Text: Chris­toph Szalay

Die ers­ten Zei­len vor dem letz­ten Lang­lauf­ren­nen der Olym­pi­schen Spie­le, den 50 km der Frau­en, schrei­be ich in der Nacht davor. Frie­da Karls­son, die Top­fa­vo­ri­tin, die in Über­form bereits zu Gold im Ski­ath­lon und im 10 km Ein­zel­start gelau­fen, zieht auf­grund eines Infekts ihren Start zurück. Die Nach­rich­ten gehen durch Reu­ters und die New York Times und ich zu Bett mit dem Gedan­ken und Gefühl, dass das Ren­nen nun völ­lig offen ist. Karls­son war zuvor so domi­nant, wie man es seit The­re­se Johaug oder Marit Björ­gen nicht mehr gekannt hat, außer­dem hat sie bereits im Jahr davor, bei der Pre­miè­re der 50km im Rah­men der Nor­di­schen Ski Welt­meis­ter­schaft in Trond­heim, Gold über 50 km geholt. Und es war Karls­son, die die schwe­di­sche Frau­en­staf­fel nach Ebba Ander­sons’ schwe­rem Sturz wie­der in die Medail­len­rän­ge gelau­fen ist.

Stun­den vor dem Ren­nen lese ich wei­te­re Nach­rich­ten von Ath­le­tin­nen, die, wie Karls­son, nicht am Start sind, Jon­na Sund­ling etwa, oder die nicht ganz fit sind, wie Tere­sa Stadl­ober. Auf Rai Due gibt ein Mili­tär Über­blick über das Wet­ter die­ses letz­ten Olym­pia­ta­ges. Die Hoff­nung, dass Lang­lauf am Pro­gramm steht, bleibt solan­ge bestehen, bis Vie­rer­bob am Bild­schirm erscheint. Ein wei­te­res und letz­tes Mal also direkt in die FIS App, um den Durch­gangs­zei­ten zu fol­gen. 45 Ath­le­tin­nen haben gemel­det, vier zurück­ge­zo­gen. Die Favo­ri­tin­nen hei­ßen nun also Ebba Anders­son, Astrid Øyre Slind, Hei­di Weng, danach der Rest. Alle mei­ne Wün­sche gel­ten Jes­sie Dig­gins. Auf die Distanz, klas­sisch, allem zum Trotz, in ihrem letz­ten olym­pi­schen Rennen.


Anders­son und Weng mit rich­tig schnel­lem Tem­po, gleich von Beginn weg. Bereits bei der zwei­ten Zwi­schen­zeit gehen 5 Sekun­den zwi­schen den Bei­den und dem Rest auf. Nicht, dass es hier schon etwas hie­ße, oder ent­schei­den wür­de, aber im Wis­sen, Bei­de haben schein­bar viel vor heu­te und wol­len schnell eine Ent­schei­dung her­bei­füh­ren. Dig­gins und Stadl­ober machen die klei­ne Lücke nach vor­ne aber wie­der zu.


Als Rai Due schließ­lich doch noch in die Über­tra­gung geht, sind Anders­son und Weng wie­der zu zweit, etwas dahin­ter Stadl­ober und noch­mal dahin­ter Dig­gins. Mei­ne Fra­ge an der Stel­le, ob Stadl­ober ihr Ren­nen zu schnell ange­gan­gen ist, spä­ter den Preis zahlt. Nor­mal braucht sie stets, um in einem Ren­nen anzu­kom­men, Tem­po zu fin­den. Heu­te geht sie mit den bei­den Schnells­ten mit. Von Beginn weg. Die ande­re Vari­an­te, sie fühlt sich extrem gut, oder zumin­dest bes­ser als gedacht, hieß es doch im Vor­feld, dass sie eben­falls nicht ganz fit sei. Die Über­ra­schung an dem Punkt, dass Slind das Tem­po nicht mit­ge­hen kann, eine Läu­fe­rin, die von der ganz lan­gen Distanz kommt, 50+ Kilometer.


