Nordische Filmtage Lübeck 2015: Land der Geysire

Bei Eröffnungen fühle ich mich immer furchtbar underdressed (wenn ich so herumlaufe wie immer), oder aber furchtbar affektiert (wenn ich mich schick mache). Normalerweise gehe ich gar nicht auf solche Eröffnungen, und sehe mir lieber einen Film ohne das nervige Geplapper an. Zu diesen Anlässen wird ohnehin ungemein viel über Film gesprochen, aber dabei wird zumeist auf Film ganz vergessen (also auf das worum es eigentlich gehen sollte). Eröffnungsfilme halten zudem selten was sie versprechen und sind meist so gewählt, dass danach möglichst schwungvoll zum ersten Piccolöchen gegriffen werden kann; eventuell noch mit etwas politischem Diskussionspotenzial um das Gespräch bei der Feier danach zu beleben. So weit, so gut. Nachdem mir die Nordischen Filmtage meine Eintrittskarte sogar per Post zugeschickt haben, bin ich hingegangen, habe mich underdressed gefühlt und danach ein wenig vom Sekt genascht.

Der isländische Un Certain Regard-Gewinner Hrútar, der als Eröffnungsfilm herhalten muss stellt sich allerdings als veritables Prunkstück nordischen Kinos heraus. Was anfangs wie eine typisch skandinavische Komödie erscheint – also Männer mit Bärten, die Schafe züchten und bei eisigen Temperaturen wenig sprechen – entwickelt sich zu einer Milieustudie eines aussterbenden Stücks isländischer Kultur. Die obligatorischen Landschaftsaufnahmen der malerischen Felder des isländischen Hochlands wechseln sich dabei mit den ähnlichen rauen Gesichtern der Protagonisten ab, die oftmals den gesamten Bildraum ausfüllen. Zuweilen wird dieser Kontrast etwas überstrapaziert, doch die Verbindung von Land und Leuten durch die Kamera gelingt vorbildhaft. Die herausragenden Schauspieler haben daran erheblich Anteil. Sie wirken, als hätte man sie eigens für den Film aus den Schafställen Islands vor die Kamera gezerrt und balancieren sehr eindrucksvoll zwischen der Intensität der kammerspielartigen Szenen im Inneren der Höfe, die durch den Schnee quasi von der Außenwelt abgeschnitten sind und den alltäglichen landwirtschaftlichen Tätigkeiten auf der Weide und im Stall. Alles in allem entschädigte der Eröffnungsfilm für die Tortur der Danksagungen und Applausorgien.

Hrútar von Grímur Hakonarson

Island bereitete mir auch das bislang schönste Erlebnis hier am Festival. Friðrik Þór Friðrikssons Parforceritt Hringurinn ist eine echte Entdeckung. In der Mitte der Achtziger umrundete Friðriksson einmal sein Heimatland auf der ringförmigen „Ring Road“, die dem Film seinen Namen gibt. Dabei hatte er auf seinem Wagen eine Kamera montiert, die alle zwölf Meter ein Einzelbild aufnahm. In knapp über achtzig Minuten erkundet man also Island im Schnelldurchlauf. Der Film ist hypnotisch in seiner Monotonie aber gleichzeitig abstoßend durch die Hektik und Unregelmäßigkeit des Bildinhalts. In kurvenreichen Abschnitten kommt ein Gefühl auf, das entfernt an Seekrankheit erinnert, wenn der Wagen über die unbefestigten und teils vom Regen aufgeweichten Straßen rumpelt, verschwimmt das Bildfeld zu einem Farbenmeer aus blau, grün und braun. Friðriksson gelingt eine Synthese zweier großer avantgardistischer Traditionen. Einerseits finden sich in seinem Film Sedimente des strukturellen Films, insbesondere dessen Bestreben Raum, Zeit und Dauer auszumessen, andererseits spielt Hringurinn mit der Intensivierung von Bewegung, wie man es zum Beispiel aus Go! Go! Go! von Marie Menken kennt. In seiner Einführung verglich Kurator Jörg Schöning den Film mit den Phantom Rides des frühen Kinos. In dieser Hinsicht ist Hringurinn der Antipode zu Ernie Gehrs Eureka, der die Fahrt einer Straßenbahngarnitur in seiner zeitlichen Dimension ausdehnt. Beileibe ist das kein einfacher Film und provozierte eine Menge an walk-outs (die ersten bereits nach knapp zwei Minuten), wer durchhält wird allerdings mit einem einzigartigen Kinoerlebnis belohnt – der zweite Film von Friðriksson, der hier läuft wandert auf jeden Fall auch auf meine Liste.

Hringurinn von Friðrik Þór Friðriksson