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„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Notizen zu Peter Nestler: Die Judengasse

Text: Ron­ny Günl 

Zwi­schen einem Schwenk vom Main-Frach­ter mit dem Namen Maria zur Frank­fur­ter Stadt­sil­hou­et­te und einem zwei­ten Schwenk von den Krä­nen zu den Roh­bau­ar­bei­ten am ehe­ma­li­gen Börn­eplatz lei­tet Peter Nest­ler die gewalt­vol­le Geschich­te des Frank­fur­ter Juden­tums ein. »Jetzt steht da ein Kun­den­zen­trum der Stadt­werk«, heißt es mit ver­ächt­li­cher Nüch­tern­heit. Die Geschich­te liegt unter einer Beton­de­cke, über­lebt haben eini­ge Stei­ne. Der Film sucht nach der Ver­gan­gen­heit, indem er Gebäu­de anhand von Bau­zeich­nun­gen, Stadt­an­sich­ten und his­to­ri­schen Plä­nen rekon­stru­iert. Auf jedes Pogrom, das zur Zer­stö­rung des gesam­ten Ghet­tos führ­te, folg­te auf Kos­ten der jüdi­schen Gemein­de Frank­furts ein Wie­der­auf­bau. 1988 ste­hen dort, wo sich frü­her die Hin­ter­hö­fe der Juden­gas­se befan­den, hin­ter den Über­res­ten der Stau­fen­mau­er, graue Nach­kriegs­bau­ten. Nest­ler erklärt, wel­che beeng­ten und lebens­be­droh­li­chen Ver­hält­nis­se in der mit­tel­al­ter­li­chen Gas­se geherrscht haben müs­sen. Zwar gelang es der Gemein­de sich auf der vor­ge­schrie­be­nen Flä­che ein­zu­rich­ten, jedoch nur unter zwei­fel­haf­ter Sicher­heit der Bau­ten. Brän­de und hygie­ni­sche Pro­ble­me muss­ten hin­ge­nom­men wer­den. Mit der Auf­he­bung des Ghet­to­zwangs im 19. Jahr­hun­dert und der Ein­füh­rung glei­cher Rech­te wur­den die meis­ten Gebäu­de abge­ris­sen. Das jüdi­sche Frank­fur­ter Bür­ger­tum sie­del­ten sich in Ostend an und ver­half der Stadt zu ihrem wirt­schaft­li­chen Auf­stieg in die Moder­ne. Hun­dert Jah­re spä­ter wur­den nahe­zu alle Gemein­de­mit­glie­der, die sich nicht ins Exil ret­ten konn­ten, von den Natio­nal­so­zia­lis­ten depor­tiert und in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern ermordet.

Zum Zeit­punkt, an dem alles längst ver­schwun­den ist – das heißt zer­stört, über­baut, ver­drängt – beginnt Nest­lers Film. Dazu stellt er Valen­tin Sen­ger, der die Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus in Frank­furt als Jude unent­deckt über­leb­te, als loka­len Zeit­zeu­gen ins Zen­trum des Films. Sen­ger, in Frank­furt 1918 gebo­ren und 1997 ver­stor­ben, war KPD-Mit­glied bis 1958, Redak­teur der Sozia­lis­ti­schen Volks­zei­tung, spä­ter beim Hes­si­schen Rund­funk, Autor des auto­bio­gra­fi­schen Buchs Kai­ser­hof­stra­ße 12 und kämpf­te bis 1981 für sei­ne deut­sche Staats­bür­ger­schaft, die ihm auf­grund sei­ner kom­mu­nis­ti­schen Ver­gan­gen­heit ver­wehrt wor­den war. Auf sei­nem Bal­kon sit­zend, im Hin­ter­grund Frank­furts Stra­ßen­zü­ge, erzählt er davon wie er die Zer­stö­rung des Hein­rich-Hei­ne-Denk­mals von Georg Kol­be nachts durch Faschis­ten womög­lich als ein­zi­ger aus der Nähe beob­ach­te­te. Abge­se­hen vom zer­stör­ten Hei­ne-Reli­ef über­stand das Denk­mal eini­ger­ma­ßen unbe­scha­det die Ver­nich­tungs­wut der Natio­nal­so­zia­lis­ten. Seit Sep­tem­ber 2023 befin­det es sich wie­der an sei­nem ursprüng­li­chen Stand­ort in der Fried­ber­ger Anla­ge, nach­dem es, kriegs­be­dingt im Stä­del­kel­ler zwi­schen­ge­la­gert, 1947 in der Tau­nus Anla­ge errich­tet wur­de. Das Denk­mal über­dau­er­te als viel­deu­ti­ge Jugend­stil-Alle­go­rie, ohne über sei­ne Wid­mung Aus­kunft zu geben. Sen­ger gelang es zu über­le­ben, weil ein Poli­zei­be­am­ter sei­ne Doku­men­te ver­schwin­den ließ. Ihn und die ande­re Zeit­zeu­gen des Films wie Adolf Dia­mant, der das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ausch­witz über­leb­te, oder wie ein auf dem Fried­hof getrof­fe­ner Namen­lo­ser, der nach Isra­el floh, eint, dass sie ihre Ver­gan­gen­heit nicht ver­lässt. Es macht einen Unter­scheid aus, ob man Nest­lers oder ihre Stim­me hin­ter den Ein­stel­lun­gen an den Orten der Gegen­wart hört. Nest­lers Wor­te ver­voll­stän­di­gen das, wor­über die Bil­der kei­ne Aus­kunft geben kön­nen, was sich in ihnen ver­steckt. Wenn aber die Zeit­zeu­gen spre­chen, klingt es, als wür­den sie danach fra­gen, wie Rai­ner Kom­ers Kame­ra über­haupt noch ein Bild dafür fin­den will, wenn die Orte allein in Wor­ten existieren.