Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

An von Naomi Kawase

Mehr als Kirschblüten und rote Bohnen: An von Naomi Kawase

Die ers­ten Momen­te in Nao­mi Kawa­ses An sind der nüch­ter­nen Beschrei­bung der Lebens­welt Sen­ta­ros gewid­met. Er ist Geschäfts­füh­rer einer Imbiss­bu­de, wo er doray­a­ki ver­kauft, das sind eine Art Pfann­ku­chen, die mit an, einer süßen Pas­te aus roten Boh­nen gefüllt sind. Mor­gens raucht er eine Ziga­ret­te, macht sich auf den Weg zu sei­nem klei­nen Laden, schließt dort auf und berei­tet den Teig für die doray­a­ki zu. Wort­karg ver­rich­tet er sei­ne Arbeit und scheint nicht wirk­lich für gas­tro­no­mi­sche Dienst­leis­tun­gen geschaf­fen zu sein. Sein Leben wirkt streng umgrenzt, er wirkt iso­liert und sei­ne Augen ver­mit­teln den Ein­druck einer Ziel­lo­sig­keit, die aber zunächst nicht wei­ter the­ma­ti­siert wird. Dann betritt die Rent­ne­rin Tokue die Büh­ne, sprich die klei­ne Imbiss­bu­de, und bewirbt sich als Aus­hil­fe in Sen­ta­ros Laden. Als „Bewer­bungs­schrei­ben“ bringt sie eine umwer­fend gute Boh­nen­pas­te mit. Sen­ta­ro stellt die recht gebrech­li­che Senio­rin tat­säch­lich ein und der Ver­kaufs­er­folg gibt ihm zunächst Recht. Es soll im wei­te­ren Ver­lauf aber nicht die namens­ge­ben­de Boh­nen­pas­te sein, die für die Ent­wick­lung des Films sorgt, son­dern Tokues ver­krüp­pel­te Hände.

An von Naomi Kawase

Dazu ein Exkurs: Lepra (oder auch Mor­bus Han­sen) ist eine Infek­ti­ons­krank­heit, die durch Bak­te­ri­en über­tra­gen wird. Unbe­han­delt führt die Krank­heit zu einem Abster­ben der Ner­ven (vor allem in den Extre­mi­tä­ten und im Gesicht) und zur Ver­stop­fung der Gefä­ße durch Ver­di­ckung des Bluts. Die Betrof­fe­nen ver­lie­ren ihr Schmerz­emp­fin­den und ver­let­zen sich in wei­te­rer Fol­ge häu­fig unbe­merkt. Wenn die­se Wun­den sich infi­zie­ren, kann es zu durch Ent­zün­dun­gen zu einem Abster­ben der Glied­ma­ßen oder ein­zel­ner Gesichts­tei­le kom­men. Auf­grund die­ser Kom­pli­ka­tio­nen nahm man lan­ge Zeit an, dass die Krank­heit selbst das Abfal­len von Extre­mi­tä­ten zur Fol­ge hat. Bei glimpf­li­chem Krank­heits­ver­lauf begin­nen sich Geschwü­re zu bil­den, die Kno­chen, Seh­nen und Mus­keln zer­set­zen kön­nen und zur Ver­for­mung der Glied­ma­ßen füh­ren. Lepra­kran­ke waren in der Geschich­te wie­der­holt star­ker Ver­fol­gung und Iso­lie­rung aus­ge­setzt und muss­ten meist in Qua­ran­tä­ne, in soge­nann­ten Lepra­ko­lo­nien dahin­sie­chen. Mit der Wei­ter­ent­wick­lung medi­zi­ni­scher Behand­lungs­me­tho­den ver­bes­ser­te sich im 20. Jahr­hun­dert zumin­dest in der west­li­chen Welt ihre Lage und die Krank­heit gilt heu­te als heil­bar. Trotz die­ses Fort­schritts wur­den Lepra­kran­ke in Japan noch bis 1996 in geschlos­se­nen Heil­an­stal­ten unter­ge­bracht und von der rest­li­chen Gesell­schaft iso­liert. Sie durf­ten kei­ne Kin­der bekom­men und nicht mit der Außen­welt ver­keh­ren. Tokue war eine von ihnen und hat rund vier­zig Jah­re ihres Lebens in voll­kom­me­ner Iso­la­ti­on ver­bracht. Trotz der Abschaf­fung der dis­kri­mi­nie­ren­den Geset­ze vor gut zwan­zig Jah­ren steht es um die ver­blie­be­nen Lepra­kran­ken und deren Rol­le in der japa­ni­schen Gesell­schaft nicht zum Bes­ten. Die Auf­he­bung der juri­di­schen Aus­schluss­me­cha­nis­men hat nicht zu einem Ende sozia­ler Aus­gren­zung geführt. Die Erkrank­ten leben auch heu­te noch in halb­ver­steck­ten Pfle­ge­an­stal­ten und blei­ben wei­test­ge­hend unter sich. Wie sich im Lau­fe des Films her­aus­stel­len soll ist Tokue nicht die ein­zi­ge, die unter Aus­schluss­me­cha­nis­men zu lei­den hat. Auch Sen­ta­ro und die jun­ge Waka­na, Stamm­gast in Sen­ta­ros doray­a­ki-Laden und sei­ne ein­zi­ge Bezugs­per­son, die als drit­te im Bun­de das Ensem­ble kom­plett macht, sind auf ihre Wei­se iso­liert und unfrei. Es sind drei Gene­ra­tio­nen, die alle­samt von einer gewis­sen Ten­denz der japa­ni­schen Gesell­schaft betrof­fen sind, höchst kom­ple­xe, his­to­risch gewach­se­ne und kul­tu­rell deter­mi­nier­te Aus­gren­zungs­prak­ti­ken her­vor­zu­brin­gen. Am Bei­spiel Tokues wird das am deut­lichs­ten, ihr Lei­dens­weg wird am expli­zi­tes­ten dar­ge­stellt, bei Sen­ta­ro und vor allem bei Waka­na bleibt jedoch vie­les unaus­ge­spro­chen. Wis­sen wir von Sen­ta­ro wenigs­tens, dass er in der Ver­gan­gen­heit einen Mann zum Inva­li­den geschla­gen hat und die finan­zi­el­len Fol­gen ihn in eine Art Lohn­knecht­schaft geführt haben, indem er den Besit­zern der doray­a­ki-Bude sei­ne Schul­den abstot­tern muss, sind es im Fall Wakan­as nur Andeu­tun­gen, Ges­ten, Wort­fet­zen, Bli­cke. Sie scheint von ihrer Mut­ter ver­nach­läs­sigt zu wer­den, in beschei­de­nen Ver­hält­nis­sen zu leben und nur wenig sozia­le Kon­tak­te zu pfle­gen. Es ist die Kom­bi­na­ti­on aus sozia­ler Käl­te und finan­zi­el­ler Ver­hält­nis­se, die ihr Leben fremd­be­stim­men und sie isolieren.

