Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Sehen Verlernen

In einem wie­der­keh­ren­den Traum sitzt ein jun­ger Mann im Kino und schläft ein. Auf der Lein­wand rat­tert nur die Ton­spur, für alle sicht­bar, aber nie­mand hat die Augen geöffnet.

Zur Zeit emp­fin­de ich eine gro­ße Ohn­macht im Schrei­ben über Fil­me. Das liegt nicht dar­an, dass ich weni­ger sehe oder weni­ger schrei­be. Das liegt dar­an, dass die mir so wich­ti­ge impuls­haf­te Reak­ti­on auf das, was man sieht, abhan­den kommt, sie ver­schwimmt im Dunst einer Unsi­cher­heit, die da lau­tet, so man sie denn fas­sen will: Wie kann das Kino zu einem Leben beitragen?

Das ist nicht im finan­zi­el­len Sinn gemeint und schon gar nicht im Sinn einer prak­ti­schen Zeit­ein­tei­lung oder obso­le­ten Fra­ge nach dem Sinn des Kinos. Nein, es ist etwas, was ich im Titel von Stan Brak­ha­ges The Machi­ne of Eden gespie­gelt sehe oder auch in Pedro Cos­tas Cava­lo Din­hei­ro. Das Neben­ein­an­der von Maschi­nen und dem Para­dies, von Pfer­den und Geld. Die Beto­nung des Gel­des und der Maschi­nen, die irgend­wie dazu benutzt wer­den, um in Eden mit Pfer­den zu rei­ten. Erstaun­li­cher­wei­se zei­gen mir bei­de Fil­me recht deut­lich, dass es einen Weg geben kann, der das mit den Maschi­nen und das mit dem Geld redu­ziert. Die meis­ten mir bekann­ten, noch leben­den Film­ak­ti­vis­ten und Film­lieb­ha­ber sind auf Skla­ven­schif­fen gefan­gen zwi­schen Geld und Maschi­nen. Sie sind müde, sie sind des­il­lu­sio­niert. Cos­ta hat ein­mal gesagt, dass er in sei­nen Fil­men Lie­bes­brie­fe schrei­ben wol­le, für jene, die zu müde sind. Was ist aber, wenn die, die die­se Brie­fe schrei­ben wol­len, selbst zu müde sind? In einem sei­ner letz­ten Tex­te hat Ser­ge Daney geschrie­ben, dass „wir“ (sein auf­rich­ti­ges „wir“, das immer mehr zu einem Schat­ten wur­de) die Stra­ße der Des­il­lu­si­on ver­las­sen müss­ten. Gemeint war nicht nur das Kino, das spä­tes­tens ab Mit­te der 1970er Jah­re mit einem Film wie Ici et Ail­leurs von Jean-Luc Godard, Anne-Marie Mié­ville und Jean-Pierre Gorin sei­ne eige­ne Ohn­macht bekun­de­te, son­dern auch der poli­ti­sche Glau­be an eine ande­re, bes­se­re Welt.

