Notiz zu The Tempest von Derek Jarman

So stark wie der Wind manch­mal in Wien weht, gera­de im Früh­ling, könn­te das Film­mu­se­ums­pu­bli­kum in Jarm­ans Shake­speare-Adap­ti­on ein paar Luft­be­we­gun­gen fast ver­mis­sen. Sein Tem­pest spielt fast die gan­ze Zeit in einer ver­las­se­nen Rui­ne bei ver­na­gel­ten Fens­tern und Ker­zen­licht. Wenn sich der Film nach drau­ßen wagt, bewe­gen sich allen­falls ein paar Grä­ser auf den Dünen. Das Bild ist dann mono­chrom blau getönt und erin­nert an die not­wen­di­ge Ima­gi­na­ti­ons­fä­hig­keit und Seh­erfah­rung beim Schau­en eines Stumm­films, wie von Fried­rich Wil­helm Mur­nau. Der Dra­men­text, der sonst zu spek­ta­ku­lä­ren Büh­nen­bil­dern ein­lädt, bleibt bei Jar­man der Impro­vi­sa­ti­on mit gerings­ten Mit­teln und vor allem der Vor­stel­lungs­kraft über­las­sen. Ein paar lee­re Zim­mer und Kos­tü­me sowie eine Hand­voll Requi­si­ten. Nicht mal die Wor­te drän­gen sich beson­ders in den Vor­der­grund, eher scheint es dem Film dar­um zu gehen, wie sich die Figu­ren in den Räu­men auf­hal­ten. Wie sie sich vor dem dro­hen­den Wind ver­bar­ri­ka­die­ren, Wän­de bekrit­zeln, vor dem Kamin­feu­er kau­ern, anmu­tig durch Tür­rah­men schau­en, Trep­pen hin­ab­wan­deln oder sich zit­ternd über die Die­len schlei­fen. Dass dabei jeder dem ande­ren ein Skla­ve ist, die Unter­wer­fung zum Spiel gehört, darf fast schon als schwar­zer Humor gel­ten. Dabei bleibt Cali­ban, das Natur­ge­schöpf, der Herr­scher der Insel und muss trotz­dem dem wahr­haf­tig idio­syn­kra­ti­schen Magi­er Pro­spe­ro die­nen, der sie gewis­ser­ma­ßen verwaltet.

Das gesell­schaft­li­che Spie­gel­bild mag in sei­ner Dia­lek­tik so zur Spra­che kom­men, ins­be­son­de­re wenn man ein Ohr für die unter­schied­li­chen Sprech­wei­sen des Ensem­bles hat. Viel­mehr inter­es­siert sich aber Jar­man für die Lust und den Ver­zicht dar­auf, die die etwa­igen Ver­hält­nis­se per­ma­nent tran­szen­diert. Schon die Hoch­zeit zwi­schen Miran­da, Pro­spe­ros Toch­ter, und dem ein­ge­ker­ker­ten Fer­di­nand, darf vom ers­ten Augen­blick an gewiss sein, muss aber den­noch vom Magi­er geprüft wer­den. Wie zwei Kin­der spie­len sie im gro­ßen Saal mit­ein­an­der Feder­ball, nur um dar­auf­hin end­lich die Erlaub­nis zu erhal­ten, im Schlaf­zim­mer zu ver­schwin­den. Die dop­pel­bö­dig Nai­vi­tät bie­tet sich zum Lachen an. Es folgt dar­auf die ersehn­te Ver­mäh­lung der bei­den, in der die Figu­ren aber gera­de­zu in Jarm­ans Insze­nie­rung unter­tau­chen. Eine Sze­ne, die mehr von Ser­gei Eisen­steins Boja­ren­höh­le im zwei­ten Teil von Iwan Gros­ny als von bür­ger­li­chen Träu­men aris­to­kra­ti­scher Mär­chen­trau­un­gen in wei­ßen Gewän­dern mit wei­ßen Tau­ben wis­sen will. Kei­ne zärt­li­che Ges­te, son­dern exzen­tri­scher Aus­druck. Weiß bleibt zwar die bestim­men­de Far­be, doch die Stof­fe explo­die­ren gera­de­zu vor Rüschen, Volants, Revers, Bor­ten und Quas­ten aller Arten. Nur die Anzü­ge der tan­zen­den Matro­sen sind glatt gebü­gelt. Wie Eisen­stein sich der Far­big­keit hin­gibt, igno­riert Jar­man die ver­meint­li­chen Regeln düs­te­rer Roman­tik. Er löst sie in Luft auf, schlägt sie in den Wind, so wie am Ende alles Pro­spe­ros Gedan­ken ent­sprun­gen sein soll, alles null und nich­tig ist. Auch das heißt camp.

Ver­lo­ckend ist es, aus die­sem Ein­druck eine Idee über Jar­manns Kino zu schmie­den. Noch ver­lo­cken­der mag es sein, dar­aus einen Gedan­ken über das Kino als Gan­zes zu ent­wi­ckeln. Musi­ka­li­sche Aus­brü­che am Ende spre­chen aber eine ande­re Spra­che, könn­te man von Clai­re Denis’ Beau tra­vail erfah­ren. Sie ver­han­deln die Wider­sprüch­lich­keit, sich dem Film auf eine bestimm­te und vor allem gelern­te Wei­se zu nähern. Der Ver­such, die all­ge­mei­nen Kri­te­ri­en des Fil­mi­schen in Theo­rien fest­zu­schrei­ben und dar­auf zu ver­trau­en, bleibt eben­so hilf­los, wie den indi­vi­du­el­len Film bloß in sei­ner eige­nen Kunst­fä­hig­keit zu erfas­sen. Nichts ande­res bedeu­tet es näm­lich, Jarm­ans Film nur hin­sicht­lich sei­nes Endes zu redu­zie­ren oder sich allen mys­te­riö­sen Bil­dern intel­lek­tu­ell zu bemäch­ti­gen. Der Ver­weis des Magi­ers auf das zu hüten­de Geheim­nis kann dem­entge­gen gar­nicht zufrie­den stel­len, son­dern nährt nur noch mehr Fra­gen. So bleibt er aber wahr­schein­lich der ver­las­sens­te aller Gefan­ge­nen. Jarm­ans Kino lädt ein und stößt zugleich ab.