Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Notiz zu Misère au Borinage von Henri Storck & Joris Ivens

Text: Max Grenz

“1932 – Cri­se dans le mon­de capi­ta­lis­te” – von der glo­ba­len Kri­se des Kapi­ta­lis­mus berich­tet der Off-Kom­men­tar zu Beginn des Films. Dazu sieht man: ein Wagon auf Eisen­bahn­schie­nen – die Tota­le eines Güter­ha­fens – dann eine Grup­pe Arbei­ter vor den Toren einer Fabrik. Die Bil­der­fol­ge ist bekannt und irri­tiert doch. Es könn­te der typi­sche Auf­takt einer Mon­ta­ge­se­quenz über die Pro­duk­tiv­kräf­te der Indus­trie sein, doch die Bil­der schei­nen wie gelähmt: Der Wagen steht aus­ge­kop­pelt im Nir­gend­wo, der Güter­bahn­hof liegt wie aus­ge­stor­ben da und die Arbei­ter war­ten drau­ßen vor der geschlos­se­nen Ein­gangs­tür. Nutz­los ste­hen sie her­um, eini­ge rei­ben sich die Hän­de, las­sen den Blick schwei­fen. Vom Innen­hof auf­ge­nom­men, erschei­nen sie wie Ein­ge­sperr­te hin­ter den Git­ter­stä­ben des Tores.

Seit Anbe­ginn des Kinos ver­bin­den wir das Bild von Arbeiter:innen und Fabrik­to­ren mit dem gleich­mä­ßi­gen Strom des Ein­tre­tens oder Ver­las­sens der Fabrik. Eine gerich­te­te Bewe­gung von Men­schen und den Gütern, die sie pro­du­zie­ren. Misè­re au Bor­i­na­ge führt die­se Seh­ge­wohn­heit in eine ästhe­ti­sche Kri­se, die dem Zustand der Wirt­schaft in der Wirk­lich­keit gleicht. Edu­ca­ti­on par l‘image heißt die Pro­duk­ti­ons­fir­ma des Films, Bil­dung durch Bilder. 

Bewe­gung kommt erst ins Bild, als die Kon­se­quen­zen der welt­weit sto­cken­den Waren­zir­ku­la­ti­on gezeigt wer­den. Kanis­ter Milch wer­den mit­ten auf der Stra­ße aus­ge­schüt­tet, Kaf­fee­boh­nen ver­schwin­den säcke­wei­se im Was­ser, Korn­fel­der gehen in Flam­men auf. Auf den Still­stand der Pro­duk­ti­on ant­wor­tet eine Bewe­gung der Ver­schwen­dung. Ein Über­fluss an vor­han­de­nen Waren, der jedoch nicht zur Ver­brei­tung von Wohl­stand genutzt wird. Statt­des­sen wer­den die Waren ver­nich­tet, weil ihre aus­blei­ben­de Zir­ku­la­ti­on auch den Fluss des Gel­des hemmt. Das Motiv von Über­fluss und Ver­schwen­dung zieht sich wie ein roter Faden durch den Film: So folgt auf die Zwangs­räu­mung einer Woh­nung ein Bericht über leer­ste­hen­den Wohn­raum. Spä­ter sieht man Kohlearbeiter:innen mit­ten in der Nacht von rie­sig rau­chen­den Koh­le­ber­gen klau­en, weil ihr Lebens­un­ter­halt nicht zum Hei­zen reicht. Am Ende mün­det die­ser Wider­spruch kapi­ta­lis­ti­scher Wirt­schaft in der absur­den Glei­chung, dass mit der Anhäu­fung von Gütern auch die Anzahl der Arbeits­lo­sen pro­por­tio­nal steigt.

