Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Notizen zu Peter Nestler: Hiroshima – framför oss?

Text: Lucas Barwenczik

Die Wahr­neh­mung des Schre­ckens ist ein Regen­bo­gen. Es fällt den Über­le­ben­den schwer, sich auf eine Far­be zu eini­gen. Dem Sechst­kläss­ler Mit­suku­ni Aki­ya­ma erschien der Licht­blitz am Him­mel in rei­nem Weiß, fast Sil­ber. Sei­ne Mut­ter spricht von Rot, sei­ne Schwes­ter will Gold gese­hen haben. Der Fünft­kläss­ler Eiko Mats­una­ga beschreibt Oran­ge, der Him­mel der Zwölft­kläss­le­rin Yuri­ko Saku­rai füllt sich mit einer Fall­schirm­wol­ke in Pink und Lila. Die Schü­le­rin­nen und Schü­ler for­men ihre Erin­ne­rung sechs Jah­re nach dem 6. August 1945 zu Auf­sät­zen für das Buch Kin­der von Hiro­shi­ma, her­aus­ge­ge­ben von dem Päd­ago­gen Ara­ta Osada.

Die zwei­te Aus­ga­be des offi­zi­el­len Scha­dens­be­richts zum ers­ten Kriegs­ein­satz einer Atom­waf­fe beschreibt eben­falls „wun­der­vol­le Far­ben, wie von einem Regen­bo­gen“, und auch das Gemäl­de eines Kin­des in Hiro­shi­ma – fram­för oss? von Peter Nest­ler zeigt genau das. Die Explo­si­on von „Litt­le Boy“ als ein Regen­bo­gen, aber mit zu vie­len und Fehl­far­ben, zu kon­zen­tri­schen Krei­sen ver­dop­pelt. Der klei­ne Jun­ge hat den Him­mel ver­las­sen und erfüllt die Welt, wie in einer die­ser Kin­der­zeich­nun­gen, in der der Vater selbst Häu­ser über­ragt, nur dass ein Erwach­se­ner es wohl ähn­lich illus­trie­ren würde.

Die­ser Schul­film von Nest­ler beginnt in schwarz­weiß und wird far­big, wenn der neu­tra­len Erzäh­ler den erzähl­ten Erin­ne­run­gen der Kin­der weicht. Auf drei farb­lo­se Foto­gra­fien (Rauch­wol­ken zie­hen über Häu­ser; die Trüm­mer einer Stadt; ein Kind mit einem ver­brann­ten Gesicht) fol­gen fünf­zehn bun­te Illus­tra­tio­nen, die eben­falls Tod und Ver­wüs­tung zei­gen. Im Film sieht man zuerst die Fak­ten, dann die Wahr­heit. Sie wer­den gegen­über­ge­stellt und man fragt sich, was dazwi­schen pas­siert. Die­ser Über­gang ist die Auf­ga­be eines Leh­rers und manch­mal auch die eines Fil­me­ma­chers, der nicht ein­fach beschrei­ben will. 

Aus Dut­zen­den von Stim­men in Osa­das Buch wählt Nest­ler drei aus: den Viert­kläss­ler Tomoy­u­ki Satoh, die Fünft­kläss­le­rin Sanae Kanoh – bei­de im Jahr 1945 vier Jah­re alt– und Sachi­ko Habu, ein Jahr älter. Ihre Namen wer­den nicht genannt, sie zäh­len zu den jüngs­ten Befrag­ten. Im Gegen­satz zu den Älte­ren fehlt ihren Beschrei­bun­gen das Pathos, das Form­be­wusst­sein, sie schrei­ben in knap­pen Meurs­ault-Sät­zen. „Dann wur­de Groß­mutter von einem Tür­pfos­ten getrof­fen und starb.“ Oder auch: „Mei­ne Mut­ter wur­de in wei­ße Kno­chen ver­wan­delt.“ Far­ben spie­len eine gro­ße Rol­le in der Beschrei­bung der Ereig­nis­se. Kör­per neh­men unge­wohn­te Tönun­gen an, das Fir­ma­ment wird zur Lein­wand. Soll­te die Welt irgend­wann enden, wird zuletzt jemand die Far­be des Him­mels festhalten.

Hiro­shi­ma – fram­för oss? fragt, ob uns das­sel­be Schick­sal wie den Japa­nern bevor­steht. Ein dro­hen­des Fra­ge­zei­chen. Ein Film, aus dem nuklea­re Angst und Nest­lers lie­ben­der Zorn, den es zur Ver­bün­dung treibt, spre­chen und nach dem Unbe­greif­li­chen tas­tet. Asso­zia­ti­ves Unbe­ha­gen: „Litt­le Boy“ tötet klei­ne Jun­gen und die Atom­ex­plo­si­on fun­kelt schön wie ein Regen­bo­gen. Als wür­de Gott im Buch Mose nach der Sint­flut sei­nen Bund mit den Men­schen sofort wie­der bre­chen.
Päd­ago­gik heißt hier, Kin­dern etwas zuzu­trau­en, Augen­hö­he schaf­fen, ohne in die Knie zu gehen. Sie zu ande­ren Kin­dern und durch sie spre­chen zu las­sen – japa­ni­sche Kin­der bekom­men schwe­di­schen Stim­men, ein deut­scher Doku­men­tar­fil­mer befragt einen japa­ni­schen Rek­tor, der sein Leben den Ideen eines schwei­ze­ri­schen Schul­re­for­mers gewid­met hat. Noch ein Regen­bo­gen, schil­lernd, das Pro­dukt von Licht und Tränen.