Wenn die schönsten Menschen die traurigsten Szenen spielen, scheint es fast so, als hätten sie eine Seele.
Dort wo das Opernhafte, aus allen melodramatischen Poren Schießende für Gelächter im Publikum sorgt, droht das Kino bereits verloren zu sein. Aber diejenigen, die von im künstlichen Licht glänzenden Tränen berührt werden, waren schon immer allein, im Kino und anderswo.
Den Schnee wieder als Wunder begreifen, damit man sich lebendig fühlt.
No spotless white on this earth, wie es einmal bei Nelly Sachs heißt. Viscontis spots sind in Schwarz gehüllte Gestalten aus dem Süden, die vor der Morgendämmerung durch den Mailänder Neuschnee stapfen, den sie noch nie vorher erlebt haben. Wer diese Menschen erkennt, kann etwas von der Würde harter Arbeit begreifen.
In den Totalen wird Theater gespielt, in den Nahen Oper. Dazwischen gibt es Bilder einer Gesellschaft, die noch nicht weiß, ob sie wächst oder abstürzt.
Auch die Boxkämpfe kennen nur diese zwei Einstellungsgrößen. In den Totalen sieht man, wer fällt und wer stehenbleibt. In den Nahen erkennt man, dass beide Kämpfer fallen.
Es reicht, wenn Alain Delons Rocco vor seiner Mutter von den Olivenbäumen in Sizilien spricht. Dann wird einem schlagartig klar, wie fern alles ist, welche Abwesenheit den ganzen Film über gewirkt hat, während man selbst, der diese Erfahrung einer Fremde nicht kennt, sie vergessen hat. Das ist der große Moment des Films, der in der letzten Szene noch einmal wiederholt wird, wenn Visconti vorführt, dass all diese Tragik entsteht, weil die Olivenbäume so weit weg sind.
Sieht man einen Film nach langer Zeit wieder, kann man der eigenen Erinnerung in ihrer Unzuverlässigkeit begegnen. Sie kennt keine Chronologie, keine Kausalität, nur das unmittelbare Auftauchen einer Geste, von der man glaubt, sie vor tausend Jahren einmal selbst gemacht zu haben.
Wie unerheblich es ist für den Film, dass die italienischen Menschen großteils von nicht-italienischen Darstellern gespielt werden. Visconti greift nach der Essenz einer menschlichen Erfahrung, die in Italien durchlebt wird, nicht nach der Essenz einer italienischen Erfahrung, die von Menschen dargestellt wird.
Die sadistische Lust an den geschundenen Körpern des Südens. Als Boxmanager Duilio Morini (Roger Hanin), den torkelnden Simone (Renato Salvatori) in seiner Wohnung abfüllt, um ihn gefügig zu machen, übt Visconti auch Selbstkritik, zumindest spiegelt er ein Begehren, das den ganzen Film über mitschwingt. Das Begehren der kultivierten Welt nach dem, was ihr naiv und schmutzig erscheint. Hier öffnet sich ein Abgrund, der weit über die melodramatische Gesellschaftsanalyse hinausreicht.
Menschen, die verstecken, wer sie sind, damit sie begehren können und einer unter ihnen, der Idiot, der Held, der nichts versteckt und alles verliert.
Er glaube nicht an die menschliche Gerechtigkeit, sagt Rocco. Erst verstehe ich diesen Satz aus einem katholischen Idealismus heraus, dann kommt es mir vor, als würde man nicht das Menschliche gegen das Göttliche sondern das Gerechte gegen das Ungerechte eintauschen müssen. Ein Fatalismus herrscht. Lasst die Dinge geschehen, wir Leben eben in einer ungerechten Welt. Die bessere Zukunft, von der gesprochen wird, meint eigentlich eine Vergangenheit, eine Rückkehr in die Heimat.