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Man liest von die­sen Din­gen und blickt auf unse­re jet­zi­ge Zeit. Über­all gibt es poli­ti­sche Erd­be­ben. Die Ant­wor­ten aus der film­theo­re­ti­schen und fil­me­ma­chen­den Ecke sind extrem hilf­los, sie pro­pa­gie­ren eine poli­ti­sche Kor­rekt­heit, die nach wie vor ver­gisst, was Den­ker wie Ador­no oder Ran­ciè­re lan­ge fest­ge­stellt haben: Die poli­ti­sche Wirk­kraft eines Films hat nichts mit der Reprä­sen­ta­ti­on zu tun, son­dern mit dem Affekt, mit der Art und Wei­se wie bekann­te Dar­stel­lungs­mo­di durch­kreuzt wer­den. Das effek­tivs­te Bei­spiel für die­ses Den­ken fin­det sich wie­der im Kino von Cos­ta: Das Zei­gen der Immi­gran­ten in Fon­tain­has als Hel­den, in einer Bild­spra­che, die sich unter­ord­net, mit ein­ord­net, die nicht auf sie blickt, son­dern mit ihnen, die mit Daney einen „ande­ren Blick“ ins Kino bringt. Die­ser ande­re Blick ist etwas wert. Ein Blick, der noch etwas vom Kino will statt ein Blick, der sich durch das Kino recht­fer­tigt. Ein ande­rer Film, der auf Diver­si­tät setzt oder span­nen­de Frau­en­fi­gu­ren zeich­net, ist nett gemeint, aber letzt­lich ver­puf­fen­de Luft. Er ist in sich selbst gerecht­fer­tigt, aber er ist letzt­lich bedeu­tungs­los. Nicht, dass eine star­ke Frau im Kino gezeigt wird, son­dern wie sie gezeigt wird, ist wich­tig. Das Pro­blem ist, dass die noch am Kino inter­es­sier­te Gesell­schaft dar­auf genormt wor­den ist, genau auf die­se reprä­sen­ta­ti­ven Din­ge beson­ders zu ach­ten. Wie Detek­to­ren wer­den Fil­me auf ihre poli­ti­sche Kor­rekt­heit unter­sucht und dabei kann der so ent­schei­den­de poli­ti­sche Affekt, die Illu­si­on im Zwei­fel, der ande­re Blick gar nicht mehr exis­tie­ren. Es sind alles Fil­me, die unter einem genorm­ten Blick arbei­ten. Wie Peter Kubel­ka unlängst äußer­te: „Poli­ti­sche Kor­rekt­heit ist ein Schimpf­wort.“. Und so haben wir heu­te weni­ger das Pro­blem von Godard, der sein Bedau­ern dar­über bekun­de­te, dass es so wenig Bil­der von Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern gege­ben habe, son­dern eher, dass es zu vie­le gibt, die es zu gut mei­nen. Das ändert nichts dar­an, dass nur die aller­we­nigs­ten von Ihnen wirk­lich etwas zei­gen. Die meis­ten unter­lie­gen diver­sen Codes, sie selbst zei­gen nichts, sie sind vor­be­las­tet, man kennt sie irgend­wo­her, sie exis­tie­ren letzt­lich nur in ihrer eige­nen Bedeu­tung, nicht als Bild. Nie­mand lässt sich mehr die nöti­ge Zeit für ein Bild, nie­mand glaubt, die­se Zeit zu haben. Wir ertrin­ken in die­sen Bil­dern. Ihre gleich­zei­ti­ge Exis­tenz ver­wischt die Bedeu­tung des ein­zel­nen Bil­des und sei­ner Kri­tik. Vie­le Fil­me­ma­cher, die sich dem bewusst sind, trau­en sich kaum mehr an Illu­sio­nen, an Aus­sa­gen, an Fra­gen her­an. Sie bas­teln undurch­dring­ba­re Frag­men­te wie ein Schutz­schild gegen die Kri­tik und den Bil­der­rausch des täg­li­chen Lebens.