Nach zehn Kilo­me­tern bereits ein Bild von dem, wohin es gehen wird. Die ers­ten bei­den Medail­len sind weg. Weng und Anders­son sou­ve­rän. Der Schritt, das Tem­po, das Mate­ri­al, kein Zei­chen von Müdig­keit und zu gro­ßer Anstren­gung, wenn man in die Gesich­ter blickt. Dahin­ter kann sich noch alles ver­schie­ben. Slind steigt aus. Eine der Favo­ri­tin­nen. Der Moment, in dem der Kör­per nach zwei Wochen Olym­pi­sche Spie­le nicht mehr wei­ter kann.


Die Ein­sam­keit The­re­sa Stadl­obers. 20 Sekun­den nach vor­ne, 20 Sekun­den zu den ers­ten Ver­fol­ge­rin­nen nach hin­ten. Nur das Knis­tern des Schnees, das Geräusch des eige­nen Atems, der Anstren­gung, die Zuru­fe von der Stre­cke und dem Publi­kum. Zu mei­ner Freu­de und Über­ra­schung bleibt Rai Due wesent­lich öfter und län­ger im Ren­nen als noch am Vor­tag bei den Männern. 

Am Zor­zi Anstieg, Stadl­ober außer­halb der Spur lau­fen zu sehen, ist nie ein gutes Zei­chen für das Mate­ri­al, irgend­wann wird sie also die Ski wech­seln müs­sen, den­ke ich. Den­noch hat sie hier kurz Blick auf Gold und Sil­ber. Beim Durch­lauf wird jedoch immer mehr klar, mit Gold wird sie nichts mehr zu tun haben, auch sonst nie­mand, der Rück­stand nach etwas weni­ger als einem Drit­tel bereits bei knapp 30 Sekunden.


Dig­gins stürzt beim Ski­wech­sel. Zuerst ist es ein Stol­pern, das sie abfan­gen kann, dann gibt der Kör­per doch noch nach. Die Kraft, die es kos­tet, die kur­ze Ver­zweif­lung, den Ärger, hört man an ihrem Aufschrei.


Gera­de als ich mich gewöhnt habe, das Ren­nen live am Bild­schirm zu ver­fol­gen, geht Rai Due doch wie­der raus, ich in den Ticker. Die Fra­ge bei 15,7 km für Stadl­ober, ist: kommt etwas von hin­ten und wenn ja, wie weit ist der Vor­sprung dar­auf noch. Die Ant­wort der Durch­gangs­zei­ten hei­ßen Kert­tu Nis­ka­nen und Kris­tin Aus­t­gu­len Fos­næs, der Rück­stand beträgt 20 Sekunden.


Nach knapp 17 Kilo­me­tern wird klar, Stadl­ober wird in abseh­ba­rer Zeit ihre Ein­sam­keit auf­ge­ben. Gene­rell beru­higt sich das Feld dahin­ter, der Lauf um Platz Drei schiebt sich wie­der zusam­men, oder wird es, zumin­dest, wenn ich den Zei­ten und mei­ner Ein­schät­zung Glau­ben schen­ken soll. Gold und Sil­ber sind längst weg.


Durch­lauf bei 21,6 Kilo­me­ter. Stadl­ober geht als Drit­te durch, Nis­ka­nen und Fos­næs kom­men immer näher. Schaue auf Dig­gins, die immer noch nicht auf­ge­ge­ben hat.


Zur Hälf­te des Ren­nens, bei 25 km: Weng und Anders­son lau­fen ihr eige­nes Ren­nen. Dahin­ter wird sich über die nächs­ten Zwi­schen­zei­ten eine neue Fün­fer­grup­pe bil­den, den­ke ich. Dig­gins zieht rich­tig Spu­ren in den Schnee, hat nach dem Ski­wech­sel ihren Rhyth­mus wie­der­ge­fun­den, eine zwei­te Luft, mitt­ler­wei­le auf unter 20 Sekun­den auf Stadl­ober und Bron­ze dran, zieht die Schwei­ze­rin Nad­ja Kälin mit, dazwi­schen noch Nis­ka­nen und Fos­næs, knapp zehn Sekun­den davor.

