Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Notizen zu Peter Nestler: Uppför Donau

Text von: Hele­na Wittmann

Ein Fle­cken Gras, an dem Was­ser vor­bei­strömt. Das Was­ser ist klar und durch die Strö­mung lässt sich auf den bräun­li­chen Grund bli­cken: Ein Gemisch aus Erde und Sand. An der Böschung ste­hen eini­ge Wild­blu­men im Gras. Ihre gel­ben Blü­ten lie­gen in der Unschär­fe, sie sind klein und unauf­fäl­lig. Eigent­lich ist das gan­ze Bild unauf­fäl­lig, unschein­bar. Aber es ist das letz­te Bild in die­sem halb­stün­di­gen Film von Peter Nest­ler und damit hat es einen beson­de­ren Platz. Wäh­rend das Was­ser durch die Bil­de­cke strömt, hören wir ein Lied. Kin­der sin­gen mit hel­len Stim­men im Chor: Der Wind weht von der Donau… Es ist das­sel­be Lied und es sind die glei­chen Stim­men, mit denen der Film beginnt. Es schließt sich trotz­dem kein Kreis vom Ende des Films zu sei­nem Anfang. Viel eher führt sich eine Bewe­gung fort, die durch den Film selbst in Gang gesetzt wur­de. Der Refrain des Lieds könn­te sich ewig wie­der­ho­len. Über die Zeit hin­weg wür­den Kin­der lang­sam zu Erwach­se­nen und Jün­ge­re ihren Platz im Chor ein­neh­men. Die Geschich­te vom Wind, der von der Donau weht, wür­de so ewig wei­ter­ge­tra­gen. Im gemein­sa­men Sin­gen liegt eine kör­per­li­che Kraft. Man stimmt sich auf­ein­an­der ein, man syn­chro­ni­siert sich, man fin­det zu Gemein­sam­keit und Gesell­schaft. Mono­to­ne Arbeit wird erleich­tert, wie auch das Mar­schie­ren von Sol­da­ten. Oder auch der Wider­stand dage­gen. All das kommt vor in den zahl­rei­chen Anek­do­ten und Erzäh­lun­gen, die im Film ihren Platz fin­den. Sie wir­ken wie Fund­stü­cke unter­schied­li­cher Form, Far­be und Grö­ße, die Peter Nest­ler auf sei­nem Weg die Donau rauf ein­ge­sam­melt hat. Als wür­de der Fluss sie nicht fort­spü­len, son­dern im Umlauf hal­ten. Den Men­schen, die er im Bild zeigt, begeg­net er direkt und unvor­ein­ge­nom­men. Am Fluss­ufer in Buda­pest erzählt ihm ein Mann, dass er zum Stu­die­ren aus Biaf­ra in die Stadt gekom­men sei. Ein Ande­rer sitzt mit nack­tem Ober­kör­per an Deck eines Bin­nen­schif­fes, wäh­rend die Strö­mung an ihm vor­über­zieht. Im Klas­sen­zim­mer trägt ein Jun­ge Geschich­te vor. Er steht auf­recht, die ande­ren Kin­der sit­zen, alle bli­cken nach vor­ne. Die Geschich­te wur­de geschrie­ben, jetzt wird sie gelernt, geübt, auf­ge­sagt und ver­in­ner­licht. Ein Kapi­tän berich­tet von sei­nem Leben auf dem Fluss, eine Frau berei­tet Essen in der Kom­bü­se zu, Werft­ar­bei­ter set­zen ein Schiff in Stand. Manch einer angelt. Die Donau rauf, die Donau run­ter: Für die Bezie­hung zwi­schen den Men­schen und dem Fluss spie­len die Schif­fe eine ent­schei­den­de Rol­le. Wir sehen also vie­le Schif­fe. Und am Anfang des Fil­mes for­men zwei Hän­de einen Krug auf einer sich gleich­mä­ßig dre­hen­den Töp­fer­schei­be. Jedes­mal fühlt es sich auch für uns wie eine kur­ze per­sön­li­che Begeg­nung an. Es ist ein beson­de­res Gefühl der Gleich­be­rech­ti­gung, die sich mit der Zeit in die­sem Film her­stellt. Nichts wird ver­ein­heit­licht. Alles ver­dient unse­re Auf­merk­sam­keit. Ein Fle­cken Gras, an dem Was­ser vor­bei­strömt, bräun­li­cher Grund, klei­ne gel­be Blü­ten am Ufer. Ein eigen­tüm­lich schö­nes Bild der Donau.