Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Cab Calloway in The Blues Brothers

Rage Against the Machine(s): The Blues Brothers von John Landis

Macht es über­haupt Sinn sich näher mit einem Film zu befas­sen, der dar­aus ent­stan­den ist, dass ein SNL-Sketch unvor­her­seh­ba­re Eigen­dy­na­mik ent­wi­ckelt hat? Endet eine Inter­pre­ta­ti­on der dahin­ge­wor­fe­nen Spä­ße und Anspie­lun­gen, die nie ganz ernst gemeint sind, nicht unwei­ger­lich in tota­ler Absur­di­tät? Eine Deu­tung Jakes und Elwoods als Boten Got­tes, die als Fin­del­kin­der in einem christ­li­chen Wai­sen­haus auf­ge­wach­sen sind, wo ihnen der Erz­engel Cur­tis, den Blues näher brach­te, wäre zwar amü­sant, schießt aber weit übers Ziel hinaus.

Viel­leicht kann man sich dem Film aber auch anders nähern, näm­lich weni­ger in Form einer tex­tu­el­len Ana­ly­se, die wahr­schein­lich zwangs­läu­fig in einer Über­in­ter­pre­ta­ti­on endet, son­dern in einer Betrach­tung was der Film als Film macht. The Blues Brot­hers nicht als pop­kul­tu­rel­le Iko­ne, son­dern schlicht als Musi­cal­film unter vie­len. Denn gera­de das Musi­cal­gen­re lädt dazu ein, bestimm­te Kon­ven­tio­nen und eine geschlos­se­ne Film­welt zu akzep­tie­ren, in der Men­schen in Momen­ten gro­ßer Span­nung mit Gesang und Tanz reagie­ren. In The Blues Brot­hers ist das nicht anders.

Aretha Franklin in The Blues Brothers

Nach einer kur­zen Eröff­nungs­se­quenz, in der der Moloch Chi­ca­go vor­ge­stellt wird, besu­chen Jake und Elwood die Mut­ter Obe­rin des Wai­sen­hau­ses, in dem sie auf­ge­wach­sen sind und das nun geschlos­sen wer­den soll. Dort öff­nen und schlie­ßen sich Türen von Geis­ter­hand und die Non­ne selbst scheint gar zu levi­tie­ren. Spä­ter spielt der von Ray Charles ver­kör­per­te blin­de Besit­zer eines Musik­la­dens, auf einem Key­board, das gar nicht ver­ka­belt ist. Zuvor wer­den die Brü­der vom gött­li­chen Licht erfüllt und beschlie­ßen ihre alte Band zu reak­ti­vie­ren, um Geld auf­zu­trei­ben und die Schlie­ßung ihres alten Zuhau­ses zu ver­hin­dern. Wie ernst es Jake und Elwood, bezie­hungs­wei­se die Fil­me­ma­cher selbst mit die­ser Offen­ba­rung mei­nen, wird nie rest­los geklärt, das Publi­kum ist jedoch spä­tes­tens zu die­sem Zeit­punkt auf­ge­for­dert, die über­na­tür­li­chen Vor­gän­ge, die durch den Geist der Musik oder die Macht Got­tes aus­ge­löst wer­den, als Teil die­ser spe­zi­fi­schen Film­welt zu akzeptieren.

Über­na­tür­lich gut sind auch die Musik­num­mern. Die neu inter­pre­tier­ten R’n’B- und Blues-Klas­si­ker sind fabel­haft und die Rie­ge an Gast­stars ist beein­dru­ckend: Ray Charles, James Brown, Are­tha Frank­lin, John Lee Hoo­ker und der alt­ehr­wür­di­ge Cab Cal­lo­way. Die Insze­nie­rung der Musik­stü­cke ist dabei ganz unter­schied­lich. Zum Teil wer­den die Songs in Büh­nen­si­tua­tio­nen gespielt, ande­re wer­den in bes­ter Musi­cal­ma­nier mit auf­wen­di­gen Tanz­cho­reo­gra­phien auf­ge­führt. Liegt im ers­ten Fall das Haupt­au­gen­merk meist auf den Lie­dern selbst, deren Bezie­hung zur momen­ta­nen Situa­ti­on im Film und der Per­for­mance von Jake und Elwood, so sind die ela­bo­rier­te­ren Num­mern alle­samt mit den Gast­auf­trit­ten der bekann­ten Musi­ker ver­bun­den. Da erstrahlt die Büh­ne des Palace Hotel Ball­room auf ein­mal im Glanz der Drei­ßi­ger Jah­re, jene Zeit, als Cab Cal­lo­way sei­ne ers­ten Erfol­ge mit „Min­nie the Moo­cher“ fei­er­te; da wird die Pre­digt von James Browns Rever­end durch Zir­kus­akro­ba­tik ergänzt; doch das Prunk­stück der Musi­cal­num­mern ist ein­deu­tig „Think“ von Are­tha Frank­lin als Jake und Elwood in ihrem Soul Food Café erschei­nen, um ihren Ehe­mann, einen genia­len Gitar­ris­ten, für ihre Band zu gewin­nen. Drau­ßen auf der Stra­ße bil­det sich spon­tan eine tan­zen­de Mas­se, im Inne­ren wird Frank­lin von drei weib­li­chen Gäs­ten unter­stützt, wäh­rend sie ihren Matt „Gui­tar“ Mur­phy davon abhal­ten will wie­der in die Band die­ser Ver­sa­ger ein­zu­tre­ten. Sie bleibt erfolg­los, Matt wirft sei­ne Koch­schür­ze hin und kehrt zur Band zurück, doch die Gegen­über­stel­lung von Innen (Café) und Außen (Stra­ße), Mann und Frau, sowie Spaß und Ernst gelingt im Film nie bes­ser. Die tra­gi­sche Rol­le der Mrs. Mur­phy, die ihren Mann nicht aber­mals an die nutz­lo­sen Brü­der ver­lie­ren will, wird unter­mi­niert durch die Komik des Acts, wenn Jake und Elwood sich, vom Geist der Musik erfüllt der Cho­reo­gra­phie der vier Damen anschließen.

