino wird Musik meis­tens ein­ge­setzt, um die emo­tio­na­le oder nar­ra­ti­ve Bedeu­tung einer Sze­ne zu unter­stüt­zen. Die Musik ver­stärkt dadurch den Effekt der Sze­ne auf den Zuschau­er und bestä­tigt ihn in sei­ner Inter­pre­ta­ti­on des Gese­he­nen. So wird sicher­ge­stellt, dass bestimm­te Infor­ma­tio­nen ein­deu­tig den Rezi­pi­en­ten errei­chen. Es han­delt sich hier­bei natür­lich um einen rein theo­re­ti­schen Ide­al­fall, der selbst in jenen Fil­men, die streng den ästhe­ti­schen Vor­stel­lun­gen des klas­si­schen Hol­ly­wood-Kinos fol­gen, nie­mals ein­tritt. Musik schafft – wie Wor­te, Licht, Bild­kom­po­si­ti­on und Schau­spiel – selbst Bedeu­tung, umso mehr wenn es sich um prä­exis­ten­te, also nicht eigens für den Film kom­po­nier­te, Musik han­delt. Die mög­li­chen Kon­no­ta­tio­nen, die ein Zuschau­er zur Musik haben kann, wer­den enorm ver­viel­facht, wenn es sich um ein Musik­stück han­delt, das dem Zuschau­er andern­orts bereits unter­ge­kom­men ist. In vie­len Fil­men wird bei der Aus­wahl der Musik eben­die­se Tat­sa­che berück­sich­tigt, sodass bestimm­te Musik­stü­cke zu ambi­va­len­ten Reak­tio­nen beim Zuschau­er füh­ren und als mehr­fa­che Refe­renz ver­stan­den wer­den können.

Man könn­te die­sen Pro­zess an vie­len ver­schie­de­nen Bei­spie­len ver­deut­li­chen, aber das wohl bekann­tes­te lässt sich im Prä­lu­di­um zum drit­ten Akt von Richard Wag­ners Wal­kü­re (kom­po­niert 1852–56) fin­den, das häu­fig mit dem Titel Der Ritt der Wal­kü­ren bezeich­net wird.

Die Wal­kü­re ist der zwei­te Teil des vier­tei­li­gen Opern­zy­klus Der Ring des Nibe­lun­gen, in dem die Hand­lung der Nibe­lun­gen­sa­ga, ver­mischt mit ver­schie­de­nen Figu­ren und Geschich­ten der nor­di­schen Mytho­lo­gie frei nach­er­zählt wird. Die Wal­kü­re han­delt von der Wal­kü­re Brünn­hil­de, die durch Unge­hor­sam bei den Göt­tern in Ungna­de fällt und dar­auf­hin aus dem Göt­ter­sitz Wal­hall ver­bannt wird. In der ers­ten Sze­ne des drit­ten Aktes tref­fen sich Brünn­hil­des acht Schwes­tern – eben­falls Wal­kü­ren – auf einem Fel­sen, berich­ten von ihren Erleb­nis­sen und war­ten auf die säu­mi­ge Schwes­ter. Der Ritt der Wal­kü­ren – ein zunächst rein instru­men­ta­les Stück – lei­tet die­se Sze­ne ein und illus­triert die Ankunft der acht Schwes­tern auf ihren flie­gen­den Rössern.

Walkyrien_by_Emil_Doepler

Ich wage zu behaup­ten, dass Richard Wag­ner, wäre er ein Film­re­gis­seur gewe­sen, wohl nicht den Leit­li­ni­en des klas­si­schen Hol­ly­wood-Kinos gefolgt wäre. In sei­nen Opern (oder Musik­dra­men, wie sie von ihm selbst genannt wer­den) steht die Musik näm­lich stän­dig in kras­sem Gegen­satz zur Hand­lung. Man könn­te behaup­ten, dass die Hand­lung, die auf der Büh­ne statt­fin­det, zu jedem Zeit­punkt vom Orches­ter kri­tisch und distan­ziert kom­men­tiert wird. Dadurch ent­fal­tet die Musik aus sich her­aus mehr Bedeu­tung und damit einen grö­ße­ren Inter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum, als es bei vie­len ande­ren Kom­po­nis­ten der Fall ist. Es ent­ste­hen zwei Bedeu­tungs­ebe­nen der Musik: eine nar­ra­ti­ve und eine emotionale.

