Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Easy Living von Mitchell Leisen

Screwball Komödien im Arsenal: Ein Genre-Streifzug

Vor­an­ge­stellt eine kur­ze Bemer­kung zu den Pro­gram­mie­rungs­prak­ti­ken des Arse­nal Kinos im Ver­gleich zum Öster­rei­chi­schen Film­mu­se­um: Zu Beginn einer Retro­spek­ti­ve im Öster­rei­chi­schen Film­mu­se­um wer­den täg­lich zwei (an Win­ter­wo­chen­den sogar drei) Film­pro­gram­me der Rei­he gezeigt, ein­zig der Diens­tag bleibt den zykli­schen Pro­gram­men vor­be­hal­ten. Spä­ter, gegen Ende des Monats­pro­gramms wird der Groß­teil die­ser Fil­me noch ein zwei­tes Mal gezeigt, dann oft durch­ge­mischt mit Fil­men einer klei­ne­ren sekun­dä­ren Schau, aus­ge­wähl­ten Spe­zi­al­pro­gram­men oder Pre­mie­ren aktu­el­ler Fil­me. In der ers­ten Woche der Retro­spek­ti­ve kann man, auch wenn man nicht jeden Tag ins Unsicht­ba­re Kino pil­gert, ohne Pro­ble­me zehn Fil­me anse­hen, und sich einen fun­dier­ten ers­ten Ein­druck schaf­fen. Im Arse­nal ver­hält es sich anders, dort ste­hen ungleich mehr Pro­gramm­punk­te am Plan. Neben der Magi­cal Histo­ry Tour, dem zykli­schen Pro­gramm, das weit­aus umfang­rei­cher ist, als die Uto­pie Film im ÖFM, wer­den meist meh­re­re Retro­spek­ti­ven par­al­lel gespielt, deren Umfang vari­iert und die, anders als in Wien, oft nicht klar in Haupt- und Neben­rei­he ein­ge­ord­net wer­den kön­nen. Zwar ver­fügt man über zwei Kino­sä­le, doch maxi­mal einer davon wird auch mehr als ein­mal täg­lich bespielt. So kann es vor­kom­men, dass nur ein Scree­ning am Tag der Haupt­re­tro­spek­ti­ve vor­be­hal­ten ist, oder über­haupt meh­re­re Tage gar kein Film der Schau läuft. Ich muss­te fest­stel­len, dass es schwie­rig ist, den Vor­gän­gen im Arse­nal so inten­siv zu fol­gen wie ich es aus Wien gewohnt bin. Dezem­ber und Jän­ner waren und sind im Arse­nal Kino der Screw­ball Komö­die gewid­met. Aus­ge­brei­tet auf zwei Mona­te wird hier eine stol­ze Men­ge an Klas­si­kern des Gen­res und weni­ger bekann­ten Fil­men gespielt. Aus den oben­ge­nann­ten Grün­den, und auf­grund eines län­ge­ren Hei­mat­ur­laubs über Weih­nach­ten, konn­te ich die­se Schau nur spo­ra­disch besu­chen. Der Ein­druck, der dadurch ent­stan­den ist und den die Fil­me auf mich hin­ter­las­sen haben ist also weni­ger kon­den­siert und kohä­siv, als der ver­gleich­ba­rer Retro­spek­ti­ven, die ich in Wien besucht habe, weni­ger eine ganz­heit­li­che Über­blicks­dar­stel­lung, als ein tage­buch­ar­ti­ger Streifzug.

