Notiz zu El futuro perfecto

Text von Rahel Jung

Als Ers­tes habe Xiao­bin geschla­fen, dann geges­sen und dann auf Spa­nisch Schin­ken und Käse sagen gelernt. Wor­te ertas­tend, schil­dert die acht­zehn­jäh­ri­ge Chi­ne­sin in der Sprach­schu­le so ihre Ankunft in Bue­nos Aires. Ihr unbe­kannt gewor­de­ne Eltern und nie gese­he­ne Geschwis­ter: Frem­de in der Frem­de, die Fremde(s) nicht mögen.

Iden­ti­täts­gram­ma­ti­ken begin­nen, zöger­lich durch­de­kli­niert zu wer­den. Ver­schie­de­ne Ichs bil­den sich in Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­sen der Über­set­zung von Spra­che zu Spra­che und in den Zwi­schen­räu­men auf­ein­an­der­pral­len­der kul­tu­rel­ler Kon­ven­tio­nen. Ali Smith dreht es in ihrem Roman Sum­mer um, wenn sie schreibt »I want and need as many lan­guages as I have sel­ves«. Mit Hart­nä­ckig­keit zur Selbst­er­mäch­ti­gung besucht Xiao­bin heim­lich die Spa­nisch­schu­le, schlüpft in ein Spiel von Satz­hül­len, die sie unter dem Namen Bea­triz Schritt für Schritt mit rea­ler Bedeu­tung auf­lädt. Völ­lig ver­blass­ten Bil­dern von Orten ohne Gesich­ter, haucht jede Sprach­buch­phra­se ein wenig mehr Leben ein.

In dem Super­markt, in dem Xiao­bin arbei­tet, lernt sie Vijay ken­nen. Sie gehen eine Bezie­hung ein – Rebel­li­on gegen das tra­di­tio­nel­le Eltern­haus. »Immer mehr rut­schen die Lau­te aus­ein­an­der, vor allem die Selbst­lau­te, als gehör­ten die Selbst­lau­te nur einem selbst«, schreibt Zsuz­san­na Gah­se in Insta­bi­le Tex­te. Zu zweit. Xiao­bin ent­rutscht wil­lent­lich ihrer Fami­lie durch Sprach­au­to­no­mie, teilt den Klang neu­er Lau­te mit neu­en Leu­ten. Sie trin­ken Oran­gen­saft, gehen ins Kino und auch schnell wie­der raus (Xiao­bin sagt, sie ver­ste­he den Film nicht; hier – wie so oft – mehr­deu­tig in der Einfachheit).

Irgend­wo zwi­schen Rea­li­tät und Fik­ti­on spielt Xiao­bin in die­sem Film von Nele Wohl­atz sich selbst, rekon­stru­iert mini­ma­lis­tisch in zurück­hal­ten­dem Spiel das Spiel, man selbst in einem neu­en Leben zu sein. Das Span­nungs­feld der Hybri­di­tät erreicht mit lächeln­den Trä­nen in den Augen den refle­xi­ven Höhe­punkt, wenn Schau­spie­ler Nahuel Pérez Bis­ca­yart Xiao­bin und ihren Freun­den Tricks zum Kunst­wei­nen bei­bringt. Sie­he da, sie funktionieren! 

Vijay bit­tet sie (kurz bevor er nach Indi­en zurück­keh­ren soll), ihn zu hei­ra­ten – UT: what mat­ters to me (Vijay) is that you (Bea­triz) love me – ver­stehst du?, fragt er. Sie ant­wor­tet auf Chi­ne­sisch, spricht all ihre Sor­gen aus, dass sie gar nicht weiß, ob er der ist, der er vor­gibt zu sein, fer­ner sei acht­zehn kein Alter zum Hei­ra­ten und außer­dem müs­se sie ler­nen. Sie lernt und lernt, ent­hebt sich mehr und mehr ihrer auf­er­leg­ten Sprach­lo­sig­keit und kommt dahin­ter, dass Vijay Frau und Kind hat. Er sagt: »per­dón«. Sie sagt: »per­dón es una mierda«.

Dann, fast ganz hin­ten in Buch und Film, lernt Xiao­bin den Kon­di­tio­nal. El futu­ro per­fec­to könn­te ganz ver­schie­den aus­se­hen und denkt dabei im Modus des was-wird-gesche­hen-sein-kön­nen die mög­li­chen Zukünf­te sei­ner Prot­ago­nis­tin sowohl sprach­lich als auch bild­lich. Das viel­leicht zukünf­tig gesche­hen sein wer­den­de final feliz in Form einer Indi­en­rei­se mit Vijay war in wacke­li­gen Han­dy­auf­nah­men fest­ge­hal­ten worden.

Im Film­fi­na­le: Da sitzt die Kat­ze in der Fal­le. Die, für die es im Spa­nisch­buch erst kei­ne Kapa­zi­tä­ten gab – muss sich ja erst­mal um sich selbst küm­mern kön­nen – und für die vie­le Sei­ten spä­ter theo­re­tisch Platz in einer grö­ße­ren Woh­nung wäre und ist. Die Ver­schrän­kung und Par­al­le­li­tät von Lehr­buch­sät­zen und (fil­mi­schen) Rea­li­tä­ten löst sich auf und ent­lässt Xiao­bin, end­lich umge­ben von grü­ner Natur, samt Kat­ze im Sack in eine rät­sel­haf­te Freiheit.