Rainer on the Road: Im Land der Bolschewiken

  • Ostseeküste, Polen. Mit meinem Leihwagen kämpfe ich Meter für Meter über die ramponierten polnischen Landstraßen. Auf Usedom hat man am Straßenrand Europas größte Schmetterlingsfarm beworben, hier sehe ich Reklame für ein 6D-Kino, später für ein 7D-Kino, ein 8D-Kino. Umso weiter ich mich von der deutschen Grenze entferne, desto erbitterter wird der Kampf der D-Superlative.
  • Kolberg, Ostseeküste, Polen. Das Erdgeschoss meines Hotels beherbergt ein 6D-Museum, am Weg zum Strand passiere ich ein 8D-Kino im Kioskformat. Auf einem Monitor kann man von außen die mutigen Touristen beobachten, die sich ins Innere gewagt haben, um sich der Urgewalt, der bis dato unbekannten Dimensionen auszusetzen.
  • Leba, Ostseeküste, Polen. Auch Dünen sind hier ungleich größer dimensioniert, als man das gewohnt ist. Im Slowinzischen Nationalpark werden sie über vierzig Meter hoch. Zu diesem Anlass habe ich sogar meine Wanderschuhe geschnürt (obwohl ich Wandern hasse). Ich fühle mich ein wenig wie Lawrence von Arabien, als ich durch den weißen, aber kühlen Sand stapfe und stelle mir vor hier einen Wüstenfilm zu drehen. Wo könnte man die Kamera aufstellen, dass kein verräterischer Baum im Bildausschnitt zu sehen ist?

Slowinzischer Nationalpark

  • Wien, Herbst 2012. Im ersten Semester hat man uns an der Universität den Kuleschow-Effekt erklärt. Der Filmemacher und -theoretiker hat, so zumindest die Überlieferung, drei identische Aufnahmen des russischen Schauspielers Iwan Mosjukhin jeweils mit dem Bild eines Tellers Suppe, einer schönen Frau und eines Sargs montiert, woraufhin unbedarfte Betrachter emotionale Reaktionen im Gesicht Mosjukhins priesen und ihn für seine schauspielerischen Fähigkeiten priesen, obwohl das Gesicht sich nicht veränderte. Ob dieses Experiment jemals wirklich in dieser Form stattgefunden hat ist nicht belegt, es steht jedoch exemplarisch für die Kraft der Filmmontage, die die sowjetischen Filmemacher der 20er Jahre zu Höchstleistungen anregte.
  • Zurück in Berlin. Im Arsenal wird Lew Kuleschows Die seltsamen Abenteuer des Mr. West im Lande der Bolschewiki (einer der grandiosen Titel der Filmgeschichte) gezeigt. In einer nicht angekündigten Einführung beschreibt Ulrich Gregor kurz den Kuleschow-Effekt und weist daraufhin, dass Kuleschow vom amerikanischen Kino, vor allem von Mack Sennett, beeinflusst war.
  • Ulrich Gregor hat Recht mit seinem Verweis auf Sennett: die Raufereien und vor allem die Verfolgungsjagden sind virtuos inszeniert. Der Film handelt vom Amerikaner Mr. West, seines Zeichens Vorsitzender der YMCA, der die Sowjetunion besucht, um dort seine Vereinigung bekannt zu machen. Begleitet wird er von seinem Bodyguard Jeddy, einem waschechten Cowboy (oder zumindest so waschecht, wie es das Kostümdepot von Goskino zulässt). Nach einigen Missgeschicken verlieren sich Mr. West und Jeddy aus den Augen, was den panischen Jeddy dazu veranlasst mit einem gestohlenen Pferdeschlitten vor der Polizei zu türmen. Der Cowboy lenkt das Gefährt dabei selbstverständlich im Stehen von der Rückbank, wie er es von den Kutschen daheim gewohnt ist. Kuleschow hat sich nicht nur einiges bei den Meistern des amerikanischen Slapsticks abgeschaut (einige der Stunts würden Keaton stolz machen), sondern nutzt in diesen Szenen auch den culture clash, um zusätzlichen komödiantischen Effekt zu erzielen.
  • Der Cowboy Jeddy wird von Boris Barnet verkörpert, auch Wsewolod Pudowkin ist als Gaunerboss in einer der Hauptrollen zu sehen. Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie kleine Gruppen von Pionieren und Freigeistern die Filmkunst vorangetrieben haben, wie regionale Bewegungen internationale Bedeutung erlangt haben (in diesem Zusammenhang ist das Projekt Kino-Atlas von Lukas Foerster und Hannes Brühwiler, das versucht ebensolche Gruppen zu katalogisieren und ins Rampenlicht zu rücken eine Erwähnung wert).
  • Die seltsamen Abenteuer des Mr. West im Lande der Bolschewiki lohnt auch in mehreren anderen Punkten eine nähere Betrachtung. Besonders auffallend ist der verwegene Einsatz von Schriftelementen im Bild, teils wie Untertitel, teils großflächig über den Bildausschnitt gelegt, womit die Anzahl der Zwischentitel reduziert wird. Ich werte diese Experimente als Versuch mehr Kontrolle über den Rhythmus des Films auszuüben. Ebenfalls ungewöhnlich ist Kuleschows Mut zur Hässlichkeit (vor allem angesichts der Tatsache, dass es sich bei dem Film trotz allem um ein Propagandaprodukt handelt) – den Großteil der Laufzeit scheint der Film die Vorurteile der westlichen Welt zu bestätigen –, Häuser, Möbel und Kleidung sind überaus schäbig, womit der prächtige Militäraufmarsch am Ende noch mehr an Gehalt gewinnt. In gewisser Weise durchlebt man als Zuseher die gleichen Eindrücke wie Mr. West im Film. Zuerst findet man sich an einem schrecklichen Ort wieder, der allen abwertenden Übertreibungen der amerikanischen Presse gerecht wird, um dann am Ende umso stärker von der aufstrebenden Dynamik im Land überzeugt zu werden. Das ist ein dialektischer Ansatz, wirkt aber im Unterschied zu so vielen anderen propagandistischen Arbeiten der Epoche nicht zu didaktisch und pathetisch, weil es mit einer stattlichen Menge von Selbstparodie versüßt wird.