Es ist faszinierend, wie die Rikishi sich am Anfang jedes Kampftages in der Mitte des heiligen Rings treffen, einmal im Kreis gehen, den Shintō-Göttern Tribut zollen und den Ring damit zu aktivieren scheinen. Dabei tragen sie eine Art dekorativen Lendenschurz um die Hüften (Kesho-mawashi), auf dem sich bunte Designs wiederfinden, die vom Herkunftsort des Ringers erzählen, das Siegel seiner Alma Mater zeigen oder Logos von Sponsoren ausstellen. Um den Ring spirituell zu reinigen, klatschen die Rikishi dann einmal in die Hände, heben ihren Kesho-mawashi und schließlich ihre Arme in die Höhe.
Sumō mag für nicht wenige ein seltsamer Sport sein. Das entfernt vergleichbare, europäische griechisch-römische Ringen kennt man gerade noch, und in den deutschsprachigen Ländern ohnehin meistens nur aus dem Fernsehen. In der Deutsch-Schweiz hat zumindest die Folklore der sommerlichen Schwingfeste im Freien Tradition. Hingegen in Japan hat Sumō einen nationalen Stellenwert und ist landesweit populär. Als Spektakel des Kaisers Hirohito diente er nach der Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg als mythische Brücke zur Staatsreligion Shintoismus und zur nationalen Einheit der noch jungen Demokratie. Seine Rituale wirken mitunter verstaubt: Bis heute darf aus Reinheitsgründen keine Frau den Ring betreten. Warum fasziniert mich der Sumō dennoch?
Vergangenen März erlebte ich mit naiver Neugier meine erste Sumōerfahrung in Ōsaka. Es gab einiges an Wissen aufzuholen: In jedem ungeraden Monat im Jahr gibt es ein großes Sumōturnier (Bashō) um den Gewinn des Emperor’s Cup. Jedes Turnier findet über fünfzehn Tage statt, an denen einmal täglich gekämpft wird. Der Tag ist in zwei Teile geteilt, entlang der Profi-Divisionen. Die Jūryō ist die zweithöchste Division von insgesamt sechs, die schon um 8 Uhr früh zu kämpfen beginnt. Ihr folgt gegen 14 Uhr die Makuuchi-Division. In beiden Divisionen bekommen die Kämpfer ein festes Gehalt. Ebenso kann man sich mit Siegen im Ranking (Banzuke) hocharbeiten. In der Makuuchi-Division von Maegashira 18 bis 1, und dann bis zu den San’yaku-Rängen: Komusubi, Sekiwake und Ōzeki. Bei einer positiven Bilanz (kachi-koshi) am Ende des Turniers steigt man auf, bei einer negativen (make-koshi) ab. Der höchste Rang ist der des Yokozuna, für den mehrere Turniergewinne erforderlich sind. Es ist der einzige Rang, aus dem man ein aktives Sportlerleben lang nicht mehr absteigen kann.
Ich erlebte Sumōringer als keineswegs schwerfällige, dicke Männer, wie ich sie mir vielleicht selbst vorgestellt hatte. Wenn man das sagt, schaut man nicht richtig hin. Ich sah wohlgeformte Pobacken und Oberschenkel wie aus Stahl, flinke Bewegungen und blitzschnell getroffene Entscheidungen. Allein die Architektur des Rings ist besonders. Er steht leicht erhöht unter einem Vordach in der Mitte der Arena, hat nur einen Durchmesser von viereinhalb Metern und die rechteckige Außenkante, die den Dohyō einfasst, ist auch nicht weit entfernt. Kurzum – der Bewegungsradius der Ringer ist eingeschränkt.
Die Kämpfe laufen nach ähnlichem Muster ab: Nach dem Singen ihrer Namen durch den Yobidashi treten die Rikishi in den Ring. Sie reinigen ihn vor bösen Einflüssen, indem sie Salz in ihn streuen. Dann folgen die Motivationsposen: manche lassen ihre Muskeln spielen, manche starren ihren Gegner nieder, viele schlagen sich mit der Hand auf den Gurt (Mawashi), andere machen Atemübungen und konzentrieren sich so vor ihrem Kampf. Jeder Rikishi hat so sein eigenes Ritual. Dann stellen sie sich einander in der Hocke gegenüber und wenn alle vier Fäuste der beiden Rikishi den Boden berühren, beginnt der Kampf. Erst dann dürfen sie ihre Linien verlassen und sich auf ihren Gegner mit Wucht zum Tachi-ai (dem Aufeinanderprallen) zubewegen. Sind die Rikishi dann im Clinch, wenden sie unterschiedliche Griffe und Taktiken an. Stoßen, werfen, schlagen, Beinstellen, alles bis auf den Zopf ziehen ist erlaubt, um den Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen. Die zwei gängigsten Stile sind den Mawashi fassen und einen Hebel finden, um den Gegner über die Ringgrenze zu heben oder auf den Boden zu werfen. Oder ihn mit flachen Schlägen und Stößen auf den Körper, die vom Geräusch her oft an das Klatschen von Rudern auf dem Wasser erinnern, herauszudrängen.