Zwei Kilo­me­ter. Alles, was Dig­gins gebraucht hat, waren zwei Kilo­me­ter, um im Lau­fen um Bron­ze alles wie­der auf Null zu stel­len. Die Grup­pe ist zusam­men. Dig­gins mit einem unfass­ba­ren Kraft­akt. Nach allem, was zum Start der Spie­le im Ski­ath­lon gesche­hen ist, ihrem Sturz als eine der gro­ßen Favo­ri­tin­nen, den Rip­pen­prel­lun­gen, die sie sich dabei zuge­zo­gen hat, den Schmer­zen, die es ver­ur­sach­te, nur um im 10 km Ein­zel­start den­noch Bron­ze zu holen.


Rai Due wie­der zurück im Ren­nen und Stadl­ober an einem Punkt, an dem sie nicht sein woll­te: ohne Ski, die auf den Stie­gen hal­ten und ein­ge­holt von der Grup­pe. Der Ski­wech­sel wür­de ihr an die­sem Punkt nun 15–20 Sekun­den kos­ten, die, wenn sie sich dafür ent­schei­det, sie allei­ne wie­der zulau­fen müss­te. Das Ren­nen als tak­ti­sches Stra­te­gie­spiel im Ange­sicht der völ­li­gen kör­per­li­chen Erschöpfung.


Anders­son holt Gold, wenn nicht wie­der ein Sturz dazwi­schen­kommt, wie in der Staf­fel. Weng kann das Tem­po seit eini­gen Kilo­me­tern nicht mehr mit­ge­hen, ver­liert lang­sam, aber kon­ti­nu­ier­lich vor­erst, so lan­ge, bis es ver­mut­lich kom­plett kippt. In der Grup­pe In der Grup­pe um Platz Drei Fos­næs nun mit dem magic move. Wech­selt die Ski beim Durch­lauf, schließt allei­ne das Loch nach vor­ne wie­der und läuft um Bron­ze vor­ne­weg. Dig­gins nach den Bil­dern und dem Gesichts­aus­druck zu urtei­len, nun ange­kom­men im dun­kel­ro­ten Bereich. Aber wenn sich in die­sem Bereich jemand bewe­gen kann, dann Diggins.


Vor­letz­ter Durch­lauf bei 36 km: Anders­son in Füh­rung, Weng etwas mehr als 30 Sekun­den dahin­ter. Bron­ze wird zu die­sem Zeit­punkt fast vier­ein­halb Minu­ten spä­ter ent­schie­den und es pas­siert, was pas­sie­ren muss­te. Kälin, Nis­ka­nen und Stadl­ober wer­fen alles noch ein­mal alles ins Olym­pi­sche Feu­er, wech­seln für die letz­ten bei­den Run­den Ski, ver­su­chen zu dritt die Lücke auf Dig­gins und Fos­næs zuzu­lau­fen. Bei der nächs­ten Zwi­schen­zeit, die ich wie­der im Ticker ver­fol­ge, wird auch klar, dass der Plan auf­geht, die Grup­pe fin­det wie­der zusam­men, ein Quin­tett um Bron­ze und die Fra­ge, wer hat die bes­ten Bei­ne so spät im Rennen.


Der Moment, in dem das Ren­nen um Bron­ze inter­es­san­ter ist, als jenes um Gold und Sil­ber, weil es die span­nen­de­re Geschich­te bie­tet. Rai Due wie­der kurz zurück. Stadl­ober erhöht das Tem­po. Wer zieht mit und wie lan­ge noch? Der stän­di­ge Blick nun in die Gesich­ter, um irgend­et­was erken­nen, able­sen zu kön­nen, wer noch Kapa­zi­tä­ten hat, wer bereits am Limit ist. Lang­sam aber sicher auch ein The­ma, Eli­za Rucka-Michałek, die Polin, die nicht schnell, aber doch an den Durch­gangs­zei­ten merk­bar an die Grup­pe um Bron­ze her­an­läuft. Wird aus der Fün­fer- nun noch eine Sechsergruppe?


