Welche Verantwortung tragen Filmschaffende gegenüber ihren filmischen Sujets?

Eini­ge Über­le­gun­gen zur Moral bei der Her­an­ge­hens­wei­se doku­men­ta­ri­scher Film­ar­bei­ten und die dadurch ent­ste­hen­den Machtverhältnisse

Duis­bur­ger Film­wo­che, 11.11.2022: Das Scree­ning zum Film Zusam­men­le­ben von Tho­mas Für­hap­ter beginnt und schon nach den ers­ten Minu­ten bemer­ke ich: irgend­et­was stimmt nicht. Der Film nimmt uns mit in die the­ma­ti­schen Inte­gra­ti­ons­kur­se der Stadt Wien, in denen öster­reich-typi­sche Ver­hal­tens­wei­sen behan­delt, Ver­glei­che zwi­schen dem Eige­nen und dem Frem­den gezo­gen und The­men wie Ehe, Sexua­li­tät und Tod gestreift wer­den. Die Kur­se sol­len dabei einen Raum für Aus­tausch bie­ten. In den Gesich­tern der Teil­neh­men­den, die in lang­an­hal­ten­den Kame­ra­ein­stel­lun­gen ein­ge­fan­gen wer­den, erken­nen wir: Kon­zen­tra­ti­on, Ver­wir­rung, Lan­ge­wei­le. Oder viel­leicht auch etwas ganz ande­res. Was der Film näm­lich nicht deut­lich macht: den Kon­text, in wel­chem die Bil­der, die wir sehen, zuein­an­der­ste­hen. Die Doku­men­ta­ti­on selbst ist in ihrer fil­mi­schen Form eine stren­ge Kon­struk­ti­on, der es bereits inner­halb des Films gut­ge­tan hät­te, hin­ter­fragt zu wer­den. Dar­auf war­tet man aller­dings vergebens.

Über die ver­schie­de­nen Her­an­ge­hens­wei­sen im Doku­men­tar­film wur­de bereits häu­fig dis­ku­tiert. Und doch schaf­fen es bestimm­te Fil­me, die­se Debat­te immer wie­der auf ein Neu­es her­aus­zu­for­dern. Zusam­men­le­ben ist einer davon. Ich möch­te an die­ser Stel­le nicht die Fra­ge danach stel­len, ob sich Film­schaf­fen­de auf ein behut­sam zurück­hal­ten­des, ein­füh­len­des Beob­ach­ten beschrän­ken soll­ten oder ein­grei­fen dür­fen bezie­hungs­wei­se sogar müs­sen. Erst recht möch­te ich die ver­schie­de­nen Metho­den nicht gegen­ein­an­der aus­spie­len, eine als unzu­rei­chend abtun und der ande­ren einen höhe­ren Stel­len­wert zutei­len. Viel­mehr möch­te ich mich den dahin­ter­lie­gen­den mora­li­schen Fra­gen widmen:

  • Inwie­weit kann Wirk­lich­keit ein­ge­fan­gen und wie­der­ge­ge­ben werden?
  • Wird die soge­nann­te Rea­li­tät nicht viel­mehr durch den sub­jek­ti­ven Abbil­dungs­pro­zess der Film­schaf­fen­den miterzeugt?
  • Inwie­weit ent­steht ein Macht­ge­fäl­le, begrün­det im Hand­lungs­spiel­raum der Film­schaf­fen­den und der Hand­lungs­ohn­macht der gezeig­ten Personen?

