Mehr als Kirschblüten und rote Bohnen: An von Naomi Kawase

Die ersten Momente in Naomi Kawases An sind der nüchternen Beschreibung der Lebenswelt Sentaros gewidmet. Er ist Geschäftsführer einer Imbissbude, wo er dorayaki verkauft, das sind eine Art Pfannkuchen, die mit an, einer süßen Paste aus roten Bohnen gefüllt sind. Morgens raucht er eine Zigarette, macht sich auf den Weg zu seinem kleinen Laden, schließt dort auf und bereitet den Teig für die dorayaki zu. Wortkarg verrichtet er seine Arbeit und scheint nicht wirklich für gastronomische Dienstleistungen geschaffen zu sein. Sein Leben wirkt streng umgrenzt, er wirkt isoliert und seine Augen vermitteln den Eindruck einer Ziellosigkeit, die aber zunächst nicht weiter thematisiert wird. Dann betritt die Rentnerin Tokue die Bühne, sprich die kleine Imbissbude, und bewirbt sich als Aushilfe in Sentaros Laden. Als „Bewerbungsschreiben“ bringt sie eine umwerfend gute Bohnenpaste mit. Sentaro stellt die recht gebrechliche Seniorin tatsächlich ein und der Verkaufserfolg gibt ihm zunächst Recht. Es soll im weiteren Verlauf aber nicht die namensgebende Bohnenpaste sein, die für die Entwicklung des Films sorgt, sondern Tokues verkrüppelte Hände.

An von Naomi Kawase

Dazu ein Exkurs: Lepra (oder auch Morbus Hansen) ist eine Infektionskrankheit, die durch Bakterien übertragen wird. Unbehandelt führt die Krankheit zu einem Absterben der Nerven (vor allem in den Extremitäten und im Gesicht) und zur Verstopfung der Gefäße durch Verdickung des Bluts. Die Betroffenen verlieren ihr Schmerzempfinden und verletzen sich in weiterer Folge häufig unbemerkt. Wenn diese Wunden sich infizieren, kann es zu durch Entzündungen zu einem Absterben der Gliedmaßen oder einzelner Gesichtsteile kommen. Aufgrund dieser Komplikationen nahm man lange Zeit an, dass die Krankheit selbst das Abfallen von Extremitäten zur Folge hat. Bei glimpflichem Krankheitsverlauf beginnen sich Geschwüre zu bilden, die Knochen, Sehnen und Muskeln zersetzen können und zur Verformung der Gliedmaßen führen. Leprakranke waren in der Geschichte wiederholt starker Verfolgung und Isolierung ausgesetzt und mussten meist in Quarantäne, in sogenannten Leprakolonien dahinsiechen. Mit der Weiterentwicklung medizinischer Behandlungsmethoden verbesserte sich im 20. Jahrhundert zumindest in der westlichen Welt ihre Lage und die Krankheit gilt heute als heilbar. Trotz dieses Fortschritts wurden Leprakranke in Japan noch bis 1996 in geschlossenen Heilanstalten untergebracht und von der restlichen Gesellschaft isoliert. Sie durften keine Kinder bekommen und nicht mit der Außenwelt verkehren. Tokue war eine von ihnen und hat rund vierzig Jahre ihres Lebens in vollkommener Isolation verbracht. Trotz der Abschaffung der diskriminierenden Gesetze vor gut zwanzig Jahren steht es um die verbliebenen Leprakranken und deren Rolle in der japanischen Gesellschaft nicht zum Besten. Die Aufhebung der juridischen Ausschlussmechanismen hat nicht zu einem Ende sozialer Ausgrenzung geführt. Die Erkrankten leben auch heute noch in halbversteckten Pflegeanstalten und bleiben weitestgehend unter sich. Wie sich im Laufe des Films herausstellen soll ist Tokue nicht die einzige, die unter Ausschlussmechanismen zu leiden hat. Auch Sentaro und die junge Wakana, Stammgast in Sentaros dorayaki-Laden und seine einzige Bezugsperson, die als dritte im Bunde das Ensemble komplett macht, sind auf ihre Weise isoliert und unfrei. Es sind drei Generationen, die allesamt von einer gewissen Tendenz der japanischen Gesellschaft betroffen sind, höchst komplexe, historisch gewachsene und kulturell determinierte Ausgrenzungspraktiken hervorzubringen. Am Beispiel Tokues wird das am deutlichsten, ihr Leidensweg wird am explizitesten dargestellt, bei Sentaro und vor allem bei Wakana bleibt jedoch vieles unausgesprochen. Wissen wir von Sentaro wenigstens, dass er in der Vergangenheit einen Mann zum Invaliden geschlagen hat und die finanziellen Folgen ihn in eine Art Lohnknechtschaft geführt haben, indem er den Besitzern der dorayaki-Bude seine Schulden abstottern muss, sind es im Fall Wakanas nur Andeutungen, Gesten, Wortfetzen, Blicke. Sie scheint von ihrer Mutter vernachlässigt zu werden, in bescheidenen Verhältnissen zu leben und nur wenig soziale Kontakte zu pflegen. Es ist die Kombination aus sozialer Kälte und finanzieller Verhältnisse, die ihr Leben fremdbestimmen und sie isolieren.

An von Naomi Kawase

In den Händen minderer Filmemacher wäre An wohl zu einem Themenfilm verkommen, der diese Missstände anprangert und diese drei Außenseiter als große Opfer gesellschaftlicher Fehlentwicklungen darstellt. Kawase hingegen ist weder daran interessiert „Freaks“ auszustellen, noch eine explizite politische Botschaft auszusprechen. Ihr Film ist purer Humanismus. Sie nähert sich diesen drei Menschen nicht über den Weg ihres Außenseitertums, sondern lässt sie für die erste Hälfte des Films in einer Art Kammerspiel und ohne große dramaturgische oder narrative Kniffe interagieren. Ihr Tagesablauf, ihre Bewegungen, ihre Gespräche unterscheiden sich nicht von denen der breiten Masse. Eingestreut, pastorale Naturaufnahmen im Stile eines Terrence Malick, die die Analogie verstärken, dass der Mensch ganz einfach, und in erster Linie, ein Naturgeschöpf ist – und als solche Naturgeschöpfe treten auch die drei Hauptfiguren in An auf. Kawase nähert sich ihnen ohne Vorurteile und ohne ihre Vergangenheit zu sehr in den Mittelpunkt zu rücken. Das geschieht nicht zum Zweck am Ende einen großen Twist einzubauen, sondern aus Respekt vor dem Menschen – aus humanistischer Überzeugung – eine Seltenheit in einer Zeit, in der die Unterhaltungsindustrie ohne mit der Wimper zu zucken tausende Unbeteiligte als Kollateralschäden in explosiven Schlachten zwischen „gut“ und „böse“ dahinmetzelt. Das ist keine unreife, melodramatische Naivität, die sich in Kirschblüten-Kitsch auflöst (auch wenn der Film so beworben wird), sondern eine geradlinige Weltsicht, ohne Zynismus und Politisierung (diese Haltung selbst ist natürlich bereits politisch, aber es findet keine Politisierung im Sinne propagandistischer Agitation statt), dafür mit einer gesunden Dosis Optimismus, die man in der heutigen Welt oft vermisst. Wenn Sentaro am Ende des Films eine Art Katharsis durchmacht, dann ist das nicht ein aufgesetztes Happy-End, sondern logische Folge von Kawases Menschenbild und künstlerischem Ausdruck.

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