Notizen zu Peter Nestler: Von Griechenland

Text: Alejandro Bachmann

Von Griechenland. Nicht über. Nicht in. Nicht aus. Nestler erzählt von dem Land und impliziert damit auch ein an, das das von als Ausgangspunkt einer gerichteten Botschaft immer mit meint. Griechenland hat etwas zu berichten, der Film versteht sich als Nachricht, nur: an wen? Zuerst einmal an ein Publikum in Deutschland, das am 16.2.1966 bei den Westdeutschen Kurzfilmtagen, Oberhausen von Griechenland zu hören und zu sehen bekommt. Sonst war der Film wenig zu sehen, „wurde auf organisierten Vorführungen griechischer Arbeiter gezeigt, und Organisationen griechischer Arbeiter in der Bundesrepublik haben Kopien des Films gekauft. Er wurde in Griechenland selbst gezeigt. Aber das sind alles organisierte Vorführungen gewesen“ (Nestler). Nestlers Versuche, den Film bei Fernsehanstalten in Deutschland unterzubringen, scheiterten. „So klar darf man nicht Stellung nehmen. Also so können wir das nicht senden in dieser Form, wir müssen die Objektivität bewahren.“ In Oberhausen waren Menschen erzürnt, das Branchenblatt „Filmecho-Filmwoche“ bezeichnete den Film anschließend als „rein kommunistischen Film“. Dieser begegnet einem Publikum, das fünf Jahre zuvor dem Bau der Mauer beigewohnt hatte, die das Land, den Kontinent, die Welt teilen sollte. Von anderen Seiten wollte man nichts hören. Nestler verlässt – überzeugt nach dieser Erfahrung in der Bundesrepublik nicht mehr Filme machen zu können – das Land und geht nach Schweden. 

Im Kontext seiner Arbeit nimmt der Film damit eine zentrale Stellung ein. Seine Projektion wird retrospektiv betrachtet in besonderer Weise zu einem Jetzt, das die Zeit davor und die Zeit danach aufruft und aufeinander bezieht. In gedanklicher Nähe bestimmt das Ineinander von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auch die kristallklare und – wie immer bei Nestler – schnörkellos präzise Form des zweigeteilten Films. Die Bilder zeigen (mit Ausnahme einer weniger Archivdokumente, Drucke etc.) durchgehend ein Griechenland der Gegenwart im Sommer 1965; das Leben auf dem Land, Arbeit, tendenziell karge Landschaften (in denen zwanzig Jahre zuvor die Partisan*innen kämpften); im zweiten Teil dann Vorbereitungen des politischen Widerstands, die mit Demonstrationen gegen die vorzeitige Ablösung des Ministerpräsidents Georgios Papandreou enden und mit der Beerdigung des ermordeten Studentenführers Sotirios Petroulas zusammen fallen. Die Bilder der Gegenwart durchzieht die Tonspur mit einer chronologischen Geschichte des Landes seit 1940; von der Besetzung durch Nazideutschland und Mussolinis Italien, dem Kampf der EAM für die nationale Befreiung, dem Bürgerkrieg der Jahre 45-49 bis hin eben zur Gegenwart. Die stummen Bilder und der sachliche Ton fallen nur selten direkt ineinander und bestärken gerade darin ihre Untrennbarkeit. Einmal sehen wir die Dolmetscherin des Filmteams im Gespräch mit einer alten Frau und hören dazu von den Gräueltaten der Nazis in Distomo. Als ein Brief der Mutter an den 1948 zum Tode verurteilten Sohn Georgius Petru verlesen wird, sehen wir dazu eine Pinie vor dem Hintergrund des Meeres. „Dieses Dokument wird durch das Bild ]…[ zum Monument, das aus dem Film in die Zeit hineinragt“ (Jürgen Ebert). Wo Gegenwart und Vergangenheit ineinander verschlungen anwesend und zugleich abwesend sind, verlangt die „gespenstische Logik“ (Derrida) das Anrufen des Bevorstehenden: „Der Faschismus muss überwunden werden. Es wird ein freies Griechenland geben. Es lebe das griechische Volk“, beendet Nestler die Nachricht von Griechenland und offenbart so die Adressatin jenseits nationaler Logiken oder spezifischer Publika als: die Zukunft.