Wöchent­lich beschal­len neue Pod­cast­for­ma­te den Äther. Wer vor­gibt, Film­kri­ti­ker zu sein, sucht rasch das nächs­te Mikro­fon. Wer auf einem Film­fes­ti­val ist, ver­sam­melt sich, um Spra­che auf­zu­neh­men. Das ist wahr­lich kei­ne neue Ent­wick­lung, sie hat nur wei­te­ren Schwung bekom­men. Die Stamm­tisch­kul­tur lebt, sie hat die Tische ver­brannt, um mehr labern zu können.

Ich wuss­te lan­ge nicht, dass Film­kri­tik einer der Mikro­fon­be­ru­fe ist. Die Anschlä­ger im Berg­bau, die Tou­ris­ten­füh­rer, Ste­war­des­sen, Poli­ti­ke­rin­nen, Sän­ge­rin­nen, Sta­di­en­spre­cher und die gelang­weil­ten Gestal­ten, die bei der Abho­lung von Möbeln im Möbel­la­ger auf die Knöp­fe drü­cken, sodass die nächs­te Num­mer auf dem Bild­schirm erscheint.

Die Freu­de am Spre­chen oder das Gefa­sel sind sicher­lich ein wich­ti­ger Teil der cine­phi­len Erfah­rung. Man kommt aus dem Film und möch­te tei­len, was man gese­hen hat. Es sprudelt.

Wenn wir nicht mehr wis­sen, was wir sagen sol­len, spre­chen wir.

Ist Film­kri­tik Ver­mitt­lung oder etwas anderes?

Film­kri­tik als Medi­um der Reak­ti­on, nicht unbe­dingt der Refle­xi­on. Das ist auch bei vie­len Tex­ten so und macht auch einen mög­li­chen Reiz der Film­kri­tik aus, ein Schrei­ben nur knapp über der Bewusst­seins­schwel­le. Emo­tio­nen und unge­fil­ter­te Gedan­ken pro­du­zie­ren gele­gent­lich mehr Bedeu­tung und Per­sön­lich­keit als Prä­zi­si­on und Recherche.

Es wur­de über die Unter­schie­de zwi­schen dem Geschrie­be­nen und Gespro­che­nen schon hin­läng­lich nach­ge­dacht und geschrieben/​gesprochen. Aber manch­mal hilft ein Selbst­test. Man neh­me ein Blatt Papier und schrei­be das Wort «Geschwätz» und dann spre­che man es laut aus.

Wer nicht spricht, ver­liert die Stimme.

Die Spre­chen­den wol­len unab­läs­sig bewei­sen, dass es die Fil­me wirk­lich gibt. Die Schrei­ben­den wis­sen, dass alles auch blo­ße Illu­si­on sein könnte.

«Gewiß ist das Schrei­ben jene fremd­ar­ti­ge Tätig­keit (die die Psy­cho­ana­ly­se bis­her kaum in den Griff bekommt, weil sie sie schlecht ver­steht), die wie durch ein Wun­der das Aus­blu­ten des >Ima­gi­nä­ren< stoppt, das im Spre­chen mäch­tig und lächer­lich dahin­strömt.» (Roland Barthes)

Als wir Kin­der waren, hat­te einer von uns einen die­ser Kas­set­ten­spie­ler mit einem klei­nen Plas­tik­mi­kro­fon und Auf­nah­me­funk­ti­on. Unab­läs­sig spra­chen wir in das Gerät, um sogleich zurück­zu­spu­len und uns die eige­nen Stim­me in nicht enden wol­len­der Fas­zi­na­ti­on anzu­hö­ren. Das waren wir, wir hat­ten es uns bewiesen.

Man spricht auch, um etwas zu begrei­fen, zu emp­fan­gen, es wirk­li­cher zu machen, als es ist. Das Schrei­ben kann sei­nen Gegen­stand vor der Welt ver­ste­cken, das Spre­chen holt in unwie­der­bring­lich hervor.

