Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Der Häuserbogen II, Egon Schiele 1915

Rainer on the Road: Das Leopold Museum und der filmische Blick

Es war so ein trü­ber Novem­ber­tag, sie beschlos­sen ins Muse­um zu gehen.
Da gab es eine gro­ße Schau mit Bil­dern von Gus­tav Klimt zu sehen.
Das ist ein welt­be­rühm­ter Maler, doch den bei­den gefiel nicht viel,
und irgend­wann sag­te sie sogar: Scheiß Jugend­stil! (Fun­ny van Dan­nen, „Scheiß Jugendstil“)

Sammlung von Jugendstilmöbeln

Der Novem­ber­tag mei­nes Muse­ums­be­suchs war nicht wirk­lich trüb und auch gegen Klimt hege ich kei­ne so star­ke Abnei­gung wie die Prot­ago­nis­tin des oben ange­führ­ten Lieds. Den­noch kann ich mich der Grund­aus­sa­ge anfreun­den: Jugend­stil gefällt mir nicht, vor allem die Möbel und Gebrauchs­ge­gen­stän­de, die in der Wie­ner Werk­statt ange­fer­tigt wur­den und es nun zu Aus­stel­lungs­wür­den im Muse­um gebracht haben, fin­de ich ziem­lich häss­lich. Das ist natür­lich ein rein sub­jek­ti­ves Geschmacks­ur­teil. Eine Argu­men­ta­ti­on für oder wider die ästhe­ti­schen Prin­zi­pi­en einer Kunst­rich­tung zu füh­ren über­steigt mei­ne Kennt­nis­se Bil­den­der Kunst. Trotz­dem: Scheiß Jugendstil!

Nichts­des­to­trotz, wag­te ich mich in die Hei­li­gen Hal­len der Wie­ner Kunst­sze­ne des fin de siè­cle um mei­nen Hori­zont zu erwei­tern; und wenn­gleich ich die Aus­stel­lungs­räu­me vol­ler Jugend­stil­ramsch zügig durch­schritt, ver­weil­te ich an ande­rer Stel­len län­ger. Das Beson­de­re am Dis­po­si­tiv Muse­um ist für mich die Frei­heit, die es dem Besu­cher in der Rezep­ti­on der aus­ge­stell­ten Wer­ke über­lässt. Schlen­dernd bewe­ge ich mich durch die Säle, ver­har­re wenn mich ein Stück beson­ders anspricht; mit bewusst fil­mi­schem Blick tas­te ich mich durch den Raum. Eine der groß­ar­tigs­ten Eigen­schaf­ten der bil­den­den Kunst ist für mich, dass ich, im Gegen­satz zum Kino, mei­ne Per­spek­ti­ve frei wäh­len kann. Dabei kann es sich um einen hun­dert­acht­zig Grad Rund­um­gang um eine Skulp­tur von Gia­co­metti han­deln, oder um den ver­glei­chen­den Blick auf ein Gemäl­de vom ande­ren Ende des Raums und aus weni­gen Zen­ti­me­tern Ent­fer­nung. Die kur­ze Distanz, das musea­le „extrem clo­se-up“ übt eine beson­de­re Fas­zi­na­ti­on auf mich aus. Hier wird die spe­zi­el­le Hap­tik der bil­den­den Kunst deut­lich, die am Film­strei­fen nicht zu fin­den ist (und den Film­lieb­ha­ber immer wie­der in Erklä­rungs­not bringt, wenn es um Ana­lo­gi­zi­tät des Film­ma­te­ri­als geht). Umso grö­ßer die Farb­kleck­se, umso unkon­trol­lier­ter die Farb­ak­zen­te, umso mehr gibt es für mich zu ent­de­cken. In der unru­hi­gen Ober­flä­che eines Ölge­mäl­des ist der Ent­ste­hungs­pro­zess des Bil­des ein­ge­schrie­ben – Farb­kom­bi­na­tio­nen, Pin­sel­füh­rung wer­den aus nächs­ter Nähe nach­voll­zieh­bar, wäh­rend sich aus der Fer­ne ein ganz ande­res Bild ergibt.Paar im Grünen, Richard Gerstl 1908

