Notizen zu Peter Nestler: Utlänningar. Del III & IV. Iranier

Text: Leo Geisler 

Der Film des Ehe­paars Peter und Zsó­ka Nest­ler für das schwe­di­sche Fern­se­hen erzählt zwei Geschich­ten: die Geschich­te eines Staats – eine der Unter­drü­ckung, der kolo­nia­len Aus­beu­tung, des Erd­öls; und die Geschich­te der Men­schen – eine des Wider­stands, des Gefol­tert­wer­dens, der Kunst als Refu­gi­um der nicht ein­ge­lös­ten Gerech­tig­keit. Durch die Gegen­über­stel­lung die­ser zwei For­men der Geschichts­schrei­bung, die der Herr­schaft, des Schahs Moham­mad Reza Pahl­avi, und die der Beherrsch­ten, eines ira­ni­schen Exi­lan­ten, der in den Stra­ßen Stock­holms pro­tes­tiert, zei­gen die Nest­lers wie sich die unsicht­ba­ren Strö­me des Kapi­tals im Leben des Ein­zel­nen ver­wirk­li­chen, durch die Arbeit, die man ver­rich­tet, und die Gewalt, die man erfährt. Die Geschich­te der Macht wird über den Zugriff auf Roh­stof­fe, Han­del und Geld erzählt. Sie wird rekon­stru­iert aus abge­film­ten Objek­ten (Zeich­nun­gen, Gemäl­den, Foto­gra­fien, Sta­tu­en) und Archiv­ma­te­ri­al, Bil­der aus der Täter­per­spek­ti­ve, bei­spiels­wei­se offi­zi­el­le Staats­an­läs­se im Iran, insze­nier­te Dar­stel­lun­gen aus dem Leben des Schahs, so wie man sie in einem Schul­buch erwar­tet, Auf­nah­men aus der Vogel­per­spek­ti­ve auf das zer­bomb­te Land, gefilmt 1942 aus einem deut­schen Auf­klä­rungs­flug­zeug, oder doku­men­ta­ri­sches Mate­ri­al von Erich Rom­mel in Nord­afri­ka. Hit­ler hat­te es abge­se­hen auf die eng­li­schen Ölraf­fi­ne­rien im Iran. Dage­gen wird die Geschich­te des Wider­stands auf Augen­hö­he, halb­nah, erzählt, in Bil­dern, die die Nest­lers in Far­be drehten. 

Die Erzäh­lung beginnt bei Karo und Amou, zwei geflüch­te­ten Ira­nern im schwe­di­schen Exil. Sie glei­chen Peter und Zsó­ka Nest­ler inso­fern, dass sie nicht anders kön­nen, als gegen die Anma­ßung der Mäch­ti­gen der Welt, die­se unter sich auf­zu­tei­len, anzu­kämp­fen. Im Voice-Over erzählt die Stim­me Peter Nest­lers, dass es Sams­tag ist. Die zwei Akti­vis­ten rich­ten sich an einem höl­zer­nen Tisch ein, befes­ti­gen ihre Pla­ka­te dar­an und der Säu­le dahin­ter. Auf Fran­zö­sisch ist zu lesen: 340 Exe­ku­tio­nen in zwei Jah­ren. In Deutsch auf einem wei­te­ren Pla­kat: So, wie es ist, bleibt es nicht! Im Voice-Over erfah­ren wir, dass es ihnen nicht mög­lich ist, in den Iran zurück­zu­keh­ren, dass sie von ihrer Hei­mat abge­trennt wur­den. Dann ein unver­mit­tel­ter Schnitt. Das Anein­an­der­kle­ben zwei­er 16-mm-Film­strei­fen erlaubt die undenk­ba­re Rück­kehr. Es ist ein Bild der Sehn­sucht, auf­ge­zeich­net mit der Hand­ka­me­ra: ein sich schlän­geln­der Land­weg, säu­len­ar­ti­ge Bäu­me, ein Dorf am Fuß des Ber­ges, Son­ne auf den rascheln­den Blät­tern. Eben­so unver­mit­telt wird zurück­ge­schnit­ten nach Stock­holm. Karo sam­melt Unter­schrif­ten, ver­kauft einen Anste­cker an einen bär­ti­gen Fuß­gän­ger. Dabei lächelt er freund­lich, bei­nah neckisch. Der flie­hen­de Haar­an­satz und die Kote­let­ten akzen­tu­ie­ren sei­ne fei­nen Gesichts­zü­ge. Er trägt eine Uhr und einen Ehe­ring. Im Film kommt Karo nie auf sei­ne Frau zu spre­chen. Ich hof­fe, dass sie mit­kom­men konn­te nach Schweden.