Auf der nar­ra­ti­ven Ebe­ne ist der Ritt der Wal­kü­ren sehr illus­tra­tiv: Zunächst ist in den Strei­chern das Wie­hern von neun Pfer­den zu ver­neh­men, in den Blä­sern beginnt sich ein galop­pie­ren­de Rhyth­mus aus­zu­prä­gen. Schließ­lich sym­bo­li­sie­ren abfal­len­de, hohe Strei­cher­be­we­gun­gen den Lan­de­an­flug der Wal­kü­ren, der in den Beginn des berühm­ten Blä­ser­the­mas mün­det, wel­ches als Aus­schmü­ckung des galop­pie­ren­den Motivs ver­stan­den wer­den kann. Auf einer emo­tio­na­len Ebe­ne ver­mit­telt die Musik eine furcht­ein­flö­ßen­de Macht, die von den halb­gött­li­chen Rei­te­rin­nen aus­geht. Eine Macht, die zwar zur Zer­stö­rung fähig, aber trotz allem gemä­ßigt und nicht böse ist. In sei­ner Wir­kung erweist sich das Prä­lu­di­um als sehr stark und direkt und wird des­halb ger­ne in Fil­men verwendet.

Eines der ers­ten Bei­spie­le für die Ver­wen­dung des Ritts der Wal­kü­ren im Film ist David Wark Grif­fiths The Birth of Nati­on aus dem Jahr 1915. Im Fina­le des Films, der zur Zeit des ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger­kriegs spielt, wird eine Stadt, die von der rebel­lie­ren­den schwar­zen Bevöl­ke­rung bela­gert wird, durch den Ku Klux Klan, beglei­tet von Wag­ners Musik, befreit. Grif­fith nutzt hier die Dyna­mik des Musik­stücks einer­seits illus­trie­rend – die Män­ner des Ku Klux Klans sind berit­ten – und ande­rer­seits zur Emo­tio­na­li­sie­rung der Sze­ne: Im Kon­text des Films wird die Akti­on der Rei­ter als Befrei­ungs­schlag wahr­ge­nom­men, die Musik ver­liert hier ihre – im ursprüng­li­chen Kon­text noch vor­han­de­ne – Neu­tra­li­tät und wird als Hym­ne zur Glo­ri­fi­zie­rung der „Befrei­er“ benutzt. Die furcht­ein­flö­ßen­de Macht, wel­che durch die Musik aus­ge­strahlt wird, wird kana­li­siert und gegen den ver­meint­li­chen Feind gerich­tet, sodass sie als durch­wegs posi­tiv wahr­ge­nom­men wird. Wag­ners Wal­kü­ren sind eine gött­li­che Macht, die sich für und gegen jeden Men­schen wen­den kann; Grif­fiths Rei­ter des Ku Klux Klan benut­zen ihre Macht im Kampf gegen das Böse (zumin­dest nach sei­nem Ver­ständ­nis). Die emo­tio­na­le Bedeu­tung der Musik wird durch den Kon­text des Films verändert.

Wag­ners Musik fand vor allem im deut­schen Raum gro­ße Ver­wen­dung, er galt schließ­lich als einer der deut­schen Natio­nal­kom­po­nis­ten. Unter der Herr­schaft des NS-Regimes wur­de der Ritt der Wal­kü­ren als musi­ka­li­sche Unter­le­gung für Wochen­schau­auf­nah­men des Krie­ges häu­fig ver­wen­det. Gera­de die­ser Ein­satz die­ses Musik­stücks brand­mark­te es für die Zukunft und so wird Wag­ners Musik und ins­be­son­de­re der Ritt der Wal­kü­ren bis heu­te häu­fig mit Krieg und der NS-Zeit asoziiert.

Die­se Ver­schie­bung der Bedeu­tung des Ritts ins Nega­ti­ve mach­te sich auch Fran­cis Ford Cop­po­la in sei­nem Anti­kriegs­film Apo­ca­lyp­se Now (1979) zunut­ze. Bei einem Heli­ko­pter­an­griff auf ein Küs­ten­la­ger der Viet­cong lässt der befehlstra­gen­de Lieu­ten­ant Kil­go­re aus den Laut­spre­chern des Heli­ko­pters den Ritt der Wal­kü­ren spie­len. Cop­po­la macht sehr klar, dass es sich bei Kil­go­re offen­sicht­lich um einen ver­rück­ten Maso­chis­ten han­delt, für den Gewalt pure Bana­li­tät ist und der Freu­de an psy­cho­lo­gi­schen Spie­len mit sei­nem Feind emp­fin­det. Den Ritt setzt Kil­go­re zur Demo­ra­li­sie­rung der Viet­cong ein; die Musik soll ein­schüch­ternd wir­ken und im Kon­text der Gege­ben­hei­ten tut sie das auch. Der Ein­satz von Wag­ners Musik als Abschre­ckungs­me­tho­de wäre ohne die his­to­ri­schen Ent­wick­lun­gen der 30er und 40er Jah­re völ­lig undenk­bar und absurd gewe­sen. Allein das Bewusst­sein der Geschich­te lässt uns die Musik als poten­ti­ell abschre­ckend wahr­neh­men, ob die Ein­schüch­te­rung durch Wag­ner bei Viet­cong, wel­che die­se his­to­ri­sche Ver­bin­dung ver­mut­lich nicht zie­hen kön­nen, tat­säch­lich funk­tio­nie­ren könn­te, ist sehr fragwürdig.