Sumō ist vielfältig und die Kampfstile sind überaus divers und entlang der einzelnen Kämpferkörper geformt. Man erkennt so individuelle Markenzeichen. Sobald ein anderer Körperteil außer den Füßen den Ringboden berührt oder ein Rikishi den Ring verlässt, gewinnt der Gegner. Beobachtet man das, wie ich von der Tribüne aus entfernt, wirkt es fast so, als würden sich Riesen auf einer winzigen Insel treffen, die von einem Meer voll von Haifischen umgeben ist. Denn, wenn man aus dem Ring gedrängt wird, fällt man meist einen Meter tief, entweder auf einen nachfolgenden Rikishi oder einen in den vier Himmelsrichtungen zentral das Ringgeschehen beobachtenden äußeren Ringrichter (Shimpan). Körper, die den Aufprall locker wegstecken. Oder man fällt in die auf den Matten nur einen halben Meter von diesen entfernt sitzenden Zuschauer*innen. Sumō ist kein Sport mit Sicherheitsnetz, für niemanden in den Mehrzweckhallen Japans.
Ist der Sieger eindeutig, zeigt der innere Ringrichter (Gyōji) mit seinem Kampfwedel (Gunbai) in dessen Himmelsrichtung (Westen oder Osten). Ist die Entscheidung nicht eindeutig, treten die Shimpan zu einer Richterkonferenz (Mono-II) zusammen und beraten mithilfe eines Video-Replay, wer gewonnen hat. Im Vergleich zu den Frustrationen, die das mikroskopisch-sezierende VAR im Fußball erzeugt, funktioniert das bei Sumō noch ziemlich schlüssig und fair. Wenn es knapp aussieht, gibt es einfach einen Wiederholungskampf.
Beim Natsu Bashō in Tokio Mitte Mai, das ich im Fernsehen verfolgte, blieb es spannend bis zum letzten Kampftag. Die Favoriten auf den Turniersieg standen sich mit je zwölf Siegen und zwei Niederlagen in einem Playoff gegenüber. Ōzeki Kirishima, der in Ōsaka gewonnen hatte, ein Allrounder mit Ausprägung in der mongolischen Ringerschule, der Wurfgriffe besonders virtuos beherrscht. Und Komusubi Wakatakakage aus Fukushima, der seinen Fokus auf Angriffe von einer tiefen, stabilen Hockeposition legt. Kirishima hatte Wakatakakage im regulären Turnier schon mit einer Kombination von Hebel und Wucht überrascht und besiegt. Es ging also um viel: eine Revanche, einen Turniersieg, für Kirishima ein großer Schritt Richtung Yokozuna, und für Wakatakakage nach einer langen Knieverletzung die Rehabilitation in der Élite und die Beförderung zum Ōzeki.
Beide Rikishi wischten sich vor dem Kampf lange ihre Gesichter in kleinen Handtüchern ab. Dann traten sie in die Mitte des Rings, rauten sich die Füße im Bodensand auf ‑ein guter Grip ist wichtig- und stellten sich hinter die weißen Markierungen. Sie mobilisierten ihre Hüften mit Wippbewegungen und gingen schließlich in die Hocke, den Gegner dabei immer fest im Blick. Während Wakatakakage seine Backen blies, schaute Kirishima ihn nur hoch konzentriert an. Dann plötzlich stießen sie ihre Fäuste in den Boden und prallten zum Tachi-ai aufeinenander. Wakatakakage suchte mit der rechten Hand den Mawashi von Kirishima, blockierte dessen linken Arm und schob ihn Richtung Körpermitte. Kirishima versuchte, sich von dem Griff zu lösen und zog nach hinten weg. Das machte ihn allerdings in seiner Verteidigung offen, er musste aufrecht stehen, während Wakatakakage den Kopf so tief wie möglich hielt und seinen Körper kompakt, um die Angriffsfläche kleinzuhalten. Er hielt Kirishima in diesem unangenehmen Griff und ließ ihn nicht locker, während er ihn nach und nach Richtung Ringkante drückte. Schließlich verlor Kirishima das Gleichgewicht und Wakatakakage schubste ihn mit einem leichten Stoß gegen die Brust aus dem Ring. Der gesamte Kampf dauerte nur vier Sekunden.
Es ist auffällig, dass Siege und Niederlagen von den Rikishi meistens mit stoischem Gesichtsausdruck und respektvoll aufgenommen werden. Es gibt kein Abfeiern oder höhnische Gesten gegenüber dem Gegner. Manchmal blitzt aber die eine oder andere Mimik durch: eine lausbübische Zunge hier oder ein Lächeln da. Auch die Interviews danach wirken fast schüchtern und selbst der Turniergewinner, der traditionell wie ein Papst im offenen weißen Cabrio an seinen Fans vorbeigefahren wird, mag so gar nichts Erzmännliches von sich zu zeigen. Wakatakakage winkte etwas später nach dem Sieg in Tokio, in einem azurblauen Kimono gekleidet, freundlich lächelnd und bescheiden seinen Fans zu. Ein wundersamer Sport.