Pod­casts sind ver­spiel­ter, offe­ner, direk­ter. Sie erlau­ben den Hören­den und Spre­chen­den einen leich­te­ren Ein­stieg. Ob letz­te­res eine Qua­li­tät ist, ver­mag ich nicht zu sagen.

Auch wir sind längst mit Pod­casts ver­ban­delt. Bei unse­ren Work­shops in Graz und Duis­burg wird oft­mals über Fil­me gespro­chen, nicht geschrie­ben. Wir holen uns dafür aller­dings die Exper­ti­se eines Kri­ti­kers, der schon jah­re­lang pro­fes­sio­nell mit dem Medi­um arbei­tet. Er bringt nicht nur tech­ni­sches son­dern auch dra­ma­tur­gi­sches, for­ma­les Wis­sen über das Spre­chen mit.

Alle, die spre­chen kön­nen, kön­nen spre­chen. Das ist ein Problem.

«Wovon man nicht spre­chen kann, dar­über muß man schwei­gen.» (Lud­wig Wittgenstein)

Zum Berufs­bild Film­kri­tik gehört schon lan­ge das Spre­chen. Nicht nur in Pod­casts. Auch auf Büh­nen, in Film­ge­sprä­chen oder bei Einführungen.

In den Work­shops machen wir die Beob­ach­tung, dass die­je­ni­gen, die sich dem Schrei­ben nahe füh­len, oft­mals ungern spre­chen und andersherum.

Pod­casts ver­drän­gen die zögern­den, lei­sen Stim­men aus dem Diskurs.

Es ist ein­fach. Man sagt ein Wort und es wird gehört. Das Hören ist weni­ger aktiv als das Lesen.

Man kann sich auch entsprechen.

Wenn wir nicht in Mikro­fo­ne spre­chen, wür­den wir gar nichts zuein­an­der sagen. Pod­casts sind eine Form des Dia­logs am Gegen­stand. In ihnen geht es um Inhal­te und nicht um die Rah­men­be­din­gun­gen des eige­nen Berufs (wie sonst gern, wenn Kol­le­gen spre­chen). Mit man­chen Men­schen habe ich nur in Mikro­fo­ne wirk­lich gesprochen.

Die­je­ni­gen, die kei­ne Pod­casts hören, müs­sen sich ohne­hin schon lan­ge fra­gen, wes­halb alle so schrei­ben, als wür­den sie sprechen.

Man­che Kri­ti­ker tau­chen über­all auf. Sie sind weder an ein Medi­um gebun­den noch an ihre eige­ne Hal­tung. Es wird die Woche kom­men, in der ein bestimm­ter ein­zi­ger Film­kri­ti­ker sämt­li­che Neu­starts bespricht (man­che zwei­fach) und nie­mand wird es mer­ken. Ein Text in einer öster­rei­chi­schen Tages­zei­tung. Ein Pod­cast­ge­spräch. Ein Auf­tritt bei You­tube. Eine Ein­la­dung im Radio. Zwei Tex­te auf die­ser Web­site und zwei Tex­te hier und noch eine Spal­te in der Regio­nal­zei­tung aus NRW. Dann springt er noch ein, weil auf der Web­site, auf der er als Redak­teur tätig ist, ein Text aus­fällt. Das ist der Beruf. Er wird trotz­dem kaum davon leben können.

Man­che Stim­me klingt aus dem digi­ta­len Rau­schen, als wäre sie nicht unbe­dingt fürs öffent­li­che Spre­chen geölt. Die Stimm­aus­bil­dung ist ein ver­gan­ge­nes Kon­zept. Sprech­pau­sen sind über­schätzt. Atmen tun die wenigs­ten. Die Aus­spra­che von Namen kann char­mant wäh­rend der Auf­nah­me geklärt oder ein­fach igno­riert wer­den. Die Spon­ta­ni­tät des Unter­fan­gens ersetzt die Exper­ti­se mit Non­cha­lance. Der mensch­li­che Abdruck über­trumpft die Gründ­lich­keit einer Arbeit.

