Underdox Tag 1: Meta-Surrealismus

Bei der Eröff­nung des 11. Under­dox Film­fes­ti­vals in Mün­chen, das ich zum ers­ten Mal besu­che, muss­te ich, wie häu­fi­ger in den letz­ten Wochen, an Ser­ge Daneys Fest­stel­lung den­ken: Das Thea­ter ist eine Gesell­schaft, das Kino ist die Welt. Ich muss­te dar­an den­ken, weil ich mich wie in einer Gesell­schaft fühl­te. Viel­leicht liegt es dar­an, dass ich als so etwas wie ein Frem­der an die­sen Ort kam. Ich kann­te dort nie­man­den, aber hat­te das Gefühl, dass sich alle ande­ren kann­ten. Herz­li­che Umar­mun­gen, lachen­de, ken­nen­de Gesich­ter. man wuss­te, wo man war, kei­ne Neu­gier, nur Ver­ständ­nis. Das ist schon erschre­ckend, schließ­lich ken­ne ich das Film­mu­se­um in Mün­chen. Aber dort wird eine ande­re Spra­che gespro­chen. Das ist nor­mal, wer­den man­che sagen, aber ich habe Kinos gese­hen, in denen man sofort zu Hau­se ist. Wie so oft war Mün­chen für mich sofort eine Gesell­schaft, nicht die Welt. Viel­leicht lag es auch dar­an, dass es eine Eröff­nung war. Mit dem übli­chen Ges­tus kul­tu­rel­ler Fei­er­lich­keit: Das Under­dox, so so, ja und wie geht es der Mut­ter? Obwohl ich sel­ten eine der­art locke­re, sym­pa­thi­sche Ein­füh­rung gese­hen habe wie jene von Dun­ja Bia­l­as und Bernd Breh­mer, die das Fes­ti­val lei­ten und kura­tie­ren, wur­de die­ser Ges­tus nie ganz abge­schüt­telt, der Kul­tur­rat-Ges­tus, der die Fes­ti­val­welt beherrscht. Dann ist das Kino eine Gesell­schaft, irgend­ein eli­tä­rer Hau­fen, der sich am Abend ver­sam­melt. Viel­leicht aber ist es auch ein Freun­des­kreis und mir bekommt der Über­gang eines indus­tri­el­len Fes­ti­vals wie in Ham­burg zu einem viel wert­vol­le­ren wie jenem in Mün­chen nicht.

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Gut, dass es dann immer noch das Kino gibt. Und da ist das Fes­ti­val nicht erst die­ses Jahr sehr, sehr gut auf­ge­stellt. Gezeigt wur­de nach einem kana­di­schen Film über schwe­re Augen­lie­der und ein Ver­schwin­den der Bil­der in Bei­rut, die ein ana­log bear­bei­te­tes Spiel der Far­ben und Mate­ria­li­tät eta­blie­ren, Gra­nu­lar Film – Bei­rut von Charles-André Coder­re, im Rah­men des Que­bec-Schwer­punkts auf dem Fes­ti­val. Dazu wer­de ich wohl nach wei­te­ren Pro­gram­men mehr schrei­ben kön­nen. Der eigent­li­che Eröff­nungs­werk des Fes­ti­vals war Six­ty-Six von Lewis Klahr, der auch anwe­send war und sich sowohl fil­misch als auch rhe­to­risch als eine Art Meta-Sur­rea­list ent­pupp­te. Klahr arbei­tet mit Cut-Out Ani­ma­ti­ons­col­la­gen und es war mei­ne ers­te Begeg­nung mit die­ser fas­zi­nie­ren­den Tech­nik. Sein Film mischt grie­chi­sche Mytho­lo­gien mit ame­ri­ka­ni­schen Erin­ne­rungs­bil­dern der 1960er Jah­re. Klahr gab den Zuse­her vor Beginn der Vor­füh­rung eine Art Anlei­tung zum Sehen: Das sol­le man tun und das nicht. Sein Film wäre wie Musik, man dür­fe nicht den­ken. Bei allem Respekt vor den zum Teil wun­der­ba­ren Din­gen, die er sonst sag­te: Ich schaue einen Film so wie ich möchte. 

