Schwar­ze Kör­per waren in der Geschich­te der Kine­ma­to­gra­phie zumeist Fremd­kör­per. Zunächst hat­te das tech­ni­sche Grün­de; die schwar­ze Haut eig­ne sich nicht für Film­auf­nah­men sag­te man. Tat­säch­lich waren Beleuch­tungs- und Farb­sche­ma­ta für wei­ße Schau­spie­ler kon­zi­piert. In ers­ter Linie dien­ten die­se vor­ge­scho­be­nen tech­ni­schen Schwie­rig­kei­ten als beque­me Begrün­dung für die Mar­gi­na­li­sie­rung schwar­zer Kör­per in der Film­in­dus­trie. Film war und ist ein Medi­um des wei­ßen Man­nes, sowohl auf Pro­duk­ti­ons- als auch auf Rezep­ti­ons­ebe­ne. Der Schwar­ze ist folg­lich fremd­ar­tig, einer der anders ist und nicht dazu­ge­hört, sowohl auf der Lein­wand, als auch im Publi­kum. Er ist eine Schat­ten­ge­stalt, die sich nicht zurecht­fin­det im künst­li­chen Schein­wer­fer­licht der Film­in­dus­trie. Immer wie­der ver­su­chen sich muti­ge und expe­ri­men­tier­freu­di­ge Fil­me­ma­cher dar­an die­se For­mel umzu­keh­ren. Lar­ry Clark ist einer von ihnen. Er stu­dier­te in den 70er Jah­ren an der UCLA an der Sei­te ande­rer jun­ger Afro­ame­ri­ka­ner. Die Grup­pe, die sich damals dort for­mier­te, ging als L.A. Rebel­li­on in die Film­ge­schich­te ein und unter die­ser Bezeich­nung wer­den ihre Fil­me zur­zeit im Arse­nal Kino gezeigt (zuvor war die Schau schon im Öster­rei­chi­schen Film­mu­se­um zu Gast gewesen).

Passing Through von Larry Clark

Pas­sing Through ent­stand als Abschluss­film an der UCLA, als Clark noch kei­ne drei­ßig Jah­re alt war. Umso beein­dru­cken­der, dass Clark für den Film eine ganz eige­ne Film­spra­che ent­wi­ckelt, abseits der aus­ge­tre­te­nen Pfa­de des kom­mer­zi­el­len Kinos und des euro­päi­schen Autoren­ki­nos. Er stellt die schwar­ze Haut in den Mit­tel­punkt, arbei­tet sich an ihrer Tex­tur ab, ver­sucht die Struk­tur des Zel­lu­loids, das jahr­zehn­te­lang an die Bedürf­nis­se wei­ßer Haut ange­passt wor­den ist, zu bre­chen. Das Unver­ein­ba­re soll gebän­digt wer­den. Schwar­ze Haut, schwar­ze Gesich­ter, schwar­ze See­len sol­len sicht­bar gemacht werden.

Zunächst inter­es­siert sich Clark für die Gesich­ter selbst. In gedul­di­gen Groß­auf­nah­men erforscht er ihre Tex­tur. Eine gan­ze Palet­te an Braun­tö­nen offen­bart sich; Clark bringt das Zel­lu­loid an die Gren­zen sei­ner Leis­tungs­fä­hig­keit. Die Kon­trast und die Schat­tie­run­gen im Gesicht stu­diert er eben­so minu­ti­ös – er rich­tet sei­ne Kame­ra auf die magi­schen Stel­len, wo Haut in Haar über­geht, oder wo klei­ne Fal­ten mar­kan­te Schat­ten wer­fen. Schließ­lich ent­zieht er ihnen voll­ends die Far­be, lässt die Kör­per als Sil­hou­et­ten vor den Rot- und Gelb­tö­nen der Schlaf­zim­mer­wand auf­tre­ten wie ein meis­ter­haf­ter Schat­ten­spie­ler – nur um spä­ter das Ver­hält­nis kom­plett umzu­keh­ren: vor pech­schwar­zen Hin­ter­grün­den erstrah­len dann die Gesich­ter engels­gleich in flä­chi­gen Tableaus. Was zuvor als dun­kel wahr­ge­nom­men wur­de, ist nun das abso­lut Hel­le. Die­se dia­lek­ti­sche Logik der Kom­po­si­ti­on ist der Schlüs­sel zu Pas­sing Through. Immer wie­der ver­schmel­zen Gesich­ter und Kör­per – mit dem Rot der Vor­hän­ge und Wän­de, mit den Schat­ten des nächt­li­chen Los Ange­les; sie lösen sich auf im fah­len Büh­nen­licht des Jazz­clubs und in den Grau‑, Grün- und Braun­tö­nen von Stadt und Natur. Grel­le Far­ben schei­nen in die­ser Welt nicht zu exis­tie­ren. Wie die weni­gen wei­ßen Gesich­ter haben sie kei­nen Platz in die­sem Los Ange­les und Clarks Film­äs­the­tik. Es ist eine Welt der har­mo­ni­schen Über­gän­ge – selbst die oben beschrie­be­nen Kon­tras­te strah­len eine Wär­me aus, die der bru­ta­len Dicho­to­mie von wei­ßen Gesich­tern und moder­nem Groß­stadt­de­sign fehlt. Ein Wider­spruch scheint sich auf­zu­tun. In der Welt des wei­ßen Man­nes war der Schwar­ze sei­ner Sicht­bar­keit beraubt, nun löst er sich in sei­ner Umwelt auf. Aber viel­leicht ist die­ses Auf­lö­sen kein Zei­chen dafür, dass er noch immer Fremd­kör­per ist und abge­sto­ßen wird, son­dern gera­de, dass er end­lich sei­ne Bestim­mung gefun­den hat. Er nimmt sowohl den phy­si­schen Raum, als auch den Klang­raum für sich in Anspruch und durch­dringt bei­de voll und ganz. Sein Kör­per ist rei­ne Vibra­ti­on, die sich in Form von Bewe­gun­gen, Farb­nu­an­cen und den musi­ka­li­schen Rhyth­men des Free Jazz auf dem Film­bild aus­brei­tet wie sanf­te Wel­len auf einem glas­kla­ren Berg­see. Die schwar­zen Kör­per eman­zi­pie­ren sich von einem Appa­rat, der ihnen feind­lich gesinnt ist, so wie sich auf der Hand­lungs­ebe­ne eine Grup­pe von afro-ame­ri­ka­ni­schen Musi­kern von der wei­ßen Musik­in­dus­trie eman­zi­piert – sie erhe­ben Anspruch auf ihre Musik, sie erhe­ben Anspruch auf ihre Kör­per, sie erhe­ben Anspruch auf ihre Stadt, sie erhe­ben Anspruch auf ihre Welt.

Pas­sing Through ist mehr als nur irgend­ein Abschluss­film eines afro-ame­ri­ka­ni­schen Film­stu­den­ten. Es ist ein Lexi­kon einer alter­na­ti­ven Film­spra­che. Ein Film im Geis­te von Jean Rouch und Glau­ber Rocha – höchst unter­schied­li­che Fil­me­ma­cher, die jedoch ihr Wil­le eint, eine Kine­ma­to­gra­phie des Schwar­zen Kör­pers, abseits hege­mo­nia­ler Struk­tu­ren zu ent­wi­ckeln (eine Zweck­ent­frem­dung des wei­ßen Appa­rats) – und in die­ser Hin­sicht kein sin­gu­lä­res Ereig­nis, son­dern Teil eines Kanons der Sicht­bar­ma­chung des Unsichtbaren.

Passing Through von Larry Clark