Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Notizen zu Peter Nestler: I Ruhromradet

Text: Alex­an­der Scholz

Am Ende des Films sehen wir eine Demons­tra­ti­on. Wir bli­cken in wüten­de, ver­un­si­cher­te Gesich­ter, auf mar­tia­li­sche Ban­ner. Bil­der einer Mas­se. Die­se ist nicht von außen zu sehen, wird nicht als abge­schlos­se­ne oder ein­heit­li­che, etwa pro­le­ta­ri­sche, sicht­bar. Sie scheint offen zu sein. Es ist mög­lich, sich ihr anzuschließen.

Poli­ti­sie­rung, eine Bewe­gung, als Poten­zi­al: als immer wie­der still­ge­leg­te, aber nie­mals tot zu krie­gen­de Mög­lich­keit, dafür ein­zu­tre­ten, dass die Din­ge sich ändern. Für ande­re ein­tre­ten und Soli­da­ri­tät erfah­ren. Davon erzählt Nest­lers Film. Sei­ne Wahr­heit ist mit Wut und Frus­tra­ti­on bela­den, trägt aber auch eine Hoffnung.

Das gilt das Ruhr­ge­biet, den Ort, den Nest­ler zusam­men mit Rai­nald Schnell erkun­det, wie für die Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen des Films. Es ist sei­ne ers­te Arbeit für das schwe­di­sche Fern­se­hen. Nach dem anti­fa­schis­ti­schen Von Grie­chen­land war in Deutsch­land kaum jemand mehr bereit, mit Nest­ler zu arbei­ten. Er emi­grier­te. Für das schwe­di­sche Fern­se­hen ent­stand sodann – kon­se­quen­ter­wei­se – ein Film über den Kampf gegen den Faschis­mus in Deutschland.

Nest­ler über­lässt es dar­in den Men­schen im Ruhr­ge­biet, ihre Geschich­ten zu erzäh­len. Denen, die im Eisen- und Stahl­röh­ren­werk 5,25 Mark in der Stun­de ver­die­nen und das Geld für ihre Fami­lie in der Tür­kei zur Sei­te legen. Den Satt­lern und Berg­leu­ten. In die Mon­ta­ge ihrer Erzäh­lun­gen schleicht sich lei­se der Tod ein. Das unbarm­her­zi­ge Andau­ern einer Ver­gan­gen­heit schält Nest­ler behut­sam aus den Wor­ten sei­ner Gegen­über. Die Rede ist von Kum­peln, die unter Tage blie­ben, von Hal­den, deren nicht lösch­ba­res Feu­er noch heu­te gif­ti­ge Wol­ken über die Arbei­ter­sied­lun­gen legt. Wie neben­bei schaut ein Mann miss­trau­isch gen Him­mel, als ein Flug­zeug­mo­tor zu hören ist. Spä­ter statt Andeu­tun­gen, kon­kre­te Geschich­ten anti­fa­schis­ti­scher Kämp­fe im Ruhr­ge­biet: Ein Vete­ran der Roten Ruhr­ar­mee berich­tet vom Kapp-Putsch, Kom­mu­nis­ten von ihrem Kampf gegen Hit­ler. Sie spre­chen von bru­ta­ler Repres­si­on und vom Oppor­tu­nis­mus mit­tel­stän­di­scher Profitgier.

In den Wor­ten der Män­ner wird ein Über­schuss an Erfah­rung spür­bar, für den die neue Zeit noch kei­ne Spra­che hat. Die ver­än­der­te Gegen­wart unter­bricht irri­tie­rend die Erzäh­lun­gen der Alten: Kurz lesen wir Illus­trier­te, hören Rock’n’Roll, sehen Frau­en tan­zen. Neue Zer­streu­ung neben der Erin­ne­rung an alte Ver­samm­lun­gen. Die Män­ner sagen indes steif ihr Leben auf, ver­le­sen Vor­be­rei­te­tes. Was hier gespro­chen wird, ist ihnen wich­tig, sie wol­len prä­zi­se sein. Oft gefragt wer­den sie danach offen­bar nicht.

Nest­lers Film nimmt ihre Prä­zi­si­on, ihre Stim­me, in sei­ner auf. Er über­blen­det das Ruhr­deutsch der Anti­fa­schis­ten mit dem Spa­nisch und Tür­kisch der soge­nann­ten Gastarbeiter:innen und mit sei­ner Off-Stim­me, legt die Bil­der dar­ben­der Fabri­ken über die Kla­gen einer neu­en Arbeiter:innenschaft, die im Begriff ist, gegen­ein­an­der aus­ge­spielt zu wer­den. Nest­ler ver­län­gert die Geschich­ten der Anti­fa­schis­ten nicht ein­fach in die Gegen­wart, son­dern zwingt uns, Geschich­te ins­ge­samt nicht als abge­schlos­se­ne zu betrach­ten. Sie dau­ert an und erlaubt Ein­grif­fe. In Nest­lers Mon­ta­ge arti­ku­liert sich eine so unbe­que­me wie hoff­nungs­vol­le his­to­ri­sche Dia­lek­tik: Es ist immer noch an uns, etwas zu tun. Des­halb bie­tet uns I Ruhr­om­rå­det einen Platz in sei­ner Mit­te an. Nicht, weil der Autor weiß, was zu tun wäre, uns akti­vis­tisch über­zeu­gen will. Son­dern weil er uns dar­an erin­nern will, dass es dabei etwas zu gewin­nen gibt.