Die Wider­sprü­che ver­dich­ten sich das ers­te Mal zum offe­nen Kon­flikt in gespens­ti­schen Auf­nah­men einer gewalt­sa­men Streik­auf­lö­sung in Penn­syl­va­nia. Hier ste­hen die Arbeiter:innen geschlos­sen der Staats­ge­walt gegen­über, obwohl die erklär­ten Poli­zis­ten eher wie eine Mischung aus Indus­tri­el­len, Schlä­ger­trupps und Gangs­tern aus einem Gen­re­film aus­se­hen. Ande­re wie­der­um las­sen sich kaum von den Arbeiter:innen unter­schei­den, auf die sie mit ihren Geweh­ren zie­len. Im kon­fron­ta­ti­ven Still­stand kün­digt sich die unver­meid­li­che Eska­la­ti­on an, noch bevor der Off-Kom­men­tar die fal­len­den Schüs­se vor­weg­nimmt. Unru­hig schwenkt die Kame­ra über das zuneh­mend unüber­sicht­li­che Gesche­hen. Zuerst bricht die Gewalt im Hin­ter­grund aus, gera­de so am äuße­ren Rand der Ein­stel­lung ein­ge­fan­gen. Schnell brei­tet sich Cha­os aus, Gewehr­schüs­se las­sen das Bild in Rauch­schwa­den ver­schwin­den, Men­schen sto­ßen zusam­men und flie­hen aus­ein­an­der. Am Ende liegt eine Per­son regungs­los am Weg­rand, zwei Poli­zis­ten sind über sie gebeugt. Wie vie­le Todes­op­fer es gab, bleibt ungewiss.

Es ist die ein­zi­ge Sze­ne phy­si­scher Gewalt in Misè­re au Bor­i­na­ge und doch schwebt sie über allen fol­gen­den Sze­nen, die sich vor allem den Lebens­um­stän­den der Kohlearbeiter:innen in der bel­gi­schen Indus­trie­land­schaft Bor­i­na­ge zuwen­den. Zunächst löst der Film an die­sem Ort doch das Ver­spre­chen mensch­li­cher Pro­duk­tiv­kräf­te in der Bil­der­fol­ge ein. Die Mon­ta­ge des Koh­le­ab­baus folgt jedoch nicht dem Weg der Ware, son­dern dem der Arbeiter*innen. Aus die­ser Per­spek­ti­ve ver­lässt den Stol­len am Ende kein gewon­ne­ner Roh­stoff, son­dern ein ver­lo­re­nes Men­schen­le­ben, das Opfer eines Unfalls am unge­si­cher­ten Arbeits­platz wur­de. Ein gro­ßer Teil des Films ist der akri­bi­schen Doku­men­ta­ti­on der mise­ra­blen Lebens­um­stän­de der Arbeiter:innenfamilien gewid­met, wobei beson­de­re Auf­merk­sam­keit auf der kör­per­li­chen und geis­ti­gen Gesund­heit der Kin­der liegt, die oft für den Rest ihres Lebens beein­träch­tigt ist. 

Im Ange­sicht die­ser äußers­ten Armut beschwört der Off-Kom­men­tar ein­dring­lich die Not­wen­dig­keit sozia­lis­ti­scher Revo­lu­ti­on. Inter­es­san­ter­wei­se doku­men­tiert Misè­re au Bor­i­na­ge bei allem agi­ta­to­ri­schen Duk­tus indes­sen meis­tens Pro­test­for­men, die sich durch demons­tra­ti­ves Nichts­tun, eine Ver­wei­ge­rung der Pro­duk­ti­vi­tät aus­zeich­nen. Zum Bei­spiel tref­fen sich zur Umge­hung des Ver­samm­lungs­ver­bots Strei­ken­de in Fün­fer­grup­pen zum Kar­ten­spie­len auf der Stra­ße. In einer spä­te­ren Sze­ne wird die Räu­mung einer Woh­nung ver­hin­dert, indem Arbeiter:innen aus der Gemein­schaft den gan­zen Tag die Möbel besetzt hal­ten. In die­sen Momen­ten fin­det der Film ande­re Bil­der für die Macht der Arbeiter:innenklasse, jen­seits einer fata­len Eska­la­ti­on der Gewalt, auf die sich die Welt­ge­schich­te zum Zeit­punkt sei­nes Ent­ste­hens ein­ge­las­sen hat.