An von Naomi Kawase

In den Hän­den min­de­rer Fil­me­ma­cher wäre An wohl zu einem The­men­film ver­kom­men, der die­se Miss­stän­de anpran­gert und die­se drei Außen­sei­ter als gro­ße Opfer gesell­schaft­li­cher Fehl­ent­wick­lun­gen dar­stellt. Kawa­se hin­ge­gen ist weder dar­an inter­es­siert „Freaks“ aus­zu­stel­len, noch eine expli­zi­te poli­ti­sche Bot­schaft aus­zu­spre­chen. Ihr Film ist purer Huma­nis­mus. Sie nähert sich die­sen drei Men­schen nicht über den Weg ihres Außen­sei­ter­tums, son­dern lässt sie für die ers­te Hälf­te des Films in einer Art Kam­mer­spiel und ohne gro­ße dra­ma­tur­gi­sche oder nar­ra­ti­ve Knif­fe inter­agie­ren. Ihr Tages­ab­lauf, ihre Bewe­gun­gen, ihre Gesprä­che unter­schei­den sich nicht von denen der brei­ten Mas­se. Ein­ge­streut, pas­to­ra­le Natur­auf­nah­men im Sti­le eines Ter­rence Malick, die die Ana­lo­gie ver­stär­ken, dass der Mensch ganz ein­fach, und in ers­ter Linie, ein Natur­ge­schöpf ist – und als sol­che Natur­ge­schöp­fe tre­ten auch die drei Haupt­fi­gu­ren in An auf. Kawa­se nähert sich ihnen ohne Vor­ur­tei­le und ohne ihre Ver­gan­gen­heit zu sehr in den Mit­tel­punkt zu rücken. Das geschieht nicht zum Zweck am Ende einen gro­ßen Twist ein­zu­bau­en, son­dern aus Respekt vor dem Men­schen – aus huma­nis­ti­scher Über­zeu­gung – eine Sel­ten­heit in einer Zeit, in der die Unter­hal­tungs­in­dus­trie ohne mit der Wim­per zu zucken tau­sen­de Unbe­tei­lig­te als Kol­la­te­ral­schä­den in explo­si­ven Schlach­ten zwi­schen „gut“ und „böse“ dahin­met­zelt. Das ist kei­ne unrei­fe, melo­dra­ma­ti­sche Nai­vi­tät, die sich in Kirsch­blü­ten-Kitsch auf­löst (auch wenn der Film so bewor­ben wird), son­dern eine gerad­li­ni­ge Welt­sicht, ohne Zynis­mus und Poli­ti­sie­rung (die­se Hal­tung selbst ist natür­lich bereits poli­tisch, aber es fin­det kei­ne Poli­ti­sie­rung im Sin­ne pro­pa­gan­dis­ti­scher Agi­ta­ti­on statt), dafür mit einer gesun­den Dosis Opti­mis­mus, die man in der heu­ti­gen Welt oft ver­misst. Wenn Sen­ta­ro am Ende des Films eine Art Kathar­sis durch­macht, dann ist das nicht ein auf­ge­setz­tes Hap­py-End, son­dern logi­sche Fol­ge von Kawa­ses Men­schen­bild und künst­le­ri­schem Ausdruck.