Exem­pla­risch hier­für ein Bild von Richard Gerstl, „Ein Paar im Grü­nen“. Gerstl, des­sen künst­le­ri­sche Tätig­keit erst nach sei­nem Tod gewür­digt wur­de, ist im Leo­pold Muse­um ein eige­ner Raum gewid­met. Betritt man die­sen Eck­saal sieht man sich mit einer Rei­he von Land­schafts­bil­dern und Por­träts kon­fron­tiert. Aus der Distanz wir­ken die­se Bil­der nicht weni­ger rea­lis­tisch wie z.B. die Bil­der Kolo­man Mosers in den Räu­men zuvor. Nähert man sich den ein­zel­nen Wer­ken, so erkennt man eine grö­be­re Struk­tur, eine stär­ke­re Hap­tik der Gemäl­de. Aus nächs­ter Nähe betrach­tet lösen sich Gerstls Bil­der in abs­trak­te Farb­kom­po­si­tio­nen auf und das in viel stär­ke­rem Aus­maß als z.B. jene der impres­sio­nis­ti­schen Meis­ter. Die­se bereits vor­hin ange­spro­che­ne Diver­genz zwi­schen Nah und Fern beein­druck­te mich nach­hal­tig und mach­te den „Gerstl-Raum“ zu mei­nem Lieb­lings­raum der „Wien um 1900“-Ausstellung.

Selbstbildnis mit Lampionfrüchten, Egon Schiele 1912

Von Gerstl zu Schie­le. Ich muss ganz ein­fach auch über Schie­le schrei­ben. Einer­seits, weil es sich bei der Schie­le-Samm­lung im Leo­pold um die größ­te der Welt han­delt und ande­rer­seits, weil Schie­le der berühm­tes­te Sohn mei­nes Hei­mat­orts Tulln ist. Von klein auf, wird man in Tulln mit Schie­le kon­fron­tiert was natür­lich unwei­ger­lich dazu geführt hat, dass ich jah­re­lang eine beson­de­re Abnei­gung gegen die­sen Men­schen heg­te: Was man mir par­tout schmack­haft machen will, leh­ne ich aus Prin­zip ab. Aus heu­ti­ger Sicht bin ich etwas ver­är­gert über mein jugend­li­ches Ich, dass sich Schie­les Geni­us so vehe­ment wider­setzt hat. Denn Schie­les Arbei­ten sind erstaun­lich viel­fäl­tig (nicht bloß nack­te aus­ge­mer­gel­te Gestal­ten, son­dern auch far­ben­fro­he Stra­ßen­zü­ge), schlicht aber expres­siv, und zugleich nobel-zurück­hal­tend wie polemisch-extrovertiert. Paar am See, Ernst Stöhr 1897-1903

Aber noch ein­mal zurück zu den Mög­lich­kei­ten eines fil­mi­schen Blicks im musea­len Dis­po­si­tiv. Das klingt furcht­bar klug, was ich damit mei­ne ist aber durch­wegs banal. Man neh­me z.B. ein Bild wie Ernst Stöhrs „Paar am Ufer“, das sich recht pro­blem­los inner­halb der Wie­ner Seces­si­on ein­ord­nen lässt. Was genau die­ses Gemäl­de kunst­his­to­risch aus­zeich­net kann ich nicht beur­tei­len, aber für mei­ne Zwe­cke ist es sehr dien­lich. Man muss sich vor­stel­len die­sem Werk aus fünf Metern Ent­fer­nung gegen­über­zu­ste­hen. Es eröff­net sich ein Blick auf ein Paar, das am Ufer eines Sees, genau­er, auf einem Steg, ins Alpen­pan­ora­ma blickt und uns dabei den Rücken zukehrt. Ver­lässt man die­se sta­ti­sche Posi­ti­on und nähert sich dem Bild lang­sam an, so ent­steht ein wun­der­sa­mer Dol­ly­ef­fekt. Wie wir uns dem Paar nähern, erwar­ten wir bei­na­he ihre Stim­men zu hören, wie sie sich übers Wet­ter unter­hal­ten oder char­man­te Kom­pli­men­te aus­tau­schen. Es bleibt still. Auch Bewe­gung ist kei­ne erkenn­bar. Kurz meint man die bei­den wür­den sich umdre­hen um uns, den Dazu­sto­ßen­den zu begrü­ßen, aber wir nähern uns, und das Bild bleibt unver­än­dert. Aber bleibt es unver­än­dert? Die Dyna­mik, die die­sem Bild inne­wohnt, hat mich immer­hin zu die­ser klei­nen Geschich­te inspi­riert, die schließ­lich damit endet, das wir am Ende unse­rer Dol­ly­ef­fekt ange­kom­men, ganz nah am Gemäl­de zwi­schen den Köp­fen des Paa­res hin­durch sehen und nun das Alpen­pan­ora­ma aus deren Per­spek­ti­ve betrach­ten. Ist die­se Dyna­mik nicht der Film, der sich im Kopf des Zuse­hers abspielt, wie Alex­an­der Klu­ge das so tref­fend for­mu­lier­te? Ist die Welt inner­halb des cad­res nicht eben­so mit dem fil­mi­schen Blick erforsch­bar wie die Welt des caches?