In der fil­mi­schen Erzäh­lung spielt die Arbeit eine ambi­va­len­te Rol­le. Einer­seits erbringt sie den Mehr­wert und damit den Pro­fit im gif­ti­gen Dampf der Ölfel­der für die Herr­schen­den, den ira­ni­schen Macht­ha­bern und eng­li­schen Indus­tri­el­len. Ande­rer­seits schrei­ben die Nest­lers der Arbeit einen Eigen­wert zu, der über die rei­ne Pro­duk­ti­on des Mehr­werts hin­aus­geht. Sie schei­nen fas­zi­niert zu sein von der Fähig­keit des Men­schen, sei­ne mate­ri­el­le Umwelt umzu­ge­stal­ten nach sei­nen eige­nen Vor­stel­lun­gen. So zeigt der Film für gan­ze zwei Minu­ten ver­schie­de­ne Arbeits­schrit­te der Her­stel­lung eines per­si­schen Tep­pichs, ohne dass die­ser Umweg wesent­lich für die grund­le­gen­de Fra­ge des Films wäre, wobei wie­der­um nicht gesagt sein soll, dass die Pra­xis des Tep­pich­knüp­fens die­se Fra­ge nicht illus­triert. Zuerst wird Schafs­wol­le sor­tiert, oft­mals von Kin­dern, die Wol­le wird zu Garn gespon­nen, das Garn wird in lan­gen Rei­hen auf­ge­spannt und mit Bürs­ten ein­ge­färbt, ein Mann zeich­net das Tep­pich­mus­ter vor, aus­län­di­sche Kauf­leu­te sehen zu, wie Arbei­ter Garn­stum­mel abschnei­den, den Tep­pich gewis­ser­ma­ßen mähen, denn ein guter Tep­pich muss dünn sein, dann wird er zusam­men­ge­legt und zuge­kno­tet. Das Zei­gen die­ses Arbeits­pro­zes­ses legt den Gedan­ken nahe, dass, wenn die­ser Tep­pich schließ­lich in einem Wohn­zim­mer liegt, viel­leicht in Stock­holm oder Ber­lin oder sonst wo, die Bezie­hun­gen der Men­schen, die ihn her­stell­ten, die an ihm ver­dien­ten, wei­ter­hin dort am Boden des Zim­mers gespei­chert sind. Das Objekt wird erkenn­bar als Gemisch aus Hand­grif­fen, Macht­ver­hält­nis­sen, kul­tu­rel­len Codes, Tech­nik. Es ist, als flüs­ter­te es lei­se von den Bedin­gun­gen sei­ner Herstellung. 

