Screwball Komödien im Arsenal: Ein Genre-Streifzug

Vorangestellt eine kurze Bemerkung zu den Programmierungspraktiken des Arsenal Kinos im Vergleich zum Österreichischen Filmmuseum: Zu Beginn einer Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum werden täglich zwei (an Winterwochenden sogar drei) Filmprogramme der Reihe gezeigt, einzig der Dienstag bleibt den zyklischen Programmen vorbehalten. Später, gegen Ende des Monatsprogramms wird der Großteil dieser Filme noch ein zweites Mal gezeigt, dann oft durchgemischt mit Filmen einer kleineren sekundären Schau, ausgewählten Spezialprogrammen oder Premieren aktueller Filme. In der ersten Woche der Retrospektive kann man, auch wenn man nicht jeden Tag ins Unsichtbare Kino pilgert, ohne Probleme zehn Filme ansehen, und sich einen fundierten ersten Eindruck schaffen. Im Arsenal verhält es sich anders, dort stehen ungleich mehr Programmpunkte am Plan. Neben der Magical History Tour, dem zyklischen Programm, das weitaus umfangreicher ist, als die Utopie Film im ÖFM, werden meist mehrere Retrospektiven parallel gespielt, deren Umfang variiert und die, anders als in Wien, oft nicht klar in Haupt- und Nebenreihe eingeordnet werden können. Zwar verfügt man über zwei Kinosäle, doch maximal einer davon wird auch mehr als einmal täglich bespielt. So kann es vorkommen, dass nur ein Screening am Tag der Hauptretrospektive vorbehalten ist, oder überhaupt mehrere Tage gar kein Film der Schau läuft. Ich musste feststellen, dass es schwierig ist, den Vorgängen im Arsenal so intensiv zu folgen wie ich es aus Wien gewohnt bin. Dezember und Jänner waren und sind im Arsenal Kino der Screwball Komödie gewidmet. Ausgebreitet auf zwei Monate wird hier eine stolze Menge an Klassikern des Genres und weniger bekannten Filmen gespielt. Aus den obengenannten Gründen, und aufgrund eines längeren Heimaturlaubs über Weihnachten, konnte ich diese Schau nur sporadisch besuchen. Der Eindruck, der dadurch entstanden ist und den die Filme auf mich hinterlassen haben ist also weniger kondensiert und kohäsiv, als der vergleichbarer Retrospektiven, die ich in Wien besucht habe, weniger eine ganzheitliche Überblicksdarstellung, als ein tagebuchartiger Streifzug.

His Girl Friday von Howard Hawks

His Girl Friday von Howard Hawks

Ein möglicher Ansatzpunkt in der Auseinandersetzung mit Screwball Komödien ist Howard Hawks‘ One-Two-Punch Bringing Up Baby und His Girl Friday. In beiden Filmen lässt sich Cary Grant von zielstrebigen Frauen den Kopf verdrehen und gegen die Wand spielen. Der selbstsichere Frauenschwarm Grant, der Inbegriff eines Matinee Idols wird hier mit seiner eigenen Verletzlichkeit konfrontiert (die meisten seiner besseren Filme, weisen diese Konfrontation auf). Ständig kämpft er mit seiner Leading Lady um die Dominanz auf der Leinwand, liefert sich Duelle in irrwitzigen Dialogsalven, die in bester Hawks-Manier hin- und hergepfeffert werden. Doch immer wenn er vertrottelt ins Nichts blickt, wenn ihm Katharine Hepburns Tracy Lord oder Rosalind Russells Hildy Johnson um den Finger gewickelt haben, dann wird ein Blick hinter die Fassade der sorgsam konstruierten Starpersona freigegeben. Es ist ein Oszillieren das diese beiden Filme auszeichnet, und das in mehrerer Hinsicht: Das gefährliche Spiel mit dem Leoparden in Bringing Up Baby, das nicht an Chaplins waghalsigen Auftritt im Löwenkäfig aus The Circus herankommt, aber für Brüchigkeit in der perfekt ausgeleuchteten Hollywood-Idylle sorgt, oder die tragische Dimension von His Girl Friday, den Selbstmordversuch der Freundin des verschwundenen Häftlings Earl Williams. Sie springt aus dem Fenster und wird von den beiden Protagonisten ignoriert. Hat die Depression der 30er Jahre die amerikanische Bevölkerung verhärten lassen? Ist menschliches Leben dem wirtschaftlichen Erfolg (einer Zeitung) unterzuordnen? His Girl Friday könnte in einer anderen Zeit und in einem anderen System auch als griechische Tragödie entstanden sein, bloß dass solche Tragödien nie in eitler Wonne enden, sondern mit Mord, Totschlag und Verzweiflung. Aristoteles hebt den kathartischen Effekt einer solchen Handlungsabwicklung hervor, Howard Hawks macht es uns aber nicht so einfach – wir müssen selbst entscheiden, ob wir dieses Oszillieren zwischen Komik und Tragik als seichte Unterhaltung und erzählerische Notwendigkeit wahrnehmen, oder als ethisches Vabanquespiel, das nicht bloß die Figuren, sondern auch das Publikum miteinbezieht.

