Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

This will all make sense: Über Magnolia und die Beatles

„This will all make sen­se, in the end.“

Das ver­spricht der Trai­ler von Paul Tho­mas Ander­sons Magno­lia. Ein Ziel, das für einen Film, der in einer Lauf­zeit von drei Stun­den die Geschich­ten von neun Per­so­nen erzäh­len will, gar nicht so leicht zu errei­chen ist. Zudem beschränkt sich Ander­sons Film nicht damit, sich einem The­ma zu ver­schrei­ben und alle Hand­lungs­strän­ge durch ihre the­ma­ti­sche Zusam­men­ge­hö­rig­keit zu ver­knüp­fen, son­dern ent­wirft eine sich in vie­le Rich­tun­gen ent­fal­ten­de Erzäh­lung, deren Schwer­punk­te sich immer wie­der ver­schie­ben. Ein­sam­keit, Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung, Lie­be, Tod und Unter­drü­ckung sind Pro­ble­me mit denen sich jeder ein­zel­ne der Cha­rak­ter aus­ein­an­der­set­zen muss. Die ein­zel­nen Hand­lungs­strän­ge spie­geln und kon­tras­tie­ren sich dabei immer wie­der in unter­schied­li­chen Kon­stel­la­tio­nen. Und am Ende soll alles Sinn machen?

Wie es Ander­son gelingt aus Magno­lia einen befrie­di­gen­den und in sich völ­lig schlüs­si­gen Film zu machen, kann man nicht voll­ends erklä­ren; es ver­hält sich wohl wie mit fast allen guten Fil­men: Der Film funk­tio­niert – nie­mand kann erklä­ren war­um – aber er funk­tio­niert. Und es ist schließ­lich die­ses Uner­klär­lich-Magi­sche, das uns immer wie­der zu bestimm­ten Fil­men zurück­keh­ren lässt, die jede neue Sich­tung zu einer völ­lig neu­en Erfah­rung machen.

Nichts­des­to­trotz hat Ander­son einen klei­nen Hin­weis hin­ter­las­sen, der sei­ne Inspi­ra­ti­on für den Auf­bau von Magno­lia erläu­tert und uns zu einer neu­en Sicht auf den Film ver­hilft. In einem Inter­view mit The Mon­tré­al Gazet­te behaup­tet er, den sich an der Dra­ma­tur­gie des Beat­les-Songs A Day in the Life ori­en­tiert zu haben.

Magnolia 2

A Day in the Life ist ein Lied, das sich gewis­ser­ma­ßen als etwas schi­zo­phren erweist: Die ers­ten bei­den Stro­phen, geschrie­ben von John Len­non, sind von der drit­ten Stro­phe, die von Paul McCart­ney geschrie­ben wur­de und sich inhalt­lich und musi­ka­lisch stark vom Rest des Lie­des unter­schei­det, durch eine 24-tak­ti­ge orches­tra­le Über­lei­tung getrennt. Eine kur­ze Über­lei­tung führt in die vier­te Stro­phe, die sich sti­lis­tisch wie­der zu den ers­ten Stro­phen passt. Das Ende des Lie­des wird von einer Wie­der­ho­lung der orches­tra­len Über­lei­tung und einen unna­tür­lich lang aus­ge­hal­te­nen Pia­no­ak­kord beschlos­sen. Die Struk­tur des Lie­des führt zu einer musi­ka­li­schen Ver­dich­tung in der Über­lei­tung zur drit­ten Stro­phe, die durch den Ein­satz des gro­ßen Orches­ters, das ein ato­na­les Cre­scen­do spielt. Nach die­ser Ver­dich­tung wirkt die ein­set­zen­de drit­te Stro­phe als gro­ße Ent­span­nung, die­ser Ein­druck wird auch durch den Text, der von Jugend­er­in­ne­run­gen McCart­neys erzählt und in kras­sem Gegen­satz zu den fast zynisch wir­ken­den aktua­li­täts­be­zo­ge­nen Pas­sa­gen von Len­non steht, noch wei­ter­hin ver­stärkt. Am Ende der Stro­phe lei­tet das Orches­ter, das zunächst der Har­mo­nie des Lie­des folgt, in den fina­len Teil über, an des­sen Ende es wie­der zu einer Ver­dich­tung der Musik kommt, die sich in einen lan­gen E‑Dur-Akkord löst.