Bevor ich auf den ein­gangs genann­ten Film zurück­kom­me, möch­te ich aus­ge­hend von die­sen Fra­gen etwas aus mei­ner Sicht Grund­le­gen­des fest­hal­ten: Ein Film stellt immer eine sub­jek­ti­ve Sicht­wei­se auf etwas dar und ver­mag daher kein objek­ti­ves Gesamt­bild grei­fen, erst recht kei­ne Wirk­lich­keit wie­der­ge­ben. Die Aus­wahl des Film­ma­te­ri­als, der Kame­ra­ein­stel­lun­gen, der gefilm­ten Moti­ve und Per­so­nen, des Schnitts etc. beru­hen auf einer Viel­zahl von Ent­schei­dun­gen, die in Abhän­gig­keit von der sozia­len Her­kunft, den all­täg­li­chen Erfah­run­gen sowie emo­tio­na­len Ent­schei­dun­gen der Film­schaf­fen­den zu betrach­ten sind. Folg­lich ist alles, was von einem ver­meint­lich neu­tra­len, abbil­den­den Blick der Kame­ra ein­ge­fan­gen wird, letzt­lich auf einer sub­jek­ti­ven Ebe­ne von den Film­schaf­fen­den mit­kon­stru­iert. Nicht zu ver­ges­sen, dass die blo­ße Anwe­sen­heit einer Kame­ra bereits eine ver­än­der­te Situa­ti­on schafft, wodurch das Gefilm­te zumeist schon maß­geb­lich mit­be­stimmt wird.

Zusam­men­le­ben sei ein Film, in wel­chem man den Men­schen beim Den­ken zuse­hen kön­ne, so die ein­lei­ten­den Wor­te des Mode­ra­tors Sven Ilg­ner in der Podi­ums­dis­kus­si­on. Der Film nimmt sich einer Rei­he von Por­trät­auf­nah­men an und ver­sucht, in beob­ach­ten­den Ein­stel­lun­gen und lang­at­mi­gen Kame­ra­fahr­ten durch die Flu­re der Insti­tu­ti­on, die Viel­falt und Indi­vi­dua­li­tät der Kurs­teil­neh­men­den ein­zu­fan­gen und ein Bild über die Insti­tu­ti­on zu kre­ieren. Doch was ich sehe, ist kein viel­sei­ti­ger Kame­ra­blick auf die indi­vi­du­el­len Teil­neh­men­den. Es ist viel­mehr eine fil­mi­sche Form, der man zusieht, eine Kon­struk­ti­on, die weder etwas über die zu sehen­den Men­schen noch über die Struk­tur selbst erzählt. Jeder Blick scheint eine im Schnitt ent­stan­de­ne Kon­struk­ti­on zu sein. Der Film lässt auch sonst kei­ne Mög­lich­kei­ten eines ande­ren Bli­ckes zu und ver­harrt stets in der ein­sei­ti­gen Blick­rich­tung. Auch die Kurs­teil­neh­men­den selbst kom­men nicht zu Wort, wodurch sich die struk­tu­rel­le, for­ma­le Kame­ra­füh­rung nicht nur gegen den Ver­such eines umfas­sen­den Ein­blicks in die Insti­tu­ti­on, son­dern auch gegen die Teil­neh­men­den selbst wendet. 

Wohin also mit den Bil­dern, die uns hier gezeigt werden?

Ich fra­ge mich, inwie­weit im Vor­feld eine Aus­ein­an­der­set­zung mit der The­ma­tik und den Kur­sen statt­ge­fun­den hat. Das For­mat der Inte­gra­ti­ons­kur­se bedingt bereits die Repro­duk­ti­on ste­reo­ty­per Dar­stel­lun­gen, in dem die migrier­ten Per­so­nen sich wie Schüler:innen beleh­ren las­sen, nichts ent­geg­nen und selbst kaum zu Wort kom­men. Die gewähl­te fil­mi­sche Form setzt dem nichts ent­ge­gen – die ohne­hin mit Kli­schees besetz­ten Bil­der wer­den weder kom­men­tiert noch ein­ge­ord­net. Beson­ders in dem Aspekt des Blicks auf das Frem­de, auf die ande­ren, besteht das Ste­reo­ty­pe in die­sem Film. Das deut­sche oder öster­rei­chi­sche Publi­kum schaut zusam­men mit Für­hap­ter auf die „Migran­ten“, schmun­zelt ver­mut­lich an der ein oder ande­ren Stel­le über die kul­tu­rel­len Unter­schie­de und Inte­gra­ti­ons­schwie­rig­kei­ten, wäh­rend sich die por­trä­tier­ten Men­schen nicht äußern kön­nen, wir sie nicht ken­nen­ler­nen. Der Film schlägt damit kei­ne Brü­cke zu den gezeig­ten Men­schen, son­dern lässt eine Wand zwi­schen „uns“, der Kame­ra und „den ande­ren“ ste­hen. Die distan­zier­te Kame­ra schafft es nicht, die Ober­flä­che zu durch­bre­chen und bie­tet damit ledig­lich einen Nähr­bo­den für Missverständnisse.