His Girl Friday von Howard Hawks
His Girl Fri­day von Howard Hawks

Ein mög­li­cher Ansatz­punkt in der Aus­ein­an­der­set­zung mit Screw­ball Komö­di­en ist Howard Hawks‘ One-Two-Punch Brin­ging Up Baby und His Girl Fri­day. In bei­den Fil­men lässt sich Cary Grant von ziel­stre­bi­gen Frau­en den Kopf ver­dre­hen und gegen die Wand spie­len. Der selbst­si­che­re Frau­en­schwarm Grant, der Inbe­griff eines Mati­née Idols wird hier mit sei­ner eige­nen Ver­letz­lich­keit kon­fron­tiert (die meis­ten sei­ner bes­se­ren Fil­me, wei­sen die­se Kon­fron­ta­ti­on auf). Stän­dig kämpft er mit sei­ner Lea­ding Lady um die Domi­nanz auf der Lein­wand, lie­fert sich Duel­le in irr­wit­zi­gen Dia­log­sal­ven, die in bes­ter Hawks-Manier hin- und her­ge­pfef­fert wer­den. Doch immer wenn er ver­trot­telt ins Nichts blickt, wenn ihm Katha­ri­ne Hepb­urns Tra­cy Lord oder Rosa­lind Rus­sells Hil­dy John­son um den Fin­ger gewi­ckelt haben, dann wird ein Blick hin­ter die Fas­sa­de der sorg­sam kon­stru­ier­ten Star­per­so­na frei­ge­ge­ben. Es ist ein Oszil­lie­ren das die­se bei­den Fil­me aus­zeich­net, und das in meh­re­rer Hin­sicht: Das gefähr­li­che Spiel mit dem Leo­par­den in Brin­ging Up Baby, das nicht an Chap­lins wag­hal­si­gen Auf­tritt im Löwen­kä­fig aus The Cir­cus her­an­kommt, aber für Brü­chig­keit in der per­fekt aus­ge­leuch­te­ten Hol­ly­wood-Idyl­le sorgt, oder die tra­gi­sche Dimen­si­on von His Girl Fri­day, den Selbst­mord­ver­such der Freun­din des ver­schwun­de­nen Häft­lings Earl Wil­liams. Sie springt aus dem Fens­ter und wird von den bei­den Prot­ago­nis­ten igno­riert. Hat die Depres­si­on der 30er Jah­re die ame­ri­ka­ni­sche Bevöl­ke­rung ver­här­ten las­sen? Ist mensch­li­ches Leben dem wirt­schaft­li­chen Erfolg (einer Zei­tung) unter­zu­ord­nen? His Girl Fri­day könn­te in einer ande­ren Zeit und in einem ande­ren Sys­tem auch als grie­chi­sche Tra­gö­die ent­stan­den sein, bloß dass sol­che Tra­gö­di­en nie in eit­ler Won­ne enden, son­dern mit Mord, Tot­schlag und Ver­zweif­lung. Aris­to­te­les hebt den kathar­ti­schen Effekt einer sol­chen Hand­lungs­ab­wick­lung her­vor, Howard Hawks macht es uns aber nicht so ein­fach – wir müs­sen selbst ent­schei­den, ob wir die­ses Oszil­lie­ren zwi­schen Komik und Tra­gik als seich­te Unter­hal­tung und erzäh­le­ri­sche Not­wen­dig­keit wahr­neh­men, oder als ethi­sches Vaban­que­spiel, das nicht bloß die Figu­ren, son­dern auch das Publi­kum miteinbezieht.

Vivacious Lady von George Stevens
Viva­cious Lady von Geor­ge Stevens

Cary Grant spielt auch in The Talk of the Town von Geor­ge Ste­vens die Haupt­rol­le, einer jener Fil­me, die nicht zu sei­nen bes­se­ren zäh­len, unter ande­rem aus dem oben genann­ten Grund, dass er hier als qua­si unnah­ba­rer Super­mann mit ver­stauch­tem Knö­chel tage­lang der Poli­zei ent­flie­hen kann und inner­halb weni­ger Tage zu einem engen Ver­trau­ten eines küh­len Rechts­wis­sen­schaft­lers wird und die­sen schließ­lich spie­le­risch von sei­ner eige­nen Rechts­auf­fas­sung über­zeugt. Zwar ist sein Kör­per ver­wund­bar, doch sein Geist und sei­ne Gesin­nung stel­len sich als über­mäch­tig her­aus – am Ende bekommt er ent­ge­gen der bis­he­ri­gen dra­ma­tur­gi­schen Logik sogar das Mäd­chen (eine bril­lan­te Jean Arthur). The Talk of the Town ist einer jener Fil­me der Schau, die zwar flott erzählt und gekonnt insze­niert sind (wenn Screw­ball Komö­di­en sich in einem Bereich her­vor­tun, dann in Sachen Schau­spie­ler­füh­rung und come­dic timing), doch kei­nen blei­ben­den Ein­druck hin­ter­las­sen. Die­se Art von Fil­men setzt sich aus ver­schie­de­nen bekann­ten Moti­ven und Figu­ren zusam­men, die typisch für das Gen­re sind, und füh­ren unwei­ger­lich zu Ver­wechs­lungs­ge­fahr. Die­ses Urteil trifft auch auf einen ande­ren Film von Geor­ge Ste­vens zu. In Viva­cious Lady mimt Jim­my Ste­wart einen jun­gen Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor, der in der Stadt eine jun­ge Tän­ze­rin (Gin­ger Rogers) ken­nen­lernt, sogleich hei­ra­tet und die rest­li­che Lauf­zeit des Films mit dem Ver­such zubringt die­ses Vor­komm­nis sei­ner Fami­lie zu berich­ten. Charles Cob­urn spielt sei­nen Vater, der als Dekan der Uni­ver­si­tät zugleich sein Vor­ge­setz­ter ist und sei­nem Beruf alles opfert. Es ent­spin­nen sich ein Gene­ra­tio­nen­kon­flikt, ein Klas­sen­kon­flikt und ein Lie­bes­kon­flikt, die in der abge­schmack­ten Erkennt­nis mün­den, dass es manch­mal gar nicht so ver­kehrt ist, den Beruf für die Lie­be hint­an­zu­stel­len. Wie­der fin­den sich hier her­vor­ra­gen­de set pie­ces, die mit einem aus­ge­präg­ten Gespür für come­dic timing insze­niert und gut gespielt sind, aber es bleibt beim Stück­werk, dass für kur­ze Zeit begeis­tert, aber des­sen Andenken sich schon nach kur­zer Zeit in Luft auflöst.