apocalypse now

Der Film und ins­be­son­de­re die­se Sze­ne erlang­ten einen solch hohen Bekannt­heits­grad, dass der Ritt der Wal­kü­ren heu­te (beson­ders im Bereich des Kinos) pri­mär nicht mehr mit Wag­ners Oper, son­dern mit Cop­po­las Film in Ver­bin­dung gebracht wird. Die Bekannt­heit die­ser Sze­ne geht so weit, dass heut­zu­ta­ge CD-Covers der Wal­kü­re mit Bil­dern aus Apo­ca­lyp­se Now ver­se­hen wer­den. Der Film trug also nicht nur zu einer emo­tio­na­len Bedeu­tungs­ver­schie­bung der Musik (von neutral/​positiv hin zu angsteinflößend/​negativ) mit bei, son­dern ver­ur­sach­te auch eine wei­te­re Umkeh­rung des Refe­renz­sys­tems: die Wal­kü­re ist in der Auf­fas­sung vie­ler Zuschau­er „die Oper, in der das Stück aus Apo­ca­lyp­se Now vor­kommt“ und nicht umge­kehrt. Nun ist dies kei­nes­wegs eine nega­ti­ve Ent­wick­lung, es ist nur ein Aspekt, der bei der Ana­ly­se aller spä­ter pro­du­zier­ten Fil­me, die eben­falls Gebrauch vom Ritt der Wal­kü­ren machen, in Betracht gezo­gen wer­den muss. Es ist aber auch eine Tat­sa­che, die es allen spä­te­ren Fil­me­ma­chern ermög­licht, den Ritt in einem neu­en Kon­text ein­zu­set­zen, näm­lich in Bezug auf Cop­po­las Film.

Der Ein­satz des Ritts der Wal­kü­ren in ver­schie­de­nen Fil­men wie Blues Brot­hers (1978), Lord of War (2005), Watch­men (2009), Mons­ters (2010) kann als direk­te Anspie­lung auf sei­ne Ver­wen­dung in der NS-Zeit oder in Apo­ca­lyp­se Now ver­stan­den wer­den; die ver­bin­den­den Moti­ve in den ein­zel­nen Fil­men sind Dar­stel­lun­gen von Natio­nal­so­zia­lis­ten, Deutsch­land als Kriegs­na­ti­on, Heli­ko­ptern, ver­rück­ten Sol­da­ten oder dem (Vietnam)krieg. Flie­gen­de Pfer­de oder Frau­en in Män­ner­rüs­tung tau­chen in die­ser Auf­zäh­lung nicht auf, obwohl sie der ursprüng­li­chen Bedeu­tung des Musik­stücks entsprechen.

Natür­lich gibt es auch Bei­spie­le, in denen der Ritt völ­lig unab­hän­gig von sei­ner ursprüng­li­chen Bedeu­tung und all die­sen his­to­risch gewach­se­nen Kon­no­ta­tio­nen zum Ein­satz kommt. In Nicho­las Rays Rebel Wit­hout a Cau­se (1955) – wohl der Film, der von allen hier gen­n­ann­ten, dem zu Beginn beschrie­be­nen Ide­al des klas­si­schen Hol­ly­wood-Kinos am nächs­ten steht – summt der Prot­ago­nist Jim Stark zu Beginn des Films, als er in einer Poli­zei­sta­ti­on befragt wird, das Blä­ser­the­ma des Ritts. Es han­delt sich hier um die Sze­ne, in der sein Cha­rak­ter expo­niert wird; alles deu­tet dar­auf hin, dass es sich bei sei­ner Figur um einen Rebel­len han­delt: er ist betrun­ken, obwohl vie­le Stüh­le im War­te­zim­mer frei sind, sitzt er erhöht auf einem Schuh­putz­stuhl; er steht als Außen­sei­ter über der Gesell­schaft. Wie passt der Ritt der Wal­kü­ren in die­ses Bild? Zunächst sei erwähnt, dass er mit dem Sum­men den Fra­gen des Poli­zis­ten aus­weicht, also sei­ne Rol­le als Rebell bestä­tigt, doch ver­weist die Wahl der Melo­die auf eine bedeu­tungs­vol­le­re Aus­sa­ge. Es han­delt sich hier um kei­ne Anspie­lung auf den Ring des Nibe­lun­gen, die NS-Zeit, Krieg oder Deutsch­tum, viel­mehr deu­tet sein Ver­hal­ten auf sei­ne Bil­dung, die er ver­mut­lich in sei­ner Kind­heit und frü­hen Jugend genos­sen hat – er stammt schließ­lich aus wohl­ha­ben­den Ver­hält­nis­sen. Möch­te man noch auf wei­te­re Deu­tungs­mög­lich­kei­ten ein­ge­hen, kann man zwi­schen Jim und der Per­son Richard Wag­ner eine Ver­bin­dung fin­den: der Kom­po­nist wird näm­lich oft – stark roman­ti­siert – als Rebell außer­halb der Gesell­schaft dargestellt.

