Notizen zu Peter Nestler: Farlig kunskap

Text: Lucas Barwenczik

Bilder aufnehmen, sie also aufmerksam betrachten, bis etwas aus ihnen hervorsteigt wie Dampf aus kochendem Wasser. Texte, die in ihnen begraben liegen, Musik, die sie umspielt, Geräusche, wie ein Hammer, der Nägel trifft, vielleicht sogar Messerklingen, die sich nach den Kehlen der Mächtigen strecken. Farlig kunskap bestätigt, was Hartmut Bitomsky über Peter Nestler geschrieben hat: „[…]die Kraft, die er mitteilt, geht nicht von ihm aus, sie geht von den Dingen aus durch ihn hindurch.“ Er sagt, was die Objekte ohnehin erzählen wollten, macht sich zum Sprachmittler des Materials. Der Film sammelt das Material, studiert es und vermittelt seine Bedeutung. Gleichzeitig widerlegt dieser weit ausholende Wurf über die Epochen hinweg Bitomsky auch zu einem Teil, wenn Großereignisse zu den simplen, unbehauenen Nestler-Sätzen zusammenfallen. Der Totentanz Menschheit, vorgetragen mit ausschweifender Lakonie, die nie ihr Anliegen vergisst. Katastrophen wird ruhig begegnet – man ist im Widerstand, nicht in Panik.

„Bei Adam und Eva anfangen“ ist hier nicht sprichwörtlich, sondern buchstäblich gemeint. Kirchenfenster zeigen Sündenfall und Paradiesvertreibung zu Bachs Orgelkompositionen. Dann werden Renaissance-Maler wie Dürer, Grünewald oder Hans Holbein der Jüngere gegen Fürsten und Bischöfe und für aufbegehrende Bauern in Stellung gebracht. Darwin erforscht die Evolution, Wissenschaftler wie Einstein und Oppenheimer erfinden und bekämpfen die Atombombe. Jahrhunderte in Minuten. Eine Suche nach Spuren des Vergangenen und dem Wetterleuchten des kommenden Widerstands. Eine Geschichte der sozialen und der ökonomischen Verhältnisse; eine Kunstgeschichte und eine Geschichte, die sich in der Kunst widerspiegelt. Die verschiedenen Epochen bringen neue Arten von Bildern hervor, ebenso wie die Bilder neue Ideen beflügeln. Eine Welt voll von Altarretabeln, Chalkographien, Pestblättern und Bleiglasfenstern ist eine andere als eine mit Farbfotografien, Fernsehsendungen und Atombomben.

Ein Film voller Denkangebote: Die Wasserstoffbombe als Sündenfall, Grundeigentum als Sündenfall – „Als die Menschen begannen, Boden zu besitzen, gerieten sie in die Macht des Teufels.“ Jesus als gemarterter Bauer, Atomgegner als Nachfolger von Renaissance-Malern. Die verschiedenen Abschnitte des Films folgen ohne Zwang aufeinander. Die Bilder sind kontingent und damit auch frei, von Peter Nestler lernt man, sich notfalls einfach zu nehmen, was man braucht oder interessant findet. Chronologie ordnet provisorisch die Assoziationspunkte. Vom Baum der Erkenntnis lernt der Mensch die Scham und die Unterscheidung von Gut und Böse. Wissen ist gefährlich, die Lektion ist früh gelernt und gräbt sich als Sorgenfalte in Einsteins Gesicht. Nestler ergänzt zwischen den Zeilen einen entscheidenden Punkt: Gefährlich für wen? Vielleicht ließe sich die Gefahr neu verteilen, eindämmen und bündeln.

Die große Bewegung durch die Zeitalter zerfällt in viele kleine Regungen des Blicks. Die Kamera fährt über den sterbenden Körper Jesu wie die Hände des heiligen Thomas, der nach den Nägelmalen tastet. Eine vertikale Fahrt lässt sie mit dem Papst ins Höllenfeuer stürzen, eine horizontale Bewegung lässt ein Heer marschieren. An Atomschurken Edward Teller rückt sie mit einem Crashzoom heran, als wolle sie ihm an die Gurgel gehen. Die Gefährlichen verdienen die Gefahr des Wissens. Aber benutzen sie es, werden sie von den Konsequenzen abgeschirmt. „Der Atombomberpilot bekam eine Medaille und wurde als Held gefeiert.“

„Aber Gedanken und Ideen kann man nicht töten“. Ein Satz, der aus einem Engelsbild von Dürer aufsteigt. Er erscheint hoffnungsvoll, bis man doch wieder die Drohung erkennt.