Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Hringurinn von Friðrik Þór Friðriksson

Nordische Filmtage Lübeck 2015: Land der Geysire

Bei Eröff­nun­gen füh­le ich mich immer furcht­bar under­dres­sed (wenn ich so her­um­lau­fe wie immer), oder aber furcht­bar affek­tiert (wenn ich mich schick mache). Nor­ma­ler­wei­se gehe ich gar nicht auf sol­che Eröff­nun­gen, und sehe mir lie­ber einen Film ohne das ner­vi­ge Geplap­per an. Zu die­sen Anläs­sen wird ohne­hin unge­mein viel über Film gespro­chen, aber dabei wird zumeist auf Film ganz ver­ges­sen (also auf das wor­um es eigent­lich gehen soll­te). Eröff­nungs­fil­me hal­ten zudem sel­ten was sie ver­spre­chen und sind meist so gewählt, dass danach mög­lichst schwung­voll zum ers­ten Pic­co­lö­chen gegrif­fen wer­den kann; even­tu­ell noch mit etwas poli­ti­schem Dis­kus­si­ons­po­ten­zi­al um das Gespräch bei der Fei­er danach zu bele­ben. So weit, so gut. Nach­dem mir die Nor­di­schen Film­ta­ge mei­ne Ein­tritts­kar­te sogar per Post zuge­schickt haben, bin ich hin­ge­gan­gen, habe mich under­dres­sed gefühlt und danach ein wenig vom Sekt genascht.

Der islän­di­sche Un Cer­tain Regard-Gewin­ner Hrú­tar, der als Eröff­nungs­film her­hal­ten muss stellt sich aller­dings als veri­ta­bles Prunk­stück nor­di­schen Kinos her­aus. Was anfangs wie eine typisch skan­di­na­vi­sche Komö­die erscheint – also Män­ner mit Bär­ten, die Scha­fe züch­ten und bei eisi­gen Tem­pe­ra­tu­ren wenig spre­chen – ent­wi­ckelt sich zu einer Milieu­stu­die eines aus­ster­ben­den Stücks islän­di­scher Kul­tur. Die obli­ga­to­ri­schen Land­schafts­auf­nah­men der male­ri­schen Fel­der des islän­di­schen Hoch­lands wech­seln sich dabei mit den ähn­li­chen rau­en Gesich­tern der Prot­ago­nis­ten ab, die oft­mals den gesam­ten Bild­raum aus­fül­len. Zuwei­len wird die­ser Kon­trast etwas über­stra­pa­ziert, doch die Ver­bin­dung von Land und Leu­ten durch die Kame­ra gelingt vor­bild­haft. Die her­aus­ra­gen­den Schau­spie­ler haben dar­an erheb­lich Anteil. Sie wir­ken, als hät­te man sie eigens für den Film aus den Schaf­stäl­len Islands vor die Kame­ra gezerrt und balan­cie­ren sehr ein­drucks­voll zwi­schen der Inten­si­tät der kam­mer­spiel­ar­ti­gen Sze­nen im Inne­ren der Höfe, die durch den Schnee qua­si von der Außen­welt abge­schnit­ten sind und den all­täg­li­chen land­wirt­schaft­li­chen Tätig­kei­ten auf der Wei­de und im Stall. Alles in allem ent­schä­dig­te der Eröff­nungs­film für die Tor­tur der Dank­sa­gun­gen und Applausorgien.

Hrútar von Grímur Hakonarson

Island berei­te­te mir auch das bis­lang schöns­te Erleb­nis hier am Fes­ti­val. Friðrik Þór Friðriks­sons Par­force­ritt Hrin­gu­rinn ist eine ech­te Ent­de­ckung. In der Mit­te der Acht­zi­ger umrun­de­te Friðriks­son ein­mal sein Hei­mat­land auf der ring­för­mi­gen „Ring Road“, die dem Film sei­nen Namen gibt. Dabei hat­te er auf sei­nem Wagen eine Kame­ra mon­tiert, die alle zwölf Meter ein Ein­zel­bild auf­nahm. In knapp über acht­zig Minu­ten erkun­det man also Island im Schnell­durch­lauf. Der Film ist hyp­no­tisch in sei­ner Mono­to­nie aber gleich­zei­tig absto­ßend durch die Hek­tik und Unre­gel­mä­ßig­keit des Bild­in­halts. In kur­ven­rei­chen Abschnit­ten kommt ein Gefühl auf, das ent­fernt an See­krank­heit erin­nert, wenn der Wagen über die unbe­fes­tig­ten und teils vom Regen auf­ge­weich­ten Stra­ßen rum­pelt, ver­schwimmt das Bild­feld zu einem Far­ben­meer aus blau, grün und braun. Friðriks­son gelingt eine Syn­the­se zwei­er gro­ßer avant­gar­dis­ti­scher Tra­di­tio­nen. Einer­seits fin­den sich in sei­nem Film Sedi­men­te des struk­tu­rel­len Films, ins­be­son­de­re des­sen Bestre­ben Raum, Zeit und Dau­er aus­zu­mes­sen, ande­rer­seits spielt Hrin­gu­rinn mit der Inten­si­vie­rung von Bewe­gung, wie man es zum Bei­spiel aus Go! Go! Go! von Marie Men­ken kennt. In sei­ner Ein­füh­rung ver­glich Kura­tor Jörg Schö­ning den Film mit den Phan­tom Rides des frü­hen Kinos. In die­ser Hin­sicht ist Hrin­gu­rinn der Anti­po­de zu Ernie Gehrs Eure­ka, der die Fahrt einer Stra­ßen­bahn­gar­ni­tur in sei­ner zeit­li­chen Dimen­si­on aus­dehnt. Bei­lei­be ist das kein ein­fa­cher Film und pro­vo­zier­te eine Men­ge an walk-outs (die ers­ten bereits nach knapp zwei Minu­ten), wer durch­hält wird aller­dings mit einem ein­zig­ar­ti­gen Kino­er­leb­nis belohnt – der zwei­te Film von Friðriks­son, der hier läuft wan­dert auf jeden Fall auch auf mei­ne Liste.