Die Erklä­run­gen waren bei Six­ty-Six auch gar nicht nötig, denn die Traum­land­schaft zwi­schen Erin­ne­rung und Ver­ges­sen ent­fal­tet sich durch die andau­ern­de Wie­der­kehr von Objek­ten, „Figu­ren“, Far­ben und For­men wie von selbst mit Leon­hard Cohen, Clau­de Debus­sy und Gus­tav Mahler als Unter­stüt­zung. Der Film besteht aus zwölf rhyth­misch atem­be­rau­bend mon­tier­ten Kurz­fil­men, die zusam­men eine Art Mosa­ik erge­ben, in dem sich die Sehn­sucht nach dem Ver­lust der Erin­ne­rung aus­drückt, eine Melan­cho­lie der Prä­senz, ein Ver­ges­sen, das dann wie­der auf den ers­ten Film des Abends zurück ver­wies. Zwi­schen den Fil­men gibt es ein län­ge­res schwar­zes Bild, dann beginnt ein neu­er Satz. Dabei kann man in Klahrs Film Geschich­ten erken­nen und eine gro­ße Lie­be zu bestimm­ten Hol­ly­wood-Fil­men (der Film ist auch in Los Ange­les ange­sie­delt, obwohl ich eher sagen wür­de, dass er in der Bild­stim­mung von Los Ange­les ange­sie­delt ist), man kann aber auch ein­fach trei­ben in den Far­ben, dem Licht, dem wech­seln­den Licht und eine Erin­ne­rung wan­dern sehen wie die auf- und unter­ge­hen­de Son­ne. Statt die Erin­ne­rung fil­misch fest­zu­hal­ten, bear­bei­tet Klahr ihr Ent­glei­ten. Aber war­um schrei­be ich von Erin­ne­run­gen? Viel­leicht weil Klahr dar­über gespro­chen hat, so wie Klahr über alles gespro­chen hat und damit sei­nen eige­nen Sur­rea­lis­mus, sei­ne eige­ne Magie erklär­te. Bei genaue­rer Betrach­tung geschieht das aber bereits im Film. Das bes­te Bei­spiel sind die vie­len run­den For­men, Krei­se und Knöp­fe im Film. Sie tau­chen immer wie­der auf wie eine Son­nen­fins­ter­nis. Klahr sag­te dazu, dass sie für ihn etwas abge­schlos­se­nes sei­en, gleich­zei­tig fröh­lich und trau­rig, eine Art Faden durch den Film. Nun erklärt ein sol­cher Satz zwar nicht voll­kom­men, was es mit die­ser Sen­sa­ti­on der Knöp­fe auf sich hat, jedoch gibt er vor les­bar zu sein. Im Film selbst kom­men die­se For­men mit sol­cher Bestän­dig­keit, Zügel­lo­sig­keit ins Bild, dass man sie (und hier ist die dop­pel­te Bedeu­tung bewusst gesetzt) nicht ver­ges­sen kann. So eröff­net Six­ty-Six auch kon­se­quent mit einem über­setz­ten Zitat von Eluard und Breton:“Let the dreams you have for­got­ten equal the value of what you do not know.” Die Krei­se erklä­ren also wie das Zitat, dass wir etwas Sur­rea­les sehen, etwas aus dem Reich des Unbewussten.

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Die­se Träu­me bestehen aus den rei­chen Tex­tu­ren aus der Welt von Comic-Pulps, die oft mit Krank­hei­ten, Infu­sio­nen und den Über­gangs­wel­ten der 60er Jah­re kon­fron­tiert wer­den vor dem Hin­ter­grund schwarz-wei­ßer Foto­gra­fien sty­lisher 60s-Archi­tek­tur. Ein sehn­süch­ti­ger Traum einer Erin­ne­rung an einen Noir-Film, der gleich­zei­tig von einer sinn­li­chen Mys­tik durch­zo­gen wird; man denkt durch­aus an Kiss Me Dead­ly von Robert Ald­rich dabei, selbst wenn Klahr sich nie auf die­se ver­nich­ten­de Tro­cken­heit ein­las­sen wür­de. Ein ein­ma­li­ges Sehen kann hier gar nicht genü­gen, da Six­ty-Six vol­ler span­nen­der visu­el­ler Ideen steckt, äußerst ver­siert mit On- und Offs­creen arbei­tet und enorm dicht erzählt. Am ein­drück­lichs­ten ein Moment, in dem Klahr das gera­de noch leben­di­ge direkt auf sei­ne Col­la­gen legt: Ein ech­te ster­ben­de Mücke, die über den Gesich­ter der Comic­fi­gu­ren ihre letz­ten Atem­zü­ge tut. Ein Bild, in dem das Gera­de noch Leben­de auf das wie­der Leben­de trifft so wie all­ge­mein vie­les im Film aus die­ser Span­nung und Ent­span­nung zwi­schen Bewe­gung und Still­stand lebt, es ist wirk­lich Stop und Moti­on, nicht nur als Tech­nik, son­dern als men­ta­le Zuckung.

Nun denn, das Kino als Welt, das Kino als Gesell­schaft. Ein jun­ger Mann saß auch im Kino, er war ganz auf­ge­regt. Er saß eine Rei­he vor mir und zap­pel­te wäh­rend des gesam­ten Q&As nach dem Film auf­ge­regt her­um. Er schien begeis­tert. Schließ­lich mel­de­te er sich mit dem Hauch einer Fra­ge, die eigent­lich nur Begeis­te­rung aus­drück­te. Klahr sprang dar­auf an und bat dar­auf­hin allen einen Dia­log an. Ent­we­der im Lauf des Abends, im Lauf des Fes­ti­vals oder – und da wur­de das Kino wie­der die Welt, nicht nur für den Mann in der Rei­he vor mir – in dem man ihm eine Mail schrei­ben sol­le und er dann ger­ne Links zu sei­nen Fil­men ver­schi­cken wür­de, in einen Dia­log tre­ten wol­le, weil er gemerkt habe, dass die­se Art des Under­dox-Kino, das expe­ri­men­tel­le Kino oft­mals weni­ge, aber die­se dafür um so stär­ker anspre­chen wür­de. Irgend­wie wären die­se Din­ge auch alle ohne Erklä­rung gut, aber viel­leicht ist das nur die Sehn­sucht nach einem Ver­schwin­den von Rah­men von jeman­den, der glaubt, dass das Kino in der Welt wohnt statt die Welt im Kino.