Das Zeit­al­ter der indi­rek­ten Erfah­run­gen liebt die Illu­si­on einer Unmittelbarkeit.

Wahr­hei­ten wer­den aus­ge­spro­chen, nicht aus­ge­schrie­ben. Unwahr­hei­ten aber auch.

Wir sind nicht hier. Wir hören nur Stim­men, aus digi­ta­len Daten bestehen­de Stim­men. Im Hin­ter­grund des undeut­li­che Rau­schen einer angeb­li­chen Wirk­lich­keit. All die­se Gedan­ken zu Fil­men gibt es nicht.

Das Spre­chen gehört nicht zu mei­ner Vor­stel­lung eines schö­nen Tages. Es ist auch nicht so, dass mir die Fil­me unbe­dingt näher­kom­men, wenn nach ihnen oder über sie gespro­chen wird.

Womög­lich kommt die Vor­sicht, das Abwä­gen nicht mit dem Tem­pe­ra­ment oder der Ent­täu­schung mit. Man ver­plap­pert sich leich­ter, als man sich verschreibt.

Ich habe zumin­dest das Gefühl, dass man im Schrei­ben sub­ti­ler an die Din­ge (die Fil­me) her­an­tre­ten kann. Weni­ger lär­mend. Nicht so sehr von oben. Natür­lich auch weni­ger dia­lo­gisch, wobei ich mir da nicht immer sicher bin. Vie­le Pod­cast­ge­sprä­che sind zusam­men­ge­kleb­te Mono­lo­ge. Über das Kino kann man sowie­so nicht anders spre­chen, schließ­lich haben alle ihre eige­ne Erfah­rung gemacht. Es ist ein sozia­ler Raum (wenn über­haupt), in dem alle allein sind.

Hören sich die Spre­chen­den zu?

Das Schwei­gen bre­chen, die Igno­ranz bre­chen. Aber nicht ver­ges­sen, dass sich auch das Schrei­ben gegen das Schwei­gen stemmt.

Die Spre­chen­den resi­gnie­ren vor der Unmög­lich­keit einer all­ge­mein­gül­ti­gen Wahr­heit. Den Unschär­fen zwi­schen dem Film und des­sen Wahr­neh­mung fügen sie eine wei­te­re Unschär­fe bei, die des Stot­terns, des Ver­spre­chens, des nicht been­de­ten Satzes.

Die Lee­re, die sich zwi­schen dem Erle­ben und dem Spre­chen (die Sekun­den, bevor man etwas sagen kann) auf­tut, lässt sich nur schwer aus­hal­ten. In die­ser Lee­re schwimmt eine Wahr­heit, die sich nicht ver­ba­li­sie­ren, wohl aber ver­schrift­li­chen lässt.

Es wird zu wenig geflüs­tert in Pod­casts. Man­chen Din­gen wird man aber nur gerecht, wenn man lei­se von ihnen spricht.

Auch die Bil­der spre­chen. Braucht ihre Spra­che wirk­lich eine Über­set­zung in ein ande­res Spre­chen, ein wei­te­res Spre­chen? Gefahr: Die Erfah­rung mit den Fil­men wird ersetzt, ver­formt (nicht ergänzt, berei­chert oder hinterfragt).

Ich fra­ge mich, ob ich von den Spre­chen­den mehr erfah­re als von den Schrei­ben­den. Ihre Kör­per spie­len eine grö­ße­re Rol­le, ihr Rin­gen ist nicht unbe­dingt Rhe­to­rik. Sie sind nah­ba­rer. Wenn ich mehr von ihnen erfah­re, erfah­re ich dann weni­ger von den Filmen?

Der Grund dafür, dass heu­te alle spre­chen, ist oft­mals nicht, dass alle ger­ne spre­chen. Viel­mehr wird einer Markt­lo­gik ent­spro­chen. Wie erreicht man die Leu­te? Wie erreicht man die Leu­te? Wie erreicht man die Leute?

Alle machen Pod­casts, weil alle Pod­casts machen.