Text von Luk Polleit
Der Sprachschüler ist in seinem Sprechen dem des Kindes am nächsten. Er fantasiert entlang vertrauter Vokabeln, probiert neue Wörter an, lässt sie fallen und verkehrt sie unbekümmert in ihr Gegenteil. Der Reiz liegt in der Bezeichnung selbst, dem Gesehenen einen Namen geben und gleich darauf einen anderen. In der von stummen Bildern eines argentinischen Skifilmes begleiteten Sprachlektion in Tres Oraciones sobre la Argentina beschreibt der Schüler Josué, was auf den Bildern zu sehen ist. Sie zeigen Argentinier und keine Argentinier. Sie zeigen sie im Urlaub und nicht im Urlaub; in Bariloche und nicht in Bariloche, das in Argentinien und nicht in Argentinien liegt. Josué selbst, so könnte man das Sprachspiel fortsetzen, ist Argentinier und nicht Argentinier, dort geboren zieht er mit sieben nach China, um Mandarin zu lernen. Jetzt – sein Alter bleibt unbekannt, es spricht ein junger Mann – ist er nach Argentinien zurückgekehrt und lernt Spanisch. Im Tauschspiel der Wörter liegt eine Leichtigkeit. Alles bleibt in Bewegung. Selbst die scheinbar fixierten Filmbilder transformieren sich. In ihnen liegt keine feste Bedeutung, wenn man sich bloß traut, sie mit Überzeugung wie in der Sprachstunde zu verneinen. Und doch bleibt am Ende des Filmes eine Unsicherheit: Wenn die sprachliche Beweglichkeit ständig die Neuerfindung erlaubt, wo liegt dann Bariloche?
In Turista arrangiert Nele Wohlatz aus der pandemiebedingten Rückkehr nach Deutschland Handyaufnahmen aus Buenos Aires, wo sie zehn Jahre lebte. In einem resümierenden Blick gegen Ende des Filmes formuliert sie die programmatischen Sätze: »In letzter Zeit stellte ich mir Film als Dreieck vor: Eine Kamera, mein Gegenüber, ich. Keiner versteht den anderen. Und während wir drehen, erfinden wir eine gemeinsame Sprache.« Nicht das Verständnis, wie bei den Erwachsenen mit geteilter Muttersprache, ist die Norm und das Missverständnis die Abweichung. Genau umgekehrt: Der Ausgangspunkt ist das Nichtverstehen, aber kein lähmendes, sondern eines, das zur Erfindung drängt. Zur Erfindung! Nicht zum Lernen. Es gilt, sich nicht etwa der Dominanz einer Sprache zu beugen. Welcher auch? Denn die Gewohnheit der »Muttersprache« erweist sich als trügerisch. Josué muss die Sprache seines Geburtslandes erst erlernen und Wohlatz sagte man nach ihrer Rückkehr nach Deutschland, ihre Sätze klängen jetzt »ein bisschen seltsam«. Wie erfindet man eine gemeinsame Sprache? Der häufige Wechsel scheint zu helfen. Immer neu ansetzen. Nirgendwo anhalten, um keine falsche Sicherheit aufkommen zu lassen. Wohlatz‘ Filme springen von Spanisch zu Mandarin zu Portugiesisch zu Deutsch. Es wird gesprochen und dann auf Texttafeln geschrieben. Auch bei den Untertiteln darf man sich nicht auf seinem eigenen Unverständnis ausruhen, sonst verpasst man den nächsten gesprochenen Sprachsprung.
Die Dreiecksformation verkompliziert sich etwas in La Mochila Perfecta, in dem sich an Wohlatz Seite zum Tonaufnahmegerät und zur Kamera ihre Mutter gesellt. Gemeinsam reisen sie nach Kuba, um eine Dokumentation über die bedrohten Polymita-Schnecken zu drehen und dokumentieren sich zugleich bei dieser Arbeit. Auch hier gilt die Ausgangssituation von Turista – »Ich weiß nicht, wie man einen Film über Schnecken macht. Im Prinzip filme ich alles«, heißt es in einer der ersten Texttafeln. Eine Sprache muss erst erfunden werden und wir sehen dabei zu. In einer Szene sehen wir aus der Sicht der Kamera, wie Wohlatz Mutter Sibylle deren Funktionsweise erkundet. Sie inspiziert die Knöpfe, während wir wackelnd in die Wolken schauen, findet dann den Zoom, probiert ihn aus und richtet die Kamera auf ihre Tochter, die den Tonrekorder vorstellt. Die Suche nach einer gemeinsamen Sprache beginnt bei den technischen Geräten und setzt sich zwischen Mutter und Tochter fort. Familiäre Vertrautheit ersetzt sie nicht. Es wird vielleicht unbefangener gesprochen, aber auch aneinander vorbei. Der Versuch ihrer Mutter Spanisch beizubringen, verläuft holprig. Mit den Kabelkopfhörern, die die beiden in nahezu jeder Einstellung tragen, wirken sie immer ein wenig wie zwei Politikerinnen unterschiedlicher Länder, die bei einem Kongress auf die Stimmen ihrer Dolmetscher warten. Und dann sind da ja noch die Schnecken. Nach einem Interview mit einem örtlichen Bauern, das schon nach der ersten Frage ins Stocken gerät und zu einem Ausflug zu den Schneckenkettenhändlern führt, interveniert zu allem Überfluss auch noch die örtliche Bürokratie in den Verständigungsversuch. Während Sybille am Telefon, mit der Botschaft, die Situation rund um ihr Arbeitsvisum zu klären versucht, richtet Wohlatz ihre Kamera auf eine Polymita. Sybille ist die Situation nicht geheuer: »Was mache ich denn, wenn die am Flughafen anfangen uns zu filzen?« Während die Antwort der Botschaft unhörbar bleibt, sehen wir die Polymita. Sie hat einen grellen, hellgelben Panzer mit einer kleinen Splitterung und einer klaren braunroten Spirallinie. Mühelos gleitet sie einen Baumstamm empor. Eine Schnecke, die eine Antwort gibt und keine Antwort gibt.