Wor­um es mir an die­ser Stel­le geht, ist die Ver­ant­wor­tung, wel­che Film­schaf­fen­de gegen­über den Men­schen, die sie zei­gen, tra­gen. Bei die­sem Film fehlt es an jeg­li­cher Ver­ant­wor­tung sei­tens des Fil­me­ma­chers. So stellt sich auch die Fra­ge, an wen der Film gerich­tet ist. Es ist ein rein for­ma­ler Blick auf die Kur­se, ohne die­se in einen Kon­text zu set­zen. Das spie­gelt sich auch in der Tat­sa­che, dass der Film weder Aus­sa­gen über den Grund für die Kur­se oder die Hin­ter­grün­de der Teil­neh­men­den trifft noch sich zu der Situ­iert­heit der Film­schaf­fen­den posi­tio­niert oder die Form selbst reflek­tiert. So scheint es auch nicht all­zu ver­wun­der­lich zu sein, dass dem gesam­ten Dreh ein grund­sätz­li­ches Macht­ge­fäl­le unter­lag. Denn der Regis­seur habe nach eige­ner Aus­sa­ge die Kur­se auf­grund der unter­schied­li­chen Spra­chen selbst nicht ver­stan­den. Für­hap­ter habe sich, wie er selbst sagt, für den Dis­kurs­raum zwi­schen Insti­tu­ti­on und Kurs­teil­neh­men­den inter­es­siert. Die­ser Dis­kurs­raum kommt in dem Film aller­dings nicht zustan­de. Die fil­mi­sche Form kon­stru­iert ihren eige­nen Dis­kurs und bleibt dabei nur bei sich, ohne das dahin­ter­ste­hen­de Gerüst zu beleuch­ten. Die Annä­he­rung an por­trä­tier­te Sujets in Form des Direct Cine­ma kann funk­tio­nie­ren. Es bedeu­tet aber nun mal nicht nur mit der Kame­ra auf etwas drauf­zu­hal­ten. Die Fra­ge soll­te also nicht sein, ob die Film­tech­nik es ermög­li­chen kann, die Ober­flä­che einer The­ma­tik zu durch­sto­ßen und tie­fer­lie­gen­de Zusam­men­hän­ge sicht­bar und erfahr­bar für die Zuschau­en­den zu machen, son­dern wie sie das umsetzt. Tat­sa­che ist doch, dass sich in dem End­pro­dukt immer die Vor­ge­hens­wei­se, wie sich Film­schaf­fen­de den Men­schen annä­hern, wider­spie­gelt. Damit mei­ne ich die Recher­che zu dem fil­mi­schen The­ma, aber auch Gesprä­che und die Aus­ein­an­der­set­zung mit den Men­schen, die gezeigt wer­den. Dabei soll­te auch die eige­ne Sub­jek­ti­vi­tät in den Kon­text der Arbeit gestellt sowie die Ent­ste­hung des Films in sei­ner Pro­zess­haf­tig­keit begrif­fen und inner­halb der film­äs­the­ti­schen Form the­ma­ti­siert werden.

Von Lau­ra Baumgardt