Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

At Sea: The Long Voyage Home von John Ford

The Long Voya­ge Home ist die Quint­essenz aller Gefüh­le, die ich in jedem John Ford Film suche und immer nur dann fin­de, wenn er selbst sucht, sucht nach einer Hei­mat, nach einem Über­gang von Schat­ten und Licht in der Tie­fe der unglaub­li­chen Bil­der von Gregg Toland. Eigent­lich sucht er immer, aber hier und viel­leicht noch in sei­nem The Lost Pat­rol ist er ver­lo­re­ner, dann wer­den sei­ne his­to­ri­schen Ver­wei­se und Figu­ren zu den geis­ter­haf­ten Sil­hou­et­ten einer Emo­ti­on, die sich ziem­lich platt mit dem Wort Sehn­sucht beschrei­ben lässt oder womög­lich als die Melan­cho­lie des Blicks. Ford filmt genau die­sen Blick und er tut das sicher­lich in jedem sei­ner Fil­me, manch­mal kaum bemerk­bar und manch­mal über die kit­schi­gen Fas­sa­den eines Hei­mat­pa­trio­tis­mus hin­aus­ge­schos­sen (loo­king at you Sean Thorn­ton), aber in den Fil­men, die mir das Herz bre­chen (und The Long Voya­ge Home ist wohl der ein­drück­lichs­te die­ser Fil­me), filmt er die­sen Blick in all sei­ner Iso­la­ti­on und Bewe­gung durch­ge­hend. (zwi­schen den obli­ga­to­ri­schen Schlu­cken aus der Fla­sche, ver­steht sich…) Fast sur­re­al und vol­ler poe­ti­scher Abs­trak­ti­on ist die­ser Film, der trotz John Way­ne prak­tisch ohne indi­vi­du­el­len Prot­ago­nis­ten aus­kommt. (Es ist dies im ame­ri­ka­ni­schen Kino eine der abso­lu­ten Aus­nah­men, ich zitie­re den wüten­den Amos Vogel aus dem Jahr 1947: „Almost never is the­re a coll­ec­ti­ve hero; the­re is always the indi­vi­du­al one“ ) Die Besat­zung der Glen­cairn, ein mal fah­ren­des, mal ste­hen­des Han­dels­schiff zu Beginn des gro­ßen Krie­ges, mit des­sen Beginn (auch für Ford) so vie­les begann, was zu begin­nen wohl kaum schon auf­ge­hört hat, ist der Stoff und Aus­gangs­punkt der Sehn­süch­te. Ford por­trai­tiert von sei­nem ers­ten Bild an die Sehn­sucht in der Form drei­er Unbe­weg­lich­kei­ten, die ein­zig von einem Fun­keln in den Augen erreicht wer­den kön­nen. (Chris Fuji­wa­ra über den Film: Move­ment as a meta­phor for immo­bi­li­ty ) Die ers­te Unbe­weg­lich­keit sind die sin­gen­den Frau­en, Sire­nen, die ver­lo­ckend und am Ende selbst bedau­ernd gefähr­lich wer­den, die zwar am Ufer ste­hen, aber die Män­ner doch gefan­gen hal­ten in ihren engen Kajü­ten einer ver­ges­se­nen Welt, irgend­wo drau­ßen trei­bend im Gefäng­nis einer Exis­tenz, die sie (wie immer wie­der bei Ford) an ihre Idea­le, ihre Arbeit und den Alko­hol ket­ten. Zu Beginn wir­ken sie wie der Weg aus dem Gefäng­nis, wie das Para­dies. Am Ende offen­bart sich, dass die­ses Para­dies nur ein wei­te­res Gefäng­nis ist. Der Alko­hol ist auch die zwei­te Unbe­weg­lich­keit, er wird hier von Ford tat­säch­lich als eine Art Feh­ler instal­liert, zwar mit rau­er Sym­pa­thie betrach­tet, aber doch ist er jene Ver­su­chung in der die Män­ner ste­cken blei­ben, in der sie ver­schwin­den und auf­grund der sie ster­ben. Die drit­te Unbe­weg­lich­keit ist das Ufer selbst, das Land, das die Män­ner in ihren Träu­men heim­sucht, in des­sen nebe­li­gen Hafen­mau­ern sie sich ver­krie­chen, um fast scham­voll wie­der an Bord zu kom­men. Die Bil­der des Films erin­nern an jene, die Béla Tarr in sei­nem The Man from Lon­don gefun­den hat und manch­mal glaubt man, dass ein gewis­ser Jean Renoir hin­ter der Kame­ra stand. An allen drei Unbe­weg­lich­kei­ten hängt die größ­te aller beweg­li­chen Meta­phern für Unbe­weg­lich­keit: Die Erin­ne­rung, die Bil­der nach dem gro­ßen Krieg so sehr prä­gen soll­te und die hier schon zur vol­len Ent­fal­tung kommt, als wür­de Ford die psy­chi­schen Fol­gen eines Krie­ges schon erah­nen bevor die­ser über­haupt rich­tig begon­nen hat. Aber es ist nicht der Krieg, der die­se Erin­ne­rung zeich­net son­dern das Leben und die Ein­sam­keit selbst. Das Stre­ben nach einer Frei­heit bewirkt eine Hei­mat­lo­sig­keit, die in Form von krie­chen­den Schat­ten auf den fah­len Gesich­tern der harm­lo­sen See­len jeden Anker aus dem Leben der Män­ner ent­fernt und nur auf einen Unter­gang im Sturm (sei es jener von Tor­pe­dos, jener des Lebens oder jener der See) hin­aus­lau­fen kann. Hin­ter die­ser Odys­see ver­ber­gen sich glei­cher­ma­ßen eine Roman­tik der Ein­sam­keit und ein Plä­doy­er für die Fami­lie, die es nur in schmer­zen­den Brie­fen und Erzäh­lun­gen als eine wei­te­re uner­reich­ba­re Sehn­sucht im Off gibt. You are the fugi­ti­ve. But you don’t know what you’re run­ning from. Fords eige­ne Lie­be zur See und die offen­sicht­li­chen Par­al­le­len zwi­schen einer Film­crew irgend­wo in der Wüs­te (dort wo sie Herr Ford ger­ne hat) und einer Schiffs­crew auf dem Oze­an sind offen­sicht­lich und genau­so offen­sicht­lich ent­steht dar­aus eine per­sön­li­che Melan­cho­lie. The Long Voya­ge Home ist ein Film über ein Gefühl und das letz­te Wort des Titels ist eine beru­hi­gen­de Lüge. Ein Trost, der wie die im Obst­korb ver­steck­ten Whis­key­fla­schen schnell leer­ge­trun­ken ist.

The Long Voyage Home