Architekturfilme sind immer auch Lichtfilme. Am scheinbar regungslosen Objekt betonen sie das, was sich verändert: Staub und Schimmer, Zeit und durch die Gänge gehende Menschen. Die Gebäude erzählen von Verwandlungen. Wie werden sie belebt? Man muss sie nur betrachten und die, die in ihnen stehen. Man muss nur mit ihnen schauen. Wo verfängt sich ihr Blick? Wo geht er ins Leere? Das Filmpodium in Zürich zeigte vergangene Woche drei Arbeiten des serbischen Filmemachers Ivan Marković, die sich mit zwei sozialistischen Gebäuden in Belgrad auseinandersetzen. In Similar to Ourselves, den der Filmemacher 2024 realisierte, das von Aleksandar Keković entworfene Gebäude des «Energoprojekts» aus dem Jahr 1982 und in Centar aus dem Jahr 2018 sowie Inventar aus dem vergangenen Jahr das von Stojan Maksimović entworfene Stava Centar aus dem Jahr 1978, ein Kongressgebäude, in dem die internationalen Bestrebungen Jugoslawiens mit enthusiastischem Nachdruck verfolgt wurden, in dem später unter anderem der Eurovision Song Contest 2008 ausgerichtet und das inzwischen privatisiert wurde.
Da ich mich vor einigen Jahren näher mit From Tomorrow on, I Will von Ivan Marković und Wu Linfeng auseinandergesetzt habe, einer Studie der implodierenden Zwischen- und Fluchträume im chinesischen Neoliberalismus, wollte ich sehen, wie sich Marković, der unter anderem auch die Kamera für Angela Schanelecs Ich war zuhause, aber… führte, mit Bauwerken in Belgrad auseinandersetzt. Er filmt die Räume und Fassaden, die Arbeiten, die die Gebäude instandhalten oder demontieren. Da ich nicht in Zürich sein konnte, habe ich die Filme auf einem kleinen Bildschirm gesehen. Irgendwie hat das gut gepasst, denn sie berichten von einer Entfremdung zwischen Räumlichkeit und Mensch.
Im kurzzeitigen Erzittern des Lichts in einer stummen Brise erahnt man das Leben, das diesen vergessenen Räumen bis heute innewohnt. Die Utopie, die in Bezug auf Jugoslawien auch eine Nostalgie sein könnte, versteckt sich hier wie Wanzen in den Nischen. Mit allen Mitteln der Hygiene- und Glättungsindustrien werden Vergessen und Verdrängung produziert. Staubsauger und abgehangene Vorhänge. Die Menschen sitzen hinter Glas und haben keinen Bezug mehr zum Ort, an dem sie sind. Das ist kein lokales sondern ein globales Phänomen. Die Privatisierung von Räumen führt zu einem Verlust sozialer und imaginativer Beziehungen. Was hier abmontiert wird, sind nicht nur Möbel und Metalle, es ist eine Vorstellung des «Wir». Nach der Abtrennung vom natürlichen Raum, den Henri Lefebvre als l’origine bezeichnet, nun also die Abtrennung vom sozialen Raum. Von was dieser ersetzt wird, ist unklar. Die Arbeiter gehen durch ein Brachland nach Hause. Vielleicht wächst dort eine Sehnsucht nach einem Anderswo. Vielleicht findet es sich im Handy, das einer der Arbeiter an sich hält. Ein sich im Wind faltendes Plakat zeigt die mögliche Zukunft, die selbst aussieht wie der Zerfall, der dort einsetzte, seitdem das System zerfiel, das diese Gebäude hervorgebracht hat. Ein Wohnkomplex mit einem Spielplatz und ein paar Bäumen zwischen dem Beton. Autos rasen vorbei an diesem Bild einer kapitalistischen Idee von sozialer Architektur. Der Zusammenhalt fehlt im Übergang vom einen zum anderen. Nur die Vorliebe des Filmemachers für Blautöne lässt die Bilder nicht im Wind davonfliegen. So vermengen sich immerhin die tristen Farben verblasster Systeme mit den ruinösen Schattierungen des Kommenden.
In Centar wird noch ein Anschein gewahrt, in Inventar wird alles zerlegt. Politische Systeme lassen sich an den Wänden ablesen. Es ist ein zunächst schleichender bald aber rabiater Vorgang. Marković dokumentiert Übergänge. Woher kommt dieses Gefühl, dass wir mit dem Brüchigen auch das Mögliche überschreiben, überbauen? Ein klirrender Hall schallt durch die leeren Räume, in denen Arbeiterinnen ja was genau eigentlich tun? Sie bauen ab, sie bauen auf. Sie erhalten, sie zersetzen. Am Rand des Bildes oder verloren in den weiten Hallen erinnern sie an die Ausgeliefertheit der Menschen vor den Räumen. Die Pflanzen aus den Blockfreien Staaten stehen noch in Similar to Ourselves und jemand kümmert sich. Stumme Gestalten werkeln zwischen den mattgewordenen Farben ehemaligen Glanzes. Sie wissen nicht wofür. Jemand verletzt sich. Einem von ihnen folgt Marković in Inventar nach Hause. Sein Name ist Nenad. Sein Körper ist abgetrennt von den Ideen, auf denen dieses Bauwerk basiert. Er lebt ohne sie und ist zum ersten Mal dort. Das alles ist eine Arbeit, keine Ideologie für ihn. Er ist müde. Kurz spricht er mit seiner Mutter. Er isst, er schläft ein. Das ist das Leben. Diese Bilder sind das Gegenteil der Bilder von Arbeit aus dem jugoslawischen Kino. Heute sind die Menschen allein und niemand singt. Marković betont das Miteinander von Innen und Außen. Immer wieder zeigen sich Pflanzen oder die Sonne. Manchmal durch beschlagene Fenster, manchmal als Schatten, manchmal als schmale Lichtkorridore. Das eine aber schließt das andere aus, verformt es. Eigenwillig schön ist das, weil wir gelernt haben, den Zerfall der Welt als ästhetisches Spektakel zu genießen. Es ist, als würde die Wahrnehmung selbst entrücken. Der Blick hält sich nicht, er löst sich auf. Das ist ein Symptom derjenigen, die Bilder vom Heute machen. Die Bilder erzählen immer auch von dem, was nicht in ihnen ist. Die Oberflächen häuten sich. Marković erzählt das nicht aus. Er macht es sichtbar, gerade so, dass man etwas spüren kann, ein sanftes Grauen vor der Perspektivlosigkeit.