Wir spre­chen hier von Ver­dich­tun­gen, Auf­lö­sun­gen, Wie­der­auf­nah­men oder Remi­nis­zen­zen – Begrif­fe, die sich mit dra­ma­tur­gi­scher Wirk­kraft befas­sen und so auch auf den Film ange­wandt wer­den kön­nen. Beim Betrach­ten von Magno­lia kann man sich nicht dem Ein­druck ent­zie­hen, dass der dra­ma­tur­gi­sche Auf­bau des Films, der Ver­lauf der ein­zel­nen Span­nungs­bö­gen wei­ter von der theo­re­ti­schen Norm abweicht, als es vie­le ande­re Fil­me tun. Die Struk­tur der Hand­lung und die Dra­ma­tur­gie eines Fil­mes bedin­gen sich gegen­sei­tig. Die Hand­lung von Magno­lia ist – wie bereits erwähnt – the­ma­tisch nicht line­ar, daher bie­tet sich auch ein dra­ma­tur­gi­scher Ver­lauf an, der nicht line­ar auf einen Höhe­punkt zusteuert.

Span­nend ist dabei zunächst die Fra­ge, wie Ander­son ein­zel­ne Sze­nen zu Paa­ren oder län­ge­ren Sequen­zen zusam­men­führt. In einer Sze­ne in der ers­ten Stun­de des Films sehen wir den Kran­ken­pfle­ger Phil (Phil­ip Sey­mour Hoff­man) am Bett des ster­ben­den Earl Par­tridge (Jason Robards) ste­hen. Plötz­lich erhebt sich im Hin­ter­grund der dunk­le musi­ka­li­sche Nebel von Richard Strauss‘ Also sprach Zara­thus­tra. Sowohl Phil als auch die im Zim­mer anwe­sen­den Hun­de schei­nen auf die Musik zu reagie­ren, die vier­te Wand wird für einen Moment durch­bro­chen, der Zuschau­er tritt in kri­ti­sche Distanz zum Film und plötz­lich wer­den bild­in­halt­li­che Ver­bin­dun­gen zu Stan­ley Kubricks 2001: A Space Odys­sey offen­sicht­lich. Die­sen Moment nutzt Ander­son um zu einer neu­en Sze­ne zu schnei­den und in die­sem Moment wird klar, dass die Musik von Strauss von Anfang an zur zwei­ten Sze­ne gehört hat und dort einen Auf­tritt des Moti­va­ti­ons­trai­ners Frank Mackey (Tom Crui­se) ein­lei­tet. Ander­son ver­bin­det durch die­se musi­ka­li­sche Klam­mer zwei Sze­nen flie­ßend mit­ein­an­der; die­ser Ver­fah­ren ist nicht neu, aber die Expres­si­vi­tät der Musik und die aus­ge­dehn­te Län­ge die­ses Über­gangs füh­ren zu eben jener kri­ti­schen Distanz, die den Blick auf die Kon­struk­ti­on des Films offenlegt.

Magnolia 1

Nach etwa einer Stun­de kommt es zum ers­ten Mal zu einer star­ken dra­ma­tur­gi­schen Ver­dich­tung. Die Musik von Jon Bri­on tritt in den Vor­der­grund. Lang aus­ge­hal­te­ne, sich nach oben bewe­gen­de Akkor­de erzeu­gen zusam­men mit dem Man­gel an melo­di­scher Ent­wick­lung an Span­nung und stei­gern das Bedürf­nis nach Auf­lö­sung beim Zuschau­er. Der Rhyth­mus, in der von einem Hand­lungs­strang zum nächs­ten geschnit­ten wird, stei­gert sich in die­ser Sequenz enorm, wobei dadurch ver­hin­dert wird, dass sich ein­zel­ne Hand­lungs­strän­ge wei­ter­ent­wi­ckeln; der Film kommt zum Still­stand. An die­ser Stel­le zeigt sich, was Ander­son mit sei­ner Aus­sa­ge zu A Day in the Life gemeint haben könn­te: die­se Sequenz bil­det ein Äqui­va­lent zu der orches­tra­len Über­lei­tung im Beat­les-Song. Selbst die zeit­li­che Aus­deh­nung bewegt sich in Rela­ti­on zur Gesamt­län­ge des Films in ähn­li­chen Ver­hält­nis­sen wie die Orches­ter­pas­sa­ge im Lied. Beson­ders auf­fäl­lig ist jedoch die Posi­tio­nie­rung die­ser Sequenz im Film, erwar­tet doch der Zuschau­er nach einer Sequenz das Ende des Films oder zumin­dest einen deut­li­chen Wen­de­punkt in der Hand­lung, der aber an die­ser Stel­le in Magno­lia nicht ein­deu­tig aus­mach­bar ist. Es ist ein Effekt der Täu­schung, der auch in A Day in the Life umge­kehrt auf­tritt: erwar­tet man im Film nach der Ver­dich­tung einen Wen­de­punkt, wird im Lied nach der Über­lei­tung eine wei­te­re, ähn­lich gestal­te­te Stro­phe erwar­tet. Ander­son ver­kehrt also das dra­ma­tur­gi­sche Prin­zip ins Gegen­teil, um aber schluss­end­lich den sel­ben dra­ma­ti­schen Effekt zu erzeugen.

