Kenneth Anger

A wie Aura, A wie Anger: Notizen aus dem Kino

Notiz 1:

Stürme der Leidenschaft

Seit Wal­ter Ben­ja­min wis­sen wir, dass die tech­ni­sche repro­du­zier­te Foto­gra­fie und des­sen beweg­ter Ver­wand­ter, der Film, durch ihre Wesens­be­stim­mung – es gibt kein Ori­gi­nal son­dern nur meh­re­re gleich­wer­ti­ge Kopien, Abzü­ge, etc. – ihren Kult­wert ver­lo­ren haben und anders als die Kunst­wer­ke ver­gan­ge­ner Jahr­hun­der­te eine Dasein ohne soge­nann­te „Aura“ fris­te. Die­ses inhä­ren­te Poten­ti­al der Ver­viel­fäl­ti­gung ist unbe­strit­ten und bis heu­te unver­än­dert. Anlass für die­se Notiz war, wie so oft hier am Blog, ein Scree­ning im Öster­rei­chi­schen Film­mu­se­um, ein Scree­ning eines ganz beson­de­ren Films: Stür­me der Lei­den­schaft von Robert Siod­mak. Stür­me der Lei­den­schaft ist eine Kri­mi-Roman­ze, die in vie­ler­lei Hin­sicht den Film Noir vor­weg­nimmt, dem sich Siod­mak zwan­zig Jah­re spä­ter in sei­ner Hol­ly­wood­kar­rie­re wid­men soll­te. Das Beson­de­re an die­sem Scree­ning waren aber weni­ger die künst­le­ri­schen Qua­li­tä­ten des Films, son­dern der Umstand, dass die­ser Film jahr­zehn­te­lang als ver­schol­len galt – das Scree­ning, dem ich bei­woh­nen durf­te war das erst zwei­te in ganz Euro­pa seit sei­nem ursprüng­li­chen Erscheinen.

Die gezeig­te Kopie hat­te sich in einem japa­ni­schen Archiv erhal­ten und dort die Jah­re über­dau­ert. Das Natio­nal Film Cen­ter in Tokio ist somit die ein­zi­ge Insti­tu­ti­on, die über eine Kopie des Films ver­fügt. Poten­ti­el­le Ver­viel­fäl­ti­gung hin oder her, in einer Zeit, wo ich bloß zu goog­len brau­che um hun­der­te, wenn nicht tau­sen­de von Fak­si­mi­les der Mona Lisas in Sekun­den­schnel­le auf den Bild­schirm zu zau­bern und selbst das Ori­gi­nal im Lou­vre sei­nen „Kult­wert“ (um Benjamin’sches Voka­bu­lar zu bemü­hen), schon längst gegen „Aus­stel­lungs­wert“ ein­ge­tauscht hat, emp­fin­de ich das „Aus­stel­len“ einer ein­zig­ar­ti­gen Film­ko­pie auf der Lein­wand als auratisch.

Ein Film, eines durch­aus nam­haf­ten Regis­seurs, der weder auf Ama­zon, auf You­tube, noch auf Pira­te­bay zu fin­den ist. Das brei­te Mas­se, für die die stän­di­ge Ver­füg­bar­keit von jed­we­der Form von audio­vi­su­el­len und ande­ren Bild­me­di­en mitt­ler­wei­le zum Selbst­ver­ständ­nis gewor­den ist, kann hier grob als Maß­stab hin­zu­ge­zo­gen wer­den. Für solch ein Ver­ständ­nis exis­tiert die­ser Film tat­säch­lich nur in Form die­ser einen Kopie, wäh­rend ein popu­lä­res Werk der bil­den­den Kunst, wie zum Bei­spiel die bereits oben ins Feld geführ­te Mona Lisa all­ge­gen­wär­tig und jeder­zeit zugäng­lich ist.

Ich ver­glei­che hier womög­lich Äpfel mit Bir­nen und ich habe auch kei­ne voll­stän­di­ge Revi­si­on von Ben­ja­mins Auf­satz im Auge, aber der Kult­wert des magi­schen Flim­mern die­ser Archiv­ko­pie auf der hei­li­gen Lein­wand des unsicht­ba­ren Kinos kann nicht bestrit­ten werden.

Notiz 2:

Scorpio Rising

Eben­falls magisch, kul­tisch und ritu­ell ist das Werk Ken­neth Angers, aber eigent­lich steht die­se zwei­te Notiz in kei­nem Zusam­men­hang mit der obi­gen. Anger gehört zu mei­nen Favo­ri­ten unter den Prot­ago­nis­ten des New Ame­ri­can Cine­ma, für den Moment wür­de ich ihn gleich hin­ter Jonas Mekas und Robert Bre­er an die drit­te Stel­le mei­ner per­sön­li­chen Rang­lis­te set­zen. Anders als die intel­lek­tu­el­le Ver­zü­ckung bei Mekas und das pure, kine­ti­sche Seh­ver­gnü­gen bei Bre­er, ist die Wir­kung von Angers Fil­men auf mich weit­aus intel­li­gi­bler. Grob gesagt, mag ich ganz ein­fach, was so ein Anger-Film mit mir macht. Der „weich­ge­wa­sche­ne“ Look sei­ner Fil­me in Kom­bi­na­ti­on mit domi­nan­ten Sound­tracks und okkul­ter Sym­bo­lik macht mich frei und ver­setzt mich in einen luzi­den Zustand. Wobei luzi­de eigent­lich nicht das rich­ti­ge Wort ist, denn von Traum- oder Tran­ce­zu­stän­den kann nicht die Rede sein; zu frei sind mei­ne Gedan­ken, schwir­ren im Raum umher, schwei­fen ab um immer wie­der auf die Lein­wand und in die Immersi­on zurück­zu­keh­ren. Kann man die­se Fil­me auch auf einer intel­lek­tu­el­len Ebe­ne betrach­ten, ver­su­chen die Rät­sel und Sym­bo­le zu ent­schlüs­seln? Ganz bestimmt, ich zie­he jedoch den Modus der „spa­zie­ren­den Rezep­ti­on“ vor. Wie ein mor­gend­li­ches Schlen­dern durch einen son­ni­gen Park, bei dem ich mal die Pas­san­ten, mal die Wol­ken betrach­te und mir Gedan­ken über mein Leben mache. Das machen Angers Fil­me mit mir und dafür schät­ze ich sie. Mir ist durch­aus bewusst, dass das ein zutiefst per­sön­li­cher Zugang ist, aber es ist den­ke ich die Qua­li­tät Angers genau sol­che per­sön­li­chen Zugän­ge zu pro­vo­zie­ren. Lee­re. Frei­heit. Ende.