Ich gebe zu, dass ich selbst immer wie­der über­le­ge, wie ich einen Film ohne Bil­der machen könn­te. Fast alles, was man fil­men könn­te, was man den­ken könn­te, über was man schrei­ben könn­te, ist bereits besetzt. Das mag man­chen wie ein etwas fehl­ge­lei­te­ter Fata­lis­mus erschei­nen, letzt­lich geht es aber genau dar­um. Die­ser Fata­lis­mus muss zuge­las­sen wer­den im Kino sonst sta­gniert es in alten Mus­tern, die immer wie­der zu nichts füh­ren. Dabei ist die Kri­tik in den meis­ten trau­ri­gen Fäl­len igno­rant gegen­über auf­rich­ti­gen mora­lisch-poli­ti­schen Bestre­bun­gen. Sie ist damit beschäf­tigt, etwas Neu­es zu suchen, über­rascht wer­den zu wol­len, aus der eige­nen Des­il­lu­si­on mit einem Irgend­was befreit zu wer­den, eigent­lich ist sie vor allem damit beschäf­tigt Geld zu ver­die­nen und zu über­le­ben. Nicht anders ist eine über­wie­gend posi­ti­ve kri­ti­sche Reak­ti­on auf die völ­lig gefühls­lo­se Lang­ne­se-Wer­bung La La Land zu ver­ste­hen. Aber eigent­lich ver­steht man gar nichts. Wie ist die­se Lücke zwi­schen den Film­la­gern ent­stan­den? Wie­so gibt es kei­nen gemein­sa­men Dia­log? Die Kri­tik ent­fernt sich vom Publi­kum, das Publi­kum vom Fil­me­ma­cher, der Fil­me­ma­cher von der Kri­tik, der Wis­sen­schaft­ler will alle umar­men, aber lebt auf ande­ren Inseln, die Akti­vis­ten ren­nen gegen die Mau­ern der Kom­mer­zi­el­len, die Kom­mer­zi­el­len machen schon lan­ge kein Kino mehr.

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Denn das kommt hin­zu und ver­schärft die­se Ohn­macht: Das Kino hat kei­ne gesell­schaft­li­cher Bedeu­tung mehr jen­seits einer Frei­zeit­be­schäf­ti­gung. Die poli­ti­schen Dis­kus­sio­nen rund um einen Film wie I, Dani­el Bla­ke bil­den da eine Aus­nah­me und sicher­lich hängt eine sol­che Aus­sa­ge auch vom jewei­li­gen Stand­punkt ab. Viel­leicht muss man es anders for­mu­lie­ren: Als Trä­ger bereits statt­fin­den­der Kon­flik­te und The­men kann das Kino ein Inter­es­se jen­seits des Kinos wecken, als Trä­ger einer Lebens­wei­se, einer bes­se­ren, ande­ren Welt ist es ver­pufft. Und genau dar­aus resul­tiert mei­ne Ohn­macht, bis­wei­len mein Schwei­gen. Dar­aus resul­tiert auch eine Rück­wen­dung auf ein Kino bevor dem Heu­te. Der ben­ja­min­sche Engel der Geschich­te bewegt sich kaum mehr nach vor­ne und schon gar nicht in eine Rich­tung. Es sind auf­ge­split­ter­te Erwar­tun­gen, die durch unter­schied­li­che Geschich­ten gar kein Bild der Zukunft ken­nen. Natür­lich ist dies nicht allein ein Pro­blem des Kinos, dar­auf kom­me ich nur immer wie­der zurück, weil es nach wie vor das Kino wäre, das uns Din­ge erklä­ren könn­te. Zumal in einer von Bil­dern domi­nier­ten Welt.

Was wir also tun: Wir lesen, sam­meln Zita­te, den­ken nach, ver­har­ren. Man­che zei­gen etwas, lesen vor, ande­re hören zu, gehen auf die Stra­ße und schrei­en. Einer igno­riert sei­ne Zwei­fel und sieht die Ret­tung aller in blin­der Eupho­rie. Ande­re haben Angst, wen­den sich ab, ver­schwin­den. Leu­te tau­chen auf, stel­len sich dar, igno­rie­ren. Sie ver­die­nen Geld und ster­ben ab, sie recht­fer­ti­gen sich und fin­den klei­ne Beru­hi­gun­gen für ihr Gewis­sen. Man kann nichts tun, man kann nichts tun. Jeder weiß wie es läuft, kei­ner hat eine Ahnung. Vie­le eini­gen sich schnell dar­auf, dass die Din­ge, so wie sie ste­hen, nicht in Ord­nung sind. Weni­ge zie­hen dar­aus Kon­se­quen­zen, die meis­ten ver­schie­ben die­se auf eine ande­re Zeit. Das Kino war ein­mal die­se ande­re Zeit. Die meis­ten sit­zen schla­fend im Kino und sehen einer Ton­spur zu, wäh­rend sie die Augen geschlos­sen haben.