Notizen zu Peter Nestler: Att Vara Zigenare

Text: Bianca Jasmina Rauch

Peter und Zsóka Nestler hörten zu und schauten hin, lange bevor es andere gemacht haben. Wenn Journalisten zu den Wohnstätten kämen, gibt Nestler wieder, während die Kamera sich in einer Düsseldorfer Siedlung für Sinti*zze und Rom*nja umschaut, mögen sie zwar „die Wahrheit“ sehen, danach aber schrieben sie verklärt von „Romantik“ und „Wandertrieb“. Die Wahrheit steht der Ignoranz und systematischen Diskriminierung einer Bevölkerungsgruppe gegenüber, die in Deutschland seit dem 15. Jahrhundert verfolgt und als Bürger*innen zweiter Klasse von staatlicher Anerkennung und wirtschaftlicher Integration ausgeschlossen wird. Nestlers Stimme problematisiert die titelgebende Bezeichnung und bringt zunächst die fragmentierte Geschichte eines Volkes nahe, während eine Zeichnung nach der anderen vor die, teils mitschweifende, Kameralinse gelegt wird. Es sind auf Papier gebrachte Impressionen von Otto Pankow, der vor der Machtergreifung der Nazis einige Jahre mit Sinti*zze und Rom*nja verbracht hatte: Personen mal in der vermeintlichen Idylle weiter Flächen, mal in eher beklemmend wirkender Isolation. Im Gegensatz zu Pankows Bildern zeugen die meisten Darstellungen von Sinti*zze und Rom*nja von Stereotypen und sind Ausdruck antiziganistischer Verhetzung.

Att vara zigenare widmet sich, ausgehend von der NS-Zeit, den Erinnerungsberichten von Zeitzeug*innen. Vom österreichischen Burgenland geht es über Straubing, München, Freiburg, Düsseldorf zu Menschen, deren Erlebnisse in Worten kaum zu fassen sind. In meist statischen Sequenzen sprechen sie vor der Kamera, großteils sitzend, ihre Namen erfahren wir nicht. Ein feinfühliger Austausch scheint um diese gefilmten Begegnungen passiert zu sein. Ruhe und eine Müdigkeit ob der Vergangenheit und ihres Hineinreichens in die Gegenwart prägen die Schilderungen. Nicht alle wollen oder können sprechen. Nach der Befreiung der Konzentrationslager wussten sie nicht wohin, berichten einige. Sie schliefen weiter in den Baracken der KZs. Entzogene Staatsbürgerschaften, die Verweigerung von notwendigen Papieren vonseiten der Bürokratie, giftige Vorurteile der dominanten Bevölkerungsgruppen hinderten sie daran, wieder zurück ins Leben zu kehren. Keine Listen, Zahlen und „Entschädigungen“ können wieder gut machen, was den Menschen widerfuhr. Es sind, immer wieder, beschönigende Worthülsen der Politik, die über die Unüberwindbarkeit von Traumata hinwegtäuschen und den Status von Randgruppen erhalten wollen. Man kann sich fragen, auf welche Werte sich eine demokratische Gesellschaft stützt, wenn sie denjenigen, die sie an die Ränder ihrer Geschichte gedrängt hat, nicht zuhört, wenn sie nicht all ihren Mitgliedern Anspruch auf Recht gewährt und ihre Wunden anerkennt. Der Widerstandskämpfer Hermann Langbein (namentlich genannt) schildert die verfehlten Zahlungen von Siemens an die Sinti*zze- und Rom*nja-Zwangsarbeiter*innen, eine für das Unternehmen wirtschaftlich schlichtweg uninteressante Gruppe, und die im Vergleich zu anderen Inhaftierten noch menschenverachtenderen Zustände der KZ-Lagerabteilungen für Sinti*zze und Rom*nja. Es betrübt, wie Langbein über Steigerungen von Grausamkeiten nachdenken zu müssen.

Erst zwölf Jahre nach Erscheinen dieses Films der Nestlers erkannte Deutschland die Verbrechen gegenüber der Sinti*zze und Rom*nja während der NS-Zeit an. 2022 stellte Nestler seinen Film Unrecht und Widerstand – Romani Rose und die Bürgerrechtsbewegung fertig, der historisch dort ansetzt, wo Att vara zigenare zum Ende kommt. Ein Ende, das zugleich auch einen Beginn für eine fortdauernde Auseinandersetzung der Nestlers mit der Geschichte der Sinti*zze und Rom*nja markierte. Ergänzend zu empfehlen sei an dieser Stelle auch die langjährige Arbeit zum Thema von Karin Berger, besonders ihr Porträt Ceija Stojka.