Bei 43,2 km Ebba Anders­son bereits mit über einer Minu­te Vor­sprung auf Hei­di Weng und Sil­ber. Anders­son die tra­gi­sche Figur der Staf­fel, als sie füh­rend zu Sturz kommt, nach einem Über­schlag auf Schnee ihren kaput­ten Ski in einer Hand hält, um erst nach einer kur­zen Abfahrt einen neu­en zu bekom­men. Die Dop­pel­welt­meis­te­rin aus Trond­heim im Vor­jahr. Hier und Heu­te unantastbar.


Bron­ze wird zu die­sem Zeit­punkt, nach 43,2 km, sechs Minu­ten hin­ter Anders­son erlau­fen. Ein Ren­nen im Ren­nen. Weni­ge Kilo­me­ter vor dem Ziel ist Rucka-Michałek tat­säch­lich Teil der Grup­pe. Sechs Leu­te lau­fen nun also um den letz­ten noch ver­blie­be­nen Platz am Podest. Auf den Bil­dern sehen kön­nen, wie Dig­gins in den Anstie­gen immer wie­der den Anschluss ver­liert, nur um sich wie­der zurück­zu­ar­bei­ten. Allem zum Trotz.


Noch bevor die­se Grup­pe durch die vor­letz­te Zwi­schen­zeit läuft, fängt Rai Due Ebba Anders­son am letz­ten Anstieg ein. Dort, wo immer wie­der knap­pe Ent­schei­dun­gen gesucht und gefun­den wer­den, benannt nach Chris­ti­an Zor­zi, einem der Gro­ßen den ita­lie­ni­schen Lang­lauf­sports. Aber nichts davon benö­tig es heu­te. Zu domi­nant is die Vor­stel­lung, der Lauf von Anders­son, ein Lauf in und aus einer eige­nen Welt. Als Hei­di Weng als Zwei­te mit über zwei Minu­ten Rück­stand ins Ziel kommt, ver­beugt sie sich sym­bo­lisch auf ihren letz­ten Schrit­ten vor Anders­son, die mitt­ler­wei­le in eine gro­ße schwe­di­sche Flag­ge gehüllt von den Kame­ras und dem Blitz­licht ein­ge­fan­gen wird. Eine Hul­di­gung an die Königin.


Dahin­ter wird es nun rich­tig dra­ma­tisch. Kälin schafft sich zunächst für kur­ze Momen­te weni­ge Sekun­den Raum für Bron­ze, nur um von Dig­gins wie­der ein­ge­holt zu wer­den, die auch den Rest der Grup­pe mit­zieht. Dig­gins, wer sonst. Nie­mand macht, was sie macht. Seit Jah­ren und für die weni­gen, noch ver­blie­be­nen Wochen des Win­ters und ihrer akti­ven Kar­rie­re. Fos­næs, Dig­gins, Kälin um Bron­ze. Nis­ka­nen, Stadl­ober und Rucka-Michałek kön­nen die­ses Tem­po am Ende nicht mit­ge­hen, auch Dig­gins am Ende des letz­ten Anstie­ges nicht mehr ganz, lässt eine Lücke wach­sen, eine Lücke, die Kälin auf­macht und die nie­mand mehr wirk­lich schlie­ßen kann, weder in der Abfahrt, noch im Ziel­sprint, Kälin, die sich in einem unglaub­li­chen Finish Bron­ze holt. Dahin­ter Fos­næs, Dig­gins, Stadl­ober, Nis­ka­nen und Rucka-Michałek, die nach­ein­an­der erschöpft in den mitt­ler­wei­le fast früh­lings­haf­ten Schnee in Tese­ro sinken.