Easy Living von Mit­chell Lei­sen könn­te man ähn­li­ches vor­wer­fen. Der rei­che Ban­kier J.B. Ball (Edward Arnold) ist der Mei­nung sei­ne Frau ver­pras­se sein Geld und wirft einen neu­en, sünd­teu­ren Pelz­man­tel aus dem Fens­ter. Der trifft just Mary Smith (Jean Arthur) am Kopf und beschä­digt ihren Hut. Als die recht­schaf­fen­de Mary den Man­tel zurück­brin­gen will, macht Ball ihn ihr ganz ein­fach zum Geschenk – und einen neu­en Hut gibt’s oben­drein. Das sorgt in der Hut­bou­tique für Klatsch und Tratsch (Mary wird für die neue Flam­me des Ban­kiers gehal­ten) und die klei­ne Ange­stell­te wird zwar ihren Job und ihre Woh­nung los, aber auf ein­mal schei­nen ihr alle Annehm­lich­kei­ten der Welt zuzu­flie­gen – es ist bit­te­re Iro­nie, dass der bes­ser­ge­stell­ten Schicht der Gesell­schaft das ohne­hin weni­ger mühe­vol­le Leben durch Bezie­hun­gen und Geschen­ke zusätz­lich ver­süßt wird. Ahnungs­los sieht sich Mary einem Hau­fen Kost­bar­kei­ten gegen­über, für die sie eigent­lich gar kei­nen Bedarf hat. In typisch unschul­di­ger Jean-Arthur-Manier lässt sich Mary nicht von den Annehm­lich­kei­ten des Kapi­tals ver­füh­ren und ver­sucht das Miss­ver­ständ­nis auf­zu­klä­ren. So weit, so gut. Ohne auf Details in der Hand­lung und die unzäh­li­gen Neben­strän­ge ein­zu­ge­hen sei gesagt – es pas­siert sehr viel. Dass der Film trotz­dem nicht die ein­ein­halb Stun­den Mar­ke knackt ist nur dem uner­hör­ten Tem­po zu ver­dan­ken: Stak­ka­to-Dia­lo­ge, die Howard Hawks zur Ehre gerei­chen wür­den, kei­ne Sekun­de Zeit zum Luft holen, ein ste­tes Vor­an­trei­ben der Hand­lung ohne Rück­sicht auf Ver­lus­te. In gewis­ser Wei­se funk­tio­niert der Film auf die glei­che Wei­se wie ein moder­ner Block­bus­ter aus dem Hau­se Dis­ney. Fil­me wie Star Wars: The Force Awa­kens oder The Aven­gers: Age of Ultron wen­den das glei­che Prin­zip an, rei­hen pau­sen­los action­ge­la­de­ne Effekt­feu­er­wer­ke anein­an­der, um in has­ti­gen Dia­lo­gen genug Expo­si­ti­on zu bie­ten, sodass man dem Spek­ta­kel fol­gen kann. Was Easy Living im Gegen­satz zu die­sen Fil­men jedoch fehlt sind Tem­po­wech­sel, Momen­te der Rück­be­sin­nung (der Ver­such des nost­al­gi­schen Schwel­gens in Star Wars VII), spi­ri­tu­el­le Ruhe­pau­sen (heut­zu­ta­ge ger­ne in Form von Rück­blen­den) oder kur­ze Witz­sta­fet­ten. Easy Living ist hin­ge­gen eine ein­zi­ge Witz­sta­fet­te, nein, eine Witz­au­to­bahn, auf der man unge­bremst dahin­bret­tert und am Ende bei­na­he die Aus­fahrt ver­passt. Über rund neun­zig Minu­ten hält der Film die­ses Tem­po durch, ohne dadurch Kom­pro­mis­se in der Insze­nie­rung hin­zu­neh­men. Das Timing der Gags ist per­fekt, die deli­very der Dia­log­zei­len fabel­haft, unglaub­lich eigent­lich, dass es die bei­den Fil­me von Howard Hawks zu Gen­re­klas­si­kern gebracht haben und nicht Mit­chell Lei­sens Screwball-Höllenritt.