Vivacious Lady von George Stevens

Vivacious Lady von George Stevens

Cary Grant spielt auch in The Talk of the Town von George Stevens die Hauptrolle, einer jener Filme, die nicht zu seinen besseren zählen, unter anderem aus dem oben genannten Grund, dass er hier als quasi unnahbarer Supermann mit verstauchtem Knöchel tagelang der Polizei entfliehen kann und innerhalb weniger Tage zu einem engen Vertrauten eines kühlen Rechtswissenschaftlers wird und diesen schließlich spielerisch von seiner eigenen Rechtsauffassung überzeugt. Zwar ist sein Körper verwundbar, doch sein Geist und seine Gesinnung stellen sich als übermächtig heraus – am Ende bekommt er entgegen der bisherigen dramaturgischen Logik sogar das Mädchen (eine brillante Jean Arthur). The Talk of the Town ist einer jener Filme der Schau, die zwar flott erzählt und gekonnt inszeniert sind (wenn Screwball Komödien sich in einem Bereich hervortun, dann in Sachen Schauspielerführung und comedic timing), doch keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Diese Art von Filmen setzt sich aus verschiedenen bekannten Motiven und Figuren zusammen, die typisch für das Genre sind, und führen unweigerlich zu Verwechslungsgefahr. Dieses Urteil trifft auch auf einen anderen Film von George Stevens zu. In Vivacious Lady mimt Jimmy Stewart einen jungen Universitätsprofessor, der in der Stadt eine junge Tänzerin (Ginger Rogers) kennenlernt, sogleich heiratet und die restliche Laufzeit des Films mit dem Versuch zubringt dieses Vorkommnis seiner Familie zu berichten. Charles Coburn spielt seinen Vater, der als Dekan der Universität zugleich sein Vorgesetzter ist und seinem Beruf alles opfert. Es entspinnen sich ein Generationenkonflikt, ein Klassenkonflikt und ein Liebeskonflikt, die in der abgeschmackten Erkenntnis münden, dass es manchmal gar nicht so verkehrt ist, den Beruf für die Liebe hintanzustellen. Wieder finden sich hier hervorragende set pieces, die mit einem ausgeprägten Gespür für comedic timing inszeniert und gut gespielt sind, aber es bleibt beim Stückwerk, dass für kurze Zeit begeistert, aber dessen Andenken sich schon nach kurzer Zeit in Luft auflöst.


Easy Living von Mitchell Leisen könnte man ähnliches vorwerfen. Der reiche Bankier J.B. Ball (Edward Arnold) ist der Meinung seine Frau verprasse sein Geld und wirft einen neuen, sündteuren Pelzmantel aus dem Fenster. Der trifft just Mary Smith (Jean Arthur) am Kopf und beschädigt ihren Hut. Als die rechtschaffende Mary den Mantel zurückbringen will, macht Ball ihn ihr ganz einfach zum Geschenk – und einen neuen Hut gibt’s obendrein. Das sorgt in der Hutboutique für Klatsch und Tratsch (Mary wird für die neue Flamme des Bankiers gehalten) und die kleine Angestellte wird zwar ihren Job und ihre Wohnung los, aber auf einmal scheinen ihr alle Annehmlichkeiten der Welt zuzufliegen – es ist bittere Ironie, dass der bessergestellten Schicht der Gesellschaft das ohnehin weniger mühevolle Leben durch Beziehungen und Geschenke zusätzlich versüßt wird. Ahnungslos sieht sich Mary einem Haufen Kostbarkeiten gegenüber, für die sie eigentlich gar keinen Bedarf hat. In typisch unschuldiger Jean-Arthur-Manier lässt sich Mary nicht von den Annehmlichkeiten des Kapitals verführen und versucht das Missverständnis aufzuklären. So weit, so gut. Ohne auf Details in der Handlung und die unzähligen Nebenstränge einzugehen sei gesagt – es passiert sehr viel. Dass der Film trotzdem nicht die eineinhalb Stunden Marke knackt ist nur dem unerhörten Tempo zu verdanken: Stakkato-Dialoge, die Howard Hawks zur Ehre gereichen würden, keine Sekunde Zeit zum Luft holen, ein stetes Vorantreiben der Handlung ohne Rücksicht auf Verluste. In gewisser Weise funktioniert der Film auf die gleiche Weise wie ein moderner Blockbuster aus dem Hause Disney. Filme wie Star Wars: The Force Awakens oder The Avengers: Age of Ultron wenden das gleiche Prinzip an, reihen pausenlos actiongeladene Effektfeuerwerke aneinander, um in hastigen Dialogen genug Exposition zu bieten, sodass man dem Spektakel folgen kann. Was Easy Living im Gegensatz zu diesen Filmen jedoch fehlt sind Tempowechsel, Momente der Rückbesinnung (der Versuch des nostalgischen Schwelgens in Star Wars VII), spirituelle Ruhepausen (heutzutage gerne in Form von Rückblenden) oder kurze Witzstafetten. Easy Living ist hingegen eine einzige Witzstafette, nein, eine Witzautobahn, auf der man ungebremst dahinbrettert und am Ende beinahe die Ausfahrt verpasst. Über rund neunzig Minuten hält der Film dieses Tempo durch, ohne dadurch Kompromisse in der Inszenierung hinzunehmen. Das Timing der Gags ist perfekt, die delivery der Dialogzeilen fabelhaft, unglaublich eigentlich, dass es die beiden Filme von Howard Hawks zu Genreklassikern gebracht haben und nicht Mitchell Leisens Screwball-Höllenritt.

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