Underdox Tag 2: Feuerhelden

Im vom Wind bedrohten Feuerlicht von Wang Bings Ta‘ang sammeln sich die großen Helden des Kinos. Es sind Jimmy Stewarts und Gene Tierneys 2016, es sind Flüchtlinge aus Myanmar, die über die chinesische Grenze gekommen sind oder kommen. Bing folgt den Figuren in seinem bekannten Direct Cinema Modus und offenbart die vielschichtige Fähigkeit des Kinos zu Zeigen, zu Beobachten. Gleichzeitig erzählt er aber von wirklichen Helden, Helden, die es so im Kino nicht mehr gibt, denn ein Kinoheld muss heute gebrochen werden. Diese Helden sind schon gebrochen und wenn Bing sie durch das Feuer kadriert, im orangefarbenen Licht und dieses Licht im Stil von Pedro Costa schützend vor sie hält, bekommen sie für einige Momente das Kino geschenkt, das Kino als gelungene Flucht in die Realität. Und das Kino bekommt echte Helden geschenkt, solche die ganz sie selbst sind und sich jederzeit übersteigen.

Was ist ein Held auf dem Underdox? Es ist eine ernst gemeinte Frage auf einem Festival, dass sich experimentellen und dokumentarischen Formen des Kinos widmet. Sind die Helden, diejenigen, die solche Filme zeigen? Sind es die, die sie besuchen? Die, die diese Filme machen? Ist es der geteilte Moment, in dem diese Filme möglich sind, in dem das Licht (das Feuer) im Kino entzündet wird, kurz vor dem Erlöschen wie in einer bemerkenswerten Szene in Ta‘ang, in der eine stumme Person sich nur im Licht artikulieren kann, Licht, das von einer Kerze kommt, die immer beinahe erlischt im Wind, die irgendwie am Leben gehalten wird wie alles in diesem Stimmungsbild einer Welt, die wir verdrängen und in sich gegenseitig ausschlachtenden Klischees ordnen? Das Festival ist besser besucht, als ich erwartet habe. Auch wenn man nie von gefüllten Kinos sprechen kann. Egal was man denkt, diese Zeit, um diese Dinge wirklich zu betrachten, gibt es immer noch nur im Kino. Diese Zeit ist also wirklich ein Held. Vor allem, weil sie auch, wie diese Flüchtenden, wie die Helden des modernen Kinos, gebrochen wird. Die gebrochene Zeit, zum Beispiel in Daïchi Saïtos Trees of Syntax, Leaves of Axis Variations- und Wiederholungssystem, dem mathematisch den Raum penetrierenden Modus einer Martin-Arnold-Fantasie in Farben. Der Held hier ist die Wahrnehmung, die dieses System transzendiert. Ein Film, der den Spruch „Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht“ zu einem Montageprinzip erhebt. Der Single-Frame ist einer der wichtigsten Techniken dieses Films, er hat schon lange wieder Hochkonjunktur, er ist ein Held des Kinos. Vielleicht auch, weil er etwas mit der Zeit macht, der Zeit des Kinos, der Zeit im Kino.

axis

Trees of Syntax, Leaves of Axis

In Karl Lemieux‘ (ein spannender Filmemacher aus den zwei wunderbaren Programmen zum Experimentalkino in Québec, die leider nicht komplett analog projiziert wurden, was dem Publikum zumindest sehr transparent kommuniziert wurde, aber trotzdem wehtut) Quiet Zone sagt eine Stimme, dass sie die Menschen in den Bergen fühlen könne. Nicht nur die Menschen, sondern auch die Berge selbst, die Bäume. Dieser Held, der der von diesem Kino evoziert wird, ist die Wahrnehmung. Der größte Held des Kinos. Die Kanadier  auf dem Underdox arbeiten oft ziemlich direkt damit, sie benutzen Verformungen des Materials als Metaphern für Wahrnehmungen und ihre Verunklarungen. Das betrifft zum Beispiel Müdigkeit, Rauscherfahrungen oder das Verschwimmen der Erinnerung. Häufig arbeiten die Künstler dabei für meinen Geschmack etwas zu nah an der Logik von Musikvideos, sie machen auch Musikvideos. Dadurch werden zwar bestimmte Wahrnehmungswelten ausgedrückt, aber letztlich fehlt es an der kinematographischen Strenge und Arbeit mit dem Kino, die es eben zum Beispiel bei Daïchi Saïto gibt. In den besten Momenten ist es ein Kino des materiellen und sinnlichen Verfalls im Stil eines Bill Morrison, im schlechteren Fall sind es visuelle Untermalungen für gute Musik. Das gilt beispielsweise für Charles-André Coderre und dessen Arbeit mit Jerusalem in My Heart.

Die Wahrnehmung spielt auch eine besondere Rolle in den beiden kurzen, konzeptuell angehauchten und gewohnt hipsterfreundlichen Arbeiten von Denis Côté, die im zweiten Programm gezeigt wurden. In Tennesse ist es die nahe, fast dreckige Bildsprache und das extrem aufgesetzte Tondesign, das eine Geschichte der vergangenen Nacht erzählt, die es vielleicht gar nicht gab, als eine Hotelangestellte ein Zimmer reinigt. Auch wenn dieser Film nicht ganz in sich aufgeht, so erzählt er dich von einer Sehnsucht in der Diskrepanz zwischen der Erwartung an das, was Geschichten (und damit auch Helden) sind und das, was das Kino damit machen kann.  Dass diese Wahrnehmung des Kinos ist, zeigt zum Beispiel Alexandre Larose in seinem Le corps humain (introduction: la génération), in dem er Familienbilder in wackelnden Frames übereinander, ineinander oder doch nacheinander legt, sodass sie verschwimmen. Im Zentrum steht dabei immer seine Nichte, wobei ein Kommentar aus dem Off das Vorgehen erläutert. Es gäbe sicherlich noch mehr zu schreiben über die reiche Avantgarde-Szene in Québec. Gerade im Vergleich zur österreichischen Avantgarde fällt auf, dass den Filmemachern dieser Szene oft eine gewisse Strenge und tatsächlich avantgardistische Arbeit mit der Form fehlt. Allerdings ist das etwas, was man in der jüngeren Generation in Österreich auch bemerken kann. Statt dieser formalen Kraft gibt es oft eher ein Spiel mit Material und Stimmung, Musik und Wahrnehmung. Daher wirken manche der Arbeiten nicht notwendigerweise für das Kinodispositiv gemacht. Es ist ein Kino, das weniger die Wahrnehmung im Sinn eines Apparats thematisiert und hinterfragt, sondern sich direkt mit dieser identifiziert, in sie eindringt, weil sie der Held dieses Kinos ist: Verbrannte Filmkörper, deformierte Filmkörper, fliehende Filmkörper, rauschhafte Filmkörper nicht durch das Feuer, sondern im Projektor.

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