Ander­son schafft es also über die Musik die ein­zel­nen Sze­nen des Films zu Paa­ren oder Sequen­zen zu ver­bin­den, um so die dra­ma­tur­gi­sche Struk­tur des Films zu erzeu­gen. Wir fin­den aus­ge­dehn­te dra­ma­tisch ver­dich­te­te Sequen­zen an drei Stel­len im Film, die sei­nen Auf­bau dadurch in der Tat so bestim­men, dass er dem von A Day in the Life sehr ähn­lich ist. Die zwei­te Sequenz tritt nach etwa zwei Stun­den auf an des­sen Ende Ander­son ein Stil­mit­tel aus dem Musik­thea­ter über­nimmt, indem alle Prot­ago­nis­ten des Films in einer Mon­ta­ge­se­quenz den Song Wise Up von Aimee Mann, der den Bil­dern unter­legt ist, mit­sin­gen. Hier führt Ander­son zwei zuvor bereits erwähn­te Aspek­te sei­ner fil­mi­schen Spra­che zusam­men: das dra­ma­ti­sche Ver­dich­ten und das Durch­bre­chen der vier­ten Wand.

Magnolia 3

Eine letz­te Ver­dich­tung gibt es kurz vor Ende des Films. Auf den ver­las­se­nen Stra­ßen von Los Ange­les bewe­gen sich die Prot­ago­nis­ten auf­ein­an­der zu und anein­an­der vor­bei. Die ein­zel­nen Hand­lungs­strän­ge schei­nen kurz vor ihrer Auf­lö­sung (zum Schlech­ten) zu sein, doch die Stim­mung des Films kippt noch ein­mal und durch einen uner­war­te­ten Wet­ter­um­schwung (ein plötz­lich ein­set­zen­der Frosch­re­gen) set­zen sich Ereig­nis­se in Gang, die zu einem mehr oder weni­ger glück­li­chen Aus­gang der Ereig­nis­se für alle Prot­ago­nis­ten füh­ren. In einer lang­sa­men Mon­ta­ge wer­den noch ein­mal alle han­deln­de Per­so­nen vor­ge­führt und mit dem Song Save Me von Aimee Mann endet der Film. Ins­be­son­de­re die­se letz­te dra­ma­ti­sche Ver­dich­tung weist vie­le Par­al­le­len zur Gestal­tung des Endes von A Day in the Life auf. Im Beat­les-Song wird durch die Wie­der­ho­lung des Orches­ter­über­gangs noch ein­mal eine düs­ter-dra­ma­ti­sche Stim­mung erzeugt. Das ato­na­le Cre­scen­do endet jedoch abrupt in einem völ­lig bewe­gungs­lo­sen, lang aus­ge­dehn­ten Schluss­ak­kord, der in sich kei­ne neu­en dra­ma­tur­gi­schen Akzen­te setzt, aber gegen­über dem gesam­ten Lied eine wun­der­vol­le Schluss­wir­kung erzeugt.

Genau die­se wun­der­vol­le Schluss­wir­kung wird auch von Magno­li­as Ende erzeugt: Die Wen­dung des Films zu sei­nem Ende hin schafft es den Zuschau­er zu befrie­di­gen und den Film als ein Gan­zes abzu­schlie­ßen, ohne all die Ein­drü­cke, die zuvor ver­mit­telt wur­den, in ihrer Inten­si­tät zu schmä­lern oder den Hand­lungs­strän­gen eine Ein­deu­tig­keit zu geben. Magno­lia „ergibt Sinn“. Nicht, weil der Film dem Zuschau­er am Ende eine ein­deu­ti­ge Bot­schaft oder eine logisch-kau­sal schlüs­si­ge Auf­lö­sung der Hand­lungs­strän­ge bie­tet, son­dern weil er eine in sich geschlos­se­ne, stim­mi­ge Ein­heit bil­det. Die Ambi­va­lenz der ein­zel­nen Hand­lungs­strän­ge, die durch das Ende eher noch ver­stärkt wird, macht den Reiz von Magno­lia aus. Die Unab­hän­gig­keit der Hand­lungs­strän­ge bei­zu­be­hal­ten und gleich­zei­tig den Film als in sich geschlos­se­ne Ein­heit erfahr­bar zu machen ist Ander­sons fei­nem Gespür für Dra­ma­tur­gie zu ver­dan­ken. Mit­hil­fe der dra­ma­tur­gi­schen Vor­la­ge A Day in the Life gelingt es ihm so ein abso­lut befrie­di­gen­des und den­noch nach­denk­lich stim­men­des Werk zu schaf­fen, das am Ende jenes Ver­spre­chen ein­hält, wel­ches im Trai­ler getä­tigt wur­de: It makes sen­se, in the end.