Karo wur­de gefol­tert von der SAVAK, der Geheim­po­li­zei des Schahs, die­sel­be Orga­ni­sa­ti­on, die 1967 die Stu­die­ren­den in West-Ber­lin, die gegen des­sen Besuch pro­tes­tier­ten – unter ihnen Ben­no Ohnes­org – drang­sa­lier­te. In der letz­ten Sequenz des Films erzählt Karo auf Schwe­disch von sei­ner Tor­tur. Er steht in einer Wald­land­schaft, mut­maß­lich bei Stock­holm. In der Fer­ne ist ein Fluss zu sehen, gesäumt von Fabrik­ge­bäu­den, die gesell­schaft­li­chen Reich­tum bezeu­gen. In die­ser Abge­schie­den­heit berich­tet er im ruhi­gen Ton von der Gewalt, die ihm wider­fuhr, weil er Agrar­wis­sen­schaft in Mos­kau stu­dier­te. Er erzählt, wie er abge­holt wur­de, wie er sei­nen Lebens­lauf drei­zehn Mal schrei­ben muss­te, erzählt davon, dass er bis zu zwei­und­sieb­zig Stun­den lang wach­ge­hal­ten wur­de, erzählt vom Eisen­bett in der Fol­ter­kam­mer, erzählt von Elek­tro­schocks, erzählt von der ver­meint­li­chen Freund­lich­keit der Agen­ten, erzählt von einer Schein­hin­rich­tung. Dazwi­schen Titel­kar­ten, wie Ankla­ge­punk­te in einem Pro­zess. Zuvor rekon­stru­iert der Film die ver­schie­de­nen Fol­ter­me­tho­den durch beweg­te Zeich­nun­gen, eine Art Dau­men­ki­no der Qual. Dabei schei­nen die Nest­lers dar­auf bedacht, kein Detail aus­zu­las­sen, zeich­nen den gefol­ter­ten Men­schen nicht als Abs­trak­ti­on, son­dern in all sei­ner Nackt­heit, wodurch sie die Ver­letz­lich­keit des Orga­nis­mus beto­nen. Dann erzählt Karo von Khos­row Gol­sorkhi, einem Dich­ter, dem er im Gefäng­nis begeg­ne­te, den das Schah-Régime ermor­de­te, weil er sich wei­ger­te, sei­ne poli­ti­schen Über­zeu­gun­gen zu ver­leug­nen. Amou ver­liest ein Gedicht von Gol­sorkhi. Der Film endet mit den Zei­len: „Der Feind errich­tet Mau­ern. Die ver­sklav­ten, guten Men­schen der Stra­ße, die­se Wan­de­rer in Lum­pen, ken­nen nicht dei­nen Namen. Das ist zu bedau­ern. Aber eines Tages, wenn du dem Volk bewusst gewor­den, und jeder Trop­fen dei­nes Blu­tes zu einem Altar sich ver­wan­delt, wird die­ses Volk in den Lie­dern der Revo­lu­ti­on dei­nen mäch­ti­gen Namen besin­gen.“ Amous Blick trifft den der Kamera. 

In Kul­tur­kri­tik und Gesell­schaft ver­kün­det Ador­no, es sei bar­ba­risch nach Ausch­witz ein Gedicht zu schrei­ben. Weni­ger bekannt mag sein, dass er die­se Aus­sa­ge in der Nega­ti­ven Dia­lek­tik revi­dier­te: „Das peren­nie­ren­de Lei­den hat soviel Recht auf Aus­druck wie der Gemar­ter­te zu brül­len; dar­um mag falsch gewe­sen sein, nach Ausch­witz lie­ße kein Gedicht mehr sich schrei­ben.“ Der Film der Nest­lers hat sich die­se Berich­ti­gung Ador­nos zur Auf­ga­be gemacht. Dadurch, dass ihr nüch­ter­nes Kla­ge­lied das Unrecht vor dem Ver­ges­sen bewahrt, kämpft es gegen die Unter­drü­ckung an und stellt der Macht ein Bild frei­er Men­schen ent­ge­gen, das, allem Zwang zum Trotz, überdauert.

Zu Beginn des Jah­res 1979, weni­ge Mona­te nach der Aus­strah­lung des Films im schwe­di­schen Fern­se­hen, wird die Mon­ar­chie des Schahs gestürzt. Unge­ach­tet der geschei­ter­ten Ira­ni­schen Revo­lu­ti­on beweist die­se den­noch, damals wie heu­te: So, wie es ist, bleibt es nicht!