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„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Notizen zu Peter Nestler: Unrecht und Widerstand

Text: Loui­se von Plessen

Peter Nest­ler hat Doku­men­tar­fil­me gedreht. Er hat auch Doku­men­te her­ge­stellt. Nicht jeder Doku­men­tar­film ist ein Doku­ment. Wann immer his­to­ri­sche Dring­lich­keit auf­kam, hat er audio­vi­su­el­le Bewei­se geschaf­fen. In Unrecht und Wider­stand – Roma­ni Rose und die Bür­ger­rechts­be­we­gung (2022) geht es nicht nur um den erst 1982 offi­zi­ell aner­kann­ten Holo­caust an ca. fünf­hun­dert­tau­send Sin­ti und Roma, son­dern auch um die erschre­cken­de Fort­set­zung der Ver­fol­gung, Ver­drän­gung und Ver­teu­fe­lung die­ser Min­der­heit im Nachkriegsdeutschland. 

Laut Clau­de Lanz­mann bestand und besteht das Pro­blem bei der fil­mi­schen Auf­ar­bei­tung des Holo­causts dar­in, dass ein und das­sel­be Archiv je nach Bear­bei­ter unter­schied­lich inter­pre­tiert wird. Dar­aus ent­steht die Not­wen­dig­keit, ein Archiv, ein Doku­ment zu schaf­fen und es im Pro­zess des Fil­me­ma­chens zu inter­pre­tie­ren. Hier setzt Peter Nest­ler an, stützt sich auf his­to­ri­sches Archiv­ma­te­ri­al, mit dem Ziel, dass das Archiv von und für die Men­schen, die das Unrecht erlit­ten haben, zugäng­lich gemacht und inter­pre­tiert wird. Nest­ler legt die­sen Kampf der Sin­ti und Roma um den Zugang zu ihrer und unse­rer deut­schen Geschich­te frei. Nach­dem 1981 acht­zehn Über­le­ben­de den Archiv­kel­ler der Uni­ver­si­tät Tübin­gen besetzt hat­ten, hin­ter des­sen Tür das soge­nann­te „NS-Zigeu­ner-Archiv“ der „Ras­sen­hy­gie­ni­schen For­schungs­stel­le“ aus der gesell­schaft­li­chen Erin­ne­rung und dem his­to­ri­schen Gedächt­nis ver­drängt wor­den war, wur­de die­ses in das Bun­des­ar­chiv über­führt. Die­se Grund­la­ge für den Holo­caust an den Sin­ti und Roma nach 1945 wur­de jenen Wis­sen­schaft­lern und Beam­ten über­las­sen, die sie im Drit­ten Reich erstellt hat­ten, und mit neu­en Daten­ban­ken wei­ter­ge­führt. Dass die Täter aus dem Reichs­si­cher­heits­haupt­amt unmit­tel­bar mit den Ent­schä­di­gungs­be­hör­den zusam­men­ar­bei­te­ten, ist unfass­bar. Es sind die­se akri­bisch ermit­tel­ten Fak­ten, die das Gewicht von Unrecht und Wider­stand in das eige­ne Bewusst­sein fest­set­zen und den schmerz­haf­ten, kon­se­quen­ten Weg der Sin­ti und Roma aus der ras­sis­ti­schen Kri­mi­na­li­sie­rung, Stig­ma­ti­sie­rung und Schuld­um­kehr in die ent­schie­de­ne Bür­ger­rechts­be­we­gung vermitteln. 

Roma­ni Rose, Vor­sit­zen­der des 1982 gegrün­de­ten Zen­tral­rats Deut­scher Sin­ti und Roma, arbei­tet klar und wort­ge­wandt acht Jahr­zehn­te der Ver­leug­nung, des Unrechts, der Recht­lo­sig­keit und des Wider­stands auf. Die bemer­kens­wer­te Klar­heit sei­ner Aus­sa­gen, in his­to­ri­schen Archiv­auf­nah­men wie in neu­en Inter­views prä­sen­tiert, macht die Zeit­sprün­ge fast unsicht­bar. Nest­ler lässt die Wor­te für sich ste­hen, fügt Fotos ein als visu­el­le Ent­wür­fe, um eine Aus­sa­ge zu unter­mau­ern, will die Erin­ne­rung in ein Doku­ment ver­wan­deln. Eben­so auf­schluss­reich sind die Wor­te der Ver­leug­nung, etwa wenn Dr. Eva Jus­tin, eine lei­ten­de „Ras­sen­for­sche­rin“ im Drit­ten Reich, ihre Ver­gan­gen­heit ver­tei­digt: „Es ist für mich nicht leicht, mich jetzt glaub­wür­dig auszudrücken.“ 

Mit Zigeu­ner sein wid­me­ten sich Zsó­ka und Peter Nest­ler 1970 erst­mals die­ser his­to­ri­schen Frei­le­gung, als die Auf­ar­bei­tung des Holo­causts an den Sin­ti und Roma noch in Poli­tik, Gesell­schaft, Wis­sen­schaft, Kul­tur und an den his­to­ri­schen Orten ver­hin­dert wur­de: „Die wir ‚Zigeu­ner’ nen­nen, bezeich­nen sich als ‚Roma’, das heißt ‚Men­schen’. Vie­le von ihnen bekom­men Angst, wenn sie das Wort ‚Zigeu­ner’ hören. Sie fürch­ten, alles kön­ne sich wie­der­ho­len.“ Nest­ler schafft einen wür­de­vol­len Rah­men: Das bis heu­te anhal­ten­de, seit Jahr­hun­der­ten exis­tie­ren­de Zerr­bild des ras­sis­tisch kri­mi­na­li­sier­ten, gleich­zei­tig roman­ti­sier­ten Frem­den wan­delt sich in ein Bild selbst­be­stimm­ter Mit­men­schen, deren Geschich­te und Trau­ma­ta, Kul­tur und Lebens­wei­se als Teil unse­rer deut­schen Geschich­te anzu­er­ken­nen sind. Unrecht und Wider­stand macht mit den Wor­ten Simo­ne Veils deut­lich, dass die Asche der Juden und der Sin­ti und Roma, die im Holo­caust ermor­det wur­den, nicht mehr zu tren­nen ist. Der Auf­ruf für alle Zeit: Unser Erken­nen und das Wie­der-Erken­nen von Unrecht und Wider­stand zu schärfen.