The Blues Brothers von John Landis

Neben der Musik blei­ben aber vor allem die wohl­or­ches­trier­ten Zer­stö­rungs­or­gi­en in Erin­ne­rung. Dazu zäh­len nicht nur die berühm­ten Mas­sen­ka­ram­bo­la­gen von Poli­zei­au­tos, son­dern auch die „explo­si­ven“ Anschlä­ge durch Jakes Ex-Freun­din (gespielt von Car­rie Fisher). Sie sprengt die Brü­der meh­re­re Male in die Luft und atta­ckiert sie mit Maschi­nen­ge­wehr und Flam­men­wer­fer, was die bei­den ohne Krat­zer über­ste­hen. Bewahrt sie ihr gött­li­cher Auf­trag vor kör­per­li­chem Scha­den, oder ist es die Slap­stick und Car­toon­tra­di­ti­on und –logik, nach der die­se Sze­nen operieren?

Auf­wen­di­ger und wich­ti­ger für die Hand­lung sind aller­dings die Auto­ver­fol­gungs­jag­den, die in ver­schwen­de­ri­scher Ver­nich­tung enden. Ange­fan­gen mit einer kur­zen Jagd durch eine Mall bis hin zu einem meh­re­re Dut­zend Wagen umfas­sen­den Ver­fol­gungs­kon­voi auf dem High­way. Die Poli­zei stellt sich dabei nicht all­zu klug an und das „Blues­mo­bi­le“ (ein aus­sor­tier­tes Poli­zei­au­to) zeigt über­le­ge­ne Motor­kraft und Manö­vrier­fä­hig­keit. Wohl­ge­merkt wur­de in die­sen Sze­nen nicht mit CGI getrickst, alle Wagen wur­den tat­säch­lich demoliert.

Im Kern ergän­zen die gro­ßen Auto­sze­nen ein­fach das Gag-Arse­nal des Films. In die­ser Hin­sicht ist der Film ohne­hin sehr viel­sei­tig. Jake und Elwood fun­gie­ren als klas­si­sche Dop­pel­con­fé­rence, wobei Elwood zumeist die Rol­le des Töl­pels über­nimmt. Der Film beschränkt sich jedoch nicht dar­auf, son­dern bie­tet auch Slap­stick, akro­ba­ti­sche Ein­la­gen und Sati­re. Die Idee an sich lässt sich als Par­odie auf die Musik­in­dus­trie und unter­schied­li­che Bands deu­ten, eben­so das Auf­tre­ten der Bei­den als Brü­der und ihre Beklei­dung, die schwar­zen Anzü­gen und Son­nen­bril­le, die mit­un­ter für Ver­wir­rung sor­gen (eine Dame hält die Bei­den für FBI-Agen­ten, spä­ter geben sie sich selbst als Beam­ten einer Behör­de aus). Vie­les wird über­trie­ben dar­ge­stellt (z.B. Elwoods Fahr­ver­stö­ße) oder kehrt die rea­len Ver­hält­nis­se um (der wei­ße Abwä­scher im afro-ame­ri­ka­ni­schen Café), behält aber immer genug Bezug zur Rea­li­tät, um glaub­haft zu blei­ben – eine Kunst, die heu­ti­ge Komö­di­en­fil­me zu oft ver­mis­sen lassen).

All die­se Sze­nen, also die Auto­ka­ram­bo­la­gen, die Musi­cal­num­mern, wie auch die komö­di­an­ti­schen Stel­len fol­gen dem Mus­ter eines Come­dy-Sket­ches. Sie funk­tio­nie­ren mehr oder weni­ger eigen­stän­dig und sind als Vignet­ten anein­an­der­ge­reiht. Die Epi­so­den fun­gie­ren als Sta­tio­nen ent­lang eines wil­den Ritts durch Upsta­te Illi­nois. In die­ser Hin­sicht ist der Film ein Road­mo­vie. Die Musik, Gags und Action funk­tio­nie­ren alle­samt nach dem Mus­ter, dass die Macher bei SNL ein­ge­übt und per­fek­tio­niert haben, und das John Lan­dis bereits bei sei­nem frü­he­ren Film The Ken­tu­cky Fried Movie ein­ge­setzt hat. In The Blues Brot­hers sind die ver­schie­de­nen Epi­so­den durch Jake und Elwood jedoch weit­aus enger mit­ein­an­der ver­bun­den. Die bei­den Brü­der die­nen als „Mas­ters of Cerem­o­ny“, die durch den Film lei­ten und einen nar­ra­ti­ven Faden für die Gags bie­ten. Nicht zuletzt funk­tio­niert der Film auch des­halb, weil hier ein von sozia­len Pro­ble­men gebeu­tel­tes Ame­ri­ka dar­ge­stellt und auf den Arm genom­men wird und trotz aller Über­zeich­nung und Leich­tig­keit der Musik­num­mern, immer wie­der die alles ande­re als komi­sche (Lebens-)Realität in die­sem Ame­ri­ka durch die glit­zern­de Fas­sa­de sicht­bar wird: Armut, Rassenkonflikt.