james dean

Lässt sich in Rebel Wit­hout a Cau­se noch eine mög­li­che Ver­bin­dung zum Kom­po­nis­ten des Stücks fin­den, so setzt Feder­i­co Felli­ni den Ritt der Wal­kü­ren in Otto e Mez­zo (1963) völ­lig frei von jeg­li­cher ratio­na­ler Kon­no­ta­ti­on ein. Eine Sze­ne zu Beginn des Films zeigt den Regis­seur Gui­do Ansel­mi, wie er sein Bade­zim­mer betritt und sich im Spie­gel betrach­tet. Das Tele­fon klin­gelt, Gui­do hebt nicht ab, son­dern beginnt mit jedem erneu­ten Klin­geln tie­fer in die Hocke zu gehen. Schnitt auf den Außen­be­reichs des Kur­ba­des, in dem sich Gui­do befin­det: Eine Men­schen­mas­se (dar­un­ter vie­le Non­nen und Mön­che) ste­hen in einer Rei­he und war­ten auf ihr Glas Kur­was­ser. Die­se bei­den Sze­nen wer­den mit Wag­ners Musik unter­legt, die auf den ers­ten Blick nicht mit dem Gesche­hen ver­ein­bar ist. Vie­le Fra­gen bei der Inter­pre­ta­ti­on die­ser Sze­ne blei­ben offen; nicht ein­mal die Fra­ge nach der Quel­le der Musik kann mit Bestimmt­heit beant­wor­tet wer­den. Im Außen­be­reich ist für einen kur­zen Moment ein Diri­gent zu sehen, der den Takt des Ritts pas­send angibt, es bleibt aller­dings unklar, ob der Diri­gent wirk­lich vor einem spie­len­den Orches­ter steht und wel­ches Stück von dem Orches­ter gespielt wird – falls es denn über­haupt da ist. Des Wei­te­ren bleibt offen, wel­che per­sön­li­chen Asso­zia­tio­nen Felli­ni mit dem Ritt und Wag­ner hat, es besteht im Fall von Otto e Mez­zo näm­lich die Mög­lich­keit, dass es sich hier­bei um eine per­sön­li­che Ent­schei­dung des Regis­seurs han­delt, des­sen Begrün­dung nur ihm bekannt ist. Tat­sa­che ist jedoch, dass die Musik der Sze­ne einen komisch-sati­ri­schen Cha­rak­ter ver­leiht. Die Dis­kre­panz zwi­schen der Schwe­re der macht­vol­len Musik und der schein­bar leich­ten Idyl­le löst beim Zuschau­er einer Irri­ta­ti­on aus, die ihm eine kri­ti­sche Distanz zum Gesche­hen ver­schafft (ein sati­ri­scher Effekt): Ist die­se Idyl­le wirk­lich so, wie sie scheint? Nichts­des­to­trotz han­delt es sich hier um einen bewuss­ten Ein­satz der Musik gegen ihren ursprüng­li­chen und his­to­ri­schen Kontext.

Die Bedeu­tungs­ver­schie­bung oder ‑ver­viel­fa­chung eines Musik­stücks im Film ist eine Tat­sa­che, die oft aus (film-)historischen Umstän­den erwächst. Sie ermög­licht es, mit prä­exis­ten­ter Musik einen Bezug zur Geschich­te oder ande­ren Fil­men auf­zu­bau­en und so der Musik mehr Bedeu­tung als eine blo­ße Bestä­ti­gung des Hand­lungs­ge­sche­hens zukom­men zu las­sen. Behal­ten wir, als Zuschau­er, also die geschicht­li­chen Ent­wick­lun­gen im Hin­ter­kopf, wird die Musik, wie bei Wag­ner, zum Kom­men­tar und erzeugt Ambi­va­len­zen, wo sonst kei­ne dage­we­sen wären. Selbst der Ein­satz der Musik gegen ihren his­to­ri­schen Kon­text ist eine bewuss­te Ent­schei­dung und schafft Bedeu­tung